LNCrawler

Sajian und Ryou

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Sajian und Ryou

Sie verließen das Reservat und fuhren ein ganzes Stück auf den Waldwegen entlang, ehe Ian den Wagen an die Seite lenkte und den Motor abstellte. »Ich schätze das genügt«, sagte er und stieg aus. Jede Gruppe hatte im Vorfeld besagtes Walkie-Talkie und eine Karte erhalten, damit sie sich in der Umgebung zurechtfanden, Ryou und Sajian außerdem jeweils eine Stofftasche zum Umhängen.

Ian wirkte nervös, als er sie alle noch einmal ansah. »Es mag vielleicht nicht den Anschein erwecken, aber diese Sache ist von immenser Wichtigkeit. Ein Drache ist dort draußen in Gefahr, sehr wahrscheinlich ein Jugendlicher, der sich zum ersten Mal verwandelt hat und geflüchtet ist. Nur wir können ihm helfen. Haltet also die Augen offen und meldet euch sofort, wenn euch irgendetwas komisch vorkommt.« Er stellte sicher, dass sie wussten, wie die Walkie-Talkies funktionierten, und dass jede Gruppe mindestens eine Ersatzampulle mit Beruhigungsmittel dabei hatte. Dann wandte er sich an Ryou und Sajian. »Nach der Verwandlung ist es wichtig, euch erstmal an eure neue Umgebung zu adaptieren. Nichts überstürzen.«

Sajian versuchte es als erster, und wieder hatte er Probleme dabei, überzuwechseln. Fühlt sich fast an wie eine Verstopfung , dachte er und musste innerlich lächeln. Mit diesem kurzen Moment der Entspannung ging es plötzlich sehr viel einfacher, als hätte er das innere Hindernis überwunden. Er schüttelte probehalber seine Flügel aus, stellte fest, dass er das zum ersten Mal ganz bewusst tat. Sie tauchten links und rechts an seinem Körper auf, groß und gerippt, die Membranen dazwischen in einem zarten Rosa mit schwarzen Adern, die beim Lichteinfall blau schimmerten.

Ian hängte ihm die Tasche um den Hals, in der er seine Tunika verstaute. Ryou tat es Sajian gleich, und diesmal gelang die Verwandlung beim ersten Anlauf, auch wenn sie zögerlich vonstatten ging. Der viel kleinere Drache tänzelte unruhig herum, doch sowie er die Stimmen von Ian und Sajian hörte beruhigte er sich und breitete erwartungsvoll die Flügel aus. Auch er bekam die Tasche umgehängt. »Wenn ihr Menschen begegnet, stellt euch ihnen vor – in den Taschen findet ihr entsprechende Karten mit der Adresse des Reservates, oder ruft über die Talkies durch. Wir treffen uns in spätestens einer Stunde wieder beim Wagen, sofern wir zwischenzeitlich nichts anderes vereinbaren.«

Ryou erhob sich aufgeregt flügelschlagend in den Himmel, riss dabei Zweige und Blätter von den Bäumen und brüllte unzweifelhaft wohlig, dass es in der Ferne widerhallte und Vögel aufscheuchte. Anschließend kreiste er weit über den Baumkronen.

»Der hat’s ja ganz eilig«, bemerkte Laetitia und sah ihm nach. »Viel Glück, Sajian. Pass gut auf ihn auf. Und auf dich.«

Sie umarmte ihn, und Sajian brummte zum Abschied. »Paaass guuut auf Krna auf«, sagte er. Es war bei jeder Verwandlung so, als müsse er sich erst an die neue Form des Kehlapparats gewöhnen.

Sie gingen auseinander, und Sajian fühlte sich wie in einem sehr merkwürdigen Traum – er war außerhalb des Reservats, als Drache. Etwas, von dem er bis dato gedacht hatte, dass es verboten war. Aber natürlich hatte er Alphas Erlaubnis.

Alpha… Er blieb stehen vor Verwunderung über seinen eigenen Gedankengang. Noch immer wusste er nicht so recht, wie er zu Ian stand, aber der Drache schien sich darüber weitaus weniger Gedanken zu machen. Alpha fühlte sich für ihn richtig an, wie die einzig passende Bezeichnung. Als Drache war er eine andere und doch dieselbe Person. Er glaubte nicht, dass er das jemandem begreiflich machen konnte, der es nicht selbst erlebt hatte. Für den Drachen war die Welt deutlich klarer und weniger kompliziert. Er vertraute Ian, doch warum? Wegen seiner Bemühungen um Helen? Es berührte Sajian, auch wenn ihm dieser Drache selbst ganz und gar nicht geheuer war und er sich sicherer damit fühlte, weit weg von ihr zu sein. Ians Bemühungen zeigten, wie wichtig es ihm war, sich um seine Schutzbefohlenen zu kümmern. Und vermutlich auch, sich selbst zu beweisen, dass er das konnte. So, wie Sajian sich auch immer beweisen wollte – gegenüber seinen Eltern und allen Personen um ihn herum.

Er blickte auf, als er das Flappen von Flügeln hörte. Ryou glitt über ihn hinweg, einen rasenden Schatten auf den Waldboden werfend. Das spornte Sajian an, es selbst einmal zu versuchen. Er breitete die Schwingen aus und schlug mit ihnen, hob sofort ab, was ihn plötzlich schaudern ließ. Er wagte nicht, sich über das Blätterdach zu erheben, und landete plump wieder auf der Erde.

Ryou kam in einem Kreis zu ihm herabgeschwebt und landete nicht weniger ungelenk, wobei er sich fast überschlug. »Sajian! Sajian! Ich fliege!«

»Ich sehe es« , brummte er in den Lauten der Drachensprache, die er intuitiv beherrschte, auch wenn sie sich für ihn anfühlte wie eine Fremdsprache. Ryou kommunizierte über Laute, in denen unterschwellige Emotionen mitschwangen. Wie das Drachenhirn Informationen verarbeitete, wusste noch immer niemand so genau zu sagen. Vielleicht war er sogar der einzige, der diese klaren, menschlichen Gedankengänge zusätzlich zu den drachischen hattte. »Hast du etwas gesehen?« Er hoffte, sich ihm verständlich gemacht zu haben – das, was sein Drachenhirn daraufhin als Antwort konvertierte, war abgehackt.

»Blätter, Zweige, Himmel, Sonne!«

»Dinosaurier! Wir suchen Dinosaurier!« , grollte Sajian ungehalten. Seine Pheromonzusammensetzung veränderte sich wohl daraufhin, denn Ryou wirkte kurz erschrocken und duckte sich. Sajian versuchte, ein Bild heraufzubeschwören und hoffte, dass es Ryou erreichte: Einen Tyrannosaurus wie aus Schulbüchern, aber kleiner. So klein wie Ryou selbst vielleicht. Dieser legte verblüfft den Kopf schief, und seine Schwanzspitze schlug durch die Luft als Zeichen seiner Aufmerksamkeit.

»Di...noooooocchh«, sagte er mit beinahe menschlicher Stimme.

»Jaaaa!«, bestätigte Sajian. »Suuuch!«

Er gehorchte wider Erwarten und schwang sich zurück in die Luft, während Sajian am Boden blieb, wobei er sich eindeutig im falschen Element fühlte. Er gehörte ins Wasser, war nicht für Landgänge oder für Flüge gebaut. So kam es, dass er schon bald schmerzende Füße hatte, vorallem an den Zehen und zarten Schwimmhäuten dazwischen. Er rollte sich auf dem Boden ein und betrachtete seine Klauenhände. Es waren tatsächlich Hände, mit einer fünften Klaue, die wie ein Daumen zum Greifen gestellt war. Plötzlich erschien ihm dieser Umstand als sehr sonderbar. Besaß Ryou auch so einen Daumen? Er hatte bislang nicht darauf geachtet. Aber Hickorys Füße, da war er sich plötzlich ganz sicher, hatten viel plumper ausgesehen. Die einzelnen Finger waren deutlich kürzer. Er hatte auch noch nie eine Darstellung irgendwo gesehen, in der Drachen Daumen hatten. Oder Skelette in den Museen, die sie mit der Schule besuchten. Sie hatten Pranken, wie Tiere.

Er lief weiter, folgte dem Weg und schlug sich dann und wann in die Büsche an den Seiten, wenn er glaubte, etwas Ungewöhnliches entdeckt zu haben, doch nichts brachte ihn auf eine Spur. Wo um alles in der Welt sollten sie anfangen und wo aufhören? Dieser verdammte Dinosaurier konnte überall sein!

Einige Zeit später landete auch Ryou wieder vor seiner Nase, wobei er die Füße zum Abfangen des Aufpralls vorstreckte und damit schon sanfter aufsetzte. Sajians Blick fiel auf seine Zehen – es waren nur vier, ähnlich filigran wie seine, aber kein Daumen.

»Ball gefunden« , brummte er und fiel erschöpft auf die Seite, einen Flügel unbeholfen nach hinten und den anderen nach vorn gestreckt. »Kein Dino. Müde.«

»Ich auch«, zischte Sajian und hob seine Hand, um sie erneut zu betrachten und mit Ryous zu vergleichen. Er sprach ihn nicht darauf an, rollte sich stattdessen zusammen und schloss kurz die Augen. Nur zehn Minuten , dachte er, zehn Minuten schlummern.