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Prolog: Sajian

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Prolog: Sajian

Sajian fühlte sich an diesem Morgen nicht gut, obwohl der Tag versprach, angenehm zu werden: Keine Schule heute, nur ein weiterer Ausflug im Rahmen ihrer Projektwoche, die Wasser beinhaltete – heute war ein Erlebnisbadbesuch vorgesehen, auf den sich schon alle freuten. Fast alle.

Sajian mochte es, im Wasser zu sein. Es fühlte sich für ihn seit seiner Kindheit so an, als sei es das Element, für das er geboren war. Aber der gestrige Tag war so stressig gewesen, dass er es bevorzugt hätte, heute im Bett zu bleiben. Der letzte Schulausflug hatte sie in ein scheinbar endloses Wasseraufbereitungswerk geführt, und natürlich war wieder ihm die unliebsame Aufgabe zugefallen, einen Bericht für die Schülerzeitung zu schreiben. Er hatte sich wieder die dummen, gehässigen Sprüche seiner Mitschüler dafür angehört und mit seiner gut gelaunten Art übergangen, die sie nur noch mehr gegen ihn aufbrachte. Was erwarteten sie denn für eine Reaktion? Er war so, wie er war, und ließ sie ja immerhin auch so sein, wie sie waren, obwohl sie ihm mächtig auf die Nerven gingen.

Sajian setzte sich an den Bettrand, gähnte und rieb sich übers Gesicht. Zum Glück war bald Wochenende. Dann kam sein Vater von der Geschäftsreise zurück und er durfte wieder mit allen beiden zusammenhocken, sich Predigten darüber anhören, was ihnen alles nicht passte: Sein Fortschritt im Sprachunterricht, seine Sportnoten, seine Noten in Chemie und Physik, dass er keinen zusätzlichen Sport neben der Schule mehr machte und warum er nicht länger zum Geigenunterricht und zur Kalligrafie ging. Er konnte sich nicht einmal wie andere in einen Freundeskreis flüchten, denn mit seinen Klassenkameraden verband ihn nichts, auch nicht mit anderen Gleichaltrigen in seiner Umgebung. Jeder kannte ihn durch seine Eltern, und alle hassten ihn wegen seiner Eltern. Wie sie ihn anstarrten, tuschelten und geringschätzig die Augen verdrehten, wenn er nur den Raum betrat. Das ist normal, hatte sein Vater dazu gesagt und sich desinteressiert abgewandt. Er war schließlich der Sohn eines gut verdienenden Geschäftsmannes, der kaum Zuhause war, und der wohlhabenden Tochter zweier pensionierter Universitätsprofessoren, die selbst immer noch studierte. Sie lebte die meiste Zeit allein mit ihrem Sohn in dem viel zu großen Haus, das ihr von ihren Eltern zur Verfügung gestellt worden war, und war nur mit sich selbst und ihrem eigenen Werdegang beschäftigt, als ob sie das Bedürfnis hatte, sich ihren Eltern als würdig zu erweisen. Eltern hatten beide ganz eindeutig keinen Nerv für Sajian als Person, nur für Sajian als Prestigeobjekt.

Soweit er wusste, stammte er aus einem asiatischen Waisenhaus. Er hatte überhaupt keine Erinnerungen an seinen Geburtsort. Seine Eltern waren Fragen danach stets ausgewichen mit der Behauptung, dass es ein unbedeutender, kleiner Ort war, der ihn nicht zu interessieren brauche. Den Kindern dort ginge es schlecht, weit schlechter als amerikanischen Waisen, weil sie alle grundsätzlich unter dem Verdacht standen, das Ergebnis der Liebesbeziehung eines Drachenwandlers und eines gewöhnlichen Menschen zu sein. Das war in asiatischen Ländern ein Skandal, und man war froh, solche Kinder irgendwie ohne viel Aufwand und Kosten loszuwerden. Seine Eltern hatten dennoch eine Stange Geld für ihn bezahlt, was sie ihn immer wissen ließen, wie um Dankbarkeit für ihre gute Tat von ihm einzufordern. Sajian nervte das. Er hatte nicht darum gebeten, geboren und ins Waisenhaus zu anderen ungewollten Kindern gestopft zu werden.

Laut seinen Klassenkameraden hatte er den Reichtum seiner Familie nicht verdient, denn er war in Armut geboren und nur zufällig zu diesen Eltern gekommen. Er war austauschbar, und ihm stand es laut Meinung einiger nichtmal zu, in den USA zu leben. Manche beschimpften ihn als Halbdrachen, den sein Heimatland abgeschoben hatte und der jetzt hier alles verseuchte, als wären Drachengene eine Krankheit. Es interessierte auch niemanden, dass die Durchmischung mit Drachengenen in den USA deutlich höher war als in asiatischen Ländern und er wohl anhand der Ein-Kind-Politik mancher Länder eher ein zusätzliches Kind war, das niemand brauchte. Es gab tausend andere Erklärungen, warum ihn seine Erzeuger zur Adoption freigaben. Aber das zählte alles nicht. Es zählte auch nicht, dass weniger gut betuchte Eltern regelmäßig Zeit mit ihren Kindern verbrachten, während er selbst in den Ferien Zuhause saß und Privatunterricht bekam. Auch zählte nicht, dass seine Eltern ohne ihn Kurzurlaube machten, um sich zu entspannen. Er sah sie in den Ferien kaum, und wenn er sie sah, fragten sie nur nach seinen Leistungen, nie nach ihm. Früher hatte er noch geglaubt, dass sie eben besorgt um ihn waren und das Beste aus ihm machen wollten, aber mittlerweile fragte er sich, ob sie nicht in Wirklichkeit das Beste für sich selbst wollten. Die perfekte Familie darstellen, die viel arbeitete und in Wohlstand lebte, um einem aus Armut adoptierten Kind ein Leben zu bieten und sich selbst noch perfekter zu machen.

Sajian stand auf und ging ins Badezimmer. Er hatte ein eigenes mit Regendusche, Bepflanzung und Naturstein, die ihn sich gleich besser fühlen ließen. Er bemerkte erst, als er unter dem Strahl stand und sich gründlich einseifte, dass sich schon wieder etwas auf seiner Brust gebildet hatte. Scheiße .

Sajian hielt inne und schaute an sich hinab: Eine weiße, stromlinienförmige Veränderung prangte auf seiner linken Brust, ganz glatt und weiß in der Größe eines Daumennagels. Wenn er genau hinsah, schien sie sogar an den Rändern rosa zu glänzen. Drumherum hatten sich noch weitere, viel kleinere Stellen gebildet, wie ein Rahmen. Er seufzte. Warum ausgerechnet heute? Gestern hätte er den ganzen Rumpf damit voll haben können, heute im Bad würde es jeder sehen, und dann kämen wieder dämliche Sprüche von wegen, dass er sich wohl langsam in einen Drachen verwandelte. Aber so eine Verwandlung ging plötzlich vonstatten und nicht nur teilweise. Diese wiederkehrenden Veränderungen dagegen hatte er schon seit einigen Monaten. Außerdem zeigte er keinerlei Anzeichen für Blütigkeit, obwohl er schon fast erwachsen war und die meisten Verwandlungen bekanntermaßen in der Pubertät stattfanden; er war Vegetarier und mochte kein Fleisch, hatte keinerlei Interesse am Jagen und herumrennende Leute machten ihn auch nicht verrückt, obwohl seine Klassenkameraden ständig bewusst vor ihm wegrannten, um ihn zu provozieren. Die Ärzte, die ihn regelmäßig anschauten, sagten, es sei eine seltene Form atopischer Ekzeme, was auch immer das war. Es bedurfte zumindest keiner Behandlung, solange es sich nicht entzündete, und das hatte es bislang nie. Die Stellen verschwanden nach einigen Tagen von selbst, als seien sie nie da gewesen. Er war selten über die Privatärzte seiner Eltern froh, in dieser Situation aber durchaus. Normale Ärzte hatten einen merkwürdigen Hang dazu, hinter jeder Ecke Drachen zu wittern, egal, wie absurd und unwahrscheinlich es auch war. Vermutlich bekamen sie Prämien für jeden potenziellen Drachen, den sie an die Reservate auslieferten. Darauf war Sajian nun wirklich nicht scharf, da ertrug er lieber weiter seine nicht anwesenden Eltern.

Auch heute war seine Mutter nirgends zu sehen, als er in den weitläufigen Flur des Obergeschosses trat. Sie lernte vermutlich schon seit den frühesten Morgenstunden in ihrem Studierzimmer. Sajian verschwand in seinem begehbaren Kleiderschrank, nachdem er nur eine Banane und einen Müsliriegel gegessen und sich die Zähne geputzt hatte, und suchte ein Schwimmshirt heraus. Das war Bademode, richtig? Dann konnte er es doch auch im Freizeitbad anziehen. Man würde ihn vermutlich wieder dumm angucken, aber was kümmerte es ihn schon? Die guckten immer dumm.

Er zog sich an, packte seine Tasche mit Handtüchern, Badehose, Schwimmshirt, Trinkflasche, Brotdose sowie seiner Geldbörse und einer Plastiktüte für die nassen Sachen und Waschutensilien. Sajian zögerte kurz, dann packte er auch sein wasserdichtes Tablet ein. Er musste schließlich auch heute wieder die unliebsame Aufgabe übernehmen, einen Bericht zu schreiben, und falls es sich ergab, würde er gleich vor Ort damit anfangen. Vielleicht war es eine gute Idee, die ganze Zeit mit Schreiben zu verbringen, aber er wusste nicht, ob er standhaft genug war, nicht ins Wasser zu gehen. Dazu hatte er immerhin nur selten Gelegenheit, und neben der Schule und seinen vielen außerschulischen Zusatzstunden noch zum Schwimmen zu gehen war kaum möglich. Sein letzter Badbesuch lag schon mindestens ein Jahr zurück.

Sajian ging mit der Tasche die Treppe hinunter, vorbei am Wohnzimmer mit der ausladenden Küche, und verließ das Haus durch die große Vordertür über den breiten Vorgarten, nichtsahnend, dass dieser Tag sein Leben von Grund auf verändern würde.