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Der Drachenzirkus

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Der Drachenzirkus

Am nächsten Morgen stand Kena vor seiner Tür, anstatt am Zaun auf ihn zu warten. Ian nutzte die Gelegenheit, sie hereinzubitten. Die Aufforderung, ihre Taschen zu leeren, brachte außer einer Packung Taschentücher und ihrem Schlüssel für das Haus nichts zum Vorschein. »Es geht mir um die Sicherheit meiner Bewohner. Kontrolle ist besser als Vertrauen, aber damit hast du jetzt einen Vorschuss bei mir.«

»Nur Drachen dürfen bewaffnet sein, aber wir nicht?«, fragte sie mit zusammengepressten Lippen. Er nahm die Härte in ihrer Stimme mit einigem Ärger zur Kenntnis.

»Drachen haben von Natur aus Zähne und Krallen, die sie nicht ablegen können. Für dich gibt es Gitter, um dich vor ihnen zu schützen. Aber keiner der Drachen, denen wir heute begegnen, ist eine Gefahr für dich. Somit solltet du auch keine Gefahr darstellen. Nun, da du von mir geprüft wurdest, steht es dir frei, mit ins Paddock zu kommen.«

»Was? Zu den beiden Wandlern?«, fragte sie erschrocken.

»Warst du es nicht, die gestern noch unbedingt mehr über Drachen erfahren wollte?« Er zwinkerte ihr zu. »Nur keine Scheu. Das ist eine gute Möglichkeit dir zu beweisen, dass Drachen nicht bösartig sind.« Er fragte sie ganz bewusst nicht nach Jared und den anderen aus, denn nach diesem deutlich zur Schau gestellten Misstrauen hätte sie ihm wohl ohnehin nichts gesagt. Stattdessen führte er sie zum Zaun und über die Metalltreppe hinunter zu den Paddocks. Ryou war schon bei Sajian und Laetitia und trug die Tunika, Sajian zog sie gerade an. »Guten Morgen, gut geschlafen?«, fragte Ian sie und winkte Kena hinein, die allerdings zögerte und mit großen Augen zu ihm aufsah. Schließlich, als alle auf ihre Reaktion warteten, trat sie doch ein, hielt sich aber ganz in der Nähe der Tür.

»So gut wie selten zuvor«, bekräftigte Sajian. »Die Luft hier draußen tut echt Wunder! Also, gehen wir’s an. Laetitia ist schon ganz erpicht auf die Mission, und ich kann sie schließlich nicht allein lassen. Sie braucht einen Drachen-Beschützer, der verhindert, dass sie Dummheiten macht.«

Ian lächelte über Laetitias augenrollenden Blick zu ihrem Klassenkameraden und sagte: »Für deinen Bericht machen sich derartige Einsätze wirklich ganz gut. Ich wollte dich ohnehin fragen, ob du Lust auf einen Ausflug ins Reservat heute Nachmittag hättest. Da sind die anderen Drachen am Ruhigsten, weil sie vollgefressen in der Hitze dösen. Ihr könnt auch mitkommen. Keine Sorge, in meinem Wagen seid ihr sicher, zumal wir ohnehin nicht nah an sie heranfahren. Es ist bisher noch nie irgendwas passiert.«

»Wirklich?«, fragte Laetitia aufgeregt. »Das wäre großartig!«

»Du sollst schließlich auch etwas zu sehen bekommen, wenn du schon hier bist und mir hilfst. Außerdem muss ich meine wöchentliche Patrouille absolvieren – als Vorsteher sollte man alle Bewohner regelmäßig checken. Es ist außerdem Zeit für die Zufütterung – die Drachen bekommen eine Extraration, die ihnen als Ausweich- und Zusatzfutter dient, wenn sie keinen oder wenig Erfolg beim Jagen haben. Das ist wichtig für ihr Wohlergehen. Aber nun erstmal zu euch beiden – zeigt uns mal, was ihr könnt. Wer will sich als erstes verwandeln?«

Ryou warf Kena einen argwöhnischen Blick zu, sagte aber nichts, und im nächsten Moment trat Sajian vor. »Ich will es versuchen. Ich erinnere mich zumindest daran, wie ich es beim letzten Mal gemacht habe. Wenn ich schwimme, fühle ich mich so… leicht, fast schon fliegend. Dann bekomme ich ein Gefühl von… keine Ahnung, ich glaube, es ist sowas wie Vorfreude, die sich anbahnt und immer stärker wird, bis sie einen Punkt erreicht, an dem es funktioniert. Vielleicht kann ich die Verwandlung ja auch ohne Wasser auslösen, wenn ich mich nur stark genug auf das Gefühl konzentriere.«

Laetitia pflichtete ihm bei: »So ähnlich steht es in Mr. Gilfordts Buch beschrieben. Er lehrt es die Drachen mit Atemtechniken. Sie sollen sich vorstellen, wie sie die jeweils andere Gestalt annehmen und diese dann mit dem Ein- und Ausatmen erscheinen oder verschwinden lassen. Dabei gibt es keinen goldenen Weg, jeder muss die für ihn passendste Methode finden – durch völlige Entspannung, Anspannung, Vorstellungskraft oder auch etwas ganz anderes. Besonders die Vorstellung von wachsenden Flügeln und dem Losfliegen soll gut funktionieren. Ihr müsst den Strom in euch finden und ihm folgen, um die Verwandlung erfolgreich abzuschließen.«

Sajian stellte sich vor das Wasserbecken und konzentrierte sich auf das Gefühl, das er kürzlich im Wasser gehabt hatte, stellte aber schnell fest, dass ihn das eher hemmte. Es war, als versuche er krampfhaft einzuschlafen. Daher entspannte er sich, stellte sich vor, wie er auf dem Wasser trieb. Erinnerte sich an das Gefühl, das das Schwimmen in ihm auslöste, die Berührung und Kühle des Wassers auf seiner Haut, dann auf den Schuppen. Das Dahingleiten, die mühelosen Bewegungen seines Körpers. Aber auch das führte nicht zum Erfolg, und ihn belastete, dass die anderen warteten. »Ich glaube, ich kann nicht, wenn ihr alle zuguckt«, begann er unbehaglich, wusste aber selbst nicht so ganz, was das Problem war. Warum kam der Drache nicht heraus?

»Fühl dich nicht unter Druck gesetzt, wenn es noch nicht funktioniert. Geh vielleicht doch mal ins Wasser. Möglicherweise ist das dein benötigter Triggerfaktor«, sagte Ian.

Sajian stieg in den Teich, spürte die angenehme Kühle und den Druck des Wassers an seinen Beinen, und dann fühlte er es plötzlich: Der Strom in ihm. Es war wie der Moment beim Einschlafen, den man genau abpassen musste, um ihn mitzubekommen. Der Übertritt in einen anderen Bewusstseinszustand, nämlich vom Wachen in einen Schlaf, dessen Träume sich steuern ließen, wenn man sich weiterhin bewusst machte, dass man träumte. Genau wie sein erster Klartraum, den er zu Beginn der Pubertät erlebt hatte, war auch dieser Moment ein Fließen, dem man sich ab einem gewissen Punkt nicht mehr entziehen konnte. Er erhielt sein Bewusstsein genau wie im Klartraum aufrecht. Es war ein merkwürdiges Gefühl, als ob sein Hirn plötzlich neue Windungen bekäme, die für neue Empfindungen zuständig waren und anders arbeiteten als die, die er vorher gehabt hatte. An manchen Stellen spürte er, wie die Gedankenübergänge von der alten in die neue Windung holperten, ehe sie über den Punkt hinaus waren und nachvollziehbarer wurden. Er war plötzlich der Drache, und all seine Gedanken waren anders als vorher und doch im Kern die gleichen. Er erkannte Laetitia und Ian sofort, hatte aber nun eher das Bedürfnis, sie mit der Schnauze anzustoßen, als sie zu fragen, was sie als nächstes tun würden. Und er wusste auch nicht mehr, warum so viele Leute im Paddock standen und wer das dunkelhäutige Mädchen war, das sich im Durchgang der Wohneinheit hielt und ihn so voller Furcht aus riesigen Augen heraus anstarrte. Er wollte sie ebenso anstoßen wie Laetitia, die dabei lächelnd die Arme um seinen Hals legte, und Ian, der ihm ehrfürchtig über die Kopfschuppen strich. Es war eine Geste der Begrüßung, aber das Mädchen wich erschrocken vor ihm zurück.

»Ist schon gut, Kena. Sein Drachenhirn ist an dich noch nicht adaptiert und muss dich erst aufnehmen: Bei Drachen läuft vieles über das jacobsonsche Organ am Schädel und im Innern des Mauls. Sie speichern und verarbeiten damit Informationen über neue Dinge. Sag ihm ruhig Guten Tag«, ermutigte Ian sie und strich ihm erneut über die Stirn, um zu zeigen, dass keine Gefahr von ihm ausging.

Kena schluckte, machte einen Schritt nach vorn, der kaum als solcher bezeichnet werden konnte, und schnappte nach Luft, als Sajian den Kopf senkte und seine Schädeloberseite an ihren Oberkörper rieb. Sie wagte vor lauter Schreck weder zu schreien noch sich zu rühren, und da war er auch schon wieder zurückgewichen. »Ha… hallo«, sagte er mit einer Stimme, die nicht gänzlich seine war, aber doch unverkennbare Ähnlichkeit mit ihr hatte.

»Ha… hallo«, wiederholte Kena. »Schön, einen Drachen kennenzulernen.« Ihre Stimme drohte zu brechen.

»Du… kennst… mich… chhhon. K… K… Kena.«

»Ich schätze, du hast die Information über sie gerade erst wiedergefunden, als du den Kopf an ihr gerieben hast. Schau mal: Kennst du das hier?«, fragte Ian. Er hielt ein schwarzes Shirt in der Hand. Sajian roch daran, rieb seinen Kopf an dem Stoff, wirkte dann aber frustriert und schnaubte. »Ein schwarzes T-Shirt. Wir stellen sie den Erstwandlern zur Verfügung, weil ihre Kleidung meist nicht mehr zu retten ist.«

»T… Shhhh… T… T…« Er verhaspelte sich mehrmals, gewillt, es richtig auszusprechen. »T… Shirt.«

»Gut. Und jetzt nimm es mit dem Maul und verstecke es hinter dem Strauch«, verlangte Ian und deutete auf ein struppiges Gewächs ganz am Rand des Paddocks.

Sajian griff es mit den Lefzen, nicht den Zähnen, und dann trug er es wie befohlen hinter den Strauch.

»Gut«, lobte Ian. »Anweisungsverständnis hast du, und du verstehst einige Wörter. Ryou?«

»Ja?« Er schreckte auf wie aus einem Tagtraum.

»Versuch jetzt auch, deine Drachengestalt anzunehmen. Erinnere dich daran, wie du es beim letzten Mal geschafft hast. Dein Triggerfaktor ist ein anderer als bei Sajian.«

»Beim letzten Mal habe ich mich ganz angestrengt konzentriert, mir vorgestellt, wie mir Flügel und ein langer Hals wachsen, und dann… oh…!« Er versuchte instinktiv, die Tunika zu öffnen, aber die Verwandlung war schon in vollem Gang, als ob die Messlatte diesmal tiefer hing als beim letzten Mal und die kurze Vorstellung ausreichte, um darüber hinwegzugleiten. Der nur durch Druckknöpfe gehaltene Stoff fiel von ihm ab und gab den Blick frei auf einen sich rasch umbauenden Drachenkörper. Ryou gurrte fröhlich, als der andere Drache ihn mit der Schnauze anstieß, senkte aber erneut den Kopf und knurrte, als er Kena sah. Ryou spreizte die Flügel leicht vom Körper ab – ein Drohgebärde.

»Er fürchtet sich vor dir«, erklärte Ian. »Es droht keine Gefahr, Ryou. Schau mal, was ich für dich habe.« Damit griff er in seinen Beutel und holte ein Stück Trockenfleisch hervor, dass er ihm hinhielt und dann auf den Boden warf, wo Ryou es erst mit der Schnauze anstieß und dann zögerlich fraß. Ein weiteres Stück warf er Sajian zu, der es aus der Luft auffing. »Jerky aus Fisch und Fleisch, Drachen lieben es.« Allerdings spuckte Sajian es sofort wieder aus und schüttelte sich. Ryou trat heran und schnappte sich das Stück, ehe er eilig mit seiner Beute davonsprang.

»Sajian ist Vegetarier«, erinnerte ihn Laetitia.

»Und da behauptet Henry immer, es gäbe keine vegetarischen Drachen… schau mal, das schmeckt dir bestimmt.« Er warf ihm eine weißliche Kugel zu, doch Sajian zögerte diesmal. Anstatt sie aus der Luft zu fangen ließ er sie zu Boden fallen und stieß sie dort mit der Zunge an, ehe er sie fraß. »Drachenfrucht. Die lieben sie nun wirklich alle. Der Geschmack der roten ist für Nichtdrachen kaum wahrnehmbar, für Drachen aber sehr ansprechend, was ihr ihren Namen eingebracht hat.« Er gab auch Ryou ein Stück davon, und dieser nahm es ihm diesmal sogar aus der Hand. »Drachenfrucht«, sagte Ian eindringlich zu ihm und wiederholte es noch einmal, nachdem er sie geschluckt hatte. Der kleine Drache richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf ihn. »So, und nun holst du das T-Shirt, das Sajian versteckt hat.«

Ryou legte nur verständnislos den Kopf schief. »T-Shirt. Schwarz. Strauch«, sagte Ian beinahe beschwörend. Ryou starrte ihn weiterhin an, dann ging er langsam los, unsicher auf seinen langen Beinen, die ihn so schlaksig wirken ließen wie ein Fohlen. Er sah sich um, schnupperte, dann suchte er den Boden ab, leider in der komplett falschen Richtung. Irgendwann kam er zurück, sah den Strauch, und in seinen Augen blitzte es. Er kam schnell heran, durchwühlte ihn mit dem Kopf und entdeckte das Shirt, das er ziemlich ramponiert, aber ausgesprochen stolz zurückbrachte. »Toll gemacht!« Ian gab ihm noch ein Stück Trockenfisch, das Ryou gierig hinunterschlang, wobei es klang, als würde er Chips knabbern. Er warf Sajian ein weiteres Stück der Drachenfrucht zu, dann holte er noch etwas anderes aus seiner Tasche: Es war ein knallroter Ball. »Kannst du ihn fangen?«, fragte er und warf den Ball, der nur die Größe einer Faust hatte, zu Sajian. Dieser fing ihn mit dem Maul auf und benutzte wieder nur die beweglichen Teile der Lippe dazu; seine Zähne lagen tiefer im Kieferinnern. Für einen Moment stand er einfach nur da, legte den Kopf schief und ließ das Spielzeug dann unschlüssig fallen. Ryou kam angerannt und stieß den Ball mit der Schnauze an, jagte ihm hinterher und sprang hoch, als er von einem Stein abprallte und in die Luft flog. Er fing ihn mit dem Maul, stellte sich auf die Hinterbeine und nahm den kleinen Ball tatsächlich in die Vorderklauen, betrachtete ihn erst mit dem einen, dann dem anderen Auge, als würde er überlegen, wo er das schonmal gesehen hatte. »Ball spielen«, sagte Sajian erstaunlich klar. »Wirf!«

Ryou schien nicht zu wissen, was er tun sollte, bewegte die Vorderbeine auf und ab und drückte die Klauen zusammen, bis der Ball wegsprang. Beide tobten daraufhin ausgelassen im Paddock herum und stießen sich gegenseitig den Ball zu.

Ian holte noch weitere Dinge hervor: Einen Gummiknochen für Hunde, eine Kugel, die bei Bewegung rasselte und einen Reifen, der sich aus bunten Elementen zusammenstecken und erweitern ließ. Sie schafften nur einen, der groß genug war, dass Ryou hindurchspringen konnte, während Kena und Laetitia ihn oben hielten. Sajian versuchte es trotzdem und trug ihn schließlich als übergroßen Halsschmuck, ehe er ihn abschüttelte und dabei in seine Einzelteile zerlegte, was bei allen Beteiligten Gelächter auslöste. Die Angst aus Kenas Augen war für den Moment völlig verschwunden.

So langsam wurde es unangenehm warm, und Ian sagte schließlich: »Ich denke, das reicht fürs Erste. Könnt ihr euch zurückverwandeln?« Er begann damit, alles einzusammeln und in der Tasche zu verstauen.

Sajian machte auch diesmal den Anfang, stand da und konzentrierte sich, brummte angestrengt und setzte dann die Verwandlung in Gang, die ihn zurück auf Menschengröße schrumpfen ließ. Ian reichte ihm die Tunika, und Kena wandte verlegen den Blick ab. Ryou folgte ihm wesentlich schneller und leichtgängiger, kleidete sich an und sah zu Ian hoch, als dieser nähertrat. »Erinnerst du dich daran, was ich dir Zuessen gegeben habe? Oder an etwas, womit du gespielt hast?«

»Ich… erinnere mich an einen Ball… er war… rot. Und ein… ein Strauch, der gestachelt hat. Und etwas Leckeres, das unvergleichlich schmeckte. Drachenfrucht?«

»Ganz genau.« Er fuhr ihm erfreut mit der Hand durchs Haar, und Ryou wirkte ebenso glücklich wie er. »Ich kann es langsam! Ich kann mich verwandeln, hin und zurück, und dieses Mal war es ganz mühelos! Und ich erinnere mich an Dinge, die ich als Drache gemacht habe!«

»Ich erinnere mich daran, wie du mich mit Fleisch füttern wolltest. Schande über dich!«, sagte Sajian in gespielter Beleidigung. »Nur, weil ich ein Drache bin, bin ich noch lange kein Fleischfresser.«

»Du wirst mir verzeihen, dass ich das nicht wusste. Deshalb müssen wir Drachen ja so genau erforschen. Jetzt ruht euch aus und esst noch etwas, wir werden in zwei Stunden zu unserem Kontrollgang aufbrechen. Seid pünktlich, wer auch immer mich begleiten will.«