Jake, Sajian und Laetitia
Jake, Sajian und Laetitia
Jake kehrte wenig später mit dem Entnahmebesteck zu ihnen zurück – er wirkte seinem Gesichtsausdruck nach unerfreulich begierig darauf. »Was soll ich sagen, ich brenne für meinen Beruf. Schon als Kind habe ich am Liebsten Zeichentrickserien über den menschlichen Körper gesehen und mir einen Arztkoffer gewünscht. Es war wohl ausgerechnet dieser Umstand, der meine Adoptiveltern davon überzeugt hat, mich als ihr echtes Kind anzuerkennen – beide sind Ärzte, und ihr leibliches Kind hatte keinerlei Ähnlichkeiten mit ihnen, weder äußerlich noch hinsichtlich seiner Interessen. Mit achtzehn ist mein Stiefbruder schließlich nach vielen Streitereien abgehauen und nicht zurückgekommen. Er hat den Kontakt von heute auf morgen abgebrochen. Wenn die Chemie zwischen ihnen gestimmt hätte und er derjenige gewesen wäre, der Arzt werden wollte, weiß ich nicht, was mit mir passiert wäre.« Sein Gesicht verhärtete sich. »Dennoch haben sie viel riskiert für mich, und für ihr leibliches Kind, obwohl es sie hasst.«
»Hasst du sie?«, fragte Laetitia nach einem Moment vorsichtig.
»Ich glaube schon. Ich meine, wer könnte es mir verübeln? Ich kann ihnen nie mehr vertrauen. Aber ohne sie wäre ich heute vermutlich tot. Ich bin dank ihnen ein unglücklicher, zufälliger Überlebender. Zudem waren ihre Gefühle echt, als wir uns verabschiedeten; ich habe nichts Unaufrichtiges an ihnen wahrgenommen, wie viele Gedankenverrenkungen es mich auch gekostet hat, das anzuerkennen. Sie haben sich gegen so viele Leute gestellt, die ihr Stück vom Verdienst an mir einfordern wollten. Heute leben sie in ständiger Furcht und ändern ihre Namen und ihren Wohnort regelmäßig. Es ist nicht so, als ginge es ihnen so viel besser wie mir jetzt. Ihr Leben ist durch die Entscheidung für mich ziemlich den Bach runtergegangen. Das hätten sie nicht auf sich genommen, wenn ihnen nichts an mir läge.«
Sajian schluckte schwer. Seine Eltern hatten sich immer mehr von ihm distanziert, je älter er wurde. Lag das rückwirkend betrachtet daran, dass der Zeitpunkt seiner Tötung immer näherrückte? Hatten auch sie insgeheim Gefühle für ihn entwickelt? Hatten sie die entstandene Bindung auf diese Weise lösen wollen, um ihn leichter opfern zu können? Haderten auch sie schlussendlich mit sich selbst? Dass sie sich für ihn gegen die halbe Welt stellten, hielt er dennoch für unwahrscheinlich. Seinem Vater war nichts wichtiger als sein berufliches und gesellschaftliches Ansehen. Er hätte dafür seine eigene Mutter verkauft. Stattdessen verkaufte er nun seinen Sohn, der ja immerhin nicht einmal mit ihm verwandt war.
»Ich bin soweit. Wer ist mein erster Patient?« Jake stellte das Tablett mit Desinfektionsmittel, Pflaster, Nadel und Entnahmeröhrchen vor ihnen ab.
»Ich«, antworteten beide gleichzeitig und sahen einander überrascht an.
»Ich hab nur zwei Hände«, entgegnete Jake trocken. »Wer von euch macht mehr Geschrei?«
»Er«, sagte nun Laetitia prompt mit voller Überzeugung, obwohl sie nicht wusste, ob das stimmte. Sie lächelte, um die Situation aufzulockern, und Sajian erwiderte es – nur um einen Moment später in schallendes Gelächter auszubrechen, als Jake erwiderte: »Dann fangen wir lehrbuchgemäß mit dem an, der weniger Geschrei macht. Leg dich hin, Laetitia.«
Die Dynamik zwischen ihnen brachte ihn selbst zum Lächeln, und es ließ Jake anders aussehen; jugendlicher, nicht so verbittert und kühl, wie er sonst wirkte. »Ich sehe, dass ihr beide euch sehr nahesteht. Bewahrt euch das, es ist wichtig in einer Welt wie dieser.«
»Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass die Welt so furchtbar ist, wie sie mir gerade scheint. Bis vor kurzem war noch alles in bester, alltäglicher, langweiliger Ordnung. Und jetzt sind wir hier. Zwei Drachen inmitten einer Welt, die sich gegen uns verschworen hat«, sagte Sajian, während Jake Laetitias Unterarm vor sich ausbreitete, mit einem Stoffband staute und nach einer Vene tastete.
Laetitia für ihren Teil wurde unruhig, aber die ungezwungene Konversation zwischen ihnen ließ sie sich wohler fühlen. Sie erinnerte sich unweigerlich an frühere Arztbesuche in ihrer Kindheit zurück, zusammen mit ihrer Schwester. Elizabeth hatte nie Furcht vor den Maßnahmen beim Arzt gehabt und war eine durch und durch fröhliche Seele, die schon im Wartezimmer nur daran dachte, dass sie hinterher was zum Naschen bekommen würden – etwas, das ihre Mutter sonst nur selten erlaubte. Sie hatte im Wartezimmer fröhlich gespielt, aufgeweckt wie immer, mit einem ständigen Bewegungs- und Mitteilungsdrang. Ihre alleinerziehende Mutter hatte das stets genervt, aber Elizabeth schien es nicht zu kümmern, sofern sie es überhaupt mitbekam. Laetitia dagegen hatte sich kaum getraut, fröhlich zu sein oder ihre Nervosität mit ablenkenden Gesprächen zu überspielen, weil sie damit die Nerven ihrer Mutter noch mehr strapazierte. Für das Befinden von anderen hatte sie seit ihrer Kindheit sehr sensible Antennen. Sie war wütend auf Elizabeth, dass es ihr einfach nicht wichtig war, wie ihre Mutter ihr Verhalten bewertete, und wünschte sich gleichzeitig, auch so unbekümmert sein zu können. Sie litt an der selbst aufgezwungenen Ruhe zum Wohle ihrer Mutter, hatte hinterher nicht mal das Bonbon angenommen, das man ihr angeboten hatte, weil sie wusste, dass ihre Mutter es nicht guthieß. Sie wollte kein Missfallen bei ihr erregen, und der kritische Blick ihrer Mutter an Elizabeth, die unbekümmert das Bonbon aß, als ob sie nur deswegen hergekommen wären, traf Laetitia weitaus stärker als sie.
Aber jetzt war alles anders, oder? Jakes Nerven würde sie nicht strapazieren, wenn sie sich mit ihm unterhielt oder Spaß mit Sajian machte. Ihre Mutter war nicht hier, um die Augen zu verdrehen, wenn sie eine Frage stellte oder die Stimmung aufzulockern versuchte. »Vielleicht hat meine Mutter immer schon gewusst, dass ich ein Drache bin, und meiner Schwester und mir deshalb nie Süßkram erlaubt. Hatte wohl Angst, dass uns das triggern könnte. Dann hätte sie anstelle zweier nerviger Töchter zwei nervige Tochterdrachen im Haus gehabt«, sagte sie.
»So im Nachhinein betrachtet wussten meine Eltern ja, dass ich ein Drache bin. Das erklärt, warum meine Mutter immer so schreckhaft war, wenn sie mir nachts auf dem Weg zum Klo begegnet ist. Hat vermutlich gefürchtet, ich würde sie auffressen. Oder meine Klassenkameraden, weshalb ich nie mit auf Klassenfahrt durfte. Plötzlich ergibt alles Sinn, was die Erwachsenen um mich herum an komischen Dingen getan haben«, sagte er.
Jake lächelte, und es legte die Haut um seine Augen herum in Falten. »Bei mir erklärt es, warum sie mit Beginn meiner Pubertät immer nervöser wurden und mich nicht mehr allein rausgehen lassen wollten. Ich glaube, sie haben meinen Stiefbruder zunehmend vernachlässigt, weil sie immer mich im Auge behalten mussten.« Sein Gesicht wurde ernster. »Jetzt hab ich die gute Stimmung gekippt, sorry.«
»Au!« Laetitia sah, wie das Blut über einen Schlauch von ihrer Armbeuge ins Röhrchen lief, und wenige Sekunden später war alles wieder entfernt und ein Pflaster zierte die Stelle. Jake hatte es rasch und mit geübten Handgriffen erledigt.
»Schon passiert, du warst wirklich sehr tapfer«, sagte er mit verschmitztem Gesichtsausdruck.
»Außerordentlich, ich wäre fast versucht, dir ein Heldenlied zu schreiben, wenn ich sowas könnte«, erwiderte Sajian, und Laetitia lächelte. Das war genau die Art Dynamik, die sie brauchte, um zu entspannen und die sie bei ihrer Mutter so schmerzlich vermisst hatte. Plötzlich war die Blutentnahme gar nicht mehr so stressig, und wenn sie doch noch eine Impfung bekommen musste, wäre das auch in Ordnung.
»Mal sehen, ob du ebenfalls in dem Heldenlied vorkommst.« Jake bereitete nun alles für Sajian vor, und dieser sah ausgesprochen nervös dabei aus.
»Ich fürchte, ich mache wirklich mehr Geschrei als Laet. Kindheitserfahrungen können ein Fluch sein.« Er rieb sich mit der Hand übers Gesicht.
»Du hast vermutlich öfter Besuch von Ärzten gehabt, genau wie ich. Was haben sie bei dir gemacht und wie oft?«, fragte Jake neugierig.
»Sie kamen am Anfang alle paar Wochen, dann alle paar Monate, immer zu uns Nachhause. Ich fand das einerseits gut, da musste ich ausnahmsweise mal nicht zu den vielen Kursen und außerschulischen Arbeitsgemeinschaften, die meine Eltern mir aufgebrummt haben. Aber die Ärzte waren allesamt keine Personen, denen die Sonne aus dem Arsch schien. Sie behandelten mich wie ein Werkstück, das abgefertigt werden muss. Ich sollte mich jedes Mal komplett ausziehen und einfach stillhalten. Nie wusste ich, ob es gleich wehtun würde oder man mich im Intimbereich anfasst. Ich habe es gehasst, mich hinterher immer so… gedemütigt gefühlt, auch dann, wenn gar nichts Unangenehmes passiert ist. Und es kamen immer andere. Bis ich in die Schule kam dachte ich noch, dass jeder das mitmachen muss. Meine Eltern sagten immer, sie wollten das Beste für mich; andere Eltern seien zu arm für die regelmäßige Betreuung ihrer Kinder durch Spezialisten und ich solle mich glücklich schätzen. Aber andere Kinder mochten ihre Ärzte und gingen zum Teil sogar gern zu ihnen. Ich begann mich zu fragen, ob es einfach an mir liegt. Ob ich zu empfindlich bin und mich nicht so anstellen solle, wie mein Vater immer sagte. Aber meine Klassenkameraden bekamen sogar Belohnungen nach den Arztbesuchen. Ich wurde irgendwie neidisch darauf, und heute erkenne ich, dass ich allen Grund dazu hatte, die Besuche furchtbar zu finden. Das ist irgendwie beruhigend, auf eine verquere Art und Weise. Meine Gefühle waren valide.«
»Ich weiß, wie du dich fühlst«, sagte Jake und desinfizierte seine Armbeuge. »Bei mir war es ähnlich, aber meine Eltern erzählten mir, ich sei schwerkrank. Irgendetwas mit meinem Blut und meinem Knochenmark, manchmal widersprachen sie auch früheren Aussagen und dachten wohl, ich merke es nicht. Deshalb müsste ich häufiger von Ärzten besucht werden als mein Stiefbruder, der mich von Anfang an nicht leiden konnte, egal, wie sehr ich mich um ihn bemüht habe. Wir haben nur nebeneinander her gelebt, wie zwei Fremde, die wir ja auch irgendwo waren. Heute frage ich mich, ob er es vielleicht wusste und von Anfang an nicht damit einverstanden war, was meine Eltern da mit einem anderen Kind taten. Vielleicht haben sie es ihm sogar als eine Art Investition für seine Zukunft verkauft, und er wollte von vornherein keine Bindung zu mir aufbauen. Vielleicht wollte er auch einfach kein fremdes Kind als Bruder. Mit den Ärzten war ich immer allein. Ich habe mich sofort unwohl gefühlt, wenn ich einen weißen Kittel nur sah, obwohl meine Eltern selbst Ärzte waren. Aber zumindest sahen sie im Nachhinein immer irgendwie… besorgt aus, so, als fühlten sie sich selbst unwohl dabei. Und je älter ich wurde, desto mehr verstand ich von Medizin und stellte Fragen. Warum es keine genaue Diagnose gab, was das für Spezialisten waren und wozu sie die ganzen Ergebnisse und Proben brauchten. Ich begann, mich selbst zu untersuchen, mit den Instrumenten meiner Eltern, und mein Blut in ihr angegliedertes Labor zu schicken. Alles zeigte mir, dass ich gesund bin. Dass ich ihnen auf die Schliche kam hat wohl dazu beigetragen, die Bombe platzen zu lassen.« Er stach mit der Nadel zu, suchte ein wenig unter der Haut nach der Vene, woraufhin Sajian das Gesicht verzog, aber nicht jammerte.
»Ich hab mich nie getraut zu widersprechen, egal, wie schlimm ich das alles fand. Irgendwie… hatte ich als Kind Angst.«
»Das ist auch nicht weiter verwunderlich, wenn man nicht einmal weiß, was da mit einem passiert und weshalb. So, du warst auch tapfer. Verewigt euch beide im Heldenlied«, sagte Jake und klebte ein Pflaster auf die Entnahmestelle. »Ich bringe die Proben ins Labor. Ruht euch jetzt ein bisschen aus.« Er schickte sich an zu gehen, doch Laetitia hielt ihn zurück.
»Jake? Ich… danke. Das war… ein angenehmer Arztbesuch. Der vielleicht angenehmste meines bisherigen Lebens.«
»Allerdings, definitiv der angenehmste meines bisherigen Lebens«, stimmte Sajian zu, was ihn lächeln ließ.
»Alle Ärzte hier geben sich große Mühe im Umgang mit ihren Patienten. Ihr werdet sie noch alle kennenlernen und hoffentlich Vertrauen fassen.«
Als er gegangen war, rückte Laetitia näher an Sajian heran. »Ich hatte keine Ahnung, dass du sowas durchmachen musstest. Ich finde es bedenklich, dass all diese Dinge mitten zwischen uns stattgefunden haben und keiner je etwas bemerkt hat.«
»Wie auch, es geschah ja hinter verschlossenen Türen wie jeder Missbrauch«, sagte er leise. »Aber ich fühle mich erleichtert. Nicht, dass ich mich freue, dass Jake auch sowas erlebten musste, aber jetzt kenne ich jemanden, mit dem ich mich austauschen kann. Und der mir bestätigt, dass es nicht falsch war, solche Gefühle zu haben. Wenn dieser dämliche Spaßbadbesuch nicht gewesen wäre, wäre ich jetzt wahrscheinlich schon verteilt auf einen Haufen Pillen und der Rest eingelegt in Alkohol.«