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Sajian

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Sajian

Laetitia schlief in den nächsten Stunden tief und fest. Man hatte Sajian in der Zwischenzeit etwas Zuessen gebracht, von dem er den Fisch beiseiteschob und lediglich das Gemüse mit dem Kartoffelbrei aß – Jake schien das zu belustigen, als er das Tablett schließlich wieder abholte, aber er sagte nichts dazu. »Warte«, hielt Sajian ihn zurück, bevor er aus der Tür ging. »Was hat es mit diesem Watanabe und den anderen beiden auf sich, die heute hier waren? Ich will wissen, wer mich… uns festhält.« Er würde sich auf keinerlei ausweichende Antworten einlassen. Dieser Ort war gruselig und merkwürdig, und irgendwie erschuf sein Geist für ihn den Begriff Grässlichgrau, vermutlich aufgrund der kahlen grauen Wände um sie herum. Sah es hier überall so aus? Wie um alles in der Welt ertrugen das sämtliche Beteiligten?

»Die meisten Mitarbeiter hier sind Ärzte, so auch Esra. Sie steht in Verbindung mit dem Vorfall im Living Heart Hospital, was ihr Probleme bei der Jobsuche als Drachenarzt bereitet hat. Ich wittere allerdings keinerlei negative Absichten bei ihr. Sie will Drachen wirklich helfen, davon bin ich überzeugt. Lao dagegen… ich weiß nicht, ob ich dir seine Geschichte erzählen sollte. Sie ist… hart. Genau wie die von Watanabe.«

Diese Aussage machte ihn plötzlich wütend. »Wenn mir gegenüber niemand offen ist, dann kann auch niemand von mir Vertrauen erwarten! So, wie es aussieht, werde ich doch ohnehin nie wieder mit einen Außenstehenden sprechen können, weil ich bin an mein Lebensende hier zwischen grässlichen grauen Wänden festsitze.«

Jake zögerte und atmete einmal tief durch, dann stellte er das Tablett wieder auf dem Tisch ab und setzte sich auf den Stuhl. »Lao ist Drachenarzt, wie du nun schon weißt, und ein Experte mit viel Erfahrung auf seinem Gebiet. Er war früher in verschiedenen Reservaten tätig und widmete sein Leben der Erforschung von Drachen weltweit. Er selbst hat chinesische Wurzeln, ist aber Amerikaner seit vielen Generationen. Seine Weiterbildungsreisen haben ihn bis nach Asien geführt, wo er seine spätere Frau traf. Sie war ein japanischer Long-Drache, behauptet er. In Japan ist es für Long üblich, nie in ihrer Drachengestalt öffentlich in Erscheinung zu treten, obwohl sie durchaus die Nähe zu Menschen suchen und ihre schützenden Mauern verlassen, mit Ausnahme der Herrscherfamilie. Alle Long gehen auf die kaiserlichen Familien und ihr Gefolge zurück, heutzutage sind sie hohe Amtsträger, CEOs großer Unternehmen und bilden die Regierung. Dass sie das Land verlassen ist allerdings nicht vorgesehen. Seine Frau wollte frei sein von den Zwängen der Gesellschaft, die sie von Kindesbeinen an unter hohen Erwartungsdruck setzte und deren Ansprüche sie nicht erfüllen konnte – oder wollte. Mit Lao, einem Menschen, eine Familie zu gründen war völlig undenkbar. Also ist sie geflohen. In Kanada sind die Regelungen, was Drachen angeht, vergleichsweise locker. Sie gelangte über die Landesgrenzen mit Hilfe der japanischen Mafia – in der dortigen Unterwelt gibt es viele Shé, und sie erlangen auf diese Weise ein gewisses Maß an Autorität und Autonomie, das im Stillen von der kaiserlichen Familie geduldet wird. Sie gründete mit Lao eine Familie und bekam ihre gemeinsame Tochter, die faktisch ein F1-Shé war. Sie führten für einige Jahre ein unerkanntes, völlig unspektakuläres Familienleben mitten in Kanada. Eines Tages aber kamen sowohl seine Frau als auch seine Tochter nicht Nachhause zurück. Lao informierte die Behörden und stellte selbst Nachforschungen an, die alle ins Leere verliefen. Er war von heute auf morgen ein verlassener Ehemann und Familienvater, ohne Anhaltspunkte dafür, was geschehen war. Der Erdboden selbst schien sie verschluckt zu haben. Erst lange Zeit später erfuhr er, was seiner Familie zugestoßen war: Anscheinend geriet seine Frau in die Hände von skrupellosen Geschäftemachern. Für sie war ein Long natürlich eine Goldgrube, der viele F1-Shé für den Cerebrosinx-Markt produzieren konnte. Vermutlich erpressten sie seine Frau mit Lao und ihrer Tochter, ihnen zu gehorchen, wie auch immer sie herausgefunden haben, dass sie ein Long ist. Nicht einmal in Japan ist bekannt, welche Menschengestalt Long haben und umgekehrt. Seine Tochter tauchte tatsächlich nirgends wieder auf, sie wurde wohl irgendwann in dem Zeitraum zerlegt und verkauft – als F1 taugte sie zu nichts anderem. Seine Frau dagegen scheint sich irgendwie frei gebrochen, gewütet und den Großteil des Personals getötet zu haben, bevor sie selbst starb. Ihre Leiche hat man in den Trümmern tatsächlich gefunden und identifiziert. Es gab kaum Berichte in den öffentlichen Medien über den Vorfall, offiziell war von einem furchtbaren Unglück in einem Unternehmen in West-Virginia die Rede. Lao hat dieser Schicksalsschlag völlig gebrochen – sei vorsichtig mit ihm, sprich das Thema nicht an und sag ihm ja nicht, dass ich dir davon erzählt habe. Er ist von Schuld, Wut und Hass zerfressen. Ein rachsüchtiger Dämon ist ein Scheiß gegen ihn. Allerdings scheinen sämtliche Beteiligten von damals zu Tode gekommen zu sein. Mit Ausnahme der Hinterleute, die wohl nicht dort waren, nehme ich an.«

Sajian schluckte, spürte, wie alle Farbe aus seinem Gesicht wich. Er senkte den Blick. »Ich hatte keine Ahnung, wie… furchtbar diese Welt wirklich ist. Es macht mich krank, darüber nachzudenken. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Im Augenblick weiß ich gar nichts mehr.« Er sah zu Laetitia hinüber, die noch immer schlief.

»Studieren und uns unterstützen. Wir brauchen nur wenig Cerebrosinx von vielen, das wir teuer genug anbieten, um zu überleben, und günstig genug, um den Schwarzmarkt auszuhebeln. Drachen regenerieren sich in kurzer Zeit wieder durch die Verwandlung, es ist keine große Sache, die aber etwas sehr Großes bewegen kann«, erwiderte Jake behutsam.

Sajian schluckte. »Tut… das weh? Dieses Cerebrosinx zu entnehmen, meine ich.«

Nun lächelte er, aber es war kein sonderlich beruhigendes Lächeln. »Ein bisschen, dem einen mehr, dem anderen weniger. Wir punktieren den Rückenmarkskanal, um den Liquor zu entnehmen. Das kann in Drachen- oder Menschengestalt erfolgen, wobei es in Drachengestalt schonender ist – dann befindet sich auch mehr Liquor im Kanal, den wir gewinnen können, und bei der Rückverwandlung vermisst man gleich gar nichts. Mit Blut können wir auch so einiges anfangen – viele Medikamente werden schließlich auf Blutbasis hergestellt und können nicht rein synthetisch erzeugt werden. Es ist ein relativ einträgliches Geschäft.«

»Aber weshalb werden Drachen dann überhaupt dafür getötet? Man könnte doch auf Dauer mehr gewinnen, wenn man sie leben lässt und ihnen immer wieder kleine Mengen abnimmt«, fragte Sajian verwirrt. »Vor allem, wenn es ohnehin so wenige von ihnen in den Staaten gibt.«

»Ausbeutung ohne Blick auf zukünftige Probleme war schon immer das Mittel der Wahl unter Menschen, denn Zusammenarbeit bedeutet Kompromisse, die das Geschäft weniger einträglich machen – Unterhalt, Bezahlung und so weiter. Vielen geht es um schnelles Geld in größeren Höhen, wenn man den ganzen Körper verwertet, und was danach kommt, interessiert sie nicht. Andererseits – das Geschäft mit Cerebrosinx ist wohl nur deshalb so einträglich, weil es eben nicht in großen Mengen verfügbar ist. Man will womöglich auch den Preis oben halten, indem man das Produkt rar und damit gefragter macht.«

Sajian zögerte. »Du kannst die Absichten von anderen riechen, ja? Ich schaffe das irgendwie nicht. Sind die Leute hier wirklich vertrauenswürdig? Ich bin eher bereit, einem Drachen zu glauben, der immerhin selbst von dem Ganzen bedroht ist, als einem Nichtdrachen, der von unseren Körperteilen profitiert.«

»Wenn ich diese Leute nicht vertrauenswürdig fände, hätte ich ihnen niemals bei irgendetwas geholfen. Vertraue Hiroki und mir, wenn du es bei den anderen noch nicht kannst, das ist ein Anfang. Vertrauen lässt sich nicht erzwingen, es kommt oder eben nicht.«

In diesem Moment begann sich Laetitia neben ihnen zu regen, und er eilte sofort zu ihr. »Laetitia, geht es dir gut? Wie fühlst du dich?«

»Ich«, flüsterte sie schlaftrunken, »habe einen Riesenhunger.«

Sajian lächelte erleichtert, und Jake verschwand nach draußen, um auch ihr etwas Zuessen zu bringen, das sie gierig hinunterschlang. »Oh, ich dachte, ich würde verhungern. Was ist passiert? Warum hab ich geschlafen?«, fragte sie.

Jake zögerte, warf Sajian einen Blick zu, der daraufhin sagte: »Du… ähm… du hast dich ziemlich aufgeregt über Esra, einen der Ärzte hier, weil du dich von ihr bedroht gefühlt hast, oder vielleicht wolltest du auch nur mich beschützen, ähm… jedenfalls…«

»Was?«, hakte sie nach, als er nicht weitersprach.

»Du hast Drachengestalt angenommen«, vollendete Jake den Satz.

Laetitia blinzelte, und Sajian biss sich auf die Unterlippe, unsicher, wie sie diese Information aufnehmen würde.

»Im Ernst jetzt?«, fragte sie fassungslos und sah sie an, als vermute sie dahinter einen Scherz. Ihr beider Gesichtsausdruck gaben ihr die Antwort. »Aber ich hatte nie Anzeichen für Blütigkeit! In meiner Familie gibt es keine Wandler. Ich… ich war nur im Reservat aufgrund meiner Projektarbeit, und ich muss wieder zurück zu meiner Mutter und Schwester!« Hier hielt sie jedoch inne, und ihr Gesicht glättete sich, als ihr die ganze Tragweite der Situation klar wurde.

»Nicht alle Wandler haben vorher Anzeichen«, erklärte Jake. »Oftmals ist es auch so, dass die Betroffenen die Zeichen nicht erkennen oder falsch deuten. Sajian hat sich einige Zeit vor dir verwandelt, auch das kann ein Triggerfaktor sein durch die entstehenden Pheromone kurz vor und während der ersten Verwandlung.«

Sajian fühlte sich angesprochen – er hatte die weißen Schuppen, die sich dann und wann auf seinem Körper bildeten, nicht als Zeichen der Blütigkeit interpretiert und vielleicht auch gar nicht wahrhaben wollen, was sie implizierten. Wie leicht war es da wohl, deutlich subtilere Zeichen zu übersehen?

»Manchmal sind es nur geringfügige Veränderungen, die viele andere Pubertierende auch haben«, führte Jake weiter aus. »Stimmungsschwankungen, erhöhte Konfliktbereitschaft, Aggression, Wesensänderungen… ab und an gibt es auch das Bedürfnis zu jagen und das Verlangen nach rohem Fleisch. Bei dir war es wohl weniger offensichtlich.«

Laetitia sah Sajian an. »Wir können beide nicht zurück in die Gesellschaft«, sagte sie im Tonfall absoluter Endgültigkeit, die ihm das Herz schwer werden ließ – bedeutete das, dass sie für immer hier, im Grässlichgrau, bleiben mussten?

»Ich fürchte das ist korrekt«, bestätigte Jake. »Aber ihr seid hier sicher, alle beide. Und ihr könnt ein relativ selbstbestimmtes Leben bei uns führen, studieren und arbeiten, auch außerhalb des Geländes, sofern ihr die Drachengestalt sicher beherrscht und verbergen könnt. Niemand darf erfahren, wer ihr seid oder wo sich unser Standort befindet – er ist die vielleicht einzige sichere Zuflucht für asiatische Drachen in den ganzen Staaten. Und natürlich auch für westliche Drachen.«

»Wir waren im Shenandoah-Reservat auch sicher«, widersprach Laetitia bestimmt. »Ian McCord ist ein guter Vorsteher, er gibt sich große Mühe, Drachen besser zu verstehen und ihnen sowie der Gesellschaft zu helfen, eine bessere Welt für uns alle zu erschaffen.«

»Der Ian McCord, der am Skandal im Living Heart Hospital beteiligt war?«, fragte Jake nüchtern.

»Er hatte nichts damit zu tun!«, begehrte sie auf. »Er arbeitet zusammen mit Henry Gilfordt, der als Experte auf dem Gebiet der Drachenmedizin bekannt ist.«

»Du hältst offenkundig große Stücke auf beide. Ich dagegen traue nur, wen ich gerochen und aufgrund der Abwesenheit von negativen Absichten für würdig befunden habe. Aber selbst dann sollte man immer noch eine gesunde Vorsicht walten lassen, denn einige Menschen beherrschen es meisterhaft, ihre Emotionen zu unterdrücken und andere zu manipulieren. Ich bin an diesem Ort so frei, wie ich sein kann als das, was ich nun einmal bin, obwohl man mich ganz einfach und lukrativ von der Bildfläche hätte verschwinden lassen können. Das genügt mir, den Leuten hier zu vertrauen, während alle anderen ein unkalkulierbares Risiko darstellen.«

»Ich verstehe«, erwiderte Sajian betrübt. »Aber ich glaube tatsächlich auch daran, dass Ian nichts Böses im Sinn hat. Es gibt einen völlig unkontrollierbaren Drachen in seinem Reservat, der die menschlichen Bewohner und sogar andere Drachen angreift. Er hätte sie einfach loswerden können in ein anderes Reservat, oder… naja, töten, um schnelles Geld zu machen. Dennoch setzt er alles daran, ihr zu helfen, und riskiert dabei sein eigenes Leben. Ich bezweifle, dass das viele an seiner Stelle tun würden, selbst die, die nicht auf Geld aus sind. Es wäre wirklich besser, wenn alle Experten für Drachen sich zusammensetzen und gemeinsam an solchen Fällen und großen Zielen arbeiten würden.«

»Das wäre tatsächlich wünschenswert, aber es ist zu gefährlich. Wenn wir uns bei der Vertrauenswürdigkeit von jemandem vertun, folgt der Tod von vielen«, gab Jake zu bedenken. »Vielleicht uns allen.«

Laetitia atmete tief durch. »Unser Wort für Ian zählt also nicht?«

»Ich werde es Dr. Watanabe vorschlagen. Zunächst aber – erinnerst du dich daran, dass du gegen die Drachenwut geimpft wurdest, Laetitia?«

»Ich, äh… naja, ich habe während der Schulzeit einige Spritzen gekriegt, aber… die Impfung war, glaube ich, freiwillig für Nichtblütige.«

»Dann muss ich dir wohl Blut entnehmen. Du stellst eine Gefahr für alle anderen und dich selbst dar, wenn du als Wandler keine Impfung hast«, sagte Jake.

»Was ist mit mir? Ich weiß es auch nicht sicher«, begann Sajian.

»Wir müssen davon ausgehen, dass deine Eltern dich nur wegen des Umstands adoptiert haben, dass du ein F1 bist. Damit ist wiederum davon auszugehen, dass sie nicht an der Impfung gespart haben, um später nicht leer auszugehen, wenn du infiziert wirst. Aber um ganz sicherzugehen, würde ich dir auch etwas Blut abnehmen. Ich hole nur schnell mein Entnahmebesteck.«