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Ian

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Ian

Ian sank erleichtert und verwirrt zugleich in seinen Drehstuhl zurück. Er hatte bis zu diesem Tag nicht gewusst, was aus Esra geworden war, und auch nicht nachgeforscht – sie waren nach dem Vorfall im Krankenhaus auseinandergegangen, Ian ins Reservat, sie zu ihrer Facharztprüfung. Er vertraute Esra noch immer, musste ihr vertrauen, denn es blieb ihm in dieser Situation nichts anderes übrig. Laetitias und Sajians Leben hingen nun von ihr ab.

Tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf, aber er würde so bald wohl keine Antwort auf sie erhalten – oder jemals. Wo auch immer die drei jetzt waren, irgendjemand wollte ganz offensichtlich nicht, dass Ian etwas darüber erfuhr. Das hätte ihn sofort das Schlimmste vermuten lassen, wenn ihm nicht Esra die Nachricht übermittelt hätte. Dennoch kamen ihm im Nachgang Zweifel. Hatte man sie vielleicht gezwungen, ihm zu versichern, dass alles in Ordnung war, damit er keine Nachforschungen anstellte? Nein, das war unsinnig – der Anruf wäre dann einfach ausgeblieben und Ian hätte nie etwas über ihren Verbleib erfahren. Esra wollte ihn beruhigen, weil sie wusste, wie es ihm nach der Sache im Krankenhaus ging. Das sagte ihm sein Bauchgefühl, vielleicht seine ärztliche Intuition einem Kollegen gegenüber. Aber er stand nun immer noch vor dem unlösbaren Problem mit Sajians Vater.

Ian atmete durch, dann verfasste er die bis jetzt aufgeschobene Mail an Mr. Castleton, in der er sein Ersuchen ablehnte mit der Begründung, die Verbringung in sein Reservat sei gemäß der Gesetzeslage in ihrem Bundesstaat nicht anfechtbar. Nun musste er abwarten, was als Reaktion darauf kam. Wann sollte er ihm und Laetitias Mutter die Wahrheit über ihr beider Verbleib offenbaren? Vielleicht war es strategisch klüger, erst einmal abzuwarten, immerhin glaubte er sie beide aktuell in Sicherheit, und zumindest Laetitia würde wie geplant ohnehin noch längere Zeit von Zuhause fernbleiben. Aber das waren unterm Strich Lügen, die er beiden Eltern aus rein menschlichen Gründen nicht auftischen sollte.

Er wog seine Möglichkeiten ab, verglich sie mit seinem moralischen Anspruch – als plötzlich das Satellitentelefon klingelte. Es war eine Weiterleitung an ihn vonseiten der Drachenbehörde. Er hob ab. »Ian McCord, Vorsteher des Shenandoah-Drachenreservats?«

»Ha… hallo…« Die Stimme am anderen Ende war weiblich und brüchig, betont leise, wie um diesen Umstand zu verstecken. »Ich spreche gerade mit dem Vorsteher des Reservats, in dem Sajian Castleton untergebracht ist, richtig?«

»Diese Information unterliegt meiner Schweigepflicht«, sagte er wahrheitsgemäß. »Mit wem spreche ich?«

»Ich bin seine Mutter, Cassandra Castleton. Ich… muss Sie um etwas bitten. Behalten Sie ihn für immer dort! Geben Sie ihn nicht raus, auch nicht in ein anderes Reservat! Ich bitte Sie!« Jetzt begann sie zu schluchzen, und er erkannte die Stimme.

Ian brauchte einen Moment, um sich zu sammeln, doch das einzige, was er dann herausbrachte, war: »Was? Ähm… hören Sie, Mrs. Castleton… Ich habe Ihr… das Ersuchen Ihres Ehemannes erhalten und ihm soeben eine Ablehnung per Mail geschickt. Die Drachen, die ich in meine Obhut nehme, bleiben auch bei mir. Er ist hier sicher.«

»Ich weiß, dass mein Mann Freunde in höheren Kreisen hat, er wird alles versuchen, um Sajian in ein Reservat in Kanada verlegen zu lassen, und womöglich wird er damit Erfolg haben. Ich möchte Sie nur bitten, geben Sie nicht nach! Nehmen Sie sich Anwälte dafür, was auch immer, aber verhindern Sie, dass er dorthin kommt, bitte!« Erneut glaubte er, ein Schluchzen zu hören, aber vielleicht war es auch nur die schlechte Verbindung.

»Mrs. Castleton, worum geht es hier gerade?«

»… Sie haben eine Schweigepflicht, richtig? Gilt die auch für das, was ich Ihnen sage?«

»Gewiss, als Mutter des Kindes in meiner Obhut.«

»Ich fühle mich so schuldig… wir haben Sajian adoptiert, von einer Adoptionsstelle in den Staaten selbst, nicht aus dem Ausland. Sie behaupteten, dass sie… ich meine, wir… wir haben ihn adoptiert, weil man uns versicherte, dass er ein F1-Drache ist. Ein Mischling aus einem asiatischen Long und einem Menschen. Es gab damals eine… eine getarnte Zuchtanlage in den Staaten. Mit diesen Drachen lässt sich viel Geld verdienen, indem man ihre Einzelteile auf dem Schwarzmarkt verkauft, vorallem ihren… ihren Liquor, das Hirn und das Rückenmark. Er wird für pharmazeutische Zwecke verwendet. Hören Sie, ich weiß, was Sie jetzt von mir denken, ich hätte mich nie darauf einlassen sollen! Aber meine Familie ist wohlhabend, und ich war ihnen nie gut genug als einziges Kind. Ich habe den Schulabschluss nicht geschafft, konnte nicht studieren und habe behauptet, ich würde ein Fernstudium an einer Universität im Ausland machen, die es gar nicht gibt. Meinen Mann habe ich nur geheiratet, weil sie mich dazu gedrängt haben. Er ist ebenfalls wohlhabend, und mit dem Kind wollten wir den Schein einer erfolgreichen, glücklichen Familie wahren. Es war seine Idee, einen Drachen zu adoptieren und ihn zu… in dieses Reservat zu schicken, wenn es soweit ist. Dort werden sie ihn töten, weiterverarbeiten und uns auszahlen. Ich war nie eine gute Mutter, ich wollte auch nie eine sein, aber sowas kann ich nicht zulassen. Er ist nicht mein Kind, aber ich habe ihn in diese Situation gebracht weil ich eine furchtbare, rückgratlose Person bin, sagen Sie es ruhig!« Nun brach sie endgültig in Tränen aus.

Ian wusste nicht, was er sagen sollte, glaubte, von der Informationsflut und ihrer Schwere zurück in den Stuhl gedrückt zu werden. »Mrs. Castleton… was in aller Welt?«

»Ich scheiße auf meine nie zufriedene Familie! Ich gehe auch auf die Straße und lebe unter einer Brücke, wenn meine Ehe zerbricht und ich alles verliere, aber wir müssen dieses unschuldige Kind vor so einem Schicksal bewahren! Für meinen Mann ist er nur ein Prestigeobjekt, das seinen Reichtum mehren soll. Er wird allen erzählen, dass Sajian im Ausland studiert, und niemand wird je Fragen stellen und erkennen, dass er zu dem Zeitpunkt schon lange tot ist!«

Ian zögerte. »Ich… werde mich nicht darauf einlassen, ihn herauszugeben. Mrs. Castleton – was für eine Einrichtung war diese… Zuchtanlage? Was wissen Sie darüber?«

»Nicht sehr viel, ehrlicherweise. Mein Mann hat alles geregelt. Es war eine Einrichtung in West-Virginia, getarnt als pharmazeutisches Institut, dort hatten sie anscheinend einen weiblichen Long-Drachen, um F1-Hybriden mit Menschen zu züchten. Aber irgendwas ist schiefgegangen. Wir bekamen den Jungen, aber die Einrichtung war wenig später geschlossen nach einem Vorfall, der mehrere Mitarbeiter das Leben kostete. Es ging wohl um technisches Versagen, aber man erzählt sich, der Drache sei freigekommen und habe bis zu seinem Tod gewütet.«

»Mrs. Castleton, Sie erzählen mir von einer Menschenzuchtanlage, die Menschen zur Schlachtung und Verwertung erzeugt. Wie konnten Sie und Ihr Mann sich auf so eine Perversion einlassen?« Nun gingen die Gefühle mit ihm durch, obwohl er wusste, dass es nichts mehr ändern würde. Diese Frau war vielleicht die einzige greifbare Person, die etwas über dieses unfassbare Geschäft wusste und ihm Fragen beantworten konnte.

»Ich werde mich nicht dafür rechtfertigen, denn es gibt keine Entschuldigung. An was ich mich da beteiligt habe, ist unverzeihlich«, sagte sie hart und kalt. »Aber jetzt geht es darum, ein weiteres Verbrechen zu verhindern. Ich bin mir zudem sicher, es gibt weitere solcher Einrichtungen, und ich habe die Papiere meines Mannes bezüglich der Adoption anonym weitergeleitet an eine Polizeistelle und sogar das FBI, aber es ist bislang nichts passiert. Die Beweislage war wohl zu dünn. Es war nirgends von Drachen die Rede, auch die Einrichtung selbst tauchte nicht darin auf, nur eine Adoptionsstelle irgendwo in China. Aber wir wissen, dass Sajian japanischer Abstammung ist. Sie haben alles getan, ihre Spuren zu verwischen, auch das Konto befand sich im Ausland. Ich habe das Gefühl, man kann überhaupt nichts gegen sie ausrichten.«

»Ich verstehe«, sagte Ian. »Ich werde selbst Nachforschungen anstellen. Vielen Dank für Ihre Offenheit. Sajian wird niemandem von mir ausgeliefert, das versichere ich. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, ihn davor zu schützen.«

»Ich danke Ihnen, bitte, notieren Sie meine Nummer, falls Sie Rückfragen haben.«

Er schrieb sich die genannte Nummer auf, und als sie sich voneinander verabschiedeten fragte er sich, ob Sajian wirklich in Sicherheit war oder nicht längst in die Fänge einer eben solchen Zuchtanlage geraten war, die ihn verwerten wollte. Esra würde das niemals tun , sagte er sich. Aber vielleicht spielte auch ihr Vorgesetzter ein falsches Spiel.