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Laetitia und Sajian

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Laetitia und Sajian

Als sie wieder zu sich kam bemerkte Laetitia als erstes, dass sie auf etwas Weichem lag. Sie tastete mit den Fingern herum, spürte ein nachgiebiges Polster unter ihr. War sie zurück in ihrer Wohneinheit? Sie öffnete die Augen, und als die Formen und Farben nach einem Moment an Schärfe gewannen erkannte sie, dass sie in einem Bett lag. Sajian fand sie nach kurzem Umsehen in einem zweiten Bett neben ihrem. Sie befanden sich in einem kahlen Raum mit nur einem Tisch, zwei Stühlen sowie einem schmalen Wandschrank aus Metall als Einrichtung. Laetitia versuchte sich krampfhaft daran zu erinnern, was passiert war. Sie hatten erneut zusammen mit Ian und Kena im Wald nach dem vermeintlichen Dinosaurier gesucht, und dann… dann… sie fuhr hoch, als es schlagartig zu ihr zurückkam. Oh, verdammt! »Sajian, wach auf!«

»Was…?« Er blinzelte verschlafen und hob den Kopf aus der Bauchlage. »Was ist passiert? Wo sind wir?«

»Wir waren im Wald auf Dinosaurierjagd! Und dann war da plötzlich dieses seltsame Ei. Ich weiß noch, dass du plötzlich umgekippt bist, obwohl wir das Ding nicht angerührt haben, und ich war völlig panisch, weil ich dich allein nicht in Sicherheit bringen konnte. Dann hatte ich auf einmal sowas wie einen Pfeil im Oberschenkel.« Die Stelle tat ihr noch jetzt weh, und sie rieb unweigerlich darüber.

Sajian setzte sich auf. »Jetzt wo du’s sagst, ich hab ein Stechen in der linken Schulter gespürt, bevor alles um mich herum schwarz wurde, aber da ist nichts mehr.« Er sah sich um. »Sieht nicht wie unser Paddock aus. Glaubst du, wir sind bei denen gelandet, die diese Fallen ausgelegt haben?« Er sah sie mit einem ähnlichen Maß an Furcht an, wie sie selbst in diesem Moment verspürte.

Sie stand auf und sah sich um, fand, dass Wechselkleidung im Wandschrank bereitlag. Um die Ecke gab es eine Toilette mit Dusche hinter einer Schiebetür. Die einzige andere Tür im Raum war fest verschlossen. Fenster gab es keine, nur einen schmalen Lüftungsschacht und einen Sehschlitz auf Augenhöhe in der Tür, der aber nur von draußen zurückgezogen werden konnte. »Hier gibt es Wechselkleidung und ein Bad. Wenn Drachentöter uns gefangen hätten, würden sie uns sowas doch nicht zur Verfügung stellen, oder? Sie hätten uns sicherlich in einen dunklen Lagerraum gesperrt, um uns kostensparend und schnell zu töten und…« Ihre Stimme brach während des Satzes, sie schluchzte und schlug die Hand dabei vor den Mund. Sajian stand auf und eilte zu ihr.

»Hey! Also dich würden sie unter Garantie nicht töten, immerhin bist du doch eine von ihnen. Sie würden dich ausbilden zum ersten weiblichen Drachentöter, vielleicht nennst du dich Jäger-Girl oder gibst dir einen anderen coolen Namen und verdienst dir eine goldene Kloschüssel allein mit meinen Schuppen, Krallen und Zähnen, sodass du mich verschonst und ich weiter als Lieferant dafür diene. Dann wären alle anderen Drachen auf der Welt auch sicher und sämtliche Probleme gelöst.«

Sie stieß ihn gegen die Brust und lachte, obwohl sie es nicht wollte. »Du bist so ein Idiot!«

»Aber wenigstens sehe ich gut dabei aus, als Mensch und Drache.« Er verstummte, als von draußen plötzlich Schritte zu hören waren. Laetitia wich zurück, dann zog jemand den Sichtschutz auf. Ein Auge erschien im Sehschlitz, das Laetitia die Nackenhaare aufstellte: Die Iris war hellblau, fast weiß, umgeben von einer erschreckend blassen Haut. Sein Besitzer blickte beinahe psychotisch drein, so, wie Laetitia sich das Auge eines fanatischen Drachentöters vorstellte.

»Ah, unsere schlafenden Schönheiten sind erwacht«, sagte eine männliche Stimme mit kruder Belustigung.

»Wo sind wir hier?«, fragte Laetitia wütend, obwohl ihr die Angst unweigerlich in die Knochen kroch und sich dort festkrallte.

»Oh, richtig, ihr habt ja die ganze Fahrt hierher verschlafen. Dann ist die Überraschung ja umso größer.« Ein kehliges Lachen war zu hören. »Also, kommen wir doch gleich zum ersten Punkt auf der Tagesordnung: Ich bin euer neuer bester Freund und ihr tut, was ich euch sage, verstanden?«

»Komm hier rein und ich reiß dich in Stücke«, fauchte Laetitia, die plötzlich ein Beben in der Brust spürte, als wolle ihr Herz zerspringen. War das normal? Sowas hatte sie noch nie zuvor zuvor gefühlt, nichtmal in der schlimmsten Aufregung vor Klausuren – allerdings war sie auch noch niemals so aufgeregt gewesen wie jetzt gerade.

»Wie mutig. Dann stell mal deinen Mut auf die Probe, wenn ich reinkomme.«

»Lass den Blödsinn!« Eine andere, ebenfalls männliche Stimme ertönte von draußen. »Du riechst genauso gut wie ich, dass sie völlig verängstigt sind. Verpiss dich!« Der Schlitz wurde zugeschoben, dann hörten sie, wie ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde, und die Tür schwang nach innen auf.

Laetitia und Sajian stolperten nach hinten – zu ihrer maßlosen Überraschung trat nicht nur ein großgewachsener, breitschultriger junger Erwachsener in ihr Zimmer, der eindeutig asiatische Wurzeln hatte, sondern auch ein Drache. Er hatte ein weit verzweigtes Geweih auf dem Schädel, das sich zu seinen langen, schmalen Kiefern hinunterbog. Sein eines Auge war schwarz, das andere weißblau – es war eindeutig das, das sie im Schlitz gesehen hatte. Sein Körper war von porzellanem Weiß mit schwarzen und roten Flecken, was beinahe an einen Koikarpfen erinnerte. Die Beine wirkten eher kurz und gedrungen, sodass sich der Körper nah am Boden bewegte und durch die Tür passte.

»Mein Name ist Jake, das ist Hiroki. Ich bedaure das Ungemach, das er euch bereitet hat.« Jake warf dem Drachen einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Du bist wirklich reizend wenn du wütend bist«, sagte der Drache in völlig klaren Worten.

»Halt dein Maul«, knurrte Jake.

»Könnt ihr mir nochmal verzeihen?« Hiroki drehte sich auf den Rücken und zog die Beine an, wohl, um unschuldig auszusehen.

»Wo sind wir? Was ist hier los?«, wollte Sajian wissen, während Laetitia sich dankbar sammelte. Ihr Herzrasen beruhigte sich nur langsam und ließ ihr schwindelig werden.

»Auch, wenn ihr es nach der Darbietung wohl nicht mehr ohne Weiteres glaubt: Ihr seid am einzig sicheren Ort in diesem Teil der Welt für Shé-Drachen. Verzeiht uns die Entführung, vorallem du. Wir konnten dich nicht ganz allein im Wald zurücklassen«, sagte er an Laetitia gerichtet. »Wie heißt ihr?«

»Ich bin Sajian, und das ist Laetitia«, sagte Sajian.

Jake setzte sich auf einen der beiden Stühle im Raum und drehte ihn so, dass er beide ansehen und sich dabei auf der Lehne abstützen konnte. »Wir waren eigentlich auf der Suche nach einem anderen Shé-Drachen, der in dem Gebiet gesichtet wurde, stattdessen seid ihr uns in eine unserer vorbereiteten Betäubungsfallen gegangen. Wir haben sie gut versteckt an verschiedenen Orten ausgelegt und bringen die Drachen, die sie auslösen, hier her, um sie zu schützen.«

»Shé-Drachen?«, fragte Laetitia. »Ich habe von diesem Begriff gehört. Er bezeichnet asiatische Drachen, die aus Mischverbindungen zwischen reinblütigen Long und Menschen entstanden sind.«

»Exakt. Wir bevorzugen hier die Filialgenerationsbezeichnungen, um die Shé genauer einzuordnen. Filialgeneration 1, kurz F1, bezeichnet diejenigen Shé, die zu 50% Drachen- und zu 50% Menschenanteile besitzen, also direkte Nachkommen eines Long und eines Menschen sind. Wenn diese Shé wiederum Nachkommen mit Menschen zeugen, sind es nur noch 25% Drachengene und damit gehören sie zur F2-Generation. So geht es immer weiter, bis zur F5 mit etwa 3% Drachenanteil. F1-Shé werden in asiatischen Ländern für viel Geld ins Ausland verkauft, vorallem die USA. Sajian ist zweifellos ein F1-Shé. Sie können immer Drachengestalt annehmen und bilden ein Geweih aus, das durchzogen ist von weichem Gewebe und einem wertvollen Liquor, der sich auch im Rückenmarkskanal findet. Aus diesem wird Cerebrosinx gewonnen – ein einzigartiger Stoff, der für das lange Leben, das Wachstum und die Resistenz der asiatischen Drachen gegenüber Alterszeichen verantwortlich ist. Er sorgt auch für Geweberegeneration und verminderte Alterung bei Nichtdrachen. Und jetzt darfst du eins und eins zusammenzählen.«

Es war Hiroki, der sich wieder auf den Bauch zurückrollte und sagte: »Die Pharmaindustrie will dein Gehirn, Geweih und Rückenmark, um daraus Anti-Aging-Pillen herzustellen. In hübschen, orangefarbenen Kapseln, einmal täglich unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen. Außer, du bist schon alt und runzlig, dann frisst du besser gleich die ganze Packung, für die ein Drache sein Leben gelassen hat. Ohne Hirn lebt es sich schlecht, sogar ohne Geweih ist es unangenehm. Wenn man es absägt, um an das Innere zu kommen, bist du hinterher nur noch ein totes Stück Fleisch und das Geweih kommt leider auch nicht wieder.«

»So ist es«, bestätigte Jake. »Das Geweih kann ein Drache nicht regenerieren, und es hinterlässt schwere kognitive Defizite, weil es ein Teil ihres zentralen Nervensystems ist. F2-Shé besitzen nur noch in etwa 70% der Fälle ein Geweih, aber es ist massives Keratin, enthält also keinen Liquor und keine Gewebeanteile mehr. Ihr Gehirn enthält den Stoff NJH1, aus dem Cerebrosinx gemacht wird, erstaunlicherweise ebenfalls nicht mehr in nennenswerten Mengen. Sie und alle nachkommenden Generationen sind für diese Zwecke also völlig wertlos«, führte Jake weiter aus.

»Und warum glaubt ihr, dass Sajian so ein F1-Drache mit diesem Stoff im Körper ist?«, fragte Laetitia, die völlig überfordert war von dem, was sie gerade erfuhr.

»Mooooment…!«, warf Sajian dazwischen. »Heißt das, ich wurde eurer Meinung nach als F1 gezeugt und in die USA verkauft, damit ich… ein Anti-Aging-Produkt werde? Aber ich wurde adoptiert! Ich habe Eltern, die viel in meine Zukunft investiert haben, ich sollte auf eine Universität gehen und immer beste Noten schreiben! Warum das alles?«

»So war es bei mir auch«, erwiderte Jake kühl. »Und bei Hiroki. Wir wurden beide adoptiert von reichen amerikanischen Familien. Meine Eltern… brachten es schlussendlich aber doch nicht über sich, es zu tun, als die Zeit gekommen war. Sie versteckten mich, als sie merkten, dass sie aus der Sache nicht mehr herauskamen. Alle Beteiligten wollten ihr Geld – die Ärzte, die Pharmazeuten, jeder – bis auf meine Eltern, die im Laufe der Jahre unerwartet elterliche Gefühle für mich entwickelt haben. Ich konnte fliehen, mit ihrer Hilfe. So kam ich hier her.«

Hiroki sagte: »Meine Eltern haben mich bereitwillig auf den Tisch gelegt, nachdem sie mir erklärten, ich brauche eine Operation, die mein Leben rettet. Der Operateur selbst hat mich eingepackt und mitgenommen. Hat es wohl irgendwie auch nicht über sich gebracht, ein Kind zu töten.« Er klang völlig unbeteiligt, während er das sagte.

»Es ist eine gute Tarnung – Schüler mit besten Noten gehen irgendwann auf beste Universitäten, und niemand fragt mehr nach, ob sie auch wirklich dort angekommen sind. Durch stetige Nachhilfe verschwinden sie praktischerweise auch gleich aus der eigenen Wahrnehmung und man bindet sich nicht zu sehr an sie«, fügte Jake hinzu. »Was sind schon ein paar Privatstunden für gut betuchte Leute?«

Laetitia schluckte, wurde leichenblass.

»Um deine Frage zu beantworten, Laetitia: Sajian hat ein Geweih und fünf Klauen an den Füßen. Letzteres haben nur Long und F1-Shé«, sagte Hiroki und streckte seine beiden Vorderfüße hoch – jeder von ihnen hatte eine gut sichtbare, opponierfähige Daumenkralle neben vier filigranen Fingern. »Es ist das Zeichen der Göttlichkeit. Drachen mit fünf Zehen ohne Zustimmung des Ministeriums auf Kleidung darzustellen und an die gewöhnlichen Leute zu verkaufen, ist in China bis heute ein Verbrechen, das mit dem Tod bestraft wird.«

»Warum werden die Drachen getötet, statt das Zeug von lebenden zu gewinnen?«, fragte Laetitia ganz pragmatisch, die nicht bemerkte, wie Sajian völlig fassungslos auf Hirokis Vorderfüße starrte.

»Weil es nicht sehr ergiebig ist. Man kann nur sehr kleine Mengen des Liquors und kein Gewebe entnehmen. Auf diese Weise lassen sich nur Nullkommabereiche gewinnen, zu wenig für den großen Markt. Es sei denn, man hat genug Spender beisammen. Das ist unser großes Ziel. Daraus finanziert sich diese Einrichtung – und mit Blut sowie anderem regenerierbaren Gewebe«, erklärte Jake.

»Dann seid ihr also nur weitere Ausbeuter, die Gewinne aus Drachen schlagen«, befand Laetitia ungnädig.

»Wir finanzieren damit unser Leben in einer Welt, die in uns nur Produkte sieht. Ich studiere selbst Drachenmedizin – Hiroki Pharmazie, wenn er sich dem mal ernsthaft widmet«, erwiderte Jake ruhig. »Das ist ein deutlich besseres Los, als zur Leiche gemacht zu werden.«

Sajian starrte noch immer vor sich hin. »Das ist nicht wahr… das ist einfach nicht wahr! Ich habe mich noch gewundert über meine Hände, die anders als die von anderen Drachen sind. Ich habe also wirklich ein Long-Elternteil? Aber meine Adoptiveltern, sie… sie sind ganz normale Leute, haben mich zur Schule geschickt, meine Mutter studiert, mein Vater arbeitet, und…«

»Wir können über deine Eltern recherchieren«, schlug Jake vor. »Dann lässt sich eine genauere Einordnung vornehmen. Aber ein F1 bist du ohne jeden Zweifel. Kein F1 wird nicht gewinnbringend verschachert, egal aus welchem Land du ursprünglich kommst. Bei deiner Erscheinung tippe ich auf Japan. Die dortigen Drachen sind farblich meist in Weiß-, Rot-, Gold- oder Schwarztönen gehalten mit stilvollen Akzenten, einer charakteristisch langen, schmalen Schädelform mit vielen Anhängseln und vergleichsweise kurzer Beinlänge. Chinesische Drachen sind dagegen knallbunt und langgestreckt mit längeren Beinen und Flügeln. Koreanische Drachen sind klein, gedrungen und ein- bis zweifarbig. Diese Länder stellen den Großteil der illegalen Verkäufe. Hiroki ist japanischstämmig, ich bin chinesisch.«

»Was passiert jetzt mit uns?«, fragte Laetitia, denn Sajian reagierte nicht.

»Wir werden Sajian bei uns behalten. Dann kann er uns unterstützen, aber wir werden es nicht von ihm verlangen, sondern ihn nur darum anbetteln. Noch sind wir nicht genug, um den Bedarf zu decken«, antwortete Jake. »Ein Verlassen der Einrichtung ist zu gefährlich für ihn als F1-Shé, und du, Laetitia, könntest uns verraten.«

»Ich bin kein Drache und war nur für eine Schülerarbeit im Reservat«, hielt sie dagegen. »Wir müssen beide zurück in unser Reservat, unser Vorsteher wird sich große Sorgen machen, und meine Mutter erst!«, erwiderte Laetitia, in deren Magen sich ein Abgrund auftat.

»Niemand verlässt diesen Ort, zu eurer und unserer Sicherheit. Jetzt macht es euch bequem, bald wird einer unserer Ärzte nach euch sehen.« Damit verließen sie beide den Raum, ohne sich noch einmal nach ihnen umzudrehen.