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Ian

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Ian

»Ian?«

»Hm?«

»…macht man aus Drachen wirklich traditionelle Arzneimittel?« Kena wirkte ausgesprochen angespannt, als sie das fragte. »Und werden wirklich Körperteile von Drachen auf dem Schwarzmarkt verkauft?«

»Ja, Kena. Es ist ein ziemliches Tabuthema, aber unser Staat billigt es, oder unternimmt zumindest nicht viel dagegen. Im Strafgesetz ist dieser Tatbestand noch nicht einmal als Mord aufgeführt. Entsprechend milde fallen die Strafen aus.« Er sah sie an, während sie gingen. »Glaub nicht, dass in einem Staat immer alles gerecht zugeht, Kena. Das ist eine Lektion, die selbst ich erst im Erwachsenenalter lernen musste, auf die harte Weise. Ich wurde dazu benutzt, Drachen zu ködern und sie auf Besonderheiten hin zu untersuchen, als ich noch Krankenhausarzt war. Man hat mich belogen und betrogen über die wahren Absichten des Vorstands, die Drachen auszubeuten anstatt sie zu erforschen. Bis heute glauben deshalb einige Leute, dass ich daran beteiligt war und mich an ihnen bereichert habe. Man kann Schuld ebenso wie Unschuld in vielen Fällen beweisen, aber das gilt nicht für Unwissenheit. Sajian ist genau deswegen unsicher, ob er mir vertrauen kann, und ich werde sein Vertrauen wohl auch nie gewinnen können. Damit muss ich leben. Der Vorstand, für den ich gearbeitet habe, hat meine Glaubwürdigkeit vielleicht für immer erschüttert. Das erfüllt mich mit Wut, fast so viel wie der Umstand, dass ich nichts von alldem auch nur geahnt habe. Ich komme mir so völlig naiv vor, die Zeichen nicht rechtzeitig erkannt zu haben. Fast hätte ich dafür gesorgt, dass Patienten menschlicher Habgier zum Opfer fallen.«

»Dann unternimmt also niemand etwas gegen diese Dinge, weil sie irgendjemandem Geld einbringen?«, fragte sie mit belegter Stimme.

»Ganz genau, und sie bringen nicht wenig Geld ein. Es funktioniert, weil Drachen in unserer Gesetzgebung weiterhin nicht als vollwertige Menschen anerkannt sind. Man beutet sie gewinnbringend aus und wird sie dadurch gleich los, eine Win-Win-Situation, durch die man sich nicht mit anderen, aufwendigen und unlukrativen Lösungen beschäftigen muss. Es wird im Schatten abgewickelt, damit es keine Aufstände von irgendwelchen Ethikkomissionen oder der Bevölkerung gibt, jetzt noch mehr, da sich eine Drachenrechtsbewegung etabliert hat. Staaten verstanden sich schon immer darauf, ihre insgeheimen Machenschaften zu vertuschen. Es ist hier gar nicht so anders wie in asiatischen Ländern. Auch dort werden Drachen massiv verfolgt und ausgerottet, wenn sie nicht dem gesellschaftlichen Ideal entsprechen. Der größte Unterschied zwischen Ost und West ist wohl, dass reinblütige Drachen in asiatischen Ländern so hoch angesehen sind, während wir hier alle Drachen als etwas Niederes ansehen.«

»Reinblütig bedeutet, dass sie nur andere Drachen in ihrem Stammbaum haben, richtig?«, fragte Kena nach.

»Nur Drachenwandler«, bestätigte Ian. »Es ist ein anderes gesellschaftliches Konzept. In China, Japan und Süd-Korea übernehmen nur Drachen die höchsten Regierungspositionen und zum Teil auch höhere staatliche Ämter, in anderen Ländern bin ich mir nicht sicher, da kenne ich mich zu wenig aus. Ihre Heiraten und Nachkommenszeugungen werden arrangiert. Sie dürfen sich nur mit anderen Drachen einlassen, deren Stammbäume penibel festgehalten werden von Experten auf dem Gebiet der Drachen-Genetik. In China geht es soweit, dass sie in der für die Normalbevölkerung Verbotenen Stadt leben, in Japan und Süd-Korea sind die Regeln etwas freizügiger. Drachen aus der Ferne oder am Himmel zu sehen ist dort kein alltäglicher, aber auch kein allzu ungewöhnlicher Anblick, während es in China zum Anlass genommen wird, ein Volksfest zu feiern. Es heißt, in allen drei Ländern kommt es immer wieder zu Nachkommen zwischen reinblütigen Drachen und Menschen, die dann… verschwinden müssen, entweder, indem sie flüchten und den Repressalien des Systems entkommen oder getötet werden.«

»Ich finde es eher verblüffend, dass reinblütige Drachen in diesen Ländern hoch angesehen sind und Regierungssitze einnehmen. Ich meine, sie sind hier wie Tiere, die in Reservaten gehalten werden müssen. Diese östlichen Drachen scheinen mir von Grund auf anders zu sein«, meinte Kena.

»Wir machen sie zu Tieren, weil wir den falschen Umgang mit ihnen pflegen und für normal befinden. Aber ja, einige Unterschiede gibt es tatsächlich: Östliche Drachen schaffen es deutlich schneller, ihre Gehirne zu synchronisieren, und sie sind in aller Regel geschickter in allem Feinmotorischen als ihre westlichen Verwandten. Außerdem können manche sprechen, wie du bei Sajian gesehen hast.« Er freute sich, dass sie mittlerweile so viel Interesse an Drachen zeigte und aus sich herauskam. Auf der anderen Seite aber sah er schon wieder die nächsten Probleme kommen. »Was sagt eigentlich Jared dazu, dass du hier bist?«

Sie wich ihm verdächtig aus. »Oh, ähm, nicht viel. Ich glaube er denkt, wenn ich Zeit mit Drachen verbringe, werde ich schon sehen, dass ich zu den Nichtwandlern gehöre.«

Ians Aufmerksamkeit wurde auf etwas anderes gelenkt: Leere Konserven lagen verstreut im Gestrüpp neben ihnen. »Das sieht nach einem weiteren Platz aus, an dem er sich aufgehalten hat. Bleib hier«, wies er sie an.

Er ging hinüber und inspizierte die Dosen – ein paar waren noch gefüllt. Zum ersten Mal stellte er sich die Frage, wie der Drache sie öffnete, denn sie hatten keine Lasche zum Aufziehen. Biss er sie auf? Das würde ihm Verletzungen zufügen, die er nur durch Rückverwandlung heilen konnte. Oder hatte er etwas dabei, um sie zu öffnen?

Er sah sich weiter um, als er ein leises Knacken wahrnahm – und da stand er ihm, halb verborgen hinter den überhängenden Wurzeln eines Baumes, plötzlich gegenüber: Einem asiatisch-stämmigen Jugendlichen, in etwa so alt wie Ryou, gekleidet in Hemd und lange Hosen. Sie starrten einander an, mit einem identischen Maß an Fassungslosigkeit, dann rief der Jugendliche: »Scheiße!«, und sprang auf.

»Hey, hey!« Ian hob die Handflächen, um ihn – oder sie? Er war sich nicht sicher – zu beruhigen. Der Jugendliche stolperte, ließ fallen, was er dabei hatte, verlor wichtige Sekunden, in denen Ian vorsprang und ihn zu fassen bekam.

Die Verwandlung setzte unmittelbar darauf ein und zerstörte dabei die Kleidung, die der Jugendliche an hatte. Er schüttelte Ian ab und nahm eine sehr denkwürdige Gestalt an, die ihn sofort verstehen ließ, warum den Behörden Dinosaurier-Sichtungen gemeldet wurden: Der Schädel war olivgrün, schmal und saurierhaft mit einem mächtigen Geweih, von dem jeweils drei Abzweigungen pro Seite abgingen. Der Rücken war von mehreren Reihen kleiner Höcker bedeckt, die zum Schwanz hin länger wurden. Er wirkte, als könne er sowohl zwei- als auch vierbeinig laufen, und die Augen waren von einem tiefen Rot. Zum Bauch hin wurde der Körper eher orangebraun, und Ian nahm verblüfft zur Kenntnis, dass die Farbgebung fast exakt die Farben des Waldes um sie herum wiederspiegelte.

»Ruhig! Wir wollen dir nur helfen!« Er griff in seine Tasche, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen, erkannte mit Faszination, dass sich die Schuppenfarben änderten: Zu einem dunklen, bedrohlichen Grauviolett, und die Kehle sowie die Flanken begannen sich leuchtend blauweiß zu verfärben. Er oder sie beherrscht Biolumineszenz, dachte er. Vermutlich zur Abschreckung. Das erste war eine Tarnfarbe, das ist eine Drohgebärde.

Der Drache knurrte aufgebracht, aber Ian wusste, dass er sich fürchtete, und nahm etwas von dem Trockenfleisch aus der Tasche. »Sieh mal, du hast bestimmt Hunger. Wir sind auf der Suche nach dir, um dich in Sicherheit zu bringen.« Er warf ihm ein Stück zu, doch der Drache ignorierte es. »Komm mit uns, dann bist du sicher vor denen, die dich jagen. Ich bin Vorsteher eines Drachenreservats und werde dich beschützen.«

Er wurde unterbrochen vom Klingeln seines Satellitentelefons, und in diesem Moment brüllte der Drache und erhob sich flügelschlagend in den Himmel, wobei seine Schuppen wieder die grünere Farbe annahmen, die ihn mit dem Blätterdach eins werden ließ. Laub, Zweige und Blätter umwirbelten Ian, der schützend die Arme vors Gesicht hob.

Kena und er rannten gemeinsam den Weg zurück, den sie gekommen waren, und Ian ignorierte vor Aufregung das Telefon. Das hier war wichtiger – sie mussten sofort die Verfolgung aufnehmen.

Sie stiegen in ihren Wagen und fuhren in die Richtung, in die der Drache verschwunden war. »Halt genau Ausschau, er kann sich tarnen, indem er seine Schuppenfarbe anpasst! So schnell kommt er nicht allzu weit.«

»Er? Das war doch ein Mädchen, oder?«, fragte Kena. »Von meiner Position sah es so aus, als hätte sie Brüste.«

»Dann eben sie, halt nach ihr Ausschau!«

»Warum sollte sie mit uns kommen, wenn wir sie finden? Sie wird wieder wegfliegen. Wir sind für sie nur eine weitere Bedrohung.«

»Nicht, wenn wir einen Betäubungsmittelkanister direkt auf sie werfen. Halte dich bereit, genau das zu tun, in die Nähe ihrer Schnauze.« Er raste durch den Wald, blickte sich um, war sicher, auf der richtigen Spur zu sein. Allerdings konnte der Drache die Richtung am Himmel problemlos geändert haben, und tatsächlich fanden sie die Jugendliche nicht wieder. Er hielt irgendwann an und schlug mit der Faust auf das Lenkrad. »Verdammt! Hätte ich nur kein Fleisch, sondern die Ampulle mit dem Betäubungsmittel herausgeholt!«

»Wir haben es versucht, vielleicht finden wir sie morgen wieder, immerhin haben wir sie ja jetzt auch entgegen aller Wahrscheinlichkeit gefunden«, versuchte Kena, ihm Mut zuzusprechen.

Er sah sie an, als plötzlich wieder das Satellitentelefon klingelte. »Wer will denn jetzt so dringend was?« Er nahm es heraus – eine unbekannte Nummer – und ging ran. »Ian McCord, Vorsteher im Shenandoah-Drachenreservat?«

»Ah, gut, dass ich Sie doch noch erreiche. Mein Name ist Sebastian Castleton, ich bin der Vater von Sajian Castleton. Mein Sohn wurde mit dem Verdacht auf die Drachenkrankheit bei Ihnen eingeliefert, und ich komme erst jetzt dazu, mich bei Ihnen zu melden. Ich bin beruflich stark eingespannt, aber Sie haben in der Zwischenzeit sicherlich gut auf ihn Acht gegeben.«

Ian wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Mit so einem Gespräch hatte er in diesem Moment am Wenigsten gerechnet und jetzt auch keine Nerven dafür. »Guten Tag. Das ist leider ein sehr schlechter Zeitpunkt, ich bin gerade beschäftigt. Hören Sie, erst einmal, Ihr Sohn ist ein Drachenwandler, das ist keine Krankheit. Wir können später über alles sprechen, was Sie bewegt.« Er erinnerte sich an die furchtbare Darbietung, die Sajians Mutter ihnen geboten hatte, als sie vor scheinbar so langer Zeit seine Sachen abholen wollten. In seinem Magen staute sich unweigerlich Wut an.

»Da gibt es nichts zu bereden. Ich möchte Ihnen lediglich mitteilen, dass ich meinen Sohn abholen komme. Nennen Sie mir einen Zeitpunkt für die Übergabe. Ich danke Ihnen für Ihre Mühen. Bevor Sie ablehnen, weil das natürlich Ihre gesetzliche Pflicht als Reservatsvorsteher ist: Mir wurde eine Ausnahmegenehmigung vom Senat erteilt. Ich werde Sie Ihnen umgehend zukommen lassen.«

Ian konnte nicht anders, als fassungslos zu blinzeln. »Bitte was? Es gibt keine Ausnahmegenehmigungen für Drachen, sie müssen ausnahmslos in einen Sperrdistrikt verbracht werden, so lauten die Gesetze in allen Bundesstaaten.«

»Oh, das wird er, aber in einen, den ich selbst ausgesucht habe: Ein privat geführtes Drachenreservat in British Columbia. Eine entsprechende Verbringungsbestätigung füge ich den Unterlagen bei, die Sie benötigen. Ich habe viel Geld dafür spielen lassen, meinen Sohn bestmöglich unterzubringen. Nicht, dass ich an Ihren Fähigkeiten zweifle, aber ich möchte ihn lieber an einem Ort wissen, wo die Dinge etwas anders laufen als in den herkömmlichen Reservaten, so wie andere Eltern ihre Kinder lieber an einer privaten Universität studieren lassen wollen. Wann ist er reisefertig? Nennen Sie mir ein Datum, ich werde Leute beauftragen, die ihn abholen und überführen.«

»Schicken Sie die Unterlagen bitte per E-Mail, auch einen Nachweis Ihrer eigenen Identität und Verwandtschaft zu Sajian, dann melde ich mich schnellstmöglich zurück.« Er gab die Adresse durch, dann verabschiedeten sie sich und er lehnte sich im Sitz zurück, völlig überfordert von dem, was er gerade gehört hatte.

»Wer war das?«, fragte Kena.

»Anscheinend Sajians Vater. Er will ihn in ein anderes Reservat überführen und scheint eine Genehmigung dafür erwirkt zu haben. Es liegt in British Columbia, mit der dortigen Rechtslage kenne ich mich zugegebenermaßen überhaupt nicht aus.« Er fuhr sich durchs Haar. »Sajian wird nicht damit einverstanden sein, und ich habe ihm versprochen, dass sein Vater hier keine Handhabe mehr über ihn hat. Von diesem Wort kann ich nicht zurücktreten und ihn einfach ausliefern. Aber wenn Mr. Castleton wirklich Papiere hat, die mich von Rechts wegen dazu zwingen, ihn auszuhändigen, weiß ich nicht, was ich tun soll.«

»Wir sollten auf jeden Fall erst einmal mit Sajian darüber sprechen. Fahren wir zurück?«, fragte sie.

»Unbedingt. Wir suchen morgen weiter. Sei so lieb und ruf sie über das Walkie-Talkie an.«

Kena versuchte es, doch niemand ging ran, weder Sajian noch Laetitia. »Vielleicht ist Sajian zum Drachen geworden und braucht wieder Zeit, um ranzugehen?«

»Laetitia sollte bei ihm sein«, erwiderte er mit einem Stein im Magen. Irgendetwas stimmte da nicht, wieder einmal. Er fuhr in die Richtung, in die sie davongegangen waren, fand jedoch auch nach einer Stunde der Suche und des Rufens keine Spur von ihnen. Panik ergriff ihn, doch er kämpfte sie entschieden nieder. Es war wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren. Ich hätte sie alle im Auto lassen sollen, so wie ich es eigentlich vor hatte, aber wieder einmal habe ich mich breitschlagen lassen!

Beide waren noch immer wie vom Erdboden verschluckt, als sie viel später als geplant notgedrungen den Rückzug ins Reservat antraten.

Hinter dem Tor schlug Ian mit der Hand gegen die Türverkleidung, ein Ausdruck seiner Hilflosigkeit. »Verdammt!«

»Was tun wir jetzt?«, fragte Kena verzweifelt.

»Ich weiß es nicht! Ich werde den Verlust zweier Mitglieder meines Reservats den Behörden melden müssen. Morgen suchen wir weiter nach ihnen allen.« Das war das reguläre Protokoll in so einem Falle – es würden vielleicht weitere Drachenfänger ausgeschickt werden, die für die Drachenbehörde arbeiteten und ihre Aufgabe manchmal eher schlecht als recht erledigten. Er konnte nur hoffen, dass sie fündig wurden, auch wenn er glaubte, dass sie längst in den Fängen derer waren, die die Fallen ausgelegt hatten. »Ich schätze, sie haben gegen meine Anweisung verstoßen, nichts Auffälliges anzufassen. Ich hätte niemals zulassen dürfen, dass sie allein suchen gehen. Das ist verdammt nochmal meine Schuld, ich hatte Verantwortung für die beiden!« Er stützte das Gesicht in die Handflächen.

»Dann haben Drachentöter sie?« Kenas Stimme zitterte.

Ian vermied es, sie anzusehen. »Geh zurück in deine Unterkunft. Ich muss telefonieren.« Er ging schnurstracks in seine eigene Behausung und schloss die Tür hinter sich, klappte den Laptop auf und schaltete ihn ein, während er das Satellitentelefon mit der nächsten Drachenbehörde verbinden ließ und den Vorfall schilderte. Die Dame am Telefon war erstaunlich verständig – er hatte mit einer Zurechtweisung gerechnet und diese mehr als verdient.

»Sie sind nicht der einzige, wenn ich das mal so offen sagen darf. Es gibt in Ihrer Gegend einige Berichte über verschwundene Erstwandler, die meisten verschwanden kurz vor ihrer Auslieferung in ein Reservat aus der elterlichen Obhut, was nicht weiter verwunderlich ist. Es kursieren nun einmal viele halbwahre bis falsche Berichte über die Reservate, die jungen Blütigen Glauben machen, das seien ganz furchtbare Orte, und sie zur Flucht anstiften. Leider gibt es auch immer wieder schwarze Schafe unter den Reservatsvorstehern, die sich mit unlauteren Mitteln die Taschen füllen und so die Gerüchte anheizen. Solche Ausreißer werden aber in der Regel schnell gefunden, weil sie keine hohen Energiereserven haben. Diese gewissen Vorfälle aber häufen sich seit ein paar Jahren. Es wird dabei immer wieder von seltsamen Containern berichtet, die zylinder- bis eierförmig sind und bei Kontakt eine Art Narkoseschlaf auslösen sollen. Einige haben schwarze Transporter ohne Nummernschild an abgelegenen Orten gesehen, immer in Zusammenhang mit dem Verschwinden. Und es betrifft ausschließlich Drachen mit östlichen Wurzeln. Da steckt ein System dahinter, wir tappen leider noch immer völlig im Dunkeln.«

Ian war verblüfft über die Offenheit, auch darüber, Besorgnis aus der Stimme dieser Fremden herauszuhören. Das brachte ihn dazu, weiterzusprechen: »Einer der beiden Vermissten hat tatsächlich östliche Wurzeln, die andere nicht. Sie ist nichtmal blütig. Vermutlich wurde sie mit entführt, weil sie zusammen waren. Ich mache mir große Sorgen, sie sind beide noch Jugendliche.«

»Ich verstehe, wir setzen ihre Namen mit auf die Liste und informieren Sie sofort, wenn wir mehr wissen.«

Er schluckte, bevor er die Frage der Fragen stellte: »Wurden denn schon Vermisste, die in dieses Schema fallen, wiedergefunden?«

»Nein«, war die erschütternde Antwort. »Bisher leider nicht. Aber wir gehen vom Positiven aus. Etwas anderes bleibt uns nicht. Und zumindest Drachentöter haben sich bisher nicht zu den Vorfällen bekannt.«

Das beruhigte ihn nicht, und als er auflegte hätte er am Liebsten seine gesamte Zimmereinrichtung gegen die nächste Wand geworfen. Stattdessen öffnete er sein E-Mail-Postfach und fand tatsächlich die Mail eines Mr. Castleton darin vor: Sajians Adoptionspapiere, eine Geburtsurkunde fehlte jedoch, dazu eine Kopie des Ausweises seines Vaters sowie die Aufnahmebestätigung des Kootenay-Reservats zum nächstmöglichen Zeitpunkt und ein Schreiben, das von offizieller Seite kam oder zumindest so wirkte, denn es trug die Kopfzeile der Vereinigten Staaten: Dass der Verbringung der genannten Person in genanntes Reservat stattgegeben wurde. Alles daran sah wasserfest aus, aber er würde es Henry schicken und seine Meinung dazu erfragen, zumal die Person, die überstellt werden sollte, aktuell ohnehin nicht greifbar war.

Nachdem er die Nachricht abgeschickt hatte durchsuchte er das Netz nach besagtem Kootenay-Reservat und fand tatsächlich einen Nationalpark in Alberta, das Reservat erstreckte sich jedoch bis British Columbia, wo sich der Vorstand befand. Es war ein Ort von rauer Wildnis mit tiefen Canyons, schneebedeckten Bergen, gewaltigen Wasserfällen, langen Flüssen und großen Wäldern, die auf den Bildern wie das perfekte Zuhause für Drachen wirkten. Zudem stieß man immer wieder auf heiße Quellen. Es gab eine reichhaltige Fauna mit Elchen, Dickhornschafen, Bergziegen und verschiedenen Hirscharten. Auf den ersten Blick wirkte es, als ob die Reservatsmitglieder ausgesucht wurden oder sich einkauften. Es würde ihn nicht verwundern, wenn die Nachfrage hoch war. Dieses Reservat wirkte paradiesisch, aber Sajians Anmeldung dort vorerst ohne Belang. Er musste den Eltern über seinen Verbleib Rede und Antwort stehen.

Henry rief ihn wenig später an. »Ian? Ich habe deine E-Mail gelesen. Laetitia und Sajian sind verschwunden? Was ist passiert?«

Er schloss die Augen. »Ja, heute während unserer Suchaktion. Wir haben uns getrennt, sie suchten in einer Richtung, ich mit noch jemandem in der anderen. Meine Begleitung und ich sind übrigens tatsächlich dem fraglichen Dinosaurier begegnet. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, etwa vierzehn, und die Schuppen der Drachengestalt konnten ihre Farbe ändern, von olivgrün über orangebraun bis zu einem düsteren Violett mit lumineszierenden blauen Stellen. Er oder sie ist asiatischstämmig, konnte uns aber entkommen, und wir haben erst hinterher festgestellt, dass weder Sajian noch Laetitia aufzufinden sind. Ich hatte ihnen im Vorfeld eingeschärft, sich in Acht zu nehmen und bei jedem Verdacht auf unlautere Vorgänge sofort durchzurufen. Ich habe ihr Verschwinden bereits gemeldet, aber die Dame von der Drachenbehörde meinte, dass das Verschwinden einige Drachenwandler beträfe, seit Jahren schon, und zwar ausschließlich östliche Phänotypen. Sie… würden zumeist vor ihrer Auslieferung in ein Reservat verschwinden und nicht wieder auftauchen.«

»Ian…« Henry sprach nicht weiter, aber Ian wusste, dass er ihm Vorhaltungen machte. Und sich vermutlich darin bestätigt sah, dass er nicht zum Vorsteher eines Drachenreservats taugte. Das schmerzte und verstärkte seine Wut auf sich selbst.

»Ich hätte sie nie mitnehmen dürfen«, sagte er gepresst.

»Du konntest nicht wissen, dass das passiert.« Zumindest klang er aufrichtig.

»Ich wusste, dass dort draußen Seltsames vor sich geht! Ich habe mich trotzdem von ihnen breitschlagen lassen, sie mitzunehmen!«

»Ich weiß so gut, wie du dich fühlst. Ich hatte mit meinen Drachen den Eindruck, egal was ich tue, es ist falsch und bringt sie gegen mich auf – wenn ich für sie Entscheidungen treffe und wenn ich sie selbst entscheiden lasse. Vorwürfe bringen niemandem etwas. In Nationalparks verschwinden schon seit Jahren immer mal Wanderer.«

»Sie waren noch so jung, Henry, zwei Kinder. Und jetzt haben womöglich Drachentöter sie.« Ihm kamen nun doch die Tränen, obwohl er sie eisern wegzublinzeln versuchte.

»Ich halte Ausschau, vielleicht sind sie entkommen und verstecken sich, oder es gibt Hinweise auf ihren Verbleib, irgendetwas.« Doch seiner Stimme war anzuhören, für wie aussichtslos er das Ganze hielt. »Du musst es den Eltern sagen. Sie müssen wissen, dass ihre Kinder verschollen sind.«

»Ich werde mit ihnen sprechen. Dieses Reservat in Kanada… was hältst du davon? Muss ich Sajian übergeben, sofern er wieder auftaucht?«

»Auf mich wirkt das Papier in der Tat hieb- und stichfest. Es ist möglich, Drachen in andere Reservate zu transferieren. Und Kanada hat zudem eine von Grund auf andere Rechtsprechung als die USA. Drachen können dort relativ frei untergebracht werden. Vorallem, wenn die Eltern über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügen.«

»Ich danke dir für deine Einschätzung.« Mehr blieb nicht zu sagen, und doch fügte Henry hinzu: »Es ist schwer, als Nichtdrache ein Alpha zu sein. Ich weiß, wovon ich spreche.«

»Danke.« Er legte auf, bevor er das Telefon an die Wand warf und schrie, die Faust auf den Tisch schlug und die zusammengekniffenen Augen öffnete, um festzustellen, dass sie noch weitaus schlimmer tränten. Zwei Kinder waren heute Nacht allein da draußen, und es war seine Schuld, was auch immer ihnen Furchtbares zugestoßen war und noch zustieß. Wie sollte er damit weiterleben können?