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Esra und Schützlinge

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Esra und Schützlinge

Laetitia blieb allein mit Sajian zurück und wartete darauf, dass er wieder aus sich herauskam. Doch das tat er nicht. Er lag angespannt auf dem Bett, beide Knie angezogen und mit den Armen umklammert, den Blick an die kahle Wand gerichtet, als wäre er gedanklich weit weg. Sie setzte sich zu ihm und breitete die Decke über ihm aus, auch wenn es nicht wirklich kalt war. Tatsächlich rührte er sich daraufhin, schmiegte sich tiefer hinein. »Danke.« Seine Stimme war nur ein Flüstern.

»Sajian…« Sie hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen, wusste aber nicht, was man in so einer Situation sagte. Für solche Situationen gab es keine Handlungsanweisungen.

»Glaubst du, es ist wahr? Mit meinen Eltern, meine ich?«, fragte er dann nach einem Moment.

Laetitia wollte ein solches Gespräch um nichts in der Welt führen, aber gleichzeitig war sie über alle Maßen erleichtert darüber, dass er wieder mehr Lebenszeichen von sich gab. »Ich weiß es nicht, Sajian«, sagte sie wahrheitsgemäß. »Wenn du so ein F1-Drache bist und deine Adoptiveltern wirklich so reich sind, dann ist es vielleicht wirklich so, wie Jake gesagt hat. Zumindest deine Mutter schien es nicht stark zu treffen, dich zu verlieren. Sie klang uns gegenüber ganz geschäftsmäßig. Aber ich wäre trotzdem nie auf so eine… Idee gekommen. Hör mal«, merkte sie dann auf, »vielleicht haben Jake und Hiroki auch einfach gelogen. Ich meine, wir kennen die beiden überhaupt nicht, wissen nicht einmal, wo wir hier wirklich sind. Das könnte ein Manipulationsversuch gewesen sein und in Wahrheit sind sie…« Drachentöter, dachte sie, ohne es aber auszusprechen, denn es hätte sich völlig abstrus angehört, wie sie in dem Moment feststellte. Hiroki war selbst ein Drache. Drachentöter wurden doch nicht von Drachen unterstützt, oder? Ian hatte ihnen erzählt, dass sie sogar Menschen töteten, die ihnen zu drachenfreundlich gesinnt waren.

Sajian seufzte und schüttelte den Kopf. »Ich kann… nein, ich will das nicht glauben. Ja, meine Eltern und ich haben unsere Differenzen gehabt, sie hatten kaum noch Zeit für mich, seit ich kein Kind mehr bin, aber die Zeit davor waren sie irgendwie doch… gute Eltern. Denke ich. Sie haben mit mir Zeit verbracht, mir Spielzeug gekauft, sich um mich gekümmert. Dinge, die Eltern eben so tun. Ich war genervt von ihren wachsenden Anforderungen an mich wie vermutlich jeder Jugendliche. Aber wer erwartet denn ernsthaft, dass die eigenen Eltern vorhaben, ihr Kind zu töten, und dann auch noch, um Geld damit zu machen? Ich weiß nicht, was ich noch glauben soll… in meinem Kopf ist alles so durcheinander wie noch nie zuvor. Der Gedanke, dass es mein Leben gerettet hat, zu Ian ins Reservat gebracht zu werden, während die ganze Zeit ein Schwert über meinem Kopf schwebte, ist so unfassbar surreal. Und ich dachte noch, ich wische meinem Alten eins aus.« Er begann zu schluchzen.

Sie rückte näher an ihn heran, wollte die Arme um ihn herum legen, als es plötzlich an der Tür klopfte. Sajian richtete sich ruckartig auf, die Decke schützend um sich herum geschlungen, und warf Laetitia einen bangen Blick zu. »Darf ich reinkommen?« Es war eine weibliche Stimme, die von draußen ertönte.

Sie sahen einander an, ein Moment der stillen Übereinkunft, dann sagte Laetitia: »Kommen Sie herein.«

Es war eine schlanke junge Frau, die ihnen beim Eintreten ein beruhigendes Lächeln schenkte. »Hallo ihr beiden. Ich bin Esra, einer der Ärzte hier und auf Drachen spezialisiert. Ich will sicherstellen, dass es euch gut geht und Sajians Klassifizierung vornehmen.« Sie nahm auf einem Stuhl Platz.

»Klassifizierung?«, fragte er hörbar beunruhigt.

»Nur eine Beschreibung deiner äußeren Merkmale, nichts, wovor du dich fürchten müsstest. Ich weiß, das ist gerade alles sehr viel für euch, und du kannst mir jede Frage stellen, deren Antwort dich interessiert. Es ist wichtig, dass du verstehst, was hier mit dir passiert und warum.«

Er zögerte. »Kann ich zurück in mein Reservat? Das ist gerade die einzige Frage, die mich interessiert.«

»Ich fürchte, das ist zu gefährlich, für dich und uns gleichermaßen. Wir können niemandem außerhalb unserer Organisation vertrauen«, sagte Esra mit ehrlichem Bedauern.

»Die da wäre?«

»Wir haben keinen offiziellen Namen; nach außen hin verkörpern wir ein pharmazeutisches Unternehmen mit dem Namen BioSynTechs, das vorallem Produkte aus draco-menschlichen Blutbestandteilen herstellt, aber auch pflanzliche und synthetische Medikamente. Unser Vorsitzender ist Kenji Watanabe, aber das ist nicht sein richtiger Name. Auch dies dient der Sicherheit.«

»Woher wissen wir, dass dieser Kenji Watanabe vertrauenswürdig ist? Vielleicht nutzt er uns auch nur aus, um sich selbst zu bereichern«, sagte Sajian unversöhnlich.

»Als Drache kannst du Lügen riechen.«

Er ging nicht darauf ein. »Lassen Sie wenigstens Laetitia zurückgehen, sie ist nichtmal ein Drache und muss wieder Nachhause«, beschwor er sie. »Sie hat keine Bedeutung für euch.«

»Ist das wahr?«, fragte Esra sie. »Aus welchem Reservat kommt ihr?«

»Shenandoah. Ian McCord ist der Vorsteher, und er wirkte sehr vertrauenswürdig auf mich«, erklärte sie.

Esras Gesicht glättete sich plötzlich. »Ian McCord? Ihr wart unter seinen Fittichen?«

»Ja?«, fragten sie beide gleichzeitig, unsicher, worauf das gerade hinauslief. Bevor sie eine Erklärung dazu abgegeben hatte stand Esra jedoch auf und eilte zurück nach draußen mit den Worten »Ich muss kurz weg. Bin gleich zurück.«

Das konnte nicht wahr sein. Esra ging zurück in ihr Büro, schloss die Tür und setzte sich an den Schreibtisch. Was sollte sie jetzt tun? Sie durfte ihn nicht anrufen. Kenji würde sie dafür einen Kopf kürzer machen, er war schlimmer als ein Kultist, wenn es um die Leute außerhalb des Kults ging. Aber Ian würde vor Sorge um seine Schützlinge vergehen nach allem, was er durchgemacht hatte, und vor Selbstvorwürfen. Konnte sie das zulassen? Sie war allein in ihrem Büro. Diese Gelegenheit musste sie nutzen.

Sie saß für mehrere Minuten einfach nur da, horchte, ob jemand in der Nähe war, dann nahm sie ihr Handy heraus. Sie hatte Ians Nummer noch immer im Adressbuch abgespeichert, auch wenn sie seit der Sache im Krankenhaus nicht mehr miteinander gesprochen hatten. Sie wählte das Rufsymbol und wartete. Es klingelte lange.

»McCord, Shenandoah-Drachenreservat?«, meldete sich seine Stimme am anderen Ende der Leitung und klang belegt, als stünde ihm nach allem der Sinn, nur nicht nach diesem Telefonat.

»Ian? Bist du es? Hör zu, hier ist Esra, dein Assistenzarzt von damals, vielleicht erinnerst du dich?« Sie brach nervös ab. Was tat sie hier gerade?

»Esra?« Er klang völlig fassungslos. »Du hast meine Nummer noch? Wieso? Ich meine, wie geht es dir, es ist schön, dich zu sprechen, ich bin nur gerade sehr beschäftigt…«

»Ian, hör mir jetzt genau zu! Ich kann nicht lange mit dir reden, aber es ist wichtig! Deine beiden Schützlinge, Sajian und Laetitia, sind bei mir und in Sicherheit. Bitte, mach dir keine Gedanken und vorallem keine Vorwürfe! Es geht ihnen beiden gut!«

Schweigen herrschte daraufhin. »Was…? Du weißt…? Was in aller Welt…?«

»Ian, ich kann dir nicht viel mehr als das sagen, außer vielleicht, dass ich nach einem Weg suche, dir das Mädchen zurückzubringen. Sie ist kein Drache, behaupten sie beide. Ich vertraue dir bei ihr, und jetzt musst du mir bei dem Jungen vertrauen. Er muss bei uns bleiben. Das ist unverhandelbar.« Sie versuchte, ihre Stimme so fest wie möglich klingen zu lassen, obwohl sie furchtbar nervös war.

»Uns? Esra, was ist hier los? Für wen arbeitest du?«, wollte er wissen.

»Bitte, vertrau mir. Ich habe schon zu viel gesagt.« Damit legte sie auf und sank im Drehstuhl zusammen, nur um einen Moment später wieder aufrecht zu sitzen – jemand hatte an ihre Tür geklopft.

»Esra?«

Sie atmete innerlich auf, als sie die Stimme erkannte. »Lao, komm rein.« Der Mann, der den Raum betrat, war schlank, groß und eindeutig asiatischstämmig. Er war der am meisten nach Drachenwandler aussehende Mensch, den sie je gesehen hatte – aber ausgerechnet er war kein Wandler und hatte auch keine Drachen in der Verwandtschaft. »Solltest du nicht bei unseren beiden Neuzugängen sein?«

»Oh, verdammt. Ich habe über dem Papierkram die Zeit ganz vergessen, ich gehe sofort!« Damit stand sie auf und schickte sich an, an ihm vorbeizueilen. Er hielt sie jedoch am Arm zurück. Ihr Herz schlug sofort bis zum Hals. Hatte er etwas von dem Telefonat mitbekommen?

»Soll ich mich darum kümmern? Ich weiß, dass du stark eingespannt bist. Du wirkst überarbeitet.« Er klang fürsorglich, und das beruhigte sie sofort. Diese Seite von ihm mochte sie sehr. Noch dazu fand sie ihn attraktiv mit seinem langen, glatten, schwarzen Haar, den hellen Augen und dem Drachentattoo auf der Schulter. Aber es wäre vollkommen ungehörig, mit ihm anzubandeln nach allem, was er durchgemacht hatte.

»Nein, nein, alles in Ordnung. Danke, Lao.«

»Sag Bescheid, wenn du mich brauchst.«

Sie atmete tief durch, bevor sie das Zimmer von Sajian und Laetitia erneut betrat. Sajian sah unsicher zu ihr auf, und Laetitia neben ihm war sichtlich alarmiert.

»Woher kennen Sie Ian?«, wollte sie wissen.

Esra dämpfte ihre Stimme. »Nicht so laut! Wir sind alte Arbeitskollegen, ich war sein Assistenzarzt, damals, im Krankenhaus. Ich habe das Drama um ihn miterlebt, und ich bin bis heute von seiner Unschuld überzeugt. Er hat keine Unwissenheit vorgespielt, sondern war wirklich unwissend. Und er ist ohnehin ein furchtbarer Lügner. Er hatte nichts mit den Machenschaften des Klinikvorstands zu tun. Aber Dr. Watanabe wird ihm nicht glauben. Er wird nicht zulassen, dass ihr zu ihm zurückgeht, weil er fürchtet, euch damit ans Messer zu liefern. Oder uns alle.«

Sajian wickelte sich enger in die Decke. »Ich habe ihm erst auch nicht über den Weg getraut. Wer weiß, ob ich nicht die ganze Zeit Recht damit hatte? Vielleicht hat er mich die ganze Zeit auch nur zu manipulieren versucht.«

»Sajian, er hat sich um uns und die anderen gekümmert, das hast du selbst gesehen. Ich glaube ihm mehr als jedem hier. Diese Leute haben uns am helllichten Tag entführt und wollen uns nichtmal ihre wahren Namen nennen«, sagte Laetitia aufgebracht. »Ian hat Sie nie erwähnt.«

»Ich habe keine große Rolle damals gespielt«, räumte Esra ein. »Aber jetzt spiele ich eine Rolle. Ich werde versuchen, dich ihm zurückzubringen, Laetitia. Wenn du ein Mensch bist, dann musst du nicht hierbleiben. Sajian dagegen ist dort draußen in zu großer Gefahr. Seine Eltern sind hinter ihm her, weil sie ihn zu Geld machen wollen. Reiche Menschen haben Einfluss – sie werden ihn in die Finger kriegen, sobald er zurück bei Ian ist, und Ian wird nichts dagegen unternehmen können.«

Sajian wirkte daraufhin, als wolle er am Liebsten komplett in der Decke verschwinden.

»Ohne Sajian gehe ich nirgendwohin, er kommt mit mir oder ich bleibe ebenfalls hier!«, fauchte sie. »Ich lasse ihn nicht zurück!«

»Meine Eltern wollen mich tot sehen«, sagte er dann plötzlich. »Für die Welt da draußen bin ich ein reines Geldobjekt, das nur als Mittel zum Zweck existiert. Warum sollte ich also nicht einfach hierbleiben?« Er sank auf die Seite. »Ich hab keine Kraft mehr, mich gegen irgendetwas zu wehren. Tut mit mir, was ihr wollt, aber tut es schnell und ohne Schmerzen.«

»Sajian…« Laetitia war sichtlich geschockt, und Esra wollte zu ihm gehen, eine Hand auf seine Schulter legen und ihm sagen, dass alles in Ordnung kommen würde, doch Laetitia stellte sich ihr postwendend in den Weg.

»Rühren Sie ihn nicht an!« Ein Brodeln ging von ihr aus, das fast wie ein Drachenknurren klang. Esra wich beunruhigt zurück. War das da vor ihr ganz sicher keine Blütige?

Sie schluckte. Jetzt war absolute Vorsicht geboten, damit die Situation nicht eskalierte. »Sajian, als Drache kannst du Emotionen riechen, oft auch in deiner Menschengestalt. Hast du von mir bislang Feindseligkeit wahrgenommen?«

»Ich rieche sowas nicht«, gab er zurück, besah sich nervös das Geschehen. »Ich will gerade einfach nur allein sein! Lasst mich alle in Ruhe!«

»Sajian, ich will nur mal nach dir sehen, es wird auch gar nicht wehtun und nicht lange dauern.«

»Verschwinden Sie, sofort!«, schnappte Laetitia, und ihre Kehlhaut vibrierte verdächtig. Esra ahnte, dass sie den wunden Punkt überschritten hatten, auch wenn sie noch nie eine Erstverwandlung miterleben durfte. Sie behielt die Tür im Augenwinkel. »Laetitia, beruhige dich! Ihr seid hier in Sicherheit. Ich bin keine Gefahr.«

Sajian starrte nun Laetitia aus weit aufgerissenen Augen an – seine Furcht, Anspannung und ihr beider Verbindung zueinander taten wohl ein Übriges zu ihrem Gefühlscocktail: Laetitias Haut verfärbte sich, dann löste sie sich auf und machte einer anderen Oberfläche Platz – einer aus dunklen Schuppen.

Esra stolperte zurück, in genau dem Moment, als wild an die Tür geklopft und ihr Name gerufen wurde – es war eindeutig Laos Stimme.

»Lao! Ich glaube, ich brauche hier drin doch deine Hilfe!«

Laetitia war zu groß für den Raum und kauerte eingequetscht zwischen Bett und Schreibtisch, was ihrer Laune nicht eben zuträglich war. Ihre Schwanzspitze peitschte wütend herum und verwüstete die ohnehin schon spärliche Einrichtung. Laetitias Drachengestalt zeigte nur zwei Stummelflügel, vermutlich aufgrund des Platzmangels und weil sie sich nicht verwandelt hatte, um zu flüchten, sondern um zu beschützen. Ihr ganzer Körper war in einem Dunkelbraun gehalten, das am Rücken, den Flanken und Schultern in tiefes Schwarz überging. Ihr Bauch dagegen war rostrot, ebenso der Schädel, die Vorderbeine und die Schwanzspitze – eine unerwartet schöne Farbgebung.

»Laetitia!« Sajians Stimme war es, die ihren Kopf herumfahren ließ. Sie starrte ihn an, als bemerke sie ihn erst jetzt. »Du bist ein Drache! Schei…!« Er griff sich mit beiden Händen an die Stirn.

Lao trat ein und schloss die Tür mit einem lauten Knall, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. »So, jetzt beruhigen wir uns alle wieder. Euch droht keine Gefahr, also gibt es auch keinen Grund, sich zu verwandeln und erst recht nicht die Zähne und Krallen zu zeigen.« Laetitia wurde daraufhin ruhiger, aber nicht weniger wachsam. Sie war wie ein Raubtier, das Lao anstarrte, bereit zum Angriff. Aber Lao hatte keine Angst.

»Du bist wirklich ein hübsches Exemplar. Laetitia, richtig? Da warst du also doch kein bloßer Beifang. Ein paar Zähne und Krallen mehr können nicht schaden, wenn sie gegen die Richtigen gewandt sind. Jetzt atme tief ein und aus. Genau so. Du riechst, dass ich keine Gefahr bin. Das können die westlichen oft besser als die östlichen, bedauerlicherweise. Letztere verlassen sich nicht so sehr auf banale Sinne, sondern eher auf ihren Verstand und die eine oder andere Fähigkeit.«

Laetitia saß noch eine Weile so da, dann begann sie plötzlich zu zittern, oder eher ihre Haut. Ihr Körper schmolz auf die Größe eines Menschen zusammen, der nackt und bewusstlos auf dem Boden liegenblieb.

Lao nahm die Decke von ihrem Bett, um sie darin einzuwickeln. »So, das hätten wir. Gefahr erfolgreich abgewendet.« Er setzte sich mit ihr zusammen auf das freie Bett, während Sajian völlig verstört das Geschehen verfolgte. »Willst du?« Die Frage war an Esra gerichtet, die nach kurzem Zögern ihre Arzttasche nahm und nähertrat. »Einmal durchchecken. Dann sieht unser ängstlicher Bursche auch gleich, was mit ihm passiert.« Er lächelte ihm schief zu.

Esra machte sich daran, Laetitia gründlich abzutasten, um mögliche Hinweise auf eine fehlerhafte Rückverwandlung zu finden. Tatsächlich hatte Laetitia noch einzelne Schuppen am Körper sowie die bernsteinfarbenen, geschlitzten Augen des Drachen, welche sich erst nach ein paar Minuten zurückbildeten. Ihre inneren Organe waren unauffällig. »Ich habe mich in der Aufregung noch gar nicht vorgestellt: Lao, Drachenarzt. Früher habe ich in verschiedenen Reservaten gearbeitet und war dort hauptsächlich fürs Impfen, Blut abnehmen und dann und wann eine Infektion behandeln zuständig, weil Drachen selten einen Arzt brauchen. Hier bin ich zum ersten Mal ortsständig.«

»Dann waren Sie ja bestimmt beliebt bei ihren Patienten«, erwiderte Sajian bissig. Sein Gesicht hatte deutlich mehr Farbe als zuvor.

»Oh, ich war tatsächlich beliebt – Drachen merken schnell, wem sie vertrauen können, und noch schneller wem nicht. Woher kamt ihr noch gleich? Shenandoah? Virginia? Dann seid ihr sicherlich geimpft gegen die Drachenwut. Virginia impft jeden gründlich durch, egal ob Drache oder nicht.«

»Ich hab als Kind viele Spritzen gekriegt, die Drachenwut war sicher auch dabei. Bei Laetitia weiß ich es nicht. Aber wir waren auf derselben Schule, und wenn ihre Eltern nicht dagegen gestimmt haben, ist sie bestimmt auch geimpft worden.«

»Hat Ian das nicht kontrolliert?«, wollte Esra wissen.

»Er hat es vielleicht abgefragt, als ich bewusstlos war.«

Lao legte Laetitia aufs Bett. »Fragen wir deine Freundin, wenn sie ausgeschlafen hat, und kommen jetzt erstmal zu dir.«

Sajian wich vor ihm zurück und warf ihm einen misstrauischen Blick zu.

»Du darfst es dir aussuchen – entweder halte ich dich fest und Esra untersucht dich oder umgekehrt. Passieren wird es aber auf jeden Fall. Was ist dir lieber?«

Sajian zog ein Gesicht, als könne er sich nicht recht entscheiden, ob er Angst hatte oder aggressiv war. »Vielleicht solltest du das machen«, wagte sich Esra vor. Er war der erfahrenere Drachenarzt von ihnen beiden und völlig unerschrocken, egal, welches Kaliber vor ihm stand.

Lao warf ihr einen Seitenblick zu. »Wieso? Du machst das doch großartig. Ich denke, ich halte ihn, wenn er sich nicht entscheiden kann.«

Anders als Laetitia wehrte sich Sajian, und spätestens da war Esra froh über ihre Rollenverteilung. Zu Beginn, als sie hergekommen war, hatte sie die Art, wie Lao die Drachen festhielt und sie vor Angst oder Schmerz bei der Behandlung schrien, brutal gefunden – bis sie sah, wie schnell und stressfrei es auf diese Weise vonstattenging und wie die Drachen sich hinterher rasch beruhigten, sogar das Gesicht an seiner Schulter vergruben, während er sie streichelte. »Angst haben sie so oder so, ob ich sie nun festhalte oder nicht – aber wenn ich sie festhalte, ist es schneller vorüber und das Verletzungsrisiko deutlich geringer«, hatte er ihr erklärt. »Drachen sprechen zudem gut auf Nähe und Wärme an, sie sind sehr sozial. Man macht nichts verkehrt, wenn man sie mal kurz festhält, um ihnen die Hilfe zu geben, die sie brauchen.«

Sajian zappelte heftig, aber Lao blieb konsequent, legte ihn sich über die Schenkel und nahm seinen Kopf in die Armbeuge, während er ihn mit dem anderen Arm herunterdrückte. Der schmale Jugendliche hatte gegen ihn keine Chance. Aus seinem Schreien wurde plötzlich ein mitleiderregendes Jammern. »Hey, keine Angst«, sagte Lao sanft. »Du hast doch gesehen was mit Laetitia passiert ist, nichts anderes machen wir bei dir. Kein Grund sich zu fürchten.«

Sajian fühlte sich auf unangenehme Weise an die vielen Arztkonsultationen in seiner Kindheit und Jugend erinnert. Erst, als er in die Schule ging und die Unterhaltungen Gleichaltriger mitbekam, war ihm aufgefallen, dass andere nicht so oft zum Arzt gingen wie er. Seine Eltern hatten ihm immer erklärt, dass sie um seine Entwicklung besorgt seien, immerhin wüssten sie nichts über die Krankheitsgeschichte seiner biologischen Eltern. Dass er adoptiert war war ein Fakt, von dem er nicht sagen konnte, wann er ihn erfahren hatte – also vermutlich schon sehr früh. Aber aus irgendeinem Grund argwöhnte er die Ärzte. Vielleicht, weil er ihre Nähe unangenehm fand. Vielleicht, weil er sich wie jetzt auch noch vor Spritzen und Blutentnahmen fürchtete und als Kind so viele davon unter Zwang bekommen hatte. Die Ärzte hatten immer gewechselt, er hatte somit kein Vertrauensverhältnis zu einem von ihnen aufbauen können. Sie wirkten auch nicht an ihm interessiert, fertigten ihn ab wie ein Werkstück. Nur wenige hatten ihn jemals angelächelt – ein aufgesetztes Lächeln – und stets gewirkt, als ob sie ihre Arbeit nicht mochten. Sie schien unliebsam, wie er selbst. Am Anfang hatte Sajian sich gefragt, ob er etwas falsch machte und sie deshalb so genervt von ihm waren, aber in den Wissensserien, die ihn seine Eltern schauen ließen, wurden auch Arztbesuche thematisiert, und er verhielt sich immer so wie dort gezeigt wurde, versuchte es zumindest, stellte interessierte Fragen, wurde aber stets abgeblockt. Also hatte er die Prozeduren mitgemacht und sein Unwohlsein hinuntergeschluckt. Jetzt betrachtete er das Ganze mit einem noch viel unwohleren Gefühl – sie hatten ihn begutachten lassen wie ein Tier, dessen Schlachtreife nicht verpasst werden durfte.

Lao unterhielt sich mit Esra und wirkte dabei völlig ungezwungen, lächelte und hielt ihn sanft, aber fest. »Du bist auch ein wirklich schönes Exemplar. Ein asiatischer Drache, wie er im Bilderbuch steht. Du hast mich sogar an jemanden erinnert.« Seine Stimme war voller Wärme, aber auch etwas Schwermütigem, das darin mitschwang.

»An wen denn?«, fragte er und merkte dabei, wie seine Stimme zitterte.

»Das ist eine Geschichte für ein andermal – vielleicht.«

Esra sah Lao besorgt an, und Sajian fühlte sich schuldig. »Tut mir Leid, ich wollte nicht…«

»Alles gut, Kleiner. Ich habe damit angefangen. Manchmal spreche ich schneller, als ich denke.«

»Sie… sprechen sehr gut von Drachen. Ich bin damit aufgewachsen, dass Drachen…«

»Eine Menschheitsgeisel sind und es besser sei, nichts mit ihnen zu tun zu haben, auch wenn sie natürlich leben dürfen sollten, weit weg von menschlichen Städten, eingesperrt in Reservaten. Ich weiß, womit ihr alle aufgewachsen seid. Und ich weiß, welche Sauereien mit euch gemacht werden.« Laos Griff wurde fester. Sajian sah zu ihm auf – sein Gesicht war hart und wütend. »Du tust gut daran, niemandem zu vertrauen. Absolut niemandem.«

»Auch euch nicht?«, fragte er.

»Auch uns nicht«, war Laos erstaunliche Antwort.

»Lao«, mahnte Esra.

»Esra«, wiederholte er ungerührt. »Drachen können in diesem Teil der Welt nicht vorsichtig genug sein. Kenji hat eine tragische Geschichte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Drachen andere Drachen verraten, aber ausschließen würde ich es nicht.«

Lao ließ ihn los, als die Untersuchung abgeschlossen war. Sajian zögerte, bevor er sich erhob. Er hatte den Drang, etwas zu fragen, wusste aber nicht, wie er es formulieren sollte.

»Sie… sagten, dieser Dr. Watanabe hätte eine tragische Geschichte. Was ist ihm passiert? Ich muss es wissen. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie sehr meine Welt gerade Kopf steht?« Plötzlich gingen die Worte ganz leicht, als sei der Damm, der die Flut zurückgehalten hatte, gebrochen. »Ich habe nur einen Schulausflug ins Spaßbad unternommen, und der Tag endete damit, dass ich zum Drachen wurde und in ein Reservat mit irren Drachenhassern und noch irreren wilden Drachen gesperrt wurde, mit einem Vorsteher, der Arzt in jenem Krankenhaus war, das wegen Schwarzhandels mit Drachenblut und -körperteilen hochgenommen wurde und durch die Medien ging, weil die Verantwortlichen anscheinend versucht haben, drachenblütige Kinder brutal zu ermorden und die Tat Drachen anzuhängen. Ich habe erfahren, dass ich aus einem reinblütigen Long, die die Elite in asiatischen Ländern stellt, und einem Menschen hervorgegangen bin, was mich zu einem gefragten Handelsobjekt auf dem Schwarzmarkt macht, und dass meine Eltern mich gekauft haben, um mich zu schlachten. Meint ihr, das alles ist gerade einfach für mich?!« Er schrie, was er erst jetzt bemerkte, aber es fühlte sich so unfassbar befreiend an.

Lao blieb völlig ruhig. »Nein«, war die knappe Antwort, aber sie beinhaltete mehr als tausend Worte. Seine Augen sagten Sajian, dass er sehr genau wusste, was in ihm vorging. Er fühlte sich für ihn vertrauenswürdig an, ohne dass Sajian sagen konnte warum – war das die Fähigkeit des Drachen, Emotionen zu riechen? »Alle Drachen hier teilen ein ähnliches Schicksal. Was Watanabe angeht – ich würde nicht für ihn arbeiten, wenn ich mich mit ihm nicht verbunden fühlte. Er ist Hirokis Ziehvater und hat ihn vom OP-Tisch gerettet. Hiroki war gerade einmal zwölf. Seine Adoptiveltern erzählten ihm, er sei krank und müsse dringend operiert werden. In den OP kam er in Menschengestalt wie sie alle, noch sein Kuscheltier im Arm, und sollte unter Narkose mittels Epinephrin-Injektionen und Schmerzreizen in seine Drachengestalt gezwungen werden. Dazu kam es nicht mehr, denn Watanabe ist mit ihm geflüchtet. Am Anfang wollte er sich nur mit dem armen Kind verstecken, aber dabei blieb es nicht. Jake kam hinzu, der ebenfalls als Kind von ihm betreut wurde. Dessen Eltern brachten es nicht über sich, ihr geliebtes Kind zu opfern, und er nahm ihn mit zu sich. So wie all die anderen, die du noch kennenlernen wirst. Sein… Hass auf das System ist abgrundtief, so abgrundtief, dass es einem Angst machen kann.«

Sajian schluckte auf diese Offenbarung hin. »Dieser Watanabe war also… einer der Ärzte, die bei diesen Verbrechen mitgemacht haben?«

»Ja«, antwortete Lao ohne zu zögern. »Aber das hier ist kein verzweifelter Redemption-Arc wie aus Videospielen. Er will andere Drachen vor diesem furchtbaren Schicksal retten. Und er schreckt dabei auch nur vor wenigen Dingen zurück. Er könnte viel mehr Geld damit machen, die Drachen unter seinen Fittichen zu töten und zu verwerten wie früher. Sollte er sich aus irgendwelchen Gründen als doch nicht vertrauenswürdig herausstellen, dann werde ich ihn töten.«

Das hatte Sajian nicht erwartet, und er konnte nicht verhindern, dass sein Gesicht entgleiste.

»Lao, das ist genug!«, sagte Esra scharf.

»Glaubst du, das weiß er nicht?«, fragte Lao kalt. »Ich habe es ihm ins Gesicht gesagt, und wir arbeiten immer noch zusammen. Ich will nichts mehr, als dieses widerwärtige Geschäft beenden. Für alle Zeiten und mit Gewalt, wenn es sein muss. Mit Akiko und Syanna hatte schließlich auch niemand Mitgefühl.« Er sah Sajian an, dann Laetitia. »Bleib bei ihr, Sajian. Sie braucht dich, wenn sie aufwacht. Wenn du Probleme hast oder irgendetwas brauchst, es gibt einen Klingelschalter an der Steuerkonsole neben der Tür. Wir bringen euch bald etwas Zuessen – gerade Laetitia wird Hunger haben, wenn sie aufwacht. Ruh dich jetzt ein bisschen aus und lass sacken, was du erfahren hast.«