Sajian und Laetitia
Sajian und Laetitia
Sie erfuhren bereits am nächsten Tag von ihren Ergebnissen: Sowohl Sajian als auch Laetitia hatten einen ausreichenden Impfschutz gegen die Drachenwut und mussten nicht erneut zur Nadel, obwohl Laetitia damit kein Problem mehr gehabt hätte und es fast bedauerlich fand, sich nicht nochmal beweisen zu können, und sei es nur sich selbst gegenüber.
Als ihr Impfschutz feststand, durften sie nun erstmals mit dem Rest der Einrichtung in Kontakt treten. Wieder war es Jake, der sie aus dem Zimmer hinausführte. Dahinter folgte ein grauer Betongang, von dem links und rechts weitere Türen zu Zimmern wie ihrem abgingen. Der Komplex war zum Großteil unterirdisch angelegt; oberirdisch gab es vorallem pharmazeutische Anlagen, um den Schein zu wahren. Nach einigem Gehen, Abbiegen und Treppensteigen traten sie in eine große Halle, in der Pflanzen unter künstlichem Licht gediehen und an die sich eine gut versteckte, uneinsehbare Badeanlage für die Drachen anschloss – alle asiatischen Drachen brauchten Wasser, ohne das ihre Gesundheit litt. Als sie eintraten, erblickten sie Drachen in allen Formen, Größen und Farben: Vorallem schlangenartige wie Jake und Hiroki, aber auch kleine, gedrungene Geschöpfe, die mit ihren langen Schuppenmähnen und großen Fangzähnen fast an reptilische Löwen erinnerten und solche, die Sajian ähnlich sahen mit ihren vielen flossenartigen Kopfanhängseln. Alle besaßen ein Geweih, unabhängig ihres Geschlechts, das mal klein und einfach, mal groß und kompliziert verzweigt war. Es mussten mehrere Dutzend sein, und das waren nur die, die gerade keiner Arbeit in dem ausladenden Komplex nachgingen.
Nachdem sie wieder zurück auf ihrem Zimmer waren, stattete ihnen schließlich auch der Leiter der Einrichtung selbst einen Besuch ab: Kenji Watanabe. Laetitia hatte ihn sich anders vorgestellt – einen älteren japanischen Herrn, der streng und reserviert war. Aber Kenji Watanabe wirkte ausgesprochen zugewandt, freundlich und offen ihnen gegenüber. Er war um einiges jünger, als sie gedacht hatte, vielleicht Anfang vierzig, und – was sie besonders überraschte – freute sich aufrichtig darüber, auch sie bei sich zu haben.
»Jeder Drache, den wir retten können, ist ein großes Glück. Ich habe gehört, dass ihr beide gesund und in gutem Zustand seid, das freut mich außerordentlich. Leider konnte ich mich euch nicht schon früher vorstellen und euch bisher auch nicht in unsere Aktivitäten einbinden, aber wenn ihr wollt, dürft ihr mir gern nachher assistieren. Das wäre ein guter Aufhänger für unsere weitere Zusammenarbeit, findet ihr nicht?« Er war sichtlich Feuer und Flamme für die vor ihm liegende Arbeit.
»Assistieren? Wobei?«, fragte Laetitia nervös.
»Ich entnehme einem Probanden etwas Liquor, um Cerebrosinx zu gewinnen. Ihr habt ihn schon kennengelernt: Hiroki. Das ist hier tägliche Routine, zusammen mit Blutentnahmen.«
»Wenn Sie denken, dass wir dabei helfen können«, sagte Sajian zweifelnd und rieb sich verschämt den Nacken. »Ich für meinen Teil hab keine Ahnung von diesem medizinischen Kram und weiß nicht, wie es bei dir aussieht.«
»Das Gleiche«, bestätigte Laetitia. »Aber ich will gern sehen, wie sowas abläuft. Wir… werden ja selbst auch spenden müssen, schätze ich.«
»Nicht, wenn ihr das absolut nicht wollt«, sagte Watanabe mit großem Nachdruck, und es klang zumindest für ihre Ohren glaubhaft. »Ich werde niemals Drachen ausbeuten. Und du, Laetitia, bist nicht einmal im Besitz von Cerebrosinx. Du kannst ohnehin nur Blut spenden. Nicht, dass das nicht ebenso gebraucht wird, aber zumindest die Liquorpunktion steht bei dir gar nicht zur Debatte.«
»Warum ist das alles so?«, fragte Laetitia, denn sie wollte die Gelegenheit nutzen, mit diesem Experten zu sprechen und ihr Wissen für den Bericht zu vertiefen. Erst einen Augenblick später realisierte sie, dass dieser gar keine Rolle mehr spielte. Sie konnte nicht wieder zurück in die Schule, oder überhaupt in die Gesellschaft der Menschen. Ihre Verwandlung hatte sie dafür disqualifiziert. Diese Erkenntnis versetzte ihr einen neuerlichen Stich, ehe sie wieder in die Situation zurückkehrte. »Mit diesem Cerebrodings und den asiatischen Drachen, meine ich? Warum haben nur sie diesen Stoff in sich? Und was sind das für Leute, die mit F1-Kindern… solche Dinge tun?«
»Menschen sind bösartig«, sagte er völlig nüchtern, nannte es beim Namen wie einen unumstößlichen Fakt. »Für Geld tun sie alles, auch die schlimmsten Dinge, die man sich vorstellen kann. In unserem Staat gibt es zu viele elternlose Kinder, und an Geldern fließen oft nur Spenden, die die unsicherste Einnahmequelle überhaupt darstellen, sowie jene Zahlungen von Eltern, die ein Kind adoptieren. Da ist es ein willkommener Einnahmezweig, Kinder anzubieten, die viel Geld einbringen. Es ist ein Geschäft, das unsere Gesellschaft ermöglicht aufgrund der Art und Weise, wie sie aufgebaut ist.«
»Haben diese Leute gar keine Skrupel, mit unschuldigen Kindern zu handeln?«, fragte Sajian.
»Nein.« Auch das kam völlig nüchtern und prompt. »Die Welt, wie sie wirklich ist, liegt jenseits des für Außenstehende Vorstellbaren – und Erträglichen. In den Schulen wird diese wahre Seite nie erwähnt, genau, wie auch die Realität immer wieder zurechtgebogen wird nach dem Willen der Staatsoberhäupter. Niemand dort oben will, dass Drachen als Menschen anerkannt werden, und so lässt man entscheidende Dinge im Unterricht weg oder definiert sie um, damit Drachen in ein negatives Licht gerückt werden. Menschen sind bereit, untereinander schrecklichste Dinge zu tun. Es ist nicht zu erwarten, dass sie ausgerechnet Drachen gegenüber anders denken, die noch dazu die naturgemäße Furcht des Menschen vor großen Raubtieren triggern. Fälle, in denen Drachen Menschen retten oder schützen, werden als Einzelfälle abgetan, wenn sie sich nicht totschweigen lassen. Es existiert eine viel zu große Lobby gegen Drachen, die sie als einträgliche Ressource sieht – Männer und Frauen in Führungspositionen, die davon profitieren, dass Drachen ausgebeutet werden. Das ist die Wahrheit, und sie ist grauenvoll, besonders, da wir nichts dagegen tun können. Sämtliche Drachenrechtsbewegungen ändern nicht viel an den jahrhundertelangen Ressentiments, die sich aufgebaut haben und gezielt geschürt wurden. Die Bevölkerung denkt nur um an den Stellen, die ihnen selbst zupass kommen.«
»Sie sind ja echt ein Optimist«, sagte Sajian nüchtern.
»Ich bin das, was ich sein muss, um zu tun, was ich täglich tue – Drachen retten und ihnen wie mir selbst ein Auskommen bieten. Doch genug davon, kommt mit. Es tut Drachen erfahrungsgemäß gut, selbst einmal auf der anderen Seite zu stehen und zu begreifen, warum etwas passiert. Es hat einen regelrecht heilsamen Effekt auf manche Psychen.«
Laetitia war neugierig auf alles, das sie nicht kannte. Sajian für seinen Teil sah alles andere als bereit dafür aus, als sie in einen kahlen Komplex aus Gängen geführt wurden und schließlich durch eine Metalltür in einen medizinischen Waschraum eintraten. Sie reinigten sich gemäß Watanabes Anweisungen und wurden in einem weiteren Raum dahinter angekittelt von einer Frau und einem stillen Jungen: Ihreh, die ein orangeroter Drache mit braunen und schwarzen Längsstreifen koreanischer Abstammung war, und Katsuya, der zu ihrer Verwunderung angab, keine Drachengestalt zu besitzen. Ihreh war bester Laune, als sie ihnen die Kittel reichte, die sie steril anlegten, während Katsuya äußerst unglücklich dreinschaute und die Dinge schweigend anreichte. Laetitia wusste, dass es sie beide heute nicht betraf, aber der Gedanke, es einem anderen Drachen zuzumuten, belastete plötzlich auch sie. Sie wollte das nicht tun, diese Gewissheit formte sich, während sie Watanabe in einen weiteren Raum folgte, in dem der eigentliche Eingriff stattfand. Und sowie sie hineinschritten, kam ihr ein noch weitaus schlimmerer Gedanke – vielleicht war das alles nur ein Vorwand und nun wurden sie selbst zerlegt. Die Eingebung kam so plötzlich und mit schrecklicher Intensität, dass sie sie taumeln ließ.
»Nicht unsteril werden!«, warnte Watanabe. »Sonst müssen wir dich komplett neu einkleiden.«
»Nein, nein, ich passe auf«, sagte sie mit belegter Stimme und schluckte, derweil sie das Gefühl entschieden niederkämpfte.
Die Metalltür hinter ihnen schloss sich, und Sajian, dem das Herz bis zum Hals schlug, hatte plötzlich die irrationale Vorstellung, wie der Drache sich im OP herumwand, um irgendwie hervorzubrechen und sich zu verteidigen – doch da stand plötzlich Hiroki in seiner Menschengestalt vor ihm, was Sajian völlig aus dem Konzept brachte.
Er war groß und breit gebaut, anders, als man es bei seinem grazilen Drachenkörper hätte annehmen können. Seine Augen waren noch immer dieselben, hatten dieses unerklärlich Psychotische, das ihm schon bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen war. Sein Haar war schwarz und voll und reichte ihm bis auf die Schultern. Irgendwie passten diese Erscheinung und der Drache in seiner Vorstellung überhaupt nicht zusammen. »Zwei Neulinge? Du traust dir ja heute viel zu – wenn die nun alle zwei umfallen bei dem Anblick, der sich ihnen gleich bietet?« Er grinste, als ob ihm die Vorstellung allen Ernstes gefiel.
»Dann sammeln Ihreh und Katsuya sie wieder auf«, gab Watanabe trocken zurück.
»Ich glaube eher, dann sammelt Ihreh die beiden und Katsuya auch noch mit auf.« Nun lachte er, und es klang so beunruhigend wie sein Blick. Katsuya wandte sich ab, als er rot anlief.
»Genug jetzt, mach dich bereit, deine Drachengestalt anzunehmen«, wies Watanabe ihn an, und Hiroki gehorchte, ganz offenkundig ohne jede Furcht.
Er müsste sich wahnsinnig fürchten, nachdem Ärzte ihn an so einem Ort zerlegen wollten, dachte Sajian unweigerlich, der weiterhin wachsam blieb. Hiroki zog seine Kleidung aus, und wieder wandte Katsuya den Blick ab.
Der Gestaltwechsel ging völlig fließend vonstatten. Nun stand wieder der koikarpfenfarbene, schlangenhafte Drache vor ihnen, als der Hiroki üblicherweise herumlief, und er legte sich auf den gepolsterten Tisch, der in den Boden eingelassen war. Auf Betätigung eines Fußpedals hin fuhr der Tisch hoch, und Katsuya schob ein fahrbares Metalltablett mit auf sterilem, grünen Tuch gebetteten Instrumenten heran.
Watanabe begann damit, Hirokis unteren Rücken zu betasten. »Ich brauche jemanden, der desinfiziert. Versuch es ruhig, Laetitia. Nimm einen der Tupfer in der Lösung und führe ihn kreisförmig um diese Stelle herum. Da, zwischen den zwei Wirbeln, werden wir einstechen. Bei Drachen verlaufen dort keine Rückenmarkstränge mehr, sodass wir nicht Gefahr laufen, sie zu verletzen.«
Laetitia griff nach dem ersten Tupfer in der Schale aus orangebrauner Lösung und tat wie ihr geheißen, dann war Sajian an der Reihe, das Ganze noch einmal mit einem zweiten Tupfer zu wiederholen und schließlich Katsuya mit dem dritten und letzten. »Nur Mut, ihr könnt nicht viel dabei verkehrt machen«, sagte Watanabe behutsam, doch Sajian sah, wie Katsuya zitterte. Er schätzte ihn auf vielleicht vierzehn Jahre.
»So, jetzt ist er bereit für den Eingriff. Hiroki hat bereits eine leicht gebeugte Haltung eingenommen, die es uns leichter macht, zwischen die Wirbel zu gelangen.« Er nahm ein grünes Tuch vom Tisch, das eine runde Aussparung in der Mitte hatte, und klebte es auf die Stelle, die sie eben desinfiziert hatten. Hiroki war dabei völlig ruhig – er hatte anscheinend großes Vertrauen in diesen Watanabe, dachte Sajian. Dann wurde seine Aufmerksamkeit auf die dicke Nadel gelenkt, die Watanabe vom Tisch nahm. Sein Gesicht entgleiste bei dem Anblick, und Katsuya ging es offenkundig nicht anders.
»Bekommt er keine Betäubung?«, hörte Sajian sich selbst stammeln.
»Die müssten wir auch mit einer Spritze setzen. Ob wir ihn nun einmal damit oder gleich mit der Entnahmenadel stechen ist also völlig irrelevant. Bist du bereit?«
»Allzeit«, sagte Hiroki, und Watanabe setzte die Nadel an. Hiroki zuckte nichtmal, als er sie unerfreulich tief unter die Haut führte und schließlich eine Art Stopfen aus dem Innern der Kanüle zog. Etwas Klares wie Wasser tropfte dabei heraus, und er schob den Stopfen wieder hinein. »Sehr gut, das Röhrchen bitte, Sajian.«
Er griff mit einiger Verzögerung nach einem dünnen Röhrchen mit einer Messskala und einem dreiläufigen Hahn am unteren Ende. Watanabe setzte den Hahn an die Nadel, nachdem er den Stopfen komplett herausgezogen hatte. Sofort füllte sich der Messzylinder mit der farblosen Flüssigkeit.
Er füllte mehrere dieser Röhrchen ab, dann verschloss er den Hahn, zog den Zugang heraus und drückte sofort einen Tupfer auf die Stelle. »Na also, das hast du wie immer toll gemacht. Ihr anderen auch, ich danke euch. Mittagspause redlich verdient, würde ich sagen.«
»Ein Glück, ich bin am Verhungern«, sagte Hiroki und lächelte dieses beunruhigende Raubtierlächeln, das er als Drache hatte, ehe er wieder Menschengestalt annahm. Die kleine Wunde verschloss sich dabei sofort.
»Ziehen wir uns um, dann treffen wir uns im Pausenraum.«
»Das war nicht so schlimm wie ich erwartet habe«, sagte Laetitia, als sie allein die Kittel auszogen.
»Hiroki schien es gar nichts auszumachen, obwohl er allen Grund dazu hätte, nie wieder einen Arzt in seine Nähe zu lassen. Er war so völlig ruhig.«
»Er wittert wohl, dass Watanabe es gut mit den Drachen hier meint. Ich glaube, man kann ihm vertrauen.«
Tatsächlich aß Hiroki wenig später mit großem Appetit eine Schüssel Ramen. Nichts an seinem Verhalten ließ vermuten, dass ihn die Entnahme irgendwie belastet hatte. Katsuya dagegen rührte sein Essen kaum an und wirkte beinahe verstört, erhob sich wenig später vom Tisch und verschwand in seinem Zimmer. »Katsuya ist ein schlimmer Fall«, erklärte Watanabe ihnen. »Seine Eltern haben ihn adoptiert zum Zweck des Ausschlachtens, aber er hat sich nie in einen Drachen verwandelt. Er sieht zwar sehr jung aus, ist aber bereits siebzehn. Üblicherweise verwandeln sich asiatischstämmige Drachen mit sechs bis neun Jahren. Bei den westlichen ist es meist sehr viel später, vermutlich durch die genetische Verwässerung mit menschlichem Erbgut. Er hätte also längst seine Gestalt wechseln müssen. Seine Eltern wollten ihn dennoch ausschlachten lassen, aber selbst die skrupellosesten Ärzte hatten Bedenken, weil er so gar keine Hinweise auf Drachenblütigkeit zeigt. Also versuchten sie ihn ins Ausland zu bringen, irgendwo nach Lateinamerika, wo man nicht zimperlich ist, selbst wenn es sich nachweislich um gewöhnliche Menschen handelt. Zum Glück hat er rechtzeitig herausgefunden, was sie vorhaben, und ist geflüchtet. Lao hat ihn da draußen eingefangen, als er schon halb verdurstet war. Das hat der Bursche verständlicherweise nicht verkraftet.«
»Wenn er sich bisher nicht verwandelt hat, dann ist er ja vielleicht wirklich kein Drache«, dachte Sajian laut. »Wie stellt man als skrupelloser Selbstbereicherer überhaupt sicher, dass die verkauften Kinder echte Drachen sind? Ich meine, es ist ja nicht schwer, da zu lügen, und die Betrogenen finden es erst viele Jahre später heraus.«
»Die asiatischen Länder sind gesellschaftlich anders aufgebaut als die USA«, erklärte Hiroki ihm. »Wie du bereits weißt, sind Drache-Mensch-Mischlinge dort eine Schande, und man will sie schnellstens loswerden, um die Familienehre nicht zu beschmutzen. Im Gegenzug zu Stillschwiegen und Lob vonseiten der zuständigen Behörden dafür, diese Schande bereitwillig selbst aus dem Weg zu räumen und den Mitarbeitern Arbeit abzunehmen, geben die Leute an, wenn es sich bei ihrem Nachwuchs um Shé handelt – zumal immer die Angst vorherrscht, jemand könnte irgendetwas herausfinden. Ein echtes Kind, um das man sich nicht kümmern kann oder will, würde aber kaum jemand als Shé ausgeben – denn man weiß, dass diese ein schlimmes Schicksal erwartet. Die Leute, die bewusst Shé zeugen, um sie zu verkaufen, sind hochrangige Mitglieder der Gesellschaft und unterschreiben ein Echtheitszertifikat, das den Preis hochtreibt. Ich hatte auch so eins, unterschrieben von einem bekannten CEO aus Japan. Natürlich ist auch das nicht fälschungssicher, aber es wäre schon seltsam für dortige Verhältnisse, wo alles korrekt abzulaufen hat. Ein normales, gesundes Kind kann man schließlich einfach zur Adoption freigeben.«
»Vielleicht kommt es noch bei ihm, oder er ist tatsächlich nur blütig«, vermutete Laetitia.
»Blütigkeit ohne Verwandlung ist ein Phänomen vorrangig westlicher Drachen mit weniger als 3% Drachenanteil in den Genen«, erwiderte Watanabe. »Man beobachtet es vorallem bei stark verunreinigten Populationen wie eben denen in den USA und Teilen Europas. Ab der F5-Generation ist damit zu rechnen. Weil sie in der Gesellschaft geächtet werden, setzen viele Shé ihrem Leben selbst ein Ende und somit verringert sich das Problem eigenregulatorisch. Da ist es tatsächlich noch eher wahrscheinlich, dass Katsuya sich einfach später verwandelt. Er sieht ja auch noch sehr jung aus für siebzehn, ist mehr Kind als Erwachsener.«
»Kann man denn überhaupt unterscheiden, ob ein Organ von einem Menschen oder Drachen stammt, wenn man es in Menschengestalt entfernt?«, fragte Laetitia, der die Frage plötzlich durch den Kopf ging.
»Bei asiatischen Drachen ja«, äußerte Watanabe. »Sie weisen immer leichte Veränderungen auf, die sich beim Verwandeln nicht komplett zurückbilden. Zusätzliche Gefäße oder Kollateralen von Gefäßen, veränderte Anatomie oder leichte andere Abweichungen, das gilt ebenso für die restlichen Organe. Um sicherzugehen, werden die Organe in Drachengestalt entfernt, da sieht man die Unterschiede allein schon aufgrund der Größe. Und Drachen haben zusätzliche Organe wie einen funktionierenden Thymus, der sich beim Menschen ab dem Jugendalter zurückbildet und vermutlich für ihre Heilfähigkeiten verantwortlich ist.«
»Das klingt alles ziemlich verworren«, gestand Sajian. »Der arme Katsuya. Muss ein heftiges Trauma für ihn gewesen sein herauszufinden, was seine Eltern mit ihm vorhaben. Die Leute, die er eigentlich lieben sollte.«
»So wie für dich«, sagte Hiroki ohne jeden Anflug eines Lächelns. »So wie für uns alle. Jeder hier hat seine Geschichte. Katsuya muss anfangen, es zu akzeptieren.«
»Das sagt sich so leicht«, erwiderte Sajian und schluckte.
»Niemand sagt, dass es leicht ist. Man muss es tun, damit man eine Zukunft hat. Und damit man helfen kann, anderen eine Zukunft zu ermöglichen. Jetzt in diesem Moment wird irgendwo ein Shé zerlegt und seine Einzelteile zu Spirituosen, Wunderpillen, Medikamenten und vielleicht einem schönen Wandbehang verarbeitet, während er womöglich im Glauben narkotisiert wurde, dass er eine lebenswichtige Operation bekommt und seine Eltern mit Süßem und Luftballons im Krankenzimmer auf ihn warten.« Hirokis Gesicht wurde eisenhart, sein Blick war nun wirklich beunruhigend. Nicht länger der, den er ihnen am Anfang durch den Sehschlitz zugeworfen hatte und den sie für den eines irren Drachentöters gehalten hatten, sondern der Blick eines Menschen, der seelische Grausamkeiten erlebt hatte und sie um jeden Preis beenden wollte. »Jeder einzelne von uns muss kämpfen, für jeden einzelnen. Für die, die es nicht können. Wir sind zu wenige, um auf nur einen einzigen zu verzichten.« Er warf Laetitia und Sajian einen Blick zu. »Werdet ihr für uns kämpfen?«
Sajian atmete tief durch. »Im Shenandoah-Reservat hatte ich einen Gitterkäfig, der mich vor den wilden Drachen im Wald schützt. Hier lebe ich unterirdisch in einem Komplex, der Medikamente herstellt, und kann etwas für die Gesellschaft tun. Vielleicht ist es nicht das Schlechteste, dass ich hier gelandet bin. Laetitia dagegen… gibt es keine Möglichkeit, sie zurückzuschicken?« Er wusste nicht, ob es so schlau war, das am Esstisch anzusprechen, aber Hiroki hatte das Thema aufgebracht.
»Ich fürchte, das ist unmöglich – aus Sicherheitsgründen«, sagte Watanabe. »Wenn irgendjemand dort draußen erfährt, dass hier heimlich Drachen unterhalten werden, wird eine Razzia stattfinden. Es ist ein Verbrechen, Drachen nicht in einem ausgewiesenen Sperrdistrikt zu halten, und wir befinden uns noch dazu zu nah an Einrichtungen der Zivilbevölkerung. Was mit mir und allen anderen Nichtdrachen hier geschehen würde weiß ich – lebenslange Haft, wenn nicht sogar Todesstrafe wegen Gefährdung von Millionen Menschenleben. Die Drachen dagegen… ich bin überzeugt, dass auch die Drachenbehörde längst von Lobbyisten unterwandert ist, die sie nicht einfach auf umliegende Reservate verteilen würden, sondern in die nächsten Kammern wandern lassen, wo man sie gewinnbringend verarbeitet. Das darf niemals geschehen, und daher kann ich niemandem erlauben, Kontakt mit Außenstehenden aufzunehmen. Selbst diese Einrichtung als das zu führen, was sie nach außen hin darstellen soll, ist ein Risiko. Bisher hat nur noch niemand Fragen gestellt.«
»Wir sind Drachen«, sagte Laetitia. »Könnten wir nicht kämpfen?«
»Gegen Schnellfeuerwaffen der Army und der Marines? Ganz bestimmt nicht, wir sind leider nicht in Hollywood«, erwiderte Hiroki. »Und ja, sie rücken üblicherweise mit Unterstützung des Militärs an, wenn es auch nur verdachtsweise um Drachen geht.«
»Ich würde Ian nur gern mitteilen, dass es uns gut geht«, beschwor Laetitia ihn. »Ich habe bei ihm nichts Negatives gespürt, und Drachen sagt man doch nach, dass sie wahrnehmen, wer vertrauenswürdig ist. Er vergeht bestimmt vor Sorge um uns.«
»Durchaus. Nur wenn du dich bei ihm irrst, bezahlen das alle hier mit ihrem Leben. Es tut mir Leid, aber ich kann keinen Kontakt nach außen erlauben«, erklärte Watanabe.
Sie gingen nach dem Essen mutlos wieder zurück zu ihrem Zimmer, und Sajian blieb auf halbem Weg vor der Tür stehen, hinter der Katsuyas Raum lag. »Glaubst du, du kannst sein Trauma besser aufarbeiten als Watanabe? Dich kennt er von allen hier am Wenigsten«, hielt sie ganz kategorisch dagegen.
»Besser kann ich es sicher nicht«, räumte Sajian ein. »Aber vielleicht hat Watanabe auch einfach etwas übersehen. Katsuya hat sich noch nicht verwandelt; ich hatte zu Beginn ebenso Probleme mit dem Verwandeln. Ich glaube, das lag an den negativen Erfahrungen, die ich gemacht habe. Ich hatte wie so eine Art… Blockade entwickelt. Vermutlich hasste ich den Drachen dafür, dass er einfach so da war und mein Leben umkrempelte. Die anderen schieben sein Problem eher auf das Trauma mit seinen Eltern, aber das ist vielleicht nur die halbe Wahrheit, und zusammen mit der Selbstablehnung entsteht das ganze Bild.« Er sah sie an. »Ich muss es wenigstens versuchen. Es wird nicht lange dauern.«
Katsuya sah ihn aus seinen großen, kindlichen Augen an, als er nach dem Klopfen eintrat. Sein schwarzes Haar war glatt und kurz und verlieh ihm ein unschuldiges, schüchternes Aussehen, das in Sajians Magen einen Stein entstehen ließ. Dieser arme Junge. Er weckte in ihm sofort einen Beschützerinstinkt, von dem Sajian bis dato gar nicht wusste, dass er ihn besaß. »Hey. Ich hab gehört, du bist der einzige hier, der bisher noch keine Drachengestalt angenommen hat. Ich dachte, ich erzähle dir mal von mir. Mir ging es nämlich ganz genauso. Mein Drache hat sich auch lange Zeit über nur durch Schuppen am Körper gezeigt, um dann plötzlich inmitten eines Spaßbadausflugs mit meiner Klasse aufzutauchen und für ganz viel Geschrei zu sorgen.« Er tat, als sei das völlig ohne Belang, und zuckte mit den Schultern.
Katsuya schluckte, dann schloss er die Augen. »Haben die anderen dich geschickt? Damit ich nicht mehr ständig allein bin? Das werfen sie mir dauernd vor.«
»Du musst wissen, dass ich mich immer nur mit den Leuten umgebe, bei denen ich auch sein will. Ich war in meiner Klasse ein absoluter Einzelgänger, weil ich mich mit niemandem verstanden habe – oder verstehen wollte. Ausgenommen Laetitia, das Mädchen, mit dem ich herkam. Bei ihr dachte ich nicht einmal, dass sie ein Drache sein könnte – bis sie sich plötzlich vor meinen Augen verwandelte, um mich zu beschützen. Ich selbst hatte anfangs Probleme, mich zu verwandeln. Vielleicht ist es bei dir so ähnlich wie bei mir und ich kann dir helfen mit dem, was mir geholfen hat.«
»Warum wolltest du unbedingt zum Drachen werden?«, ließ er sich tatsächlich auf das Gespräch ein – Sajian hatte seine ganze Aufmerksamkeit.
»Warum nicht? Er ist ein Teil von mir. Ihn zu unterdrücken ist bestimmt nicht gesund – und macht auf Dauer komisch aussehende Schuppen auf der Haut. Ich wollte diesen Teil von mir kennenlernen, wenn er schon der Grund dafür ist, dass ich lebe.« Katsuya blinzelte verständnislos. »Ich wurde allem Anschein nach nur deshalb gezeugt, weil ich Drachenanlagen in mir habe und andere sich daran bereichern wollten. Der Drache kann gar nichts dafür. Wie sind eins, zwei Seiten derselben Medaille. Und ich fühle mich komplett, seit ich ihn akzeptiert habe. Vielleicht kannst du ja deshalb kein Drache werden: Weil du ihn nicht als Teil von dir ansiehst. Oder weil du eine Blockade hast und dich vor ihm fürchtest.«
Katsuya wich ihm aus, kniff die Augen zusammen und presste die Lippen aufeinander. Lass es raus , dachte Sajian. Das hilft.
»Ich will einfach nur Nachhause!«, sagte er schließlich, und Tränen flossen über seine Wangen. »Aber es gibt kein Zuhause mehr für mich. Meine Eltern wollten mich nie, für sie war ich nur eine Investition, die sie enttäuscht hat! Alles, was ich zu haben glaubte, war eine Lüge!«
»So ist es bei mir auch.« Er setzte sich auf den einzigen Stuhl im Raum. »Wie hast du es rausgefunden? Und wie kamst du hier her?« Watanabe hatte es ihnen zwar erzählt, aber er wollte es von Katsuya selbst hören. »Ich selbst habe überhaupt nichts geahnt. Der Drache hat mir durch sein unerwartetes Auftauchen einen Freifahrtschein ins Reservat beschert, und das hat wohl mein Leben gerettet. Ich wäre völlig arglos ans Messer geliefert worden.«
Er sammelte sich, und ohne Sajian anzusehen sagte er: »Sie haben was davon erzählt, dass ich krank wäre, obwohl ich mich gut gefühlt habe. Es sei angeblich etwas aus meiner Kindheit, das zurückgekehrt wäre, und sie müssten mich ins Ausland bringen, weil alle anderen Kliniken sie abgelehnt hätten. Ich habe im Vorfeld recherchiert, seit diese Drachenrechtsbewegung losging, und stieß auf die Aussage, Drachenkörperteile würden zu teuren, wirkungslosen Arzneien verarbeitet werden, inmitten von Kliniken in den Vereinigten Staaten, um sie schwarz zu verkaufen. In Reservaten würde zudem furchtbarer Missbrauch stattfinden. Ich bekam ein ungutes Gefühl, immerhin bin ich auch adoptiert, was unverkennbar ist – meine Eltern sind beide Amerikaner ohne jede asiatische Wurzel. Sie wichen mir stets aus, wenn ich nachfragte. Wir gerieten irgendwann in Streit, und mein Vater wurde laut, sagte, dass er mich auf jeden Fall dorthin bringen werde, um mein Leben zu retten. In dieser Nacht bin ich geflüchtet, mit nur einem Rucksack, ein paar Decken und etwas Zuessen. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, also bin ich in den Wald geflüchtet. Ich habe mehrere Wochen da draußen überlebt, weil es langsam wärmer wurde, ansonsten wäre ich bestimmt in meiner ersten Nacht erfroren. Ich hatte unglaubliche Angst, habe kaum geschlafen und wusste nicht, wie es weitergehen soll. Eines morgens bin ich davon aufgewacht, dass mich jemand aufgehoben und zu einem Auto getragen hat. Ich war so schwach, dass ich mich nicht dagegen wehren konnte. Ich dachte, jetzt sterbe ich. Stattdessen brachte man mich hier her. Lao hat mich gefunden. Sie… kümmern sich gut um mich, aber… ich komme einfach nicht damit klar, dass ich kein Zuhause mehr habe, nie so leben kann, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich wollte eine Ausbildung beginnen, als Maler, und ich habe so gute Erinnerungen an meine Eltern. Es… ist einfach so… so ungerecht und unwirklich…« Er begann zu zittern, derweil mehr Tränen flossen.
Sajian atmete tief durch. »Das tut weh. Und es hinterlässt eine Wunde, die wohl niemals heilen wird. Ich verstehe, dass du den Drachen hasst. Es fühlt sich an, als ob er dir dein Leben weggenommen hätte. Aber das ist ein irrationales Gespinst. Ohne den Drachen gäbe es dich gar nicht. Und nicht er ist Schuld daran, dass deine Eltern so gehandelt haben, sondern sie. Sie und die Gesellschaft, die den Menschen beibringt, Drachen als etwas Gefährliches, Bösartiges zu sehen, das besser nicht existieren sollte und missbraucht werden darf. Wenn es etwas gibt, das wir hassen und wogegen wir kämpfen sollten, dann gegen diese gesellschaftliche Haltung und nicht gegen uns selbst. Denn das spielt ihnen in die Hände.«
»Es klingt so einfach, wenn du das sagst«, äußerte Katsuya missmutig. »Ich will überhaupt nicht kämpfen, gegen niemanden. Warum kann die Welt nicht für alle ein angenehmer Ort zum Leben sein?«
»Diese Frage stellen sich wohl alle, nicht nur Drachen. Du musst die Situation, in der du dich befindest, leider nehmen wie sie ist. Aber hier können wir vielleicht für alle Drachen Verbesserungen erwirken. Ich meine, was bleibt uns anderes übrig?«
Katsuya seufzte. »Was schlägst du vor? Den Drachen in mir zu erwecken? Was, wenn ich ihn nicht kontrollieren kann und… wirklich zu dem Monster werde, für das alle Drachen halten?«
»Die Angst hatte ich ebenfalls. Aber es ist nie etwas Schlimmes passiert. Alle hier können ihre Drachen beherrschen, oder?«
»Es gibt nur ein Problem. Ich… fürchte mich selbst vor Drachen, auch vor den anderen.« Das war ihm nun sichtlich unangenehm. »Drachen sind… gruselig. Die Verwandlung ist gruselig. Tut… das nicht weh? Ich meine, es verändert den ganzen Körper, es wachsen Flügel und Schuppen und so Zeug…«
»Also mir tut es überhaupt nicht weh. Es ist eine Veränderung wie jede andere auch, die dein Körper durchmacht. Fühlt sich merkwürdig an und kann einem Angst machen, aber die Natur weiß schon, was sie tut. Ist ein bisschen wie Pubertät, nur plötzlicher. Und man ist schneller durch.«
Das brachte ihn nun sogar zum Lächeln. »Wie… hast du es denn geschafft dich zu verwandeln?«
»Ich bin schwimmen gegangen. Das triggert asiatische Drachen wohl besonders. Und ich habe gesehen, dass ihr hier eine Wasseranlage habt, um euch auszutoben.«
»I-ich weiß nicht…«
»Ich bin doch dabei – was soll schon passieren?«
Katsuya schluckte, sah ihn an, und dann kam die zögerliche Zustimmung.