Sajian
Sajian
Sajian stellte die Eimer ab und lief eilig nach oben, fürchtete, sich tatsächlich jeden Moment übergeben zu müssen. Er verschwand ins Gebüsch, beugte sich vor, doch das Gefühl verflog so plötzlich, wie es über ihn gekommen war. Erleichterung durchströmte ihn.
»Sajian?« Es war Laetitias Stimme hinter ihm. »Ist alles in Ordnung?«
»Ja, ja… ich… weiß so einiges nicht über dieses Drachenzeugs, fürchte ich. Ich hab mein ganzes bisheriges Leben über zu viel damit zu tun gehabt, gute Noten zu schreiben und meine ganzen außerschulischen Angelegenheiten unter einen Hut zu kriegen, um mich wirklich wichtigen Themen zu widmen.« Er ließ sich plump auf den Erdboden fallen. »Was, wenn ich nur gezeugt wurde, um jemandem… keine Ahnung, ein Haus oder ein Auto zu finanzieren? Ich bin eine Ware, die billig produziert und teuer ins Ausland verkauft wurde, wie ein Computer. Das ist einfach furchtbar. Als Kind war ich so glücklich, glaubte, etwas Besonderes zu sein, dass mich jemand so unbedingt haben wollte, dass er viel Geld für mich und nur mich zahlt. Ich dachte sogar bis ins Grundschulalter, alle Kinder kommen auf diese Weise zu ihren Eltern. Jetzt denke ich, dass ich von Geburt an einfach nur etwas war, das existierte, um anderen in irgendeiner Form zu nutzen. Das fühlt sich richtig scheiße an.«
Laetitia ließ sich neben ihm nieder. »Dein Wert wird nicht durch andere festgelegt, sondern durch dich selbst. Du kannst hier sein wer du willst. Das ist doch eine gute Sache, oder? Deine Eltern haben keine Macht mehr über dich, weder deine biologischen noch deine jetzigen.«
Er sah sie an, wollte ihr gern glauben. Ob seine Eltern damals schon gewusst hatten, dass er von Drachen abstammte? Hatte sein Vater auch dafür ein Elite-Reservat in der Hinterhand gehabt? Oder hätte er ihn sein Leben lang in ein Geschirr gesteckt, um die Illusion aufrecht zu erhalten? Genau genommen gab es auch bei amerikanischen Waisenkindern immer ein gewisses Risiko, dass sie zu Drachen wurden, also spielte es wohl keine Rolle.
Beide sahen auf, als sie ein lautes Knacken von Holz aus dem Wald hörten. Sajians Nackenhaare standen plötzlich aufrecht, er spürte eine Gänsehaut am ganzen Körper, dann trat der Grund dafür in sein Blickfeld: Ein dunkler Drache mit kobra-artigem Schädel starrte sie an, zwischen den Bäumen halb verborgen, seine aufgestellten seitlichen Halsschuppen zitterten angespannt.
Sajian rappelte sich eilig auf, Laetitia erhob sich deutlich langsamer. »Mach keine schnellen Bewegungen!«, zischte sie.
»Ist sie das?«, fragte Sajian, doch natürlich wusste er es bereits. Die Beschreibung passte einfach perfekt.
»Sie ist es. Helen?« Die Augen wandten sich ruckartig Laetitia zu. »Wir respektieren dein Territorium und stellen keine Gefahr für dich dar! Wir bringen dir nur etwas Zuessen und werden gleich wieder gehen.«
Laetitia machte ein paar Schritte zurück, Sajian folgte ihr angespannt, ohne Helen dabei aus den Augen zu lassen – dann gab es plötzlich ein lautes Quietschen und einen Knall, als die Luke erst angehoben wurde und dann wieder zurückfiel. Helens Schädel schnellte herum, dann griff sie den Käfig an.
Die Erschütterung war sogar über den Boden zu spüren, als sie sich wütend in die Gitter verbiss und verkrallte. Sajian sah zu seinem Entsetzen, wie sich das Metall unter ihrer rohen Kraft verformte und aufdehnte – es war bereits um einiges ramponierter als das der anderen Futterspender und ihrer Paddocks. Laetitia war vor Schreck nicht fähig, sich zu rühren. Sajian hörte Ian wie aus weiter Ferne rufen – dann packte er sie und rannte los. Laetitia schrie dabei kurz auf.
Helen riss so heftig am Gitter, dass Rost und Staub herabrieselten und eine Stange herausbrach. Sajian rannte mit Laetitia im Schlepptau davon, ohne sich umzudrehen.
Er stieß sie ins Auto und sprang dann selbst hinein, Ryous und Kenas völlig verstörte Blicke dabei auffangend. »Fahr!«, schrie Sajian Ian zu, der gerade ebenfalls einstieg. »Weg hier!«
»Was hat sie denn so wütend gemacht? Wir saßen doch nur da und haben uns unterhalten!«, fragte Laetitia verzweifelt.
»Sie ist böse, das macht sie wütend!«, behauptete Ryou den Tränen nah.
»Ich glaube, das Geräusch der Falltür hat sie erschreckt«, dachte Sajian laut, derweil der Wagen anfuhr. Das Tor öffnete sich, und Ian fuhr rückwärts hinaus, sodass sie sehen konnten, wie Helen von dem Gitter abließ, ihre langen Zähne dabei einzog und nun tatsächlich auf den Wagen zugerannt kam.
Ryou und Kena schrien, Ian machte eine scharfe Wende und trat das Gaspedal durch. Sie rasten über den unebenen Boden davon und wurden heftig durchgeschüttelt, sodass Sajian glaubte, die Karosserie müsste jeden Moment auseinanderfallen.
Laetitia sah nach hinten durch die Heckscheibe. »Sie ist weg!«
»Wohin hat sie sich denn bitte so schnell zurückgezogen?«, fragte Sajian ungläubig. »Bei ihrer Größe?«
Die Antwort präsentierte sich ihnen unmittelbar darauf, als etwas die Sonne verdunkelte. Dann landete Helen vor ihnen auf der Erde, die riesigen Schwingen voll aufgefaltet. Einen irrationalen Augenblick lang bewunderte Sajian ihre Flügel – sie wirkten gefiedert, obwohl es anhand der Form wohl eher Schuppen waren, die den Rand säumten und im Licht einen blaugrünen Schimmer abgaben. Sie waren wie die Schwingen eines Todesengels.
Ian trat auf die Bremse und der Wagen kam schlitternd zum Stehen. Helen legte die Flügel an und schrie – ein hohles, irgendwie mechanisches Geräusch, das gar nicht so recht zu einem Drachen passte. Er drückte einen Knopf auf der Armatur, der ein lautes Klacken zur Folge hatte, dann betätigte er eine Sprechanlage: »Helen, wir wollten dich nicht erschrecken. Wir haben dir nur Essen gebracht. Niemand hier bedroht dich. Es sind Kinder im Wagen, also lass uns fahren!«
Sie fauchte mit rasselnden Halsschuppen und griff dann unvermittelt den Wagen an. Schreien aus dem Wagen mischte sich mit Helens giftigem Fauchen, als sie den Stromschlag aus der Schutzverkleidung des Autos abbekam und zurückzuckte. Ian fuhr an, während Helen sich schüttelte und ihnen frustriert nachschrie.
»Sie hätte uns fast getötet!«, brach es aus Ryou heraus.
»Das hätte sie nicht«, sagte Ian bestimmt. »Der Wagen hat ihr standgehalten, wie ich es gesagt habe. Sie hat nur ihr Revier verteidigt.«
»Hör schon auf damit, sie immer in Schutz zu nehmen! Sie ist ein Monster! Wir… wir müssen irgendetwas tun! Irgendetwas!« Seine jugendliche Stimme brach vor Verzweiflung. »Sie hätte uns gefressen, hätte sie uns geschnappt!«
»Verdammt, Ryou, alle Sicherheitsmaßnahmen haben funktioniert, es gibt keinen Grund…« Er seufzte und sammelte sich. »Ich werde ab sofort wieder allein meine Patrouillen machen. Ich hätte euch nie mitnehmen sollen, es tut mir Leid.«
»Wir sind freiwillig mitgekommen«, erinnerte ihn Laetitia. Sajian und Kena schwiegen für den Rest der Fahrt, und auch Ryou sagte nichts mehr dazu, sank aber so tief in den Sitz, dass er nichts um sich herum mehr sehen konnte.
Sie fuhren ohne Umwege in die Siedlung zurück, und Ryou verschwand sofort in seiner Wohneinheit, während Kena unschlüssig bei den anderen stehenblieb. Ian betrat seine Hütte, ohne ihnen einen weiteren Blick zuzuwerfen. Sajian hatte erwartet, dass er sie zurück in ihre Paddocks bringen würde, denn sie hatten ja weiterhin keine Erlaubnis, sich frei in der Siedlung zu bewegen. Er zögerte, dann klopfte er an den Rahmen der offenen Tür, wobei sowohl Laetitia als auch Kena hinter ihm Stellung bezogen. »Ian?«
»Kommst du jetzt, um mir zu sagen, dass ich da draußen nichts im Griff hatte? Anders, als ich behauptet habe? Ihr wart sicher im Wagen und in den Käfigen.« Ian klang, als ob er mühsam seine Wut unterdrückte. So hatte Sajian ihn bisher noch nie gesehen. Das machte ihn nervös. Er verhielt sich tatsächlich wie jemand, dem die Kontrolle entglitten war, es aber nicht zugeben wollte. »Drachen sind und bleiben Drachen, das habe ich euch doch die ganze Zeit gesagt, oder nicht?« Das war nun eindeutig an Laetitia gerichtet, deren Gesichtszüge sich dabei glätteten. »Die Gefahr ist kalkulierbar, wenn man sich an Regeln hält. Nicht Helen ist das Problem, sondern die, die nicht verstehen, dass Drachen einfach keine Menschen wie alle anderen sind.«
Sajian schluckte. »Eigentlich wollte ich dir sagen, dass ich es toll finde, wie du zu Helen hältst. Du willst ihr wirklich helfen, obwohl du allen Grund dazu hättest, sie zu fürchten wie die anderen. Das ist es, was ein guter Vorsteher – oder Alpha – tun sollte, glaube ich. Und das ist es, was Helen braucht. Sie zählt auf dich, oder würde es tun, wenn sie könnte.«
Ian sah ihn an. »Ausgerechnet du verurteilst mich also nicht für das, was eben passiert ist?«
»Ich sehe es positiv, wenn jemand nicht gleich verurteilt wird aufgrund seines Verhaltens, solange man es nicht versteht. Du könntest es dir einfach machen und sie irgendwohin verlegen, wo sie… naja, ihr wisst alle schon. Ich habe Helen dort im Käfig in die Augen gesehen. Sie war aufmerksam, wach, aber sie hat nicht sofort angegriffen. Erst, als der Knall ertönte, wurde sie aggressiv. Hat jemand vielleicht mal auf sie geschossen? Oder gab es ein anderes Ereignis mit einem lauten Geräusch, das sie traumatisiert haben könnte? Ich hatte auch das Gefühl, dass sie noch wilder wurde, nachdem Laetitia geschrien hat.«
Ian wirkte nachdenklich. »Kommt rein, setzt euch.« Er bot ihnen die drei Stühle an seinem Tisch an; dieser war der einzige freie Fleck, denn das Wohnzimmer war vollgestopft mit Büchern und Papierstapeln. »Ich dachte eher, das laute Geräusch in der Stille hat sie erschreckt, weil sie ohnehin unter deutlicher Anspannung stand. Und dann war ihr erster Gedanke anzugreifen, wie sonst auch. Aber jetzt, wo du es sagst… dass sie verbissener angegriffen hat, nachdem Laetitia geschrien hat, habe ich im Eifer des Gefechts gar nicht so deutlich wahrgenommen.« Er rieb sich die Schläfe. »Sie greift üblicherweise nur Hickory an, nie die anderen, zumindest habe ich das noch nie beobachtet. Als sie das erste Mal auf Ryou und mich losging, war Hickory auch in der Nähe. Vielleicht galt auch dieser Angriff ihm, obwohl er gar nicht anwesend war. Sie hält uns möglicherweise für seine Komplizen.«
»Aber sie hat das Auto angegriffen«, wagte sich zu ihrer Verwunderung Kena vor. Wenn sie gekonnt hätte, wäre sie unter ihrer braunen Haut wohl rot angelaufen, als sie nun so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. »Mit uns allen. Kann sie als Drache überhaupt wissen, wer von uns mit… Hickory zusammenarbeitet?«
»Vielleicht wollte sie Sajian angreifen«, erwiderte Laetitia. »Oder dich, Ian. Ryou und ihr seid alle Männer. Mir ist heute aufgefallen, dass alle anderen Drachen im Reservat weiblich sind. Vielleicht hat sie sich von euch bedroht gefühlt, weil Männer sie damals aus der Siedlung gejagt haben.«
»Das wäre echt blöd, ich wollte dir nämlich vorschlagen, mich mit ihr zu unterhalten«, sagte Sajian. Sowohl Laetitia als auch Ian und Kena starrten ihn daraufhin entsetzt an. »Ich bin von uns allen als einziger in der Lage, auch als Drache relativ menschlich zu sprechen und zu denken. Ich kann bestimmt verstehen, was sie als Drache sagt, und es euch übersetzen. Einen Versuch wäre es doch wert?«
»Das ist viel zu gefährlich!«, widersprach Ian sofort.
»Dann lass mich mit Hickory sprechen«, erwiderte er. »Er kennt Helen, er kann sich in Menschengestalt nur nicht dazu äußern, weil sein Gehirn noch nicht gut mit dem Drachenhirn synchronisiert ist.«
»Das zumindest könnte funktionieren«, überlegte Laetitia nach einem Moment nachdenklichen Schweigens laut.
Ian zögerte. »Du bleibst hinter den Gittern des Paddocks, ich rufe ihn her. Du wirst ihm nicht allein gegenübertreten.«
»Wir tun das gemeinsam«, versicherte Laetitia ihm.