LNCrawler

Ian

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Ian

Ian untersuchte Ryou nach ihrer Rückkehr ins Reservat gründlich, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung war. Er hatte trotz seiner Erschöpfung noch immer nicht in die Menschengestalt gewechselt und reagierte selbst auf Schmerzreize träge, ohne die Augen zu öffnen. Das zwang sie, ihn in Drachengestalt in seine Wohneinheit zu bringen und auf dem Boden liegend zuzudecken. Das war merkwürdig – normalerweise verwandelten sie sich zurück, sobald ihre Kraftreserven aufgebraucht waren und sie keinen Adrenalinschub erfuhren, der sie in dieser Gestalt hielt.

»Was könnte denn die Ursache dafür sein?«, fragte Sajian, der zusammen mit Laetitia an seiner Seite wachte und zusah, wie Ian sein Herz und seine Lungen mit dem Stethoskop abhörte sowie etwas Blut aus der Schwanzvene entnahm, was ihn kurz zucken ließ.

»Ich kann es nicht genau sagen. Hat er dort draußen vielleicht irgendetwas Merkwürdiges gefressen, Beeren? Oder Tabletten, die jemand weggeworfen hat?«

»Er hat zumindest nichts erwähnt, aber ich muss zugeben, die Kommunikation mit ihm war… schwierig. Er kann die Drachensprache besser und ich die Menschensprache. Ich musste ihm nochmal klarmachen, was ein Dinosaurier ist, damit ihm wieder einfällt, wonach wir eigentlich suchen.« Sajian dachte kurz nach, dann fuhr er plötzlich auf: »Doch, warte! Als er zurückkam und so erschöpft war meinte er noch beiläufig, er hätte einen Ball gefunden!«

»Einen Ball?«, fragte Ian. »Hat er mehr dazu gesagt?«

»Leider nicht. Ich dachte, ein Wandererkind hätte ihn verloren oder sowas.«

»Verstehe. Vielleicht ist er wirklich nur völlig erschöpft und nach all dem Training stabil genug in seiner Gestalt. Warten wir bis morgen. Ich bleibe heute bei ihm, nur zur Sicherheit. Geht in euer Paddock zurück und ruht euch aus«, erwiderte er, und Laetitia und Kena wandten sich beide ohne Widerworte zum Gehen, wobei erstere ein Gähnen nicht unterdrücken konnte.

Sajian wartete, bis sie allein waren, und sah Ian an. »Mir ist heute etwas an mir aufgefallen. Ich weiß nicht, ob es die ganze Zeit schon so war und ich es einfach nicht bemerkt habe, weil ich alles Neue an mir erst kennenlernen musste, oder ob es sich mit den Verwandlungen ausgebildet hat. Meine Vorderfüße sind seltsam. Wie Menschenhände mit Krallen. Ich habe sogar einen Daumen, den Ryou nicht hat. Es ist wohl gerade auch der falsche Zeitpunkt, dich das zu fragen, aber es hat mich nicht losgelassen, seit ich es bemerkt habe.«

»Kannst du es mir mal zeigen?«, fragte Ian, und Sajian entkleidete sich, um mit einiger Mühe noch einmal eine Verwandlung vorzunehmen; auch er war völlig erschöpft von den Anforderungen dieses Tages.

Ian besah sich seinen linken Vorderfuß genauer. Auf den ersten Blick wirkte er nicht ungewöhnlich, vielleicht etwas länger mit schlankeren Zehen und dünneren Krallen als üblich, aber der direkte Vergleich mit Ryou zeigte tatsächlich eine Zehe mehr – und diese war deutlich kürzer, mit nur zwei Gliedern und opponierbar, wie der Daumen bei Menschen. Er hätte es auf den ersten Blick für eine Art Sporn gehalten, aber tatsächlich konnte Sajian damit greifen.

»Das ist interessant«, sagte er und holte sein Handy heraus, um eine Bilderserie aufzurufen – sie stammten mehrheitlich aus Henrys Sammlung. Keiner seiner Drachen hatte einen fünften Finger. Ihre Zehenzahl schwankte regulär zwischen drei und vier: Alessia hatte drei Zehen, Mai-Ling vier, genau wie Ryou. Er ging die restlichen Bilder durch; alle anderen Drachen im Smoky-Reservat hatte ebenfalls nur drei Zehen. »Du scheinst tatsächlich eine Ausnahme zu sein. Das ist Ausdruck der genetischen Variabilität von Drachen. Vielleicht auch ein Atavismus, also ein Merkmal früherer Generationen, das bei dir erstmals wieder aufgetaucht ist. Man hat es dann und wann bei Vögeln, die Zähne in ihren Schnäbeln entwickeln, weil ihre Vorfahren noch welche hatten. Auch unter Menschen gibt es immer mal überzählige Finger und Zehen.«

Sajian verwandelte sich zurück und kleidete sich wieder an. »Ja, überzählige Finger, aber einen funktionierenden Daumen? Ist das nicht irgendwie… komisch?«

»Denk nicht zu viel darüber nach. Du solltest jetzt wirklich ins Bett gehen. Morgen haben wir wieder einen langen Tag vor uns, sofern du mich erneut begleiten willst.«

»Natürlich…«

Er ging davon, und Ian widmete sich der Übertragung seiner Arbeit, entdeckte dabei eine Mail von Henry in seinem Postfach.

Hallo,

einer meiner Drachen hat kürzlich etwas Seltsames auf seiner Suche entdeckt. Ich habe es erst nicht ernst genommen, weil Wanderer alles Mögliche und Unmögliche in die Wälder werfen, aber heute stieß er wieder auf eins. Sieh dir mal den Anhang an und sag mir, was du davon hältst.

Ian öffnete das verschickte Bild, das nervend lange brauchte, um zu laden: Es zeigte einen schmalen, zylinderförmigen Behälter von vielleicht einer Handlänge Größe, dessen umschließendes Glas zerbrochen war.

Lance hat dieses Ding entdeckt, als es noch unversehrt war. Er wollte es aufheben, wobei die Ummantelung sofort brüchig wurde und offenbar eine Substanz freisetzte, die ihn schläfrig machte. Er stieß noch einen letzten Warnruf aus, und als ich zu ihm kam war er wie narkotisiert. Ich habe den Behälter in ein Labor geschickt, zusammen mit einer Blutprobe von Lance, aber bislang noch keine Rückinfo erhalten. Lance geht es gut, er hat nur sehr tief geschlafen, seine Muskeln waren geringfügig relaxiert und er zeigte gedämpfte Reaktionen auf Schmerzreize. Nach dem Aufwachen sagte er, er hätte den Behälter mit dem Maul aufgenommen, als dieser plötzlich zerbrach. Dann hätte er einen angenehmen Geruch wahrgenommen und in seinem Kopf habe sich alles gedreht, während sein Herz zu rasen anfing. Das klingt für mich am Ehesten nach einem Narkosegas, womöglich ausgelegt durch Drachentöter. Der Behälter glitzerte, das übt eine ganz natürliche Anziehungskraft auf Drachen aus. Sei bitte vorsichtig und melde jede verdächtige Aktivität an die Behörden, es ist für Drachen gerade potenziell gefährlich da draußen. Ich fürchte, die Geschichte um den vermeintlichen Dinosaurier macht bereits die Runde und gerät auch an falsche Ohren.

Ian tippte sofort seine Antwort:

Ich habe hier gerade einen ganz ähnlichen Fall: Einer meiner Drachen schläft tief und fest und reagiert kaum auf Schmerzreize. Er war heute im Wald um mein Reservat unterwegs, und seine Begleitung sagte, er hätte einen Ball entdeckt. Die Kommunikation zwischen ihnen ist allerdings eher schlecht, und er ist erst geringfügig synchronisiert.

Er meldete den Vorfall den Behörden, während Ryou neben ihm mit ruhigen Atemzügen weiter schlummerte. Nichts an ihm wirkte besorgniserregend. Ian untersuchte ihn ein weiteres Mal, hörte Herz und Lunge ab, band den Sensor eines Pulsoximeters um eine Klaue, leuchtete in seine Pupillen, legte ihm ein Blutdruckmessgerät an und fühlte die Kehle, die bei Fieber heiß wurde. Alle Ergebnisse waren im grünen Bereich. Er schlug schließlich sein eigenes Nachtlager neben ihm auf, um sofort zu reagieren, wenn sich etwas veränderte.

Ian bemerkte nicht, wie er aus seinem Wachzustand in den Schlaf hinüberglitt, das beruhigende, tiefe Atemgeräusch des Drachen neben ihm.