Ian
Ian
Ian hörte sich die Schilderungen von Laetitia und Sajian aufmerksam an, bevor er etwas dazu sagte. »Aus Oda ist nichts herauszukriegen, ich habe es bereits versucht. Mir kam er von unserer ersten Begegnung an so vor, als ob er viel Ballast mit sich herumträgt, aber ich kann ihn nicht dazu bringen, sich zu öffnen. Ich glaube Grace’ und Hickorys Aussagen. Helen könnte auch aus einer missbräuchlichen Beziehung entkommen sein, deren Erinnerungen sich nun Bahn brechen, wo der Impulscocktail des nicht synchronisierten Drachen dazukommt. In dem Fall haben wir tatsächlich ein großes Problem, denn eine Therapie wird sich nicht ohne weiteres realisieren lassen. Aber ich fürchte, Helen muss ohnehin warten – Henry hat mir geschrieben. Er sucht mit seinen Drachen gerade großflächig die Umgebung nach dem vermeintlichen Dinosaurier ab. Bislang war er damit erfolglos, aber die Sichtungen häufen sich in Gebieten rund um unser Reservat. Mein Eingreifen ist also gefordert. Leider habe ich aktuell keine Drachen, die mich bei der Suche unterstützen könnten, abgesehen von Ryou, der aber aktuell zu stark… beeinträchtigt ist.« Er räusperte sich.
»Wir könnten am Boden suchen, mit dem Geländewagen«, schlug Laetitia vor.
»Das würde ihn wohl eher verschrecken – er scheint äußerst scheu zu sein und ergreift sofort die Flucht, wenn er irgendein Geräusch hört. Ich gehe ehrlicherweise von einem Jugendlichen aus, der in einem der Erholungsgebiete Urlaub gemacht und dabei zum ersten oder wiederholten Mal Drachengestalt angenommen hat. Er ist wohl aus Furcht und Instinkt in die Wälder geflohen. Allerdings gab es keine offizielle Vermisstenanzeige. Das ist sehr merkwürdig. Wenn ein Kind verschwindet, dann meldet das doch irgendjemand den Behörden. Ehrlicherweise behagt es mir nicht, auch nur einen von euch mitzunehmen. Ich habe euch mit der Patrouille bereits zu viel zugemutet.«
»Ich will dir auch dabei helfen, und was soll mir schon passieren? Ich bin größer als jedes Wildtier, wenn ich zum Drachen werde«, hielt Sajian dagegen. »Ich kann in meiner Drachengestalt am Boden suchen, zusammen mit Laetitia, und du kannst Kena im Geländewagen mitnehmen. Ich schaff das! Wir schaffen das. Und Ryou bestimmt auch. Fragen wir ihn.«
Entgegen Ians Erwartungen war Ryou dem Vorschlag gegenüber alles andere als abgeneigt. »Ein Waldausflug außerhalb des Reservats, weit weg von Helen? Und ich darf fliegen? Cool! Endlich kann ich mal gefahrlos frische Luft schnappen! Darf ich das auch wirklich, obwohl wir außerhalb des Reservats sind? Das schaff ich auf jeden Fall! Du kannst auf mich zählen, Alpha! Ich meine, Ian…« Er verstummte betreten. Seine Freude war so offenkundig und aufrichtig, dass es Ian schmerzte – er fürchtete nicht die Welt da draußen, die so feindlich gegenüber Drachen eingestellt war, sondern die Welt im Reservat – dem Ort, an dem er sich eigentlich sicher und Zuhause fühlen sollte. Helen war eindeutig sein größtes Problem, und er fragte sich, ob er überhaupt in der Lage war, es zu lösen. »Traust du dir denn zu, herumzufliegen und Ausschau nach unserem einsamen Saurier zu halten?«, fragte Ian.
»Ich habe viel gelernt in der letzten Zeit mit dir und Sajian, ganz sicher schaffe ich das! Ich kann mich viel besser konzentrieren und erinnern, und Sajian ist ja auch dabei.«
»Mir wäre es tatsächlich lieber, wenn du, Sajian, Ryou begleiten würdest. Ich nehme mit Laetitia und Kena den Geländewagen, wenn sie uns nochmal begleiten will.« Sajian wirkte überrumpelt davon, und Ian hob die Hand, um seinen Widerspruch aufzuhalten. »Ich weiß, ihr wollt zusammenarbeiten, aber du hast gemeinsam mit Ryou trainiert und beherrschst aktuell deine Drachengestalt am Besten. Außerdem kannst du dich leichter erinnern an das, was in deiner jeweils anderen Gestalt vorging, und im Zweifelsfall in jeder deiner Gestalten sprechen. Wenn jemand Ryou bestmöglich unterstützen kann, dann du.«
Sajian zögerte. »Ich verstehe, aber ich kann nicht fliegen, fürchte ich. Ich kann also nur die Personen am Boden unterstützen.«
»Das genügt mir bereits – Ryou sollte einen Ansprechpartner in der Nähe haben.«
Laetitia sah Sajian an. »Das ist kein Problem für mich. Fragen wir Kena, ob sie uns begleiten will. Wir sollten sie einbinden in unsere Unternehmungen.«
»Das übernehme ich«, sagte Ian. Tatsächlich traf er Kena in ihrem Haus an wie erwartet, aber sie wirkte verstört und wortkarg, als er ihr von ihrem Vorhaben erzählte. »Hör mal, ich kann es gut verstehen, wenn du ablehnst nach dem, was heute im Reservat passiert ist. Das ist in Ordnung. Angst zu haben und sich unwohl zu fühlen sind zutiefst menschliche Empfindungen, vorallem, wenn es um ein so großes, gefährliches Lebewesen geht. Aber wir würden uns freuen, wenn du uns hilfst. Da draußen ist vielleicht ein ebenso ängstlicher, verstörter Drache, der dringend unsere Hilfe braucht. Wir müssen ihn finden und in Sicherheit bringen. Henry war leider noch nicht erfolgreich bei seiner Suche, und der fragliche Saurier ist in der Nähe unseres Reservats gesichtet worden. Es ist also auch unser Auftrag.« So gern ich mich auch um die Belange meines Reservats kümmern würde.
»Ich komme mit«, sagte sie, aber es klang gepresst, als wäre sie in Gedanken sehr weit weg. Fast kam es ihm so vor, als flüchte sie mit ihrer Zustimmung vor etwas, das sich in ihrem Kopf abspielte, fernab der Realität. Handelte es sich dabei um Helen? Sehr wahrscheinlich. Es drängte ihn, etwas zu sagen, das sie beruhigte.
»Ich finde einen Weg, mit dem wir alle in Frieden leben können. Menschen und Drachen. Das ist mein großes Ziel, und ich werde es mit allen Mitteln verfolgen.«
»Warum ist dir das so wichtig?«, fragte sie, und es klang in seinen Ohren schon fast vorwurfsvoll.
»Kena«, sagte er bedächtig, sodass sie ihn ansah. »Hattest du jemals das Gefühl, dass dein Leben aus den Fugen gerät? Dass du nicht aufhalten kannst, was passiert, und dass dir das Angst macht? So fühlt sich Helen, und sie zeigt es auf diese Art und Weise. Menschen können schlechte Erfahrungen kompensieren mit verschiedenen Mitteln und Wegen, aber sobald sie sich in Drachen verwandeln, kommt ein gewaltiger neuer Cocktail an Hormonen, Instinkten und Emotionen dazu. Das Gehirn verändert sich, bildet neue Windungen, die die alten überwuchern. Es ist wie eine zweite Pubertät, nur viel schlimmer, weil alles viel plötzlicher und tiefgreifender vonstatten geht. Sie zählt darauf, dass ihr jemand hilft, weil sie sich nicht selbst helfen kann.«
Kena schluckte, ihr Gesicht glättete sich, aber sie sagte nichts dazu und ging schweigend mit ihm zum Geländewagen. Er sah anders aus; anstelle der Futterbox war die Ladefläche jetzt frei und von einem dicken Gitter umgeben, in dem man einen Bären hätte unterbringen können. Ryou, Sajian und Laetitia warteten dort bereits.
»Jetzt, da wir alle zusammen sind, noch einmal der Plan für alle. Karte, bitte«, verlangte Ian.
Sajian rollte sie auf der Motorhaube aus, und alle beugten sich darüber. Ian markierte ein Gebiet zwischen zwei mit schwarzen Querstrichen gekennzeichneten Bereichen, die das Great Smoky Mountains und das Shenandoah Reservat darstellten. Es war ein riesiger Wald, und er deutete auf eine Stelle nahe ihrer Grenze. »Dort gab es die meisten Sichtungen unseres Pseudodinosauriers. Es ist eine öffentlich zugängliche Stelle, an der Wanderwege zusammenlaufen. Er ist extrem scheu und wird sich von unserem Wagen verschrecken lassen, fürchte ich, ansonsten wäre er bereits gefunden worden. Ich schlage daher vor, dass wir zu Fuß auf die Suche gehen und den Wagen abseits der bekannten Wege stehen lassen. Alle, die an den Boden gebunden sind, also Laetitia, Kena und ich, werden sich aufteilen, um ein möglichst großes Gebiet abzudecken. Ryou versucht es fliegend, Sajian bleibt am Boden in seiner Nähe. Jede Gruppe nimmt etwas präpariertes Trockenfleisch und -fisch mit, um ihn anzufüttern – wenn es ein Drache ist, wovon ich ausgehe, wird er nach der Verwandlung Hunger haben. Auf die Weise können wir ihm ein Schlafmittel verabreichen. Jede Gruppe erhält außerdem ein Walkie-Talkie, um auf sich aufmerksam zu machen, wenn sie etwas entdeckt hat. Er ist den Schilderungen zufolge nicht besonders groß, also sollte der Käfig ausreichen. Ansonsten müssten wir einen Transporter von der Behörde heuern oder warten, bis er Menschengestalt annimmt. Er könnte auch dazu gebracht werden uns zu folgen, wenn wir immerhin zwei seiner Art dabei haben. Dahingehend müssen wir Improvisationstalent beweisen.«
»Könnten wir ihm nicht etwas geben, das ihn in die Menschengestalt zurück zwingt?«, fragte Ryou.
»Das ist meines Erachtens nach nur durch Verletzungen oder schwere Erschöpfungszustände möglich, und soetwas werde ich selbstverständlich nicht in Erwägung ziehen. Ihr tut außer dem Füttern nichts, ohne mich zu informieren, und ihr achtet darauf, euch nicht zu gefährden. Noch Fragen? Nein? Dann in den Wagen mit euch – es gibt keine Zeit zu verlieren.«