Futterbringer
Futterbringer
Ian war ausgesprochen zufrieden mit dem Ausgang des heutigen Wandlertrainings. Erstmals schien das Eis gebrochen zu sein. Wenn sie in dem Tempo weiter Fortschritte erzielten, würden Ryou und Sajian schon bald vollständig synchronisiert sein. Er atmete tief durch. Da lag gewiss noch eine Menge Arbeit vor ihnen, aber jetzt galt es erst einmal, die Patrouille durch sein Reservat vorzubereiten. Das war stets eine heikle Angelegenheit, die seine ganze Konzentration erforderte, aber er hatte sich an den Adrenalinstoß gewöhnt und begegnete der Aufgabe inzwischen mit mehr Respekt als Furcht. Solange niemand den Wagen verließ, waren sie alle sicher.
Dabei handelte es sich um einen Doppelkabiner-Geländewagen mit verlängerter Ladefläche in tarnendem Militärlack, um im Wald weniger aufzufallen. Die Karosserie war an einigen Stellen mit dicken Metallstreben verstärkt, über die der Wagen mit Hilfe eines Aggregats unter Strom gesetzt werden konnte, falls ein Drache tatsächlich angreifen sollte. Weiterhin hatten sie Kanister mit Betäubungsmittel an Bord. Auf der großen Ladefläche stand eine große Metallbox mit aufschiebbarem Deckel, die in verschieden große, einzeln herausnehmbare Fächer unterteilt war, die er nun unterschiedlich befüllte: Nicht nur getrocknetes Fleisch und Fisch, die er aus den einzelnen Beuteln herausnahm und sich dabei selbst etwas genehmigte, sondern auch Proteinpellets, die an Tiertrockenfutter erinnerten und welche die Drachen vorallem im Winter brauchten, um ihren Nährstoffbedarf zu decken. Jetzt im Sommer gab er ihnen weniger davon, aber er wollte nicht ganz darauf verzichten – hungrige Drachen waren eine große Gefahr, die sich so einfach vermeiden ließ. In ein weiteres großes Fach legte er gehäutete Kaninchen und die Einzelteile größerer geschlachteter Tiere. Zu guter Letzt gab er einige Früchte in einen weiteren Behälter, vorallem Grapefruits und verschiedene Melonensorten. Drachen liebten es, mit Früchten zu spielen und sie zu fressen. Gerade im Sommer, wenn sie weniger Appetit hatten, sorgten sie für eine Erfrischung und zusätzliche Wasseraufnahme. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, sicherte alles und kontrollierte die Betäubungsmittelkanister unter den Sitzen, dann machte er sich auf den Weg, alle Neugierigen einzusammeln.
Er platzierte Kena auf dem Beifahrersitz und Laetitia, Ryou und Sajian auf der Rückbank, offenkundig sehr zu Laetitias Missfallen. »Ich möchte Kena nicht gleich zwischen zwei Drachen sitzen lassen, wo sie gerade erst anfängt, Vertrauen zu fassen«, erklärte er, woraufhin sie keinerlei Widerworte anbrachte. Sie war vermutlich ohnehin viel zu aufgeregt dazu, immerhin würde sie gleich zum ersten Mal den Rest des Schwarms sehen und hatte wohl deshalb vorne sitzen wollen, wo es die beste Aussicht gab.
Ian fuhr den Wagen aus der Siedlung heraus und durch das Haupttor, das Sajian interessiert anstarrte, dann fuhren sie auf den Trampelpfad und folgten ihm bis zu einer Abzweigung, die direkt in den Wald führte. Das Reservat wurde an dieser Stelle nur durch einen hohen, einfachen Stahlgitterzaun vom Rest der Welt getrennt, dessen Tor sich bei ihrem Näherkommen öffnete. »Ist denn das ganze Reservat eingezäunt?«, fragte Ryou verblüfft.
»Im Großen und Ganzen ist das gesamte Gebiet zumindest kenntlich gemacht, damit sich niemand versehentlich hierher verirren kann. Schon im Abstand von zehn Meilen begegnet man ersten Schildern, dass man sich in der Nähe des Drachenreservats befindet und umkehren sollte. Für Drachen stellt der Zaun natürlich keine Hürde dar, aber für Menschen und Kraftfahrzeuge. Dieser Schutz ist leider bitter nötig, wie die Vergangenheit gezeigt hat.« Sie fuhren durch das Tor und in den Teil, der von den Siedlern als Drachengrube bezeichnet wurde. In einiger Entfernung sah man zu ihrer Rechten den steil abfallenden Bergkamm, auf dem die Siedlung errichtet war, mit den Paddocks am Fuß, die aus dieser Perspektive wie große Aviarien wirkten.
»Wohin fahren wir denn genau?«, fragte Kena vorsichtig. Es gefiel ihr offensichtlich gar nicht, hier zu sein, so fern der schützenden Gitter.
»Es gibt ein paar Kontrollpunkte, sie sind auf der Karte in der Seitenverkleidung eingezeichnet. Sei so gut und nimm sie heraus, Kena, wir brauchen sie gleich. Der erste befindet sich in einem kleinen Hain auf einem Hügel und trägt die Bezeichnung SR-01, es folgen noch sieben weitere. Das sind die bevorzugten Aufenthaltsorte der Drachen. Wir schauen nach, ob es allen gut geht, das ist unsere vordringlichste Aufgabe. Ich mache dazu Eintragungen in mein Notizbuch.«
»Ist… das auch sicher ungefährlich?«, fragte sie verschämt.
»Solange niemand den Wagen verlässt, ja. Er verfügt über ausreichend Sicherheitsmaßnahmen.«
Kena nahm die Karte heraus, die in Folie eingeschlagen war, und klappte sie auf. Laetitia versuchte von ihrem Platz hinten rechts mit draufzuschauen. Der Wagen bewegte sich indes immer tiefer in den Wald, ließ die Ebene rumpelnd hinter sich zurück. »Auf der Karte sind statt acht elf Kontrollpunkte eingezeichnet«, bemerkte Kena.
»Die Kontrollpunkte zehn, neun und acht werden nicht mehr aufgesucht, seit sie durch einen Sturm unbewohnbar wurden. Punkt elf ist das Gebiet, in dem sich Helen für gewöhnlich aufhält. Da müssen wir in der Tat vorsichtig sein, aber keine Sorge, sie hat den Wagen bisher noch nie angegriffen«, versicherte er. »Vermutlich hält sie das kleine Gefährt für keine Bedrohung.«
»Wir fahren in Helens Gebiet?« Ryou sah aus, als wäre er am Liebsten wieder ausgestiegen.
»Ich muss auch nach ihr sehen, sie steht unter meiner Fürsorge. Ich habe Betäubungsmittelkanister und ein Stromaggregat, um die Außenverkleidung zu elektrisieren. Der Wagen ist zudem verstärkt und sehr schwer. Nicht einmal sie könnte ihn zerstören. Er wurde von der Armee entwickelt für den Einsatz in Drachenreservaten«, erklärte Ian.
Sie erreichten den ersten Kontrollpunkt auf dem kleinen Hügel und hielten, ohne den Motor auszuschalten. Weit und breit war kein Drache zu sehen, nur Wildnis. Alle Insassen verharrten in stiller Anspannung, derweil sie die Umgebung beobachteten. »Nichts Auffälliges. Bist du so gut und machst einen Eintrag?« Er reichte Kena das Notizbuch aus seinem eigenen Seitenfach, in dessen Ringeinband ein Kugelschreiber steckte. »Keine Drachen, keine Auffälligkeiten.«
Auch der zweite, auf einem weiteren Hügel gelegene Kontrollpunkt mit weniger Baumbestand wies keinerlei Besonderheiten auf. Erst bei Kontrollpunkt SR-03, einer baumumfassten Lichtung vor hoher Felswand, fanden sie die skelettierten Überreste eines großen Hirsches. »Sie sind mindestens ein paar Tage alt. An den Felsen finden sich Kratzspuren – jemand hat dort seine Krallen geschärft oder gesäubert, vermutlich nach erfolgreicher Jagd. Der Höhe nach zu urteilen war das Hickory. Oh, und da weiter oben sind sogar noch welche.« Er deutete auf die Stellen, und Kena schrieb auf, was er ihr diktierte. Ian sah, dass ihre Hand dabei leicht zitterte, und das war nicht verwunderlich: Die ersten Kratzspuren lagen in etwa sechs Metern Höhe, aber die zweiten, deutlich längeren noch einmal mehr als doppelt so hoch. »Das muss Samantha Prims gewesen sein. Kein anderer Drache ist so groß«, erklärte er. »Sie ist das größte Exemplar im Reservat und auch das größte, das ich bisher in lebendem Zustand gesehen habe.«
»Größer als Kirk Harlows in seiner gewöhnlichen Form?«, fragte Laetitia.
»Ich würde sagen, sie ist fast so groß wie Kirk Harlows in seiner feuerspeienden Form.«
Laetitia starrte ihn an und schluckte, als sie ihren Weg fortsetzten, und Kena wiederum starrte noch lange und entsetzt die Krallenspuren im Fels an.
SR-04 war der erste Kontrollpunkt, der zeigte, dass sie sich nicht vollends in der Wildnis befanden: Sie fuhren auf einen hohen metallenen Käfig zu, der sich gegen eine Felswand lehnte. Per Erkennungssoftware wurde ein Zugang geöffnet, und sie fuhren hinein auf einen asphaltierten Platz. Mit gelbem Klebeband war dort eine Parkfläche und mit rotem eine Luke im Boden gekennzeichnet. Ian stieg aus, nachdem der Zugang sich hinter ihnen wieder geschlossen hatte. »Das hier ist einer von insgesamt drei Futterspendern, die wir beim Kontrollgang befüllen müssen. Ein zweiter befindet sich bei Kontrollpunkt sieben und der letzte bei Kontrollpunkt elf. Diese Luke hier führt einen Gang hinunter, an dessen Ende sich die Futtervorrichtung befindet. Vorallem im Winter brauchen Drachen unbedingt Zufütterung, aber auch im Sommer biete ich es ihnen an. Die Hitze macht allen zu schaffen, und niemand will sich anstrengen.«
Er öffnete die Box auf seiner Ladefläche, zog das erste Fach heraus, welches die Pellets enthielt, und füllte es in mehrere Eimer um. Dazu legte er ein paar Früchte, Trockenfleisch und -fisch sowie frisches Fleisch. Jeder nahm jeweils einen Eimer an sich, dann stiegen sie eine metallene Treppe unter der Luke hinab in einen Gang, der wie der Zutrittsbereich zu einem Atomschutzbunker wirkte. Tatsächlich fand sich hinter einer weiteren Tür ein kleiner Raum mit einfachem Bedienterminal, und der Futterspender war eine gekennzeichnete Fläche auf dem Boden, mit einer Vertiefung in der Mitte und einem schmalen Gitter außen herum, um das Futter an Ort und Stelle zu halten. Sie leerten ihre Behälter darauf aus, und per Knopfdruck wurde die Plattform nach oben gefahren. Die Decke des Bunkers öffnete und schloss sich unter ihr wieder.
Sie gingen zurück nach oben, alles wieder sorgfältig hinter sich verschließend. »Und Raubtiere gehen da echt nicht dran?«, fragte Sajian zweifelnd.
»Raubtiere halten sich von allen Orten fern, die nach Drache riechen – sie sind die absoluten Superpredatoren und machen vor nichts Halt, nicht einmal Bären«, versicherte Ian. »Einfach alles ist ihre Nahrungsquelle.«
Die Kontrollpunkte SR-05 und 06 lagen dicht beieinander auf unterschiedlichen Höhen – der erste nahe einer Kopje im Tal und der zweite in Sichtweite eines breiten Flusses, der sich durch ein Kiesbett wälzte. Sie hielten an einem Punkt oberhalb der Kopje im Sichtschutz der Bäume, wo sie einen guten Blick ins Tal hatten. Ian deutete in eine Richtung: »Da, im Wald. Seht genau hin.«
Kena beugte sich vor, genau wie die anderen, und dann sahen sie es: Mehrere Drachen waren dort unten und sonnten sich. Einer von ihnen lag mitten im Wasser des Flusses. »Das ist Hickory«, erkannte Ryou.
Ian nickte. »Der große graue Drache dort hinten mit den roten Halsstreifen und den gold-schwarz gemusterten Flügeln ist Samantha Prims.« Damit zeigte er auf ein Wesen, das die anderen bis zu dem Moment wohl für einen Felsen hielten – sie war selbst aus der Entfernung gewaltig, obwohl sie nur eingerollt da lag, so groß, dass mehrere andere Drachen auf ihrem Rücken schlafen konnten. »Sie hat zwei Flügelpaare und Ansätze eines dritten am Rücken, seht ihr das? Sowas ist sehr ungewöhnlich. Ich dachte zuerst, sie verwandelt sich noch nicht richtig, aber es hat sich seither nicht verändert. Vermutlich eine Form überzähliger Gliedmaßen, oder ein Atavismus. Schreib das auf, Kena: Prims hat erneut drei Flügelpaare, von denen aber nur das erste nennenswerte Tragfähigkeit aufweist.«
»Wer ist das?«, fragte Laetitia und deutete auf ein kleineres Geschöpf, das gerade aus dem Wald trat. Es war blaugrün wie die Nadelbäume rundherum und hatte bernsteinfarbene Schuppen an Bauch, Rücken und im Gesicht, die am Hinterkopf lange Stacheln bildeten.
»Das ist Esther Rune. Sie geht gerade zum Wasser, so wie es aussieht. Sie ist ein Drache mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen, hat also eine Affinität zu Wasser.« Tatsächlich ließ sie sich an einer tieferen Stelle in den Fluss gleiten und schlängelte davon, bevor sie untertauchte und aus ihrem Sichtfeld verschwand.
»Jenha Eirish ist auch da, man erkennt sie schlecht von hier aus, weil sie sich gut tarnt.« Erst, als sie sich bewegte, war sie als Drache zu erkennen: Sie wirkte wie ein Laubhaufen mit ihrer in rot, braun und ocker gesprenkelten Gestalt, oder die Personifikation des Herbstes. »Wieder mal nicht dabei ist Grace Stephens. Sie gehört ebenfalls zum Schwarm, hält sich aber stets im Abseits und ist extrem scheu. Nur ein einziges Mal habe ich sie mit Rune zusammen gesehen, aber sie flüchtete sofort, als sie den Wagen hörte. Ich konnte sie bisher immer nur aus der Ferne beobachten. Sie ist fast völlig weiß.«
»Haben Drachen eigentlich Sex?«, fragte Ryou da völlig unpassend mit der Unverblümtheit seines Alters, und Sajian warf ihm einen erschütterten Blick zu.
»Also ehrlich, Ryou!«
»Was denn? Ist doch eine berechtigte Frage! Dieser Hickory ist zumindest in Menschengestalt ein ziemlicher Aufreißertyp mit seiner dicken Haarmähne und den breiten Schultern, und der Schwarm besteht anscheinend nur aus Frauen. Warum rennen hier also nicht schon lauter Babydrachen herum?«
»Es gibt keine Babydrachen«, rief ihm Laetitia ins Gedächtnis zurück. »Zum Drachen wird man frühestens ab der Pubertät oder zumindest kurz davor. Aber tatsächlich habe ich darüber noch nie so explizit nachgedacht.«
»Die Frage ist tatsächlich berechtigt«, bestätigte Ian. »Bislang wurde noch nie beobachtet, dass Drachen in dieser Gestalt Sex haben. Von Henry weiß ich, dass zumindest seine Drachen keinerlei Bedürfnis danach haben, obwohl auch sie Bindungen untereinander haben. Asexualität scheint unter ihnen sehr weit verbreitet, wenn nicht sogar die Norm zu sein. Wir wissen nicht einmal, ob sie über funktionierende Geschlechtsorgane verfügen. Eine frühe Theorie des Bondings war es, dass sie sich an Nichtwandler hängen, um auf diese Weise Kinder zu zeugen. Eine neuere These besagt, dass durch die zunehmende Verwässerung der Drachengene der Fortpflanzungsinstinkt zusammen mit den Geschlechtsorganen verlorengegangen ist. Auch wissen wir nicht, wie sich die Verwandlungen auf eine Schwangerschaft auswirken würden. Es gibt da noch sehr viele Rätsel zu lösen.«
Ryou schwieg nachdenklich, und Sajian fragte ihn: »Bist du jetzt etwa enttäuscht, weil du eine Drachenfreundin haben wolltest?«
Er war wohl kurz unsicher, ob er es ansprechen sollte, tat es dann aber doch: »Ich… ich dachte bisher, ich wäre einfach noch zu jung dafür, weil ich das Bedürfnis nach Sex nicht habe, aber… vielleicht ist es ja wirklich so, dass man das als Drache nicht hat. Hast du es?«
Sajian rieb sich verlegen den Nacken. »Naja, nicht dringend, ehrlicherweise. Aber ich dachte das liegt daran, dass in meiner Klasse kaum attraktive Mädchen sind. Gefehlt hat mir nichts bisher, glaube ich.«
Plötzlich kam Rune an einer ganz anderen Stelle wieder aus dem Wasser, schüttelte sich und rieb ihren Kopf an Prims’ Schulter, die daraufhin einen ihrer gewaltigen Flügel um sie herumlegte. Beide Drachen drückten ihre Schädeloberseiten gegeneinander, was den immensen Größenunterschied noch betonte: Prims hätte Rune mit einem einzigen Bissen fressen können, und ihren Alpha mit zwei Bissen.
Ian lächelte bei dem Anblick. »Es geht ihnen allen gut. Fahren wir weiter.«
Sie setzten ihren Weg zu einem Punkt fort, der am Rand einer dicht bewaldeten Senke lag. Auch dort befand sich wieder ein Futterspender ganz ähnlicher Bauart. Sie fuhren hinein und stiegen aus. Noch bevor sie alle Eimer mit Futter gefüllt hatten, hielten sie in ihrer Arbeit inne. Kena ließ vor Schreck ihren Eimer fallen, dessen Inhalt sich daraufhin um ihre Füße herum verteilte: Außerhalb des Gitters stand ein Drache ganz in weiß, mit tiefschwarz eingefassten Augenhöhlen. Das eine Auge war von einem strahlenden Blau wie der Winterhimmel, das andere leuchtete in einem hellen Goldgelb, wie die Schuppen auf seinem Rücken. Sogar Ian ließ seinen Eimer fallen, was den Drachen sichtbar beunruhigte, denn er spreizte die Flügel und tänzelte nervös knurrend rückwärts. »Grace«, flüsterte er. »Sie war mir noch nie so nah.«
»Das Gitter hält sie doch ab, oder?«, fragte Kena beunruhigt.
»Wir sind sicher«, äußerte Ian gedankenverloren. Er beugte sich hinunter und hob ein totes Kaninchen auf, hielt es so, dass Grace es sehen konnte, und warf es dann durch das Gitter nach draußen. Anders als erwartet stürzte der Drache der Beute nicht hinterher, sondern folgte ihr nur mit einer Kopfbewegung, ehe er wieder Ian ansah. »Nimm schon. Du hast doch Hunger, wenn du hier her kommst. Du weißt, dass ich es bin, der euch das Futter bringt.«
Der Drache ging zu dem toten Tier hinüber, schnüffelte daran und nahm es behutsam auf, um es in einem Stück zu schlucken. Ian warf noch eine Grapefruit hinterher, die der Drache ebenfalls nach kurzem Zögern verspeiste, und schließlich nahm er ein weiteres, größeres Stück Fleisch, um damit ans Gitter heranzutreten.
»Ian«, sagte Ryou angespannt mit geweiteten Augen.
»Sie ist nur hungrig. Ich muss diese Gelegenheit nutzen, Vertrauen zu ihr aufzubauen.« Er trat nah an das Gitter heran und streckte dann die Hand mit dem Fleischstück hindurch. Grace hielt nervös Abstand, als würde sie sich tatsächlich vor ihm fürchten. Sie schnüffelte, und für einen Moment sah es so aus, als würde sie es ihm abnehmen, doch dann entschied sie sich dagegen und verschwand eilig im Wald.
Ian seufzte niedergeschlagen, warf das Fleischstück hinaus und machte sich dann wortlos zurück an seine Arbeit, den Spender zu befüllen.
»Sei nicht enttäuscht. Sie hatte immerhin genug Vertrauen in dich, um das Futter zu fressen, das du ihr zugeworfen hast«, versuchte Laetitia ihm Mut zuzusprechen.
»Ich weiß nicht, ob man es sich wirklich zum Ziel setzen sollte, dass einem ein Drache aus der Hand frisst«, warf Ryou dazwischen. »Ich hatte sehr lebhaft vor Augen, wie sie mehr als nur das Stück Fleisch runterschlingt.«
Sajian starrte ihn an. »Du bist doch selbst ein Drache und frisst ihm aus der Hand.«
»Das ist doch was völlig anderes!«
»Ist es das?«, fragte Laetitia. »Glaubst du, Grace ist grundsätzlich gefährlicher als du oder Sajian? Es ist der Mangel an Vertrauen und Synchronisation, der den Unterschied macht.«
Sie füllten den Futterspender auf und stiegen dann zurück in den Wagen, fuhren weiter in Richtung des letzten Kontrollpunkts SR-11. Dabei kamen sie an dem erwähnten Gebiet vorbei, das ein Sturm verwüstet hatte: In größerem Umkreis waren Bäume entwurzelt und abgebrochen. Sie folgten der Spur der Verwüstung einen steilen Hang hinauf. Dahinter lag eine tiefe, reich bewaldete, felsige Senke, und der Kontrollpunkt zeigte sich unter einem Felsüberhang direkt vor ihnen: Ein weiterer Käfig, doch dieser sah abgegriffen und verbraucht aus, als wäre er öfter der Witterung ausgesetzt gewesen als die anderen. Vermutlich war er der älteste.
»Hier lebt Helen, richtig?«, fragte Kena kleinlaut.
»Ja«, bestätigte Ian. »Aber wie gesagt scheint sie kein Interesse an Fahrzeugen zu haben.«
»Dann würde ich gern im Wagen bleiben«, sagte Ryou alarmiert. »Der Käfig sieht nämlich nicht sehr vertrauenerweckend aus.«
»Ich bitte auch«, erwiderte Kena.
Sajian warf Laetitia einen Blick zu, dann sagte sie: »Ich begleite dich. Sie ist ein Drache wie die anderen auch.«
»Ich komme ebenfalls mit. Die Angstdrachen dürfen gern hier bleiben«, sagte Sajian mit einem Grinsen, und Ryou schubste ihn.
»Hey! Du hättest genauso Angst, wärst du bei ihrem letzten Angriff dabei gewesen! Sie ist ein Monster!«
»Sie zeigt deutliches Stressverhalten«, korrigierte Ian. »Kein Drache ist grundlos aggressiv. Ich werde herausfinden, wo das Problem liegt, und ihr helfen.«
Sie fuhren in den Käfig und das Tor schloss sich hinter ihnen. Ian, Laetitia und Sajian stiegen aus, um das Futter vorzubereiten. Sajian tat, als würde er nicht immer wieder argwöhnisch die Gegend mit den Augen absuchen. Das Gebiet war durch die Felsen und Bäume schlecht einsehbar. »Wie sieht diese Helen denn aus?«, fragte er und versuchte, beiläufig zu klingen.
»Ein Drache mit sehr langem Hals und Schwanz und aufstellbaren Schuppen, die rasseln können. Die Rückenschuppen sind schwarzgrün, der Bauch cremefarben«, antwortete Laetitia.
»Ihr Phänotyp ist ungewöhnlich, das stimmt, aber vermutlich liegt es an ihrer Ahnenschaft: Helen hat Wurzeln in lateinamerikanischen Ländern. Die dortige Drachenpopulation ist schlangenartig mit Schuppen, die teilweise schon fast Federn ähneln. Ich nehme an, du kennst die Geschichten von Quetzalcoatl?«, fragte Ian. »Einige Historiker gehen davon aus, dass es sich bei dem gottgleichen Herrscher um einen Menschen handelte, der die Gestalt dieser riesigen, federgeschuppten Drachenschlange annehmen konnte. Ich weiß von Henry, dass manche Phänotypen ihre Nüstern auf der Stirn haben, wohl als Anpassung an eine sumpf- oder wassergebundene Lebensweise. Es ist ein sehr interessantes Thema, und bisher hat niemand eine Enzyklopädie angelegt, die die unterschiedlichen Merkmalsausprägungen beschreibt und den einzelnen Herkunftsländern zuordnet. Die Staaten sind dahingehend ein einziger Schmerztiegel; es gibt quasi keine reinerbigen Phänotypen mehr, sondern nur noch Mischformen aufgrund der bunten Zusammensetzung der Bevölkerung.«
»Das ist schon irgendwie cool«, sagte Sajian. »Was für ein Phänotyp bin ich?«
Ian antwortete, während sie mit den gefüllten Eimern zur Spendevorrichtung hinabstiegen: »Ziemlich klar asiatisch ohne Einschläge: Schlangenartig untersetzt, schillernd, wasserliebend und geweihtragend. Ich bin mir nicht sicher, ob das Geweih nur bei männlichen Drachen auftritt: Ryou und du habt beide eins, und in Henrys Reservat leben zwei weibliche Drachen mit asiatischem Phänotyp, die beide ohne Geweih sind.«
»Alessia und Mai-Ling«, erinnerte sich Laetitia. »Ich habe Bilder von ihnen gesehen. Man sieht die Ähnlichkeit mit Sajian und Ryou.«
»Dann ist die Sache doch ziemlich klar, oder? Ich meine, viele männliche Tiere tragen ein Geweih und die weiblichen nicht«, erwiderte Sajian.
»Schon möglich. Es würde allerdings der erwähnten gängigen Annahme widersprechen, dass Drachen geschlechtslos sind. Ebenso wäre es denkbar, dass beide Geschlechter ein Geweih haben und sich dieses Merkmal verliert, sobald andere Phänotypen mitmischen: Alessia ist ein Mischtyp mit fernen asiatischen Wurzeln und stark westlichem Einschlag. Westliche Drachen haben grundsätzlich kein Geweih, sondern höchstens Hörner, die geschlechtsunabhängig auftreten. Mai-Lings Herkunft ist unbekannt, sie stammt aus einem Waisenhaus. Es kann als gesichert angesehen werden, dass sie mehrere Nichtdrachen zum Vorfahren hat, was auch ihre Gene verwässert haben dürfte. Das würde aber natürlich bedeuten, dass ihr beide eine Generation sein müsstet, die nah am Ursprung ist. Bis dahin, dass einer eurer Erzeuger ein reinerbiger Long-Drache war, was unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen ist.«
Sajian rauchte sichtlich der Kopf. »Ich blicke nicht so ganz durch«, gestand er. »Die Begriffe rein- und mischerbig kenne ich noch aus dem Bio-Unterricht von Erbsen. Was bedeuten sie bei Drachen?«
»Es ist wie bei anderen Lebewesen auch«, erklärte nun Laetitia. »Die Grundlagen der Mendelschen Regeln: Es gibt immer zwei Allele auf zwei gleichartigen Chromosomen. Wenn das zwei verschiedene Anlagen sind, kommt ein mischerbiges Individuum heraus. Zwei grüne Erbsen können eine dominante Anlage haben, wie grüne Farbe, und eine rezessive Anlage wie gelbe Farbe. In beiden Fällen sind sie trotzdem grün, weil die Anlage für grün dominant ist. Wenn aber zwei mischerbig grüne Erbsen miteinander gekreuzt werden, kann in einem von vier Fällen eine gelbe Erbse dabei herauskommen, wenn sie nur rezessive Allele von den Eltern erbt. Bei Drachen verhält es sich natürlich sehr viel komplizierter mit viel mehr Eigenschaften auf mehr Chromosomen. Es gilt als gesichert, dass in der Verbotenen Stadt in China reinerbige asiatische Drachen leben und nur untereinander Nachkommen zeugen dürfen. Dort ist es verboten, Kinder mit Menschen zu zeugen, aber es geschieht immer wieder – durch Konkubinen oder gewisse… Abenteuer der Obrigkeit. Menschenrechtsorganisationen haben schon vor langer Zeit aufgedeckt, dass Nachkommen von Mensch und Drache getötet oder sterilisiert werden, obwohl das mittlerweile verboten ist. Ein paar dieser Nachkommen sollen in die USA geflüchtet sein, um sich den Zwangsmaßnahmen ihrer Regierungen zu entziehen. In Japan scheint es ähnlich zu sein, über Nordkorea gibt es keine Daten, aber in Südkorea leben viele Drachenwandler. Heutzutage werden Kinder, die in diesen Ländern aus unreinen Verbindungen hervorgehen, zur Adoption in andere Länder freigegeben – auch, um Geld damit zu machen. Rein theoretisch könnten Ryou und du von einem hochrangigen Mitglied der Führungsriege aus einem dieser Länder abstammen.«
Sajian blinzelte. »Ist das gerade dein scheiß Ernst?«
»So abwegig ist es nicht«, sagte Ian. »Oder weißt du sicher, wer deine biologischen Eltern sind?«
Sajian schwieg betreten. Vermutlich war er nie auch nur auf die Idee gekommen, dass seine Eltern hochrangige Minister oder gar die Herrscher eines fernen Landes sein könnten, die ihn als Beweis ihres Fehltritts ins Ausland loswerden wollten. »Deine Eltern sind nicht zurückverfolgbar. Schon lange wird zudem von Experten aus diesem Bereich vermutet, dass arme Frauen sich gezielt von Drachen schwängern lassen, um die Kinder lukrativ ins Ausland zu verkaufen und sich auf diesem Weg ein Studium zu finanzieren, eine teure Operation oder Schuldenfreiheit. Dieses System ist so furchtbar wie undurchsichtig, und es nutzt den Umstand aus, dass viele Kinderlose bereit sind, sehr viel Geld für ein Baby zu zahlen.«
»Das… ist pervers«, keuchte Sajian mit einem sichtbaren Aufwallen von Übelkeit.
»Wusstest du davon nichts?«, fragte Laetitia verblüfft.
Sein Gesicht wurde blass und glättete sich, dann wandte er sich um. »Ich… muss kurz zurück nach oben.«