Ian
Ian
Er schlief ausgesprochen schlecht in dieser Nacht, hatte einen äußerst realistischen Traum von Helen, wie sie die Siedlung angriff und alle Bewohner brutal tötete – ihn eingeschlossen. Als er aufschreckte, war er schweißgebadet und rieb sich das Gesicht. Es war Unsinn. Drachen töteten keine Menschen, jedenfalls nicht bewusst. Es geschah, weil sie sich verteidigten und ihre Kräfte Menschen gegenüber nicht richtig einschätzen konnten. Ian erinnerte sich unweigerlich an die Videos, die er während seiner Weiterbildung zum Drachenmediziner gesehen hatte – sie sollten den richtigen und falschen Umgang mit Drachen in Reservaten veranschaulichen. Die schlechten Beispiele waren in aufsteigender Intensität geordnet – zuerst ein kleiner Drache, der von seinem menschlichen Vorsteher immer wieder mit einer Papprolle auf die Schnauze gehauen wurde, um ihn so von dessen Arbeitsstelle zurückzutreiben. Zunächst wirkte es, als ob diese Methode funktionierte, ehe der Mann urplötzlich und heftig angefallen wurde. Der Drache ließ allerdings sofort wieder von ihm ab, und der Kommentator stellte kategorisch fest, dass es so aussah, wenn Drachen Menschen ohne Tötungsabsicht maßregelten – mehrere gebrochene Knochen, darunter ein Schädelbasis- und Kieferbruch, sowie ein Schädel-Hirn-Trauma und ein Milzriss, aber er hatte überlebt. Es folgten weitere Videos mit immer größeren Drachen, die deutliche Drohgebärden zeigten und bei denen erst durch genaues Hinsehen klar wurde, dass sie Beute oder jüngere Schwarmmitglieder verteidigten. Der Kommentator erklärte völlig nüchtern, dass man hier sehen könne, wie eine Katastrophe ihren Lauf nahm, als Vorsteher sämtliche Protokolle für solche Fälle ignorierten. Die Angriffe vollzogen sich innerhalb von Sekunden und rissen wenigstens Körperteile ab, einer schleuderte den Vorsteher wie eine Puppe mit dem Maul durch die Luft und schmetterte ihn auf den Boden, wo er reglos liegenblieb. »Sie haben gegen diese Wesen keine Chance«, erwiderte der Kommentator. »Drachen beherrschen das Reservat, nicht Sie. Sie müssen als Mensch nach deren Regeln spielen, wenn Sie sich nicht in die Riegen derer einreihen wollen, deren Überreste vom Boden aufgekratzt werden müssen.« Andere Videos, die in anderen Ländern aufgenommen wurden, zeigten eine ganze Herde Elefanten, die in für so große Tiere unglaublicher Panik rannte, als ein einzelner Drache über sie hinwegflog und den massigen Bullen ohne jede Anstrengung tötete, ein anderes Drachen, die ausgewachsene Bären im Maul herumtrugen wie ein Hund eine Ratte. »Drachen sind nicht einfach große Wesen, sie sind eine Naturgewalt, der absolute Spitzenpredator an Land. Das gilt auch für verletzte und kranke Drachen. Nähern Sie sich Ihnen niemals – das wäre Ihr sicherer Tod. Die Behandlung kranker Drachen, die sich nicht selbst heilen können, ist glücklicherweise eine eher seltene Angelegenheit und gehört in Expertenhände, die Sie aktuell noch nicht sind und vielleicht niemals sein werden. In diesem Zustand sind sie absolut unberechenbar, und in den meisten Fällen ist ihnen ohnehin nicht zu helfen. Lassen Sie sie in Frieden sterben und riskieren sie nicht Ihr Leben.«
Ian fühlte sich erschöpft, als er sich erhob, noch immer Bruchstücke des lebhaften Traums und seiner Weiterbildung vor Augen. Nach seiner Morgenroutine ging er zunächst in die Paddocks hinunter, sah in das leere neben Ryous und schluckte, dachte an das Satellitentelefon. Die Nummer war unterdrückt worden, aber er hatte noch Esras alte Handynummer irgendwo eingespeichert, da war er sich sicher. Sollte er versuchen sie anzurufen? Oder den Anruf durch die Polizei zurückverfolgen lassen? Aber was, wenn er sie damit in Gefahr brachte? Esra hätte ihm gesagt, wo sie war, wenn es sicher wäre.
Ryou war bereits wach, als er schließlich zu ihm kam. »Morgen, Grace war vor Sonnenaufgang hier. Sie ist zum Zaun weiter im Innern des Reservats gegangen, ich konnte es nicht genau erkennen, weil es noch so dunkel war. Aber ich glaube, es war dort, wo wir mit dem Geländewagen reingefahren sind, um die Patrouille durchzuführen.« Ryou sah ihn besorgt an. »Was machen wir jetzt? Wegen Sajian und Laetitia, meine ich.«
Er seufzte und lehnte sich gegen die Wand des Wohnbereichs. »Ich habe gestern einen Anruf erhalten, eigentlich zwei. Einer war von meinem früheren Assistenzarzt Esra. Sie hat behauptet zu wissen, wo die beiden sind, und dass sie in Sicherheit wären.«
»Und das glaubst du, einfach so?«, fragte er.
»Ich kenne Esra. Sie war mit mir im Living Hearts Hospital.«
»Aber das ist schon etwas her, oder? Du weißt nicht, ob sich ihre Sichtweisen nicht geändert haben und sie jetzt für die Drachentöter arbeitet«, hielt er dagegen. »Oder vielleicht immer schon andere Sichtweisen als du hatte, ohne dass du es bemerkt hast.«
»Warum hat sie mich dann angerufen? Sie hätte beide einfach wortlos vom Erdboden verschwinden lassen können, und ich hätte nie davon erfahren.«
Das brachte ihn aus dem Konzept. »Stimmt«, gestand er. »Aber vielleicht bedeutest du ihr ja etwas und sie wollte dich beruhigen mit einer Lüge. Die Wahrheit würdest du ja schließlich nie erfahren.«
»Das wäre ziemlich weit hergeholt, findest du nicht?«
»Vielleicht… wer war der zweite Anrufer?«
»Sajians Mutter. Sie hat mich davor gewarnt, ihn in ein anderes Reservat auszuliefern. Anscheinend… hatten seine Eltern vor, ihn gewinnbringend in seine Einzelteile zerlegen zu lassen und zu verkaufen.«
»Davon hast du erzählt… dass es Menschen gibt, die Schnaps trinken, in den ein Drachenherz eingelegt ist. Oder die Knochen zu traditionellen asiatischen Arzneimitteln zermahlen. Oder Drachen für den Organhandel ausschlachten.« Er schluckte. »Aber… Sajian? Wirklich? Weil sie ihn nicht mehr wollten?«
»Ich glaube eher, dass sie ihn explizit zu diesem Zweck adoptiert haben. So klang es zumindest heraus. Seine Mutter will ihn jetzt um jeden Preis retten, entweder, weil sie doch zur Moral zurückgekehrt ist oder kalte Füße gekriegt hat angesichts des Verbrechens, an dem sie sich beteiligen wollte.«
»Oh«, sagte er nur und sah deutlich blasser aus als vorher. »Ich… ich meine… glaubst du, meine Eltern…?«
»Ich weiß es nicht, Ryou«, sagte er wahrheitsgemäß. »Ich kenne deine Eltern nicht.«
Er versank kurz in sich, dann wurden sie abgelenkt, als ein Schatten mit flappenden Geräuschen heranrauschte: Ein weißer Drache – Grace. Sie landete in einiger Entfernung vor ihnen und näherte sich dem Zaun, der an dieser Stelle von Bäumen und Büschen verdeckt wurde. »Da ist sie wieder!«, sagte Ryou aufgeregt. »Was glaubst du tut sie da?«
»Sie hat Essen dabei«, erkannte Ian: Grace trug etwas im Maul, das wie ein Bündel Trockenfleisch aus dem Futterspender aussah. Wen fütterte sie? Oder versteckte sie das Essen? Aber weshalb und vor wem?
»Ich sehe nach – Helen ist nirgendwo zu sehen, es ist sicher«, sagte Ryou entschlossen. Die Tür zu seinem Paddock war offen, und er machte einen Schritt nach draußen, legte seine Kleider ab und wechselte ohne große Anstrengung in die Drachengestalt. Vorsichtig flatterte er zu ihr hinüber und lief die letzten Meter. Ian konnte durch die Vegetation hindurch nicht gut erkennen, was vor sich ging, aber er hörte das heisere Kreischen von Grace, als sie den kleineren Drachen bemerkte. Es gab ein tiefes Knurren und Grollen von Ryou – und dann ein fremdartiges Geräusch, das fast wie ein Quietschen klang. »Ryou? Grace?« Er beschloss, aus seiner Deckung zu kommen, und trat aus dem Gitterteil des Paddocks heraus. Das war riskant, denn tatsächlich konnte Helen plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen, aber noch war sie nirgendwo zu sehen.
Ryou kam aus dem Gestrüpp und blickte ihn an, dann hüpfte er und stieß ein lautes Hooten aus, von dem Ian wusste, dass es Aufregung bedeutete und ein Ruf nach Unterstützung war.
Er bahnte sich seinen Weg durch die Vegetation, was Grace nervös zurückweichen ließ, blickte durch die armdicken Gitterstäbe des Grenzzauns – dahinter saß ein Drache und schlang gierig das Trockenfleisch hinunter, das ihm gebracht worden war. Es handelte sich um das saurierähnliche Exemplar, das sie im Wald gesehen hatten. »Du! Bist du unserer Spur gefolgt?«, entfuhr es Ian.
Der Drache wich zurück und knurrte bösartig. Er stand zweibeinig da, die Schwanzspitze wie zum Angriff erhoben. Die oliv- und rostbraune Grundfarbe begann sich wieder zu jenem düsteren Grauviolett zu ändern. »Ganz ruhig! Hier sind andere Drachen. Willst du nicht reinkommen und sie kennenlernen?« Seine defensive Haltung änderte sich nicht, und Ryou brummte ihm etwas zu. Der andere Drache erstarrte, Ian schöpfte für einen Moment Hoffnung, doch dann breitete er die Flügel aus und flog in die Wälder davon.
Ian seufzte. »Es war trotzdem ein Erfolg. Er weiß jetzt, dass es hier Futter für ihn gibt und Artgenossen. Vielleicht kommt er ab jetzt öfter hier her und wir bekommen neue Chancen, ihn ins Reservat zu holen. Wenn wir ihn füttern, überfällt er zudem hoffentlich keine Wanderer mehr.«
Ryou verwandelte sich zurück, was Grace sichtlich verunsicherte und auf der Stelle tänzeln ließ. »War… sie das? Der Drache, den wir gesucht haben? Sie sah zumindest aus wie ein Dinosaurier. Mit etwas Fantasie.«
»Sie?«, war tatsächlich das erste, das ihm dazu einfiel. Der Drache trug ein Geweih, was ihn immer noch glauben ließ, dass es ein männliches Exemplar war.
»Ich bin mir ziemlich sicher«, erwiderte Ryou.
Neben ihnen nahm Grace völlig unerwartet ihre Menschengestalt an, aber es sah merkwürdig aus – als ob sie sich nicht sicher damit wäre. Die Gestalt begann sich wieder und wieder zurück zum Drachen zu wandeln, aber nicht ganz, sondern immer nur teilweise, bis eine völlig erschöpfte menschliche Grace zum Vorschein kam, die angestrengt hustete.
»Grace, alles in Ordnung?« Ian kniete sich vor sie. Grace hustete, spuckte Schleim aus, dann keuchte sie: »I-ich… ich füttere sie… sie ist ganz allein da draußen, hungrig… sie ist vor Menschen geflohen, die ihr schaden wollen… ich… ich kann mich nicht konzentrieren. Aber ich will es können! Ich will mich an die Drachendinge erinnern können!« Sie sackte in sich zusammen, wurde von Ian aufgefangen, und blinzelte. »Was ist passiert?«
Er begriff, dass sie die Drachenhirnwindungen mit aller Kraft zu erhalten versucht hatte, um ihm diese Mitteilung zu machen. Nun hatten sie sich ruckartig zurückgebildet, weil sie nicht mit dieser Gestalt kompatibel waren. Ihr fehlten die Synapsen, um die Informationen auch in den menschlichen Hirnwindungen ablegen zu können.
»Erinnerst du dich an den Drachen, dem du geholfen hast?«, fragte Ian, der sie noch immer im Arm hielt. Er hoffte, dass die Information doch irgendwo steckte und nur nicht abgerufen werden konnte. »Du hast ihr Trockenfleisch gebracht.«
Sie dachte angestrengt nach, dann sagte sie merklich frustriert: »Ich erinnere mich nicht daran.«
»Willst du lernen, dich zu erinnern? Es ist nicht so schwer. An Helen hast du dich ja auch erinnert. Wenn man etwas immer und immer wieder übt, beherrscht man es irgendwann. Vorallem, wenn man es mit Emotionen kombiniert.«
»Ich erinnere mich an etwas sehr… Angsteinflößendes. Vielleicht waren es die Emotionen des anderen Drachen. Sie haben mir auch Angst gemacht, weil sie so stark waren.«
»Guter Anfang.« Ian lächelte. »Komm zu den Paddocks und wir üben das gemeinsam. Ryou hat es auch geschafft. Jetzt gerade ist die Erinnerung noch frisch, der Drache hat sie. Holen wir sie zu dir.«
Grace war wackelig auf den Beinen, und Ian stützte sie die ersten Meter über, bis sie wieder selbstständig laufen konnte.