Ian
Ian
Das gemeinsame Training mit Grace und Ryou zog sich bis zum Abend hin, aber es wurde auf ganzer Linie ein Erfolg: Sie hatte schließlich in ihrer Menschengestalt den Gedanken aufgegriffen, dass der Name des fremden Drachen Sakura war und sich auf der Flucht befand – wovor konnte Grace nicht genau sagen, aber es blieben nicht viele Möglichkeiten. Sie mussten sie schnellstens ins Reservat holen, wo sie sicher vor allen Bedrohungen dort draußen war.
Er setzte sich wieder an seinen Arbeitsplatz, nachdem sie auseinandergegangen waren, und sah die neuen Mails durch, darunter eine von Sajians Vater, der nicht mehr länger um Herausgabe seines Sohnes bat, sondern sie unter Androhung juristischer Schritte einforderte. Ian gab ihm dieselbe Antwort wie auf die letzte Mail. Henry unterrichtete er später über Sakura, der ihm kurz darauf riet, einen Vorrat an Trockenfleisch nahe der Reservatsgrenze zu deponieren sowie einen weiteren hinter der Grenze. Er überlegte, mit den Betäubungsmittelkanistern zu arbeiten, um sicherzugehen, dass sie beim nächsten Mal Erfolg hatten. Anschließend fiel er müde in sein Bett und schlief sofort ein, nur um am nächsten Morgen durch das Klingeln am Tor geweckt zu werden – das hatte er bisher noch nie gehört. Es gab eine Besucherklingel, aber kaum jemand besuchte jemals ein Reservat, mit Ausnahme der Drachenbehörde. Er war sofort wach und saß aufrecht im Bett, wusch und kleidete sich rasch an, um nach draußen zu eilen.
Er öffnete das Tor nicht, sondern stieg an den seitlich eingelassenen Sprossen hinauf, um über den Zaun hinwegzusehen. Dort fand er einen schwarzen Lieferwagen ohne Kennzeichen vor, der in einiger Entfernung parkte. Eine einzelne Person in tiefblauem Anzug stand vor ihm. Noch bevor der Mann sich vorgestellt hatte wusste Ian, wer er war. »Guten Tag, sind Sie der Vorsteher dieses Reservats?«, fragte er knapp.
»Ian McCord der Name. Und Sie sind?«, erwiderte Ian kühl.
»Sebastian Castleton, Sajian Castletons Vater. Ich bin hier, um mein Recht durchzusetzen, das Sie so geflissentlich übergehen.«
Du bist dir deiner Sache ja sehr sicher , dachte Ian zerknirscht. »Ich habe Ihnen bereits geschrieben, dass ich die Herausgabe eines Mitglieds meines Reservats verweigere. Daran hat sich nichts geändert.«
Castleton öffnete völlig unbeeindruckt einen silbernen Koffer, der hinter ihm stand, und nahm ein Papier heraus. »Hier haben Sie den Vollstreckungsbescheid, den ich mit meinen Anwälten als Härtefallmaßnahme durchgesetzt habe. Er gilt mit sofortiger Wirkung. Sollten Sie sich weigern zu entsprechen, wird das Konsequenzen für Sie haben – als Vorsteher wie auch privat, und für das Reservat selbst.«
Ian zögerte, dann stieg er die Leiter hinunter und öffnete das Tor. »Ich lasse mich nicht erpressen von einflussreichen Geschäftsleuten, die meinen, sie könnten das Gesetz nach ihrem eigenen Gutdünken zurechtbiegen. An diesem Ort ist Ihr Kind in besten Händen, das versichere ich Ihnen.«
»Ich biege das Gesetz nicht nach eigenem Gutdünken zurecht, wie Sie es nennen«, sagte Castleton abfällig. »Alles ist juristisch untermauert. Mein Sohn wird auf der Stelle durch mich ins Kootenay-Reservat überführt, das ich als angemessen für ihn erachte. Es entspricht als einziges den Anforderungen, die ich an eine dauerhafte Verbringung für mein Kind stelle.«
Ian nahm das Papier entgegen und überflog es. Noch bevor er an der entscheidenden Stelle angekommen war sagte Castleton: »Um das hier abzukürzen: Sollten Sie sich weigern, der Aufforderung nachzukommen, ist das ein Verstoß sowohl gegen geltendes Recht als auch die offizielle Anordnung durch Ihre übergeordnete Behörde. In dem Fall werden Sie von Ihren Pflichten als Reservatsvorsteher entbunden und fristlos suspendiert. Ohne Abfindung.«
»Sie wollen mich aus meinem eigenen Reservat werfen lassen?«, fauchte Ian, wütend über diesen schamlosen Versuch, Druck auf ihn auszuüben.
»Sie sind ein einzelner, ersetzbarer Mann. Und nun tun Sie, was von Ihnen verlangt wird, oder sehen Sie den Konsequenzen für Ihre Zuwiderhandlung ins Auge.« Sein Gesicht blieb ausdruckslos, doch innerlich lächelte er schmierig, das spürte Ian. Abscheu stieg in ihm auf.
»Ich fürchte, ich kann Ihrer Aufforderung nicht nachkommen: Ihr Sohn und ein weiterer Bewohner meines Reservats sind auf einem genehmigten Gang außerhalb der Grenzen verschwunden. Der Verlust wurde bereits der Drachenbehörde gemeldet, die daraufhin Suchmaßnahmen und weitere Ermittlungen eingeleitet hat – in diesem Gebiet verschwinden seit einigen Jahren immer wieder Personen. Aktuell ist noch völlig unklar, was passiert ist.«
Nun entgleiste Castletons Gesicht, und es gab Ian eine gewisse Genugtuung, auch wenn es ein Pyrrhussieg war. »Wieso haben Sie mich davon nicht früher in Kenntnis gesetzt?! Wie konnten Sie… was haben… wie… ach, es ist völlig egal, er kann nicht verschwunden sein. Sie hören von meinen Anwälten.« Er nahm sein Handy aus der Tasche und stapfte davon, dann telefonierte er, vermutlich mit der Drachenbehörde. Diesbezüglich hatte Ian die Wahrheit gesagt, und die Behörde bestätigte ihm vermutlich gerade genau das. Als er auflegte, schoss er Ian einen hasserfüllten Blick zu, bevor er zum Wagen zurückging und einstieg.
Du mich auch, du Lackaffe , dachte Ian, als er ihn davonfahren sah.
Er machte kehrt, einen harten Kloß im Hals spürend. Zu was war dieser Castleton fähig? Würde er ihn wirklich seiner Position entheben? Was würde dann aus den Drachen hier werden? Er atmete tief durch, um sich zu sammeln. Das würde nicht passieren, es war eine leere Drohung. Er hatte nach Protokoll gehandelt, das Verschwinden der betroffenen Personen unverzüglich gemeldet, wie es seine Pflicht war. Er war nicht dazu verpflichtet, Dritten über seine Bewohner, die noch dazu seine Patienten waren, Auskunft zu erteilen. Die Schweigepflicht stand sogar über der Auskunftspflicht gegenüber Polizei und Gerichten, also definitiv auch über der gegenüber diesem Mann, der sich sonstwas auf seine Person einbildete.
Ian machte sich gedankenverloren daran, die Köder für Sakuras Einfangaktion vorzubereiten, als er von Weitem sah, wie Grace und Ryou unten am Grenzzaun standen – dahinter erblickte er auch den bulkigen Körper Sakuras. Sie fraß etwas, das Grace ihr mit dem Maul durch die Gitterstäbe hinhielt, und Ryou hootete dabei aufgeregt. Ian beschloss, im Verborgenen zu bleiben und das Geschehen zu beobachten – vielleicht kam sie ja von selbst. Sein Auftauchen konnte alle Hoffnungen auf Erfolg zunichtemachen, denn sie vertraute offenkundig keinen Menschen.
Grace sprach mit ihr in Form von Knurren und Grollen, doch Sakura knurrte darauf nur abweisend, und schließlich verschwand sie wieder im umliegenden Wald, der sie augenblicklich verschluckte. Ian seufzte, dann widmete er sich weiter seiner Aufgabe. Er würde die Köder mit Betäubungsmittel versetzen und außerhalb des Zauns platzieren. Anschließend mussten Grace und Ryou sie bewachen, damit Sakura nicht zu lange schutzlos im Wald lag. Die Verteilung konnte er mit einer neuen Patrouille durchs Reservat verbinden – diesmal ohne Begleitung.
Er bereitete alles vor und aß ein knappes Frühstück, ehe er in den Wagen stieg und aus dem Tor fuhr, zuerst auf das Zaunstück zu, vor dem Sakura aufgetaucht war. In einigem Abstand zueinander legte er die Köder aus, welche aus Trockenfutter, -früchten und -fleisch bestanden, dazwischen die Betäubungskugel, die hinsichtlich Größe und Farbe kaum auffiel. Ryou und Grace beobachteten ihn dabei ausgesprochen neugierig, dann flog Ryou plötzlich und unerwartet über den Zaun und landete neben ihm.
»Nicht fressen! Das sind Betäubungsköder! Bleib im Reservat und pass auf – wenn Sakura davon frisst und einschläft, muss ich es sofort wissen. Ich gehe jetzt auf Patrouille und verlasse mich auf euch beide.« Er war sich sicher, dass Ryou ihn verstanden hatte, doch dieser ließ sich nicht abschütteln, verabschiedete sich sogar allem Anschein nach von Grace und folgte Ians Wagen fliegend, als er ins Reservat fuhr.
Er näherte sich dem ersten Kontrollpunkt. Ryou erreichte den kleinen, baumbestandenen Hügel einige Zeit vor ihm und setzte zur Landung an. Auch dieses Mal waren keine Reservatsbewohner zu sehen, sodass er den Motor gar nicht erst abstellte, sondern gleich weiterfuhr. Ryou schwang sich ebenfalls zurück in die Luft.
Die Kontrollpunkte SR-02 und 03, die als nächstes in Sicht kamen, lagen ebenfalls völlig ruhig da ohne jeden Hinweis auf Drachen. Ian bekam plötzlich ein ungutes Gefühl in der Magengegend, das er nicht einordnen konnte, doch es verstärkte sich, als auch in SR-04 keine Drachen zu finden waren. Der Futterspender war allerdings leer, und er füllte ihn wie üblich auf, dabei wachsam die Gegend im Auge behaltend. Ryou blieb in seiner Nähe, die Flügel nervös gespreizt. Auch er spürte es wohl. Was war hier los?
Das Gefühl erreichte seinen Höhepunkt, als sich ihm auch SR-05 und 06 völlig verwaist präsentierten, obwohl sich der Schwarm zum Großteil hier aufgehalten hatte. Der Fluss plätscherte unbehelligt vor sich hin, ohne Drachen, die darin badeten. Die Liegeflächen waren leer, trotz des schönen Wetters. Wohin konnten sie alle verschwunden sein und warum?
Er setzte seinen Weg zum nächsten Futterspender fort und füllte auch diesen auf. Sie hatten auf jeden Fall gefressen, warum auch immer sie sich nun gemeinschaftlich versteckten. Es fehlte noch die dritte Futterstelle, und er hoffte, dort einen Hinweis darauf zu finden, wohin der Schwarm verschwunden war. Als er die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, machte Ryou ihn auf sich aufmerksam: Er hootete laut, und diesmal war es eine negativ konnotierte Aufregung. Der kleine Drache schwirrte aufgeregt durch die Luft, zog hastig Kreise über einer Stelle, die außerhalb seiner Sichtweite lag. Ian drehte leicht ab, folgte dem Weg, den Ryous Flugbahn beschrieb – und dann sah er es. Oh nein.
Er trat auf die Bremse und saß einen Moment lang einfach nur da, völlig überfordert mit dem, was er dort vor sich sah. Schutzlos mitten auf der Ebene lag der leblose Körper von Hickory.
Es war gefährlich auszusteigen, erinnerte er sich. Das hatten ihm die Weiterbildungsvideos, die er zu kranken und verletzten Drachen gesehen hatte, eingeschärft. Entweder war Hickory tot oder so schwer verletzt, dass er keine Menschengestalt annehmen konnte. Beide Fälle wären eine Katastrophe, die er nicht handhaben konnte. Verletzte, schmerzerfüllte Drachen waren unberechenbar und gehörten in Expertenhand, sofern man überhaupt etwas für sie tun konnte. Aber Ian war kein Drachenmediziner – er hatte den Großteil seines Berufslebens über Menschen behandelt und konnte ihn nicht hilflos dort liegen lassen. Das da war sein Patient. Niemand sonst würde ihm zu Hilfe kommen.
»Hickory!«, rief er durch das heruntergekurbelte Fenster und hupte sogar, doch keine Reaktion folgte. Ryou landete sehr viel beherzter neben ihm und biss in die Schuppen an seinem Hinterkopf, was ihn schließlich doch zu einer Einatembewegung verleitete und ziellos schnappen ließ. Keinerlei Kraft oder Koordination lagen in dieser Abwehrbewegung. Ryou gurrte traurig und warf Ian einen Blick zu.
Ian stieg aus, griff nach der Arzttasche auf der Rückbank und eilte zu ihm, wobei er großzügigen Abstand hielt. Hickory atmete so flach, dass es kaum zu sehen war, und hielt das sichtbare Auge halb geschlossen. Erst, als Ian einmal um ihn herumgegangen war, entdeckte er die vielen Verletzungen vornehmlich an Hals- und Brustpartie, die eindeutig von Drachenzähnen und -krallen stammten. Einige waren verheilt, bei anderen hatten seine Kräfte augenscheinlich nicht mehr ausgereicht oder waren durch irgendetwas aufgehalten worden; die Wunden sahen entzündet aus. Um seinen Schädel herum lagen Trockenfutterreste – vermutlich hatte er sich zum Spender geschleppt in einem verzweifelten Versuch, seine Reserven zu füllen, aber natürlich hatte bloßes Fressen dazu nicht ausgereicht.
Ryou nahm Menschengestalt an und landete zitternd im Gras. »Was ist mit ihm passiert?«, fragte er fassungslos. Tränen standen in seinen Augen. »Wird er sterben?«
»Er wurde vermutlich angegriffen, das da sind typische Spuren eines Drachenkampfs. Sie attackieren vorrangig Hals- und Brustbereich. Schwere Verletzungen sind dabei zwar selten, aber es gibt sie. Sein Gegner hat ihn nicht getötet, also hat er die typischen Hemmungen von Drachen. Das ist gewissermaßen beruhigend – ich vermute Helen dahinter. Sie sind ständig aneinandergeraten, auch wenn es bisher immer glimpflich ausging. Das erklärt auch, warum wir bis hier hin niemanden aus dem Schwarm angetroffen haben: Helen ist jetzt der neue Alpha, und sie hat die anderen vermutlich in ihr eigenes Territorium geholt.« Das war eine furchtbare Situation, aber er hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken, was das für ihr aller Zukunft im Reservat bedeutete. Ian trat zögernd etwas näher heran, dann legte er vorsichtig eine Hand auf Hickorys Rückenpartie, wo ausreichend Abstand zwischen ihm und seinen Zähnen und Krallen war. Die Haut war unglaublich heiß, und er reagierte überhaupt nicht. »Ich muss ihn untersuchen. In seiner Drachengestalt kann ich ihn nicht zur Siedlung transportieren, also muss ich für die Behandlung hier bleiben.«
»Ich dachte, Drachen verwandeln sich zurück, wenn ihre Verletzungen zu schwerwiegend sind?«, fragte Ryou leichenblass.
»Vielleicht sind sie zu schwerwiegend und würden den menschlichen Körper überfordern; sie sehen zumindest übel aus. Helens Zähne sind lang und dünn, sie haben möglicherweise Keime tief ins Gewebe gebracht, was ihre Heilung verhindert. Oder er steht noch immer unter zu großem Stress durch die Schmerzen und den verlorenen Kampf, um sich zurückzuverwandeln. Es besteht Hoffnung, dass er es tut, wenn wir sein Fieber senken und den Schmerz stillen. Das wird meine vorrangige Aufgabe.«
Hickorys Hilflosigkeit verlieh ihm den Mut der Verzweiflung; Ian machte sich mit einiger Nervosität daran, die Wunden mit einem Desinfektionsmittel zu besprühen. Der Drache wehrte sich nicht dagegen. Ian wagte sich nun doch näher heran, leuchtete mit der Stablampe schließlich in seine Pupille, erleichtert darüber, dass sie wie üblich reagierten. Er glaubte, Erkennen in ihr aufblitzen zu sehen, aber vielleicht war das nur Wunschdenken seinerseits. »Ich bin hier, um dir zu helfen. Bitte wehr dich nicht – wenn du mich beißt, wäre das mein Tod – und damit vermutlich auch deiner. Lass mich tun, was ich tun muss.« Ein leises Grollen ging von Hickory aus, und Ian atmete tief durch. »Ich fürchte, ich muss dir jetzt mal an die Wäsche. Ich weiß, das ist unangenehm, aber in dieser Gestalt habe ich keine Alternative – wobei auch bei Menschen die Alternativen nicht verlässlich sind, wie man ehrlich zugeben muss.« Er prüfte seine Körpertemperatur mit einem Thermometer, das er ihm behutsam ins Rektum schob, und auch das nahm Hickory hin. Das Thermometer piepste nach einigen Augenblicken – 41,2°C. »Das sieht nach Sepsis aus – er ist wohl im Delir.«
»Was heißt das?« Ryous Stimme bebte.
»Eine höhergradige Hirnfunktionsstörung, unter anderem bedingt durch hohes Fieber, Infektionen und Blutverlust, deswegen ist er wohl auch so ruhig.« Er kramte in seiner Arzttasche und bereitete zwei große Spritzen vor – eine mit einem hochdosierten Depotantibiotikum, eine mit einem fiebersenkenden und schmerzstillenden Medikament. Beide gab er ihm in den Schultermuskel. »Ich muss ihn vor der Witterung schützen. Ryou, ich brauche die Zeltplanen aus der Siedlung. Kannst du sie mir holen? Schaffst du das?«
Er nickte heftig. »Ja, ja, natürlich!«
»Gut, dann flieg zurück und bring sie her.«
Er verwandelte sich ohne zu zögern und schwirrte heftig flügelschlagend davon. Ian sah ihm nach, dann widmete er sich wieder seinem Patienten. »Keine Angst, ich werde dich beschützen, versprochen. Du wirst dich schon bald wieder besser fühlen.« Er biss sich auf die Zunge, denn es stand in den Sternen, ob sich Hickory davon wieder erholen würde. Ian fehlte die Erfahrung mit Drachen, um seine Chancen realistisch einschätzen zu können, und er konnte ihm hier draußen keine Intensivmedizin angedeihen lassen.
Tatsächlich sank das Fieber innerhalb der nächsten halben Stunde so weit, dass er wacher wurde. Ian fand, dass die Wunden schon etwas besser aussahen. Mit einer großen Spritze gab er ihm WHO-Lösung ins Maul, und Hickory trank sie bereitwillig. Schließlich holte Ian einen Wasserkanister aus dem Wagen, öffnete den Stopfen und hielt ihn an sein Maul. »Trink, du brauchst es.«
Hickory gehorchte, sein Schädel sank aber bald darauf wieder zur Seite, das Auge schloss sich und ein erschöpftes Grollen ertönte. Ian strich ihm über die Kiefer, nun gänzlich ohne Furcht. »Ich bleibe bei dir, bis du dich wohler fühlst. Aber wenn du Menschengestalt annehmen könntest, dann wäre das eine große Erleichterung für mich – und ich könnte dich besser behandeln.« Nichts geschah auf diesen Vorschlag hin, aber Ryou kehrte wenig später zurück, in seinen Krallen die eingepackten Zeltplanen. Der kleine Drache keuchte sichtlich nach dem angestrengten Flug, und die Plane, die sie zu zweit aufbauten, reichte kaum aus, um Hickorys Kopf und den Vorderkörper zu überdachen, aber er half sich selbst mit Decken aus dem Wagen, die er über den Rest seines Körpers legte.
»Das ist furchtbar, in jeder Hinsicht. Mit Hickory hatten wir eine Chance, an die anderen heranzukommen. Helen allerdings wird jegliche Interaktion von uns mit dem Schwarm verhindern. Aber das ist jetzt erst einmal nicht vordringlich. Ich bleibe bei ihm, bis sich sein Zustand gebessert hat.«
»Dann bleibe ich ebenfalls hier!«, sagte Ryou sofort.
»Dich brauche ich in der Siedlung, bei Grace. Ihr müsst zusammen nach Sakura sehen. Wenn sie in eine unserer Köderfallen geht, sag mir sofort Bescheid. Ich komme hier allein zurecht.«
»Aber die anderen, und Helen! Sie sind ganz in der Nähe, wenn sie nun herkommen und…«
»Dann habe ich Betäubungsmittelkanister im Auto, und schlimmstenfalls muss ich nicht-tödliche Waffen zur Abwehr anwenden. Ich werde nicht zulassen, dass sie Hickory gefährden. Ärzte lassen ihre Patienten nicht zurück«, sagte er nachdrücklich und aus tiefster Überzeugung.
Ryou schluckte, sah widerwillig aus, aber er fügte sich. Ian sah ihn in der Ferne kleiner werden, dann überprüfte er noch einmal Hickorys Temperatur, die erfreulicherweise auf 39°C gesunken war, gab ihm Wasser und breitete eine Decke neben ihm aus, um sich hinzulegen.
Er fiel in einen leichten Schlummer, während er an das Lehrvideo zurückdachte: Nähern Sie sich kranken Drachen niemals – das wäre Ihr sicherer Tod. Die Behandlung kranker Drachen gehört in Expertenhände, die Sie aktuell noch nicht sind und vielleicht niemals sein werden.
Wenn der sehen könnte, was ein schnöder Internist ohne Felderfahrung im Shenandoah-Reservat gerade treibt…