Kena
Kena
Kena fühlte sich schuldig, obwohl sie nichts mit dem Verschwinden von Sajian und Laetitia zu tun hatte. Es kam ihr so vor, als ob ihre bloße Anwesenheit den Drachen und ihren Verbündeten hier Unglück brachte – oder vielleicht waren es auch nur ihre eigenen Schuldgefühle gegenüber Ian, weil sie von Jareds Waffen wusste, ohne ihm davon zu berichten. Aber es waren ja nur Waffen zur Selbstverteidigung, aus Holz. Kinder spielten mit Holzwaffen, die nahm schließlich auch niemand ernst. Und eine Blechdose damit erschießen zu können bedeutete doch noch lange nicht, dass man einen Drachen damit erlegen konnte. Sie hatte die gigantischen Wesen dort draußen immerhin aus nächster Nähe gesehen. Ansonsten würde das Militär ja auch Waffen aus Bambus benutzen. Und Helen war schließlich gefährlich, sogar für andere Drachen.
Sie erschrak, als es plötzlich an ihre Tür klopfte. »I-ich komme!«, sagte sie, öffnete und fand sich Jared gegenüber. Er sah ernst aus.
»Komm mit, Kena. Es wird Zeit, dass wir dich einweihen«, sagte er ohne Umschweife.
»Einweihen?«, fragte sie unsicher.
»In unsere Pläne. Bislang warst du durch deine Spionage-Mission bei den Drachen zu stark eingespannt, aber wir müssen dich langsam anlernen, damit auch du bereit bist.«
»Bereit wofür?«, fragte sie und ahnte es bereits.
»Den Ernstfall.« Er beließ es dabei und winkte sie ungeduldig mit sich, woraufhin sie ihm folgte. Sie durchquerten die Siedlung und traten dann hinter die Palisade, in den ungeschützten Bereich.
»I-ist es denn klug, die Siedlung zu verlassen? Außerhalb sind wir schutzlos!«, hielt sie dagegen.
»Bald nicht mehr.« Jared führte sie auf die baumumstandene Lichtung hinunter, wo John, Fera und Leland bereits auf sie warteten. Als sie Kena sahen, verdrehten sie die Augen und stöhnten leise. Sie gaben sich nicht mal Mühe, ihre Abneigung zu verstecken.
»Bist du dir sicher, dass sie bei uns mitmachen sollte? Die wird nur im Weg rumstehen und uns aufhalten«, sagte Fera geringschätzig.
»Kena hat da draußen ihr Leben riskiert, um die Vorgänge in der Drachengrube auszuspionieren, während ihr hier oben Schießübungen mit Blechdosen gemacht habt, also zeige etwas Respekt«, fuhr Jared sie an, woraufhin sich ihr Gesicht verfinsterte und sie Kena umso abfälligere Blicke zuwarf. »Sie kennt die Ruheorte der Drachen und kann sie wiederfinden. Dafür hätte sich niemand von euch freiwillig gemeldet.« Auch Leland und John senkten die Gesichter, als er sie mit seinem herausfordernden Blick ansah. »Kena wird uns mit ihrem Wissen den Weg weisen. Hier.« Er griff nach einem Sack, der an einem der Bäume hing, und holte etwas heraus – es war eine der Bambuswaffen, die Kena bereits gesehen hatte. Diese war ein langer, dicker Stab, durch den drei weitere dünnere Stäbe wie Läufe hindurch führten und hinten mit derben Gummibändern versehen waren. Er reichte ihr das Gerät, und Kena zögerte, ehe sie danach griff. »Das ist eine Schusswaffe aus Bambus, aber lass dich davon nicht verunsichern – sie ist effektiv. Ein Bogen muss nicht industriell hergestellt sein, um töten zu können. Schon unsere Vorfahren haben handgemachte Waffen für ihr Überleben verwendet, und wir sind immerhin damit zur dominanten Spezies geworden. Das ist unsere Antwort auf ihre Krallen und Zähne.«
Er griff noch einmal in den Sack und holte drei spitze Pfeile ohne Befiederung hervor, die er ihr gab und erklärte, wie sie die Waffe damit lud – einen Pfeil in jeden der drei Läufe, dahinter die Gummibänder in eine dafür vorgesehene Kerbe einrasten lassen und spannen. Die ihr bereits bekannte Blechdose stand nicht auf dem Baumstamm bereit; stattdessen war dort eine Plastikflasche an den Ästen aufgehängt. »Versuch es.«
»Wo-wozu dient das? Was habt ihr vor?«, fragte sie.
»Na was wohl?«, blaffte Fera. »Wir werden die verdammte Schlange erlegen, bevor sie sich einen von uns holt!«
»Sie hat auch die anderen mehrfach angegriffen, oder?« Jared warf ihr einen Bestätigung heischenden Blick zu.
»Ja, aber ich glaube wirklich nicht, dass sie das aus Böswilligkeit getan hat. Die anderen haben sie viel mehr erschreckt«, sah sich Kena verpflichtet, Partei zu ergreifen – für die Wahrheit.
»Natürlich hat ein kleiner hilfloser Mensch so ein Riesenvieh erschreckt, er ist ja auch verdammt gruselig«, erwiderte John. Leland sah sie nur mit hochgezogenen Augenbrauen an.
Kena schluckte, merkte erst jetzt, wie dumm das eigentlich klang, obwohl es zusammen mit den anderen so viel Sinn ergeben hatte. Machte sie sich etwas vor? Selbst Ian war nervös geworden bei Helens Angriff. Niemand hatte sie unter Kontrolle, und sie hatte immerhin Jared für immer entstellt. Wie konnte irgendjemand glauben, dass ein kleiner Mensch eine Bedrohung für ein so großes Biest war?
»Diese Drachen und Drachenanbeter da unten haben merkwürdige Sichtweisen auf die Welt entwickelt. Sie wollen die Gefahr nicht wahrhaben und sich nicht eingestehen, dass sie keine Kontrolle darüber besitzen – denn das wäre wiederum ein Eingeständnis ihrer eigenen Hilflosigkeit. Und Schuld. Ian trägt eine Mitschuld an jedem Opfer, das Helen fordert, solange er sie hier toleriert. Wir müssen uns selbst um das Problem kümmern, bevor es zu spät ist.«
Kena schluckte, glaubte plötzlich selbst nicht mehr an Ians Lösung – der furchtbare Angriff stand ihr wieder vor Augen und wie sie geradeso entkommen waren. Selbst Ryou hatte Angst, und er war immerhin selbst ein Drache.
»Jetzt mach schon, wir zählen auf dich. Nur du kennst den Weg zu den Schlafstellen der Viecher«, beschwor John sie eindringlich.
Kena schluckte, dann spannte sie die drei Pfeile mit den Fingern und zielte. Nur zwei trafen die Flasche und verspritzten dabei Wasser auf den Stamm darunter, ehe sie in einen Baum dahinter einschlugen. Sie war überrascht von der Wucht, die dahintersteckte. Dennoch bezweifelte sie, dass es eine Wirkung auf Helen haben würde – eine Plastikflasche entsprach wohl kaum dem Schuppenpanzer von Drachen.
Jared nickte entschlossen. »Du wirst uns Deckung geben und die Waffe zur Selbstverteidigung nutzen, während wir uns an sie heranschleichen. Uns alle vier kann sie nicht gleichzeitig im Auge behalten.« Er zog ebenfalls eine Waffe aus dem Sack – diese war anders als die anderen ein Komposit-Bogen, ebenfalls komplett aus Bambus. Der Pfeil, mit dem sie spannte, war mächtiger als die von Kena. Die Spannung, die er aushielt, sichtlich stark, denn sein Arm zitterte dabei. Der Pfeil raste blitzschnell voraus und nagelte die Flasche an den Baum. »Ich habe früher gejagt – ich treffe sie damit in eine tödliche Stelle, während ihr sie für mich ablenkt. Wir schaffen das, darauf haben wir alle hingearbeitet, und mit Kena haben wir jetzt das letzte Puzzlestück zum Erfolg.« Erneut griff er in den Beutel, und diesmal holte er eine Karte des Reservats hervor – die Knotenpunkte, die sie mit Ian abgefahren hatten, waren nicht darauf eingezeichnet. »Zeig uns, wo die Schlange sich für gewöhnlich aufhält.«