Ryou
Ryou
Er wurde am nächsten Morgen vor Ian wach und streckte sich, bevor er aufstand, sich anzog und in die Küche ging – er hatte einen so gewaltigen Hunger, dass er ihn sich weder erklären noch ignorieren konnte, genau wie den Umstand, dass er neben Ian auf dem Boden geschlafen hatte. Ryou dachte nach, als sein dringendstes Bedürfnis gestillt war. Er musste in seiner Drachengestalt eingeschlafen sein, wie und warum auch immer. Seine Erinnerungen hatten an der betreffenden Stelle eine Lücke. Sie waren gestern zusammen in den Wäldern unterwegs, um dort etwas – oder jemanden – zu suchen. Ein… eine… einen… wer oder was war es?
Ian erwachte und setzte sich sofort auf. »Ich bin eingeschlafen.« Er klang fassungslos bei der Feststellung.
»Das ist noch gar nichts. Ich hab anscheinend die ganze Zeit nackt auf dem Boden gelegen. Neben dir«, sagte Ryou. »Was in aller Welt ist gestern passiert?«
»Ryou! Es geht dir gut, oh, ich bin so erleichtert! Erinnerst du dich an irgendetwas?«, fragte er.
»Ich glaube nicht«, sagte er frustriert. Seine Synchronisation war wohl doch noch nicht so fortgeschritten, wie er dachte.
»Nach unserer Suchaktion gestern im Wald haben wir dich bewusstlos aufgefunden. Du warst wie narkotisiert, vollkommen unerweckbar. Wir mussten dich in Drachengestalt aufs Auto laden und in die Wohneinheit tragen. Ich hab mir große Sorgen gemacht und bin die ganze Nacht über bei dir geblieben, um dich zu überwachen. Irgendwann im Lauf der Nacht hast du wohl in deine Menschengestalt gewechselt, weil die Wirkung nachließ.«
Er blinzelte verblüfft. Plötzlich kehrten Erinnerungsfetzen zu ihm zurück – er flog, fast wie in einem Traum, über einem grünen Blätterdach, den weiten blauen Himmel über ihm. Er hielt Ausschau nach einem… Dinosaurier, das war es! Dann landete er, weil er etwas entdeckt hatte, das im Sonnenlicht glitzerte und eine ungeheure Anziehung auf ihn ausübte. Es war ein Ball, dachte er, halb verdeckt im Laub. Bei seiner ungeschickten Landung aber zerstörte er ihn mit einem seiner Füße. »Ich… glaube, ich erinnere mich doch an etwas. Aber alles ist so verwaschen, als hätte ich es nur geträumt.«
Ian holte seinen Laptop heraus und schaltete ihn ein, um Ryou das Bild zu zeigen, das Henry gemacht hatte. Ryou weitete bei dem Anblick die Augen, als sich die Lücke in seinen Erinnerungen plötzlich schloss. »Oh, sowas ähnliches hab ich auch gesehen! Das Ding hat geglitzert und ich wollte es unbedingt haben, dachte, es wäre ein Ball wie der, mit dem wir gespielt haben. Es lag im Wald, halb vergraben und mit Laub bedeckt. Ich glaube, es ist kaputtgegangen, als ich landete und versehentlich draufgetreten bin. Dann bin ich zurück zu Sajian geflogen, und ich wurde schon während des Flugs sehr müde.« Er sah Ian an. »Was war das für ein Ding? Habe ich deswegen so tief geschlafen?«
»Möglicherweise. Henry hat weitere dieser Art in der Nähe seines Reservats entdeckt, immer im Wald versteckt, und Drachen, die es aufzuheben versuchten, zerbrachen es unabsichtlich, woraufhin sie in einen tiefen Schlaf versetzt wurden. Wir wissen nicht, wer es zu welchem Zweck auslegt. Hast du dort draußen irgendetwas Verdächtiges beobachtet? Jeder Hinweis kann uns helfen.«
»Ich glaube nicht«, erwiderte er unbehaglich. »Ich würde mich gern erinnern, aber es ist, als wollte ich Wasser zu etwas formen. Es entfließt mir immer wieder, und das nervt mich.«
»Ist schon gut. Wir müssen ab sofort allerhöchste Vorsicht walten lassen«, sagte Ian ernst. »Die Mission hat sich als unerwartet gefährlich erwiesen.«
»Dann gehen wir nicht mehr auf die Suche? Aber dieser Drache ist dort draußen, und er wird doch auch bedroht von demjenigen, der die Köder ausgelegt hat!«
»Ich weiß, aber es ist zu riskant, Drachen einzusetzen, wenn potentiell gefährliche Drachenköder dort draußen ausliegen. Ich werde allein gehen.«
»Ich weiß jetzt, dass das Ding gefährlich ist, und werde es nicht anrühren, versprochen!«, beharrte Ryou.
» Du solltest heute zur Beobachtung hierbleiben, dein Körper ist noch zu geschwächt. Ich werde mit den anderen sprechen, um eine Lösung zu finden.«
Das tat Ian wenig später in Sajians Paddock, zu dem auch Kena gekommen war. Sie wirkte wie am Vortag gedankenverloren und gar nicht bei der Sache, obwohl sie so wichtig war, fand Ryou. Das gefiel ihm nicht, und er sah, dass auch Laetitia ihr misstrauische Blicke zuwarf.
»Ich könnte versuchen, mit meinen Daumen eins der Dinger aufzuheben, oder es einfach in Menschengestalt tun«, sagte Sajian. »Ich werde es ganz bestimmt nicht kaputtmachen.«
»Das kommt nicht in Frage, ihr rührt keins davon an! Wenn ihr soetwas findet, dann meldet es mir sofort. Mir wäre es lieber, wenn keiner den Wagen verlässt«, sagte Ian prompt.
»Das ist doch übertrieben«, hielt Sajian dagegen. »Vom Wagen aus werden wir den Drachen nie finden – du hast selbst gesagt, dass er beim Geräusch des Motors sofort flüchtet.«
»Da ist leider was dran«, befand Laetitia. »Wir können meines Erachtens nach nur dann ein ausreichend großes Gebiet durchkämmen, wenn wir uns aufteilen und leise sind. Selbst dann ist die Wahrscheinlichkeit schon verschwindend gering.«
»Ich werde wirklich ganz vorsichtig sein und nichts anfassen«, versicherte Sajian nachdrücklich. »Aber wir müssen diesen Drachen finden. Er ist ganz allein da draußen und nun womöglich auch noch von Drachentötern bedroht, die ihn zu traditioneller Arznei verarbeiten wollen! Das darf einfach nicht passieren!«
Nun reagierte auch Kena, und sie sah schuldbewusst aus: »Ich will auch wieder helfen. Wir… müssen doch irgendetwas tun, oder? Ich meine, er hat nichts getan, um zu verdienen, dass man ihn jagt. Er hat niemanden angegriffen. Wir gehen einfach wieder in zwei Gruppen und bleiben dabei immer in Kontakt. Was soll uns da passieren? Jeder hat ein Walkie-Talkie und keiner fasst die Behälter an, wenn er sie findet.«
Ian schloss die Augen und seufzte, schwieg einen angespannten Moment lang. Dann sagte er: »Also schön, gehen wir.«