Kena, Laetitia und Ian
Kena, Laetitia und Ian
Sie fanden nichts, noch nicht einmal Spuren. Kena dachte, dass ein Drache doch zumindest irgendwelche Anzeichen seiner Existenz hinterlassen musste. Es war, als jagten sie ein Phantom – vielleicht, weil es tatsächlich zutraf. »Bist du dir sicher, dass diese Dinosauriergeschichte nicht einfach eine Zeitungsente ist, um das Sommerloch zu stopfen?«, fragte sie Ian, während sie nun vermehrt die Umgebung jenseits der Wege absuchten. »So wie die Erzählungen um Bigfoot oder Nessie. Die Leute wollen daran glauben, weil sie Mysterien lieben und es die tägliche Langeweile aufbricht. Und weil es ein Interesse an sonst unbeachteten Orte weckt, die ihren Nutzen aus Tourismus ziehen.«
»Zumindest bei Nessie ist man sich mittlerweile sicher, dass die ersten Sichtungen auf einen Drachen zurückgehen, den niemand erlegen konnte – muss ein großer Seedrache gewesen sein«, erwiderte Ian. »Vermutlich ist er irgendwann verhungert, als der See leergefressen war. Das möchte ich in unserem Fall gern vermeiden.«
»Sind denn all diese Monstersichtungen in Wahrheit Drachen gewesen?«, wollte sie wissen. »Ogopogo, Manipogo, Bessie, Champ…«
»Es gibt zumindest Hinweise darauf, wenn man sich die Fälle genauer ansieht. Ganz davon abgesehen, dass Drachen als Erklärung wesentlich wahrscheinlicher sind als irgendwelche Kryptiden. Es gibt wasserliebende Exemplare, wie wir an Sajian sehen. Sie sind nach ihrer ersten Verwandlung vermutlich in die Seen geflüchtet, um sich vor Menschen zu schützen, die Jagd auf sie machen. Drachen wollen vorallem eines: In Frieden leben. Sie greifen nur an, wenn sie keine andere Möglichkeit mehr sehen.«
»Wir lassen Helen in Frieden, trotzdem attackiert sie uns«, flüsterte Kena.
»Nicht alles, was wir als Frieden werten, erkennen auch Drachen als Frieden an. Wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen, gehen sie zum Angriff über, und diese Empfindung kann bereits dadurch zustande kommen, dass man sich ihnen zu schnell nähert oder sie sich an einem Ort befinden und einem Menschen begegnen, mit denen sie jeweils etwas Negatives verbinden. Bei unserem hiesigen Fall gehe ich wie bereits erwähnt von einem verwirrten Erstwandler aus. Sie verstecken sich vor der Bedrohung, als die sie alle neuen Eindrücke um sie herum wahrnehmen. Irgendwann, wenn das Adrenalin der Flucht abnimmt und sie sich sicher fühlen, werden sie wieder zu Menschen, weil sie zu schwach sind, um die Gestalt weiter aufrechtzuerhalten. Im Winter ist das ein Todesurteil, wenn sie keinen halbwegs warmen Ort aufgesucht haben, wie etwa eine heiße Quelle. Im Sommer haben sie gute Chancen zu überleben. In der Regel sind wir Stadtbewohner so gut genährt, dass wir auch Energie aus unseren Fettreserven ziehen können, um uns wieder zu verwandeln. Und unser Dinosaurier hier hat immerhin eine Nahrungsquelle gefunden: Den Proviant von Wanderern.«
»Müsste es dann nicht häufiger Berichte von erfrorenen Jugendlichen in den Wäldern geben?«, fragte Kena freiheraus.
»Die gibt es aus gutem Grund nicht – es würde das Thema im Bewusstsein der Bevölkerung präsenter machen und Mitgefühl hervorrufen. Das will man ganz bewusst mit einfachen Mitteln unterbinden. Unsere Gesellschaft baut darauf, unliebsame Themen weitestmöglich aus dem Alltag zu verdrängen, anstatt sie aufzuarbeiten. Vielleicht… haben die Eltern sogar deswegen keine Anzeige aufgegeben, weil sie froh sind, den Wandler los zu sein. Auch solche Fälle gibt es leider oft genug, Henry hat selbst welche in seinem Reservat. Oder jemand hat ihn in die Wildnis gejagt in der Hoffnung, dass er dort vor den Behörden sicher ist. So etwas gibt es in Kanada häufig; die Wandler werden zum großen Teil nie gefunden, weil das Land von Wildnis dominiert ist und Drachen mitunter über Monate, wenn nicht Jahre hinweg keinem Menschen begegnen. Sie sind ein Thema, für das unsere Gesellschaft lange Zeit nicht bereit war. Noch heute versuchen wir, sie auszurotten – weniger durch Jagden wie früher, sondern viel mehr durch Verdrängung an den Rand der Gesellschaft und systematisches Dezimieren. Sobald die Wissenschaft einen verlässlichen Pränataltest hat, um drachenblütige Embryonen zu erkennen, werden diese im großen Stil abgetrieben werden. Russland hat bereits solche Programme laufen, auch wenn sie nicht sicher sind. Problem gelöst. Die Menschheit hat schon immer alles ausgelöscht, was ihr nicht in den Kram passte.«
Kena wagte nichts darauf zu sagen, aber tatsächlich hatte sie den Gedankengang, dass das Problem damit doch tatsächlich gelöst wäre – niemand musste dann mehr in die Wälder flüchten, um dort zu erfrieren, und niemand musste sich mehr vor Drachen fürchten. Aber das behielt sie wohlweislich für sich, denn Ian hatte es mit solcher Abscheu ausgesprochen, dass er es ohne jeden Zweifel für etwas Schreckliches hielt. Und je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr verstand sie den Gedankengang, auch wenn sie seine Meinung nicht teilte: Er wollte nicht, dass die Gesellschaft etwas einfach so los wurde, das ihre Verantwortung war, und es beim nächsten Mal wieder tat, bis sie die in ihren Augen perfekte Bevölkerung geschaffen hatte – auf Kosten anderer. Auch dunkelhäutige Menschen wie sie wurden immerhin lange Zeit für weniger wert gehalten und diskriminiert, zum Teil heute noch. Aber Drachen waren doch was anderes – oder? Das war keine Diskriminierung, die Vorbehalte gab es aus gutem Grund. Oder?
Sie wollte in diesem Moment mit ihren Gedanken allein sein und entfernte sich ein Stück von Ian und Laetitia, um auf einem anderen Pfad weiterzusuchen. Der Wald war voller Gestrüpp und dichtem Unterholz, und sie kletterte langsam einen Hang hinunter. Dabei entdeckte sie plötzlich etwas, das ganz eindeutig nicht in einen Wald gehörte, und trat näher heran: Eine Konservendose! Der Aufdruck war kaum noch zu erkennen. Gleich daneben fand sie eine weitere mit dem verschmutzten Aufdruck von roten Bohnen. Sie alle lagen auf dem Boden unterhalb des Hangs. Hatten Wanderer sie weggeworfen oder waren das Nahrungsmittel, die der Drache erbeutet hatte? Sie setzte ihre Suche fort, entfernte sich dabei unbewusst immer weiter von den anderen – und dann brach sie plötzlich in den Boden ein.
Kena schrie auf, versuchte, ihr rechtes Bein zu befreien, und rutschte dabei komplett in die Tiefe. Sie fand sich nach kurzem Fall in einer Grube wieder, die vom vielen Gestrüpp verdeckt worden war und eine kleine Höhle bildete. Dort lag weiterer Müll: Leere Chipstüten, Marshmallowverpackungen, Erdnussbutterdosen und noch mehr offene Konserven.
»Kena!«, schrie Ian, doch es war Laetitia, die sie zuerst sah, als sie in das Loch hinabschaute.
»Hier ist sie! Bist du verletzt?«
»Nein, ich glaub nicht… aber hier unten ist alles voller Konservendosen!«
Laetitia beugte sich noch weiter vor. »Tatsächlich. Ian, ich glaube, das könnte das Lager unseres Drachen sein!«
»Eher nicht«, befand Ian nach einer kurzen Inspektion. »Die Dosen sind alle leer. Er hat sie wohl hier versteckt, damit sie ihn nicht verraten, und Tiere haben ein paar von ihnen nach draußen verteilt auf der Suche nach Resten. Aber hier ist er ganz bestimmt gewesen. Das sieht nicht wie ein Ratsplatz von Campern aus, so am Hang gelegen und unter Gestrüpp versteckt.«
Sie halfen Kena heraus und suchten die Umgebung ab, fanden aber keine weiteren Hinweise, und die vereinbarte Zeit verstrich ohne nennenswerten Fortschritt. Ian wirkte frustriert.
»Vielleicht wäre es klüger, ihm eine Falle zu stellen«, wagte sich Laetitia vor und fasste Kenas Gedanken damit in Worte: »Er kann sich hier überall verstecken und wir können nicht jeden Ort gleichzeitig absuchen.«
»In einer Falle ist er Wildtieren ausgeliefert, und anderen Menschen. Wir müssten sie ständig kontrollieren«, hielt Ian dagegen. »Vermutlich würden ohnehin eher Tiere hineinlaufen als ein Drache. Wir sollten morgen weitermachen. Ryou und Sajian sind mittlerweile sicher erschöpft.« Er nahm das Walkie-Talkie heraus und rief durch, doch niemand ging ran. Laetitia rutschte ihrem Gesicht nach das Herz in die Hose, während sie warteten.
»Was ist los?«, fragte sie alarmiert.
»Das weiß ich nicht«, antwortete Ian angespannt. »Irgendetwas stimmt nicht. Kommt.« Er lief los, und beide folgten ihm ohne zu zögern. Sie wurden langsamer, als sie nicht mehr konnten, und riefen abwechselnd nach Sajian und Ryou. Nichts rührte sich um sie herum.
Er blieb stehen, als das Walkie-Talkie reagierte. »Ryou? Sajian?« Seine Stimme zitterte.
»Alph –… Ian? Was ist passiert? Geht es den anderen gut?« Es war Sajians Stimme, und Ian und Laetitia atmeten hörbar auf.
»Warum bist du nicht rangegangen, als ich durchgerufen habe? Ich dachte, euch beiden wäre etwas zugestoßen!«, fragte er. Laetitia und Kena warfen ihm beide eingeschüchterte Blicke zu.
»Weißt du wie schwer es ist, so ein Walkie-Talkie mit Krallenhänden zu greifen? Ich musste mich erstmal zurückverwandeln, nachdem ich aus dem Kurzschlaf aufgeschreckt bin. Ryou schläft sogar tief und fest, hat sich da am Himmel wohl völlig verausgabt. Ich glaube, ich muss wieder Drachengestalt annehmen, um ihn zum Auto zu tragen.«
»Tu das, wir treffen uns dort ohne Umwege«, befahl er und ging weiter, Laetitia und Kena dabei völlig ignorierend. Laetitia schloss im Gehen zu ihm auf. »Ian? Du hast gerade ziemlich heftig reagiert.«
Er atmete tief durch. »Ich hatte für einen Moment Angst.«
»Im Reservat hattest du das nicht, obwohl Helen dort ist«, äußerte sie. »Und die Siedler, mit ihren Speeren.«
»Das sind Gefahren, die ich einschätzen kann. Menschen dort draußen sind ein schwer zu kalkulierendes Risiko. Ein Mensch kann einen Drachen schwer verletzen, das hat Henrys Beispiel sehr eindrücklich gezeigt. Seine Schützlinge waren nach dem Angriff an der Grenze des Überlebbaren angelangt, selbst für Drachen. Das will was heißen.«
»Was ist denn damals passiert?«, wollte Kena wissen und fing sich einen fassungslosen Blick von Laetitia ein, der sie schlucken ließ.
»Hast du die Nachrichten nicht gesehen? Es lief überall rauf und runter. Bewaffnete, anonyme Militärs haben im Auftrag eines korrupten Klinikvorstands zwei Drachen aus Mr. Gilfordts Reservat mit Schusswaffen angegriffen und schwer verletzt. Sie haben zwei Wagen, in denen blütige Kinder saßen, und einen Krankentransporter mit einem Arzt, einer Schwester und Mr. Gilfordt selbst in Brand gesteckt, um die Tat feuerspeienden Drachen anzuhängen. Einer der Reservatsbewohner aus dem Konvoi hat alles auf Video festgehalten und über Social Media verbreitet. Es hat zur Verhaftung des Vorstands und weiteren Ermittlungen geführt. Er hat alles initiiert, um seine illegalen Geschäfte mit Drachenorganen und -blut weiterzuführen und Zeugen loszuwerden.«
Kenas Gesicht entgleiste. »Ich schaue fast kein Fernsehen, ich habe nur davon gehört, dass Drachen und Militärs aneinandergeraten wären.«
»Menschen sind zu allen erdenklichen Gräueln fähig, einschließlich der Tötung von Kindern, die nur mit einem Drachenwandler verwandt sind«, sagte Ian ernst. »Und solcher, die das Pech haben, im gleichen Waisenhaus zu leben. Auch ein solches haben selbsternannte Drachentöter damals in Brand gesetzt und Jugendliche vergiftet, von denen sie glaubten, dass es Drachen oder ihre Verbündeten seien. Henrys Bruder, ein Wandler, starb durch so ein hinterhältiges Giftattentat, weil er in der Öffentlichkeit auftrat und Menschen über Drachen aufklärte.«
Kena spürte, wie sie bei der Vorstellung zu zittern begann, während sie weitergingen. Sie fanden Sajian tatsächlich beim Wagen vor, Ryou auf dem Rücken und die Flügel ungelenk abgespreizt, damit er nicht herunterfiel. Er legte sich auf den Boden, um ihn sachte heruntergleiten zu lassen. Ryou landete trotz seiner Bemühungen eher unsanft auf der Erde und stieß ein Brummen aus, ohne aber aufzuwachen.
»Na, der hat ja einen gesunden Schlaf«, bemerkte Laetitia verblüfft. Sajian verwandelte sich keuchend zurück und blieb vornübergebeugt sitzen.
»Und ist schwerer als er aussieht. Ich bin ehrlicherweise auch müde, aber nicht so wie er. Habt wenigstens ihr irgendwas entdeckt?«
»Eine Ansammlung Dosen, vermutlich hatte er hier ein Versteck, aber es war verlassen und ohne Vorräte. Notieren wir die Gebiete, die wir abgesucht haben, auf der Karte. Ich werde sie dann mit Henrys Suchgebiet vergleichen. Es wird dauern, aber ich bin mir sicher, wir finden ihn«, sagte Ian zuversichtlich.
Sie hoben Ryou in den Käfig auf der Ladefläche, dann stiegen sie ein und machten sich auf den Weg zurück.