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Kena, Drachen und Menschen

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Kena, Drachen und Menschen

Sie fühlte sich wie ein Fremdkörper im Raum, während Sajian, Laetitia und Ian Pläne machten, zu denen sie nichts beitragen konnte. Sie wusste so gut wie nichts über Drachen, und sie hatte auch keine Drachengestalt. Sie gehörte nicht wirklich zu ihnen, auch wenn sie dieses heutige Abenteuer gemeinsam durchgestanden hatten, und es erstaunte sie, wie viel Bedauern dieser Umstand in ihr auslöste. Sie war ein überflüssiges Individuum an diesem Ort, sowohl in der Drachengrube als auch in der Siedlung. Ihr blieb im Grunde nur, Jared zu unterstützen – aber wollte sie das? Er hasste Helen und wollte sie tot sehen, nachdem sie die Menschen hier angegriffen und ihn verkrüppelt hatte. Das konnte ihm niemand ernstlich verübeln. Vielleicht hätte sie Ian davon erzählen sollen. Aber es gegen Jareds Willen zu tun kam ihr nicht richtig vor. Er vertraute ihr. Das durfte sie nicht missbrauchen.

So ging sie allein zu ihrer Hütte zurück, doch bevor sie den Türknauf betätigen konnte, spürte sie plötzlich eine Hand auf der Schulter und sprang mit einem Schnappen nach Luft zurück. Jared stand neben ihr und wirkte so besorgt wie wütend. »Wo warst du?«, fauchte er.

»Ich… ich… ich…!«, stammelte sie, und er griff sie an beiden Oberarmen.

»Du warst im Reservat, oder? Sag schon!«

Sie schluckte völlig überrumpelt. »Ian hat uns auf seine Patrouille mitgenommen, in seinem Geländewagen…«

Jared ließ sie los und schlug beide Hände vors Gesicht. »Ist dir was passiert? Bist du verletzt? Du hättest dabei sterben können! Das war viel zu gefährlich!« Er wirkte nun fahrig, wirklich besorgt um ihr Wohlergehen.

»Ich habe mich freiwillig gemeldet, dachte, ich könnte so mehr über die Drachen erfahren«, sagte sie nun mit mehr Selbstbewusstsein. »Wir haben sie nur aus der Ferne beobachtet.« Sie wollte ihn nicht noch mehr beunruhigen, und so erzählte sie nichts von Helens Angriff. »Ich habe auch ihren Alpha gesehen, Hi… ich meine, den Sandteufel. Alle waren ganz ruhig. Sie haben im Wasser eines Flusses gebadet und am Ufer geschlafen.«

Seine Wut verflog, er wirkte nun nur noch angespannt. »Das liegt daran, dass Drachen sich unter ihresgleichen anders verhalten. Menschen sind für sie Beute, wie alle kleineren Tiere – was so ziemlich die gesamte Tierwelt an Land einschließt. Ich will nicht, dass du dich noch einmal in solche Gefahr bringst. Bleib ab jetzt immer hinter dem Zaun, verstanden?«

»J-ja, ich gehe nicht wieder nach draußen«, versicherte sie, und Jared atmete auf.

»Gut so. Auch, wenn ich deine Unternehmung nicht gutheiße, aber hast du etwas herausgefunden, das uns weiterhilft?«

Sie zögerte. »Ian sucht nach einer Möglichkeit, mit der Schlange zu kommunizieren. Sie wollen dazu mit dem Sandteufel sprechen. Sajian soll seine Aussagen übersetzen, er ist dafür gut genug synchronisiert. Sie wollen herausfinden, warum sie so aggressiv ist«, berichtete Kena schließlich und es kam ihr lächerlich wenig vor, bedachte man die Gefahr, in der sie geschwebt hatte, um an diese Information zu kommen.

Er verdrehte die Augen. »Als ob das nicht längst klar wäre. Aber gut, halte mich auf dem Laufenden. Egal, wie zahm ein Drache wirkt, er bleibt immer ein Drache. Sie können jederzeit scheinbar ohne Grund ihren Trieben verfallen.«

Kena schluckte, erinnerte sich an den Knall der zufallenden Tür und wie Helen daraufhin das Gitter angriff. Sie hatte so schreckliche Angst gehabt. War das so ein Rückfall in ihre Instinkte gewesen?

»Ruh dich jetzt aus.«

Sie ging in ihre Hütte, um etwas zu essen und sich dann auf ihr Bett zu legen. Ihre Gedanken blieben jedoch in Aufruhr. Was sollte sie jetzt tun? Kena erkannte schließlich nach einigem Hin- und Herdrehen, dass sie keinen Schlaf finden würde, und stand wieder auf, um zum Zaun zu gehen.

Laetitia und Sajian waren unten im Paddock, von Ryou fehlte dagegen jede Spur. Kena konnte sich nicht von dem Anblick seiner Drachengestalt losreißen, die sie wirklich schön fand, und beobachtete sie aus ihrem Versteck heraus.

»Du musst dich ihm mit gesenktem Kopf nähern«, sagte Laetitia. »Das ist wichtig, denn damit signalisierst du, dass du keine Absicht hast, ihm oder seinem Schwarm zu schaden. Er ist immerhin der Alpha dieses Territoriums. Keine Sorge, Drachen sind üblicherweise sehr offen gegenüber Neuankömmlingen. Er wird mit dir sprechen, da bin ich mir sicher.«

»Iiiiich will ihnen dch ncchht glei beitreten«, zischelte Sajian, dann verwandelte er sich erstaunlich schnell und leichtfüßig wieder zurück, wobei er schwankte, als wäre er aus dem Gleichgewicht geraten. »Ich will nur mit ihm sprechen.«

»Du wirst schneller, nichtmal deine Gedanken reißen zwischen den Verwandlungen ab«, erwiderte Laetitia anerkennend. »Warum willst du dich dem Schwarm nicht anschließen? Willst du für immer hier drin bleiben? Oder allein durch die Wälder streifen? Überleben in der Wildnis ist auch für Drachen nicht einfach, obwohl Ian sich Mühe gibt, den Stress gering zu halten.«

»Was wäre denn so schlimm daran? Ich will keiner dieser Halbwilden werden, die im Wald leben, in Höhlen schlafen und rohes Fleisch fressen von Tieren, die sie mit Zähnen und Krallen erlegt haben. Ich bin doch trotzdem immer noch ein Mensch.« Er sah sie an. »Ich meine, das glaubst du doch auch, oder? Ich bin keiner von denen da draußen. Ich will weiterhin so leben wie jetzt, in einem Haus, gekochtes Essen essen und zusammen mit anderen Menschen Menschendinge tun.«

Sie zögerte. »Du bist ein Drache, Sajian. Du musst fliegen, jagen, dich mit anderen deiner Art sozialisieren. Sonst wird es dich auf Dauer krank machen. Natürlich bist du weiterhin auch ein Mensch, aber das ist nicht mehr alles von dir. Du darfst deine neue Identität mit ihren Ansprüchen nicht vernachlässigen.«

Sajian schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht das Bedürfnis, irgendetwas zu jagen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich überhaupt fliegen kann. Ich will lieber schwimmen, und das kann ich auch als Mensch. Ich könnte doch so leben wie dieser Oda.«

»Und die neuen Drachen, die hier her kommen? Ian braucht die Paddocks für sie. Ryou und du könnt sie nicht dauerhaft besetzen, und in der Siedlung werden sie dich nicht tolerieren«, hielt Laetitia dagegen.

»Richtig«, erkannte er niedergeschlagen. »Also bleibt nur die Wildnis, wo wir dieser Helen ausgesetzt sind.«

»Helen greift nicht wahllos an. Wir hatten nur das Pech, dass sie jedes Mal von irgendwas getriggert wurde, als wir da waren: Das erste Mal war es Hickorys Anwesenheit, das zweite Mal wohl dieser laute Knall.«

»Ich gebe mir Mühe, das Problem um Helen zu lösen, schon allein, weil Ryous und meine Zukunft daran hängen. Und natürlich die der anderen Drachen, die vielleicht noch kommen. Also, wie spreche ich mit diesem Hickory, wenn er da ist?«

»Weißt du das nicht?«

»Sollte ich?«

»In deiner Drachengestalt müsstest du intuitiv mit anderen Drachen sprechen können. Lass dich leiten von deinen Instinkten, dann wird alles…« Sie verstummte, als sich plötzlich die Sonne verdunkelte. Ein großer Drache glitt mit einem Grollen über die Paddocks hinweg und warf seinen Schatten über sie. Er landete mitten auf der Ebene – Hickory.

»Ich bin noch gar nicht bereit!«, rief Sajian nervös. »Hat Ian nicht gesagt, er ruft ihn erst her, wenn wir uns sicher sind?«

»Ich glaube, er ist einfach so gekommen«, erwiderte sie. »Vielleicht hat er uns auf der Patrouille doch bemerkt, oder er will irgendwas. Nutz die Gelegenheit!«

Es brauchte ein paar Anläufe, ehe Sajian erfolgreich in die Drachengestalt gewechselt war. »Kopf nach unten!«, erinnerte sie ihn.

Doch Sajian hörte nicht auf sie. Stattdessen knurrte er und spreizte drohend die Flügel beim Anblick dieses deutlich größeren Drachen, der nun auf ihn zukam.

»Nein, nein! Du musst ihm zeigen, dass du keine Gefahr darstellst! Du darfst…!« Laetitias Blick wandte sich erneut nach oben, als ein weiterer Schatten durch den Himmel glitt, gefolgt von einem vogelartigen Ruf. Dann landete die weiße, viel kleinere Gestalt von Grace neben Hickory.

Hickory brummte ihr etwas zu, ein tiefer Ton, der mehr zu fühlen als zu hören war, und Grace legte daraufhin ihre Flügel an, und gemeinsam näherten sie sich dem Paddock. Sajian begann, panisch herumzuhüpfen, wohl, weil er nicht flüchten konnte. Er fauchte und zischte, dann stieß er sogar drohend mit dem Kopf vor. Laetitia versuchte verzweifelt, ihn zu beruhigen, jedoch ohne den geringsten Erfolg.

Hickory blieb schließlich stehen und stieß ein Gurren aus, woraufhin sich Sajian entspannte. Er legte ebenfalls die Flügel an, und sie betrachteten einander argwöhnisch durch die Gitterstäbe hindurch. Sie wechselten einige Knurr- und Zischlaute, doch die Anspannung aus der Situation schien verschwunden.

»Was sagt er?«, fragte Laetitia Sajian, doch dieser ignorierte sie, bevor er einen Moment später urplötzlich Menschengestalt annahm, ganz so, als ob ihm der längere Erhalt der anderen Gestalt zu anstrengend wurde, und sich vor Schwäche ins Gras sinken ließ. Die beiden Drachen außerhalb des Gitters taten es ihm gleich. Grace wurde zu einem Mädchen mit langen blonden Haaren, das sofort wieder zurücktrat und das Paddock misstrauisch beäugte.

»Tja, hab gar nicht mitgekriegt, dass ihr bei uns wart, aber Grace hat euch sofort bemerkt«, sagte Hickory auf seine typische gut gelaunte Art. »Ihr entgeht nichts, sie ist ein spitzenmäßiger Wachposten. Da dachte ich, wir statten euch mal einen Besuch ab, wollen doch nicht unhöflich sein.« Er lachte, seine eigene Nacktheit schien ihn nicht im Geringsten zu kümmern.

»Du bist der Alpha?«, war das erste, das Sajian fragte, und es klang so ungläubig, dass Laetitia sich auf die Lippe biss.

»Nein. Ich bin einfach Hickory, Ernest, wenn du drauf bestehst, aber so nennt mich hier keiner.«

»Wir würden dich gern etwas über Helen fragen«, fiel Laetitia sogleich mit der Tür ins Haus.

»Hab ich bereits getan«, erwiderte Sajian. »Die Antwort war… ein Bild, das irgendwie in meinem Gehirn zusammengesetzt wurde, nachdem ich geschnüffelt hatte. Ich weiß nicht, ob ich alles, was er mir gesagt hat, richtig interpretiert habe, denn die Kommunikation war sehr ungewohnt für mich. Aber ich glaube, Hickory hat gesagt, dass er mit ihr kämpft, weil sie ihn herausfordert. Es ist ein Instinkt, dem er nachgibt, und vermutlich ist es bei ihr das Gleiche. Sie fängt damit an, aber wohl nicht aus Spaß, sondern verbissener, als beabsichtige sie damit mehr als nur die Auslebung eines Triebes. Warum hast du mir nichts darüber erzählt, wie diese Kommunikation abläuft? Das wäre hilfreicher gewesen als deine Haltungsanweisung.«

»Ich wusste das selbst nicht, bis gerade eben. In Gilfordts Buch steht, sie kommunizieren über Körpersprache und Laute«, äußerte Laetitia verunsichert. »Allerdings erwähnt er auch eine gewisse Subebene, die Nicht-Wandlern verschlossen bleibt und zu der auch die Bonding-Verbindung gehört. Vielleicht entstehen auch diese Gedankenbilder über Pheromone, die dein jacobsonsches Organ entsprechend interpretiert?«

»Ich bin Kommunikation in menschlicher Sprache gewohnt, sogar als Drache, wie man sehen kann. Deine Art zu sprechen überfordert mich.«

Hickory erwiderte: »Vielleicht ist das die Art, wie östliche Drachen kommunizieren, oder vielleicht kommunizieren alle Drachen mehr oder weniger auf ihre eigene Weise. Ich habe schon zu Ian gesagt, dass ich mich an mehr nicht erinnere, und er meinte, dass bestimmt der Drache diese fehlenden Erinnerungen hätte. Anscheinend weiß der Drache aber auch nicht mehr als ich. Alle Damen im Reservat sprechen so zu mir und zueinander wie ich es gerade mit dir getan habe, aber Helen… sie erinnert mich an ein Tier, das jedem Instinkt nachgeht, ohne anderweitig zu kommunizieren. Zumindest dachte ich das, bis Grace mir heute etwas sagte, das ihr vielleicht wissen solltet.«

Die Angesprochene schluckte, wagte kaum, aufzusehen.

»Sag es ruhig, Liebes. Du musst dich nicht fürchten. Wenn die beiden dich fressen wollen, bin ich sofort da und jage ihnen Angst ein.«

Das brachte sie zum Lächeln, und sie griff sich mit einer Hand an den Oberarm. »Ich… streife oft allein umher. Ich fühle mich nicht so wohl unter den anderen. Helen und ich sind uns heute am Futterspender begegnet. Ich hatte große Angst, aber sie war gar nicht aggressiv, bot mir sogar an, gemeinsam mit ihr zu fressen. Ich habe mich aber nicht getraut und bin wieder im Wald verschwunden. Ich war so verwirrt darüber, dass ich mich sogar in meiner Menschengestalt noch darüber wunderte.«

»Greift sie auch die anderen Drachen des Schwarms an oder nur Hickory?«, fragte Laetitia.

Sie schüttelte den Kopf. »Es ist nur Hickory.«

Laetitia sah Sajian an, dann wieder sie. »Wisst ihr, wann das Ganze erstmals anfing?«

Hickory setzte sich mit Grace ins Gras und rieb sich seine verstrubbelte, blonde Mähne. »Ich erinnere mich an ihr erstes Auftauchen in meinem Revier. Das war am Fuß des ehemaligen Aussichtspunkts, dort.« Er deutete auf den breiten Felsvorsprung, der außerhalb des Zauns der Siedlung lag und völlig verwildert war; Pflanzen, Sträucher und schmale Bäume überwucherten ihn. »Sie wurde vor einigen Jahren aus der Siedlung gejagt, weil sie Drachengestalt angenommen und Menschen angegriffen hat. Vielleicht hat sie dieses Erlebnis traumatisiert. Ich meine, sie war sicherlich genauso fest der Überzeugung, ein Mensch zu sein, wie sie alle dort oben. Vielleicht greift sie mich an, weil ich ihr ebenbürtig bin und sie nicht weiß, wie sie ihre Wut und Furcht sonst im Griff halten soll. Es ist wirklich beängstigend, zum ersten Mal Drachengestalt anzunehmen, ich erinnere mich gut daran.«

»Das ergibt Sinn«, äußerte Sajian. »Aber sie hat uns alle angegriffen, und wir sind ihr nicht gewachsen. Sie hätte uns dabei töten können.«

»Ich weiß leider nicht mehr über sie. Die einzigen, die etwas wissen dürften, sind die Siedler, aber sie sprechen natürlich nicht mit uns. Und von dem, was ich so mitgekriegt habe, hat sich ihre Riege auch kürzlich komplett geändert. Ich kenne nur noch Jared und Oda vom alten Schlag, der Rest sind neue Gesichter. Vor Jared war Halkin der Chef und Vorsteher, war ein recht angenehmer Kerl. Er ist ebenfalls zurück in die Gesellschaft entlassen worden.«

Laetitia sah Sajian erneut an. »Glaubst du, Jared und Oda wissen etwas darüber?«

»Jared hat sie damals zusammen mit den anderen rausgeworfen. Nach so einem Erlebnis wäre ich glaube ich auch nicht mehr gut auf Menschen aller Art zu sprechen, und vielleicht auch auf Drachen. Vermutlich hat er sie angesteckt mit seinem Drachenhass und nun hasst sie sich selbst. Von diesem Jared werden wir die Wahrheit wohl eher nicht erfahren. Was ist mit diesem Oda? Er ist auch ein Drache, richtig? Aber sie dulden ihn in der Siedlung und er trägt dieses Geschirr, dass die Verwandlung verhindert.«

»Ich dachte, sowas macht Drachen auf Dauer krank. Und ich hätte nicht erwartet, dass Jared sich darauf einlässt. Was hat es mit ihm auf sich?«, fragte Laetitia Hickory.

»Soweit ich weiß, war Jared nicht sonderlich beliebt bei den anderen Siedlern, nichtmal bei Halkin. Keine Ahnung, was das Problem war. Oda kenne ich kaum. Er hat seit seiner Ankunft nie Drachengestalt angenommen. Er spricht mit niemandem, weder Drachen noch Siedlern, auch nicht mit Ian oder damals Halkin. Er ist so eine Art Eremit, der sich komplett aus allem raushält, was das Reservat betrifft. Merkwürdiger Typ.«

»Wir sollten dennoch versuchen, mit ihm zu sprechen«, sagte Laetitia. »Das ist das Mindeste, das wir tun können.«

Kena über ihnen erkannte, dass das ihre Chance war, doch etwas beizutragen. Keiner von ihnen durfte sich frei in der Siedlung bewegen, ohne Probleme zu bekommen – sie aber schon. Sie würde diesem mysteriösen Oda einen Besuch abstatten und nicht eher gehen, bis sie die Antworten bekommen hatte, die sie brauchten.

Sie zögerte jedoch, als sie wenig später vor Odas Tür stand. Sein Haus war so abgelegen, dass man es nur entdeckte, wenn man wirklich danach suchte – auf einem kleinen, waldigen Hügel, eingeschlossen von Bäumen, deren überhängende Zweige es gut verdeckten. Im Garten hinter dem Haus gab es einen kleinen, aber hübsch umrandeten Teich mit einer rot gestrichenen Holzbrücke, die darüber führte – etwas, das ihn wohl an seine Heimat erinnerte, denn er war Japaner. Zumindest glaubte sie das.

Kena nahm ihren Mut zusammen und klopfte an – wenn er wirklich etwas über Helen wusste, dann musste er es einfach mit ihnen teilen, zum Wohle aller.

Der Mann, der erst nach einigen Augenblicken öffnete und hinaustrat, war groß gewachsen und breit gebaut, mit schulterlangem glatten, schwarzen Haar, der gleichen Farbe wie seine Augen. »Ja?«, fragte er und wirkte dabei völlig verblüfft von ihrer Anwesenheit.

»Ha-hallo«, brachte Kena hervor. »Ich bin Kena, ein Bewohner der Siedlung. I-ich habe da ein paar Fragen…«

»Warum kommst du damit zu mir?«, fragte er, und sie wusste nicht, ob er genervt oder fassungslos war. Seinem Gesichtsausdruck nach konnte es beides sein. »Frag Jared, oder diesen Ian, er ist immerhin euer Vorsteher.«

»Ich dachte, du… ich meine, Sie könnten etwas wissen, das Jared und Ian nicht wissen.« Vor Anspannung begann sie, mit ihren Fingern zu spielen. Das war dumm, was tat sie hier? Sie kannte Oda doch gar nicht. Ihr Blick fiel unweigerlich auf das breite Band aus geflochtenem Leder, das er um den Hals trug, und sie wurde nervös. Konnte dieses Ding einen Drachen wirklich davon abhalten, sich zu verwandeln? Trug er unter seiner Kleidung noch mehr davon?

»Ich habe niemandem aus der Siedlung etwas zu sagen und wünsche, in ruhe gelassen zu werden. Geh zurück zu den anderen«, sagte er schroff.

»Warten Sie! Es geht um Helen! Wissen Sie etwas über sie? Bitte, es ist wichtig!«, fuhr sie auf, als er bereits drohte, die Tür vor ihrer Nase zu schließen.

»Ich weiß nichts von einer Helen«, sagte er, aber ihr war, als ob er kurz zögerte. »Geh.« Damit zog er die Tür zu, und Kena blieb zurück, fühlte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Es war ihr unangenehm, dass er sie so behandelt hatte, und sie bereute, überhaupt bei ihm geklopft zu haben. Aber sie hatte doch nur helfen wollen, und das war es doch, was zählte, oder?

Niedergeschlagen trat sie den Rückweg an und wollte schnurstracks zu ihrer Unterkunft zurückgehen, als sie ein schnappendes Geräusch hörte. Es kam nicht aus der Siedlung, sondern…

Vom alten Spähturm. Kena erinnerte sich, dass Jared mit denen, die mutig genug waren, öfter dort oben Patrouillengänge machte – außerhalb des schützenden Zauns und Netzes. Man konnte von dort alles überblicken und einen Drachen von Weitem kommen sehen. Es gab dort oben eine von Bäumen umstandene Sandgrube, in der er heimlich Wurfübungen mit den Speeren machte, neue schnitzte und andere Dinge zu Waffenteilen verwertete. Vermutlich wusste Ian nicht einmal davon, aber er hatte es ihnen ja auch nicht ausdrücklich verboten, sich Waffen aus den Dingen herzustellen, die ihnen zur Verfügung standen. Das gerade eben hatte allerdings nicht nach Speeren geklungen. Kena zögerte, starrte die Palisade aus angespitzten Ästen an, die sich am Rand erhob, dann zwängte sie sich hindurch, um nachzusehen.

Die Grube wurde nur von vergleichsweise dünnen, einzelnen Speeren umrahmt, die alle nach außen gerichtet waren. Büsche und Bäume verbargen sie gut vor neugierigen Blicken, und Kena konnte unbemerkt beobachten, was in der Senke vor sich ging.

Dort standen Jared und die anderen, die sie erst an ihren Stimmen erkannte: Leland und Jonathan, der immer nur John genannt wurde, sowie Fera. Sie waren alle drei noch Jugendliche, so alt wie Kena. Fera hielt etwas in der Hand, das Kena für ein langes, dickes Bambusrohr hielt, als ob sie damit zielte. Als sie sich ein wenig drehte erkannte Kena einen Baumstamm mit einer ganzen Reihe leerer Getränkedosen in einigen Metern Entfernung. Fera tat irgendetwas mit den Händen, das sie nicht sehen konnte, und aus dem Rohr schoss ohne jeden Rauch ein Projektil, das eine der Dosen durchlöcherte und in den Baum dahinter einschlug.

»Gut gemacht!«, lobte Jared und legte eine Hand auf ihre Schulter, während er nach vorn deutete. »Die Waffe ist einfach, aber effektiv, nur etwas unhandlich. Denk daran, dass du sie ruhig halten musst. Der Lauf und das Visier müssen übereinstimmen. Ihr versucht es auch mit euren Waffen!«

Sie stellte das Rohr ab und stützte sich darauf. Kena erkannte nun, dass es sich tatsächlich um grünen Bambus handelte, aber das Innere war mittig auf einer Länge von etwa einer Hand ausgehöhlt, sodass es einen Lauf bildete. Ein dünnerer Bambusstab war dahinter eingesetzt und spannte sich in einem Bogen darüber, sein vorderes Ende saß fest in dem ausgehöhlten Bereich. Vorn auf dem Lauf saßen mehrere hölzerne Bolzen übereinander. Man konnte sie ganz offenkundig mit dem gespannten Bambusbogen abschießen, und das mit großer Wucht, wenn man den Aufprall am Baumstamm dahinter bedachte. Ihr fiel ins Gedächtnis zurück, dass sie Fera erst kürzlich an soetwas hatte arbeiten sehen – um daraus eine einfache, aber offenbar effektive Waffe zu bauen? Diese war nicht mehr als eine Schleuder, doch das, was John und Leland bei sich trugen, hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit echten Schusswaffen.

Leland war als nächster dran, und er trug eine Armbrust aus Bambus mit zwei dickeren Röhren in Form eines Kreuzes, auf dessen vorderstem Teil zwei dünnere Läufe angebracht waren. Straff gespannte Gummibänder führten zu einem Auslöser weiter hinten, und er legte zwei lange, dünne Pfeile in die Läufe. Das Gummiband löste sich auf Betätigen des Abzugs und schleuderte beide Pfeile so schnell nach vorn, dass Kena sie nicht mit den Augen verfolgen konnte. Sie spießten dieselbe Dose auf und nagelten sie an den Baum dahinter.

»Großartig, eine ebenfalls einfache, aber wirkungsvolle Konstruktion! Jetzt du, John!«

John hob seine Waffe, und Kena schluckte – das sah sogar aus wie ein richtiges Gewehr! Mit einem Lauf aus Bambus und einem hölzernen Griff, der kunstvoll geschnitzt war. Sie erwartete fast, dass er es mit echten Patronen lud, doch stattdessen war es ein dicker Bolzen, den er vorn in den Lauf schob. Auch dieser Mechanismus funktionierte mit derbem Zugband, das er seitlich spannte und welches nach dem Auslösen den Bolzen abschoss. Seine Dose wurde davon fast entzweigerissen.

»Exzellent!«, sagte Jared erfreut. »Das habt ihr alle drei gut gemacht. Ihr werdet wunderbare Schützen, wenn ihr weiter damit übt.«

»Aber wie sollen wir das Biest damit erlegen? Das ist ein verdammter Drache, und unsere Bolzen sind nur aus Holz«, äußerte Leland zweifelnd.

»Aus der richtigen Entfernung auf den richtigen Punkt abgeschossen kann jedes Projektil töten. Ihr müsst lernen, genau zu sein, auch bei kleinen Zielen wie den Augen. Oder dem Rachen. Punkte, die Zugänge zum Gehirn darstellen. Und vielleicht treibe ich doch noch ein Gift auf. Es heißt, Drachentöter nutzen Blausäure aus Bittermandeln, weil man sie relativ unkompliziert bekommt und Drachen darauf empfindlich reagieren.«

»Das Zeug musst du dann aber kiloweise verfüttern, damit es was bringt«, erwiderte John.

»Was weiß ich denn, ich bin kein Chemiker. Aber ich verstehe was von Waffen. Mit einem gut platzierten Schuss erlegen wir das Vieh.«

Zustimmung folgte von Fera und Leland, während Kena schluckte und sich leise zurückzog. Niemand hatte sie bemerkt.