Laetitia und Esra
Laetitia und Esra
Laetitia hatte vorgehabt, schnurstracks zurück auf ihr gemeinsames Zimmer zu gehen und dort auf Sajian zu warten, doch in einem der Gänge traf sie unerwartet Esra wieder. Diese blieb stehen, zögerte; ganz offensichtlich fühlte sie sich in Laetitias Anwesenheit unwohl. Das war nicht weiter verwunderlich; beim letzten Mal hatte sie immerhin Drachengestalt angenommen und eine ernste Bedrohung dargestellt. Laetitia hatte unweigerlich das Bedürfnis, Abbitte dafür zu leisten. »Esra? Wegen dem, was kürzlich passiert ist, ähm, ich wollte Lao und dich wirklich nicht erschrecken. Ich… der Drache… es ist einfach irgendwie passiert. Ich hatte keine Ahnung, dass er überhaupt da ist, und bis jetzt ist er auch nicht wieder aufgetaucht«, begann sie.
»Schon gut, ich müsste mich bei dir entschuldigen«, erwiderte sie zu Laetitias Verwunderung. »Mein Verhalten hat den Drachen in dir getriggert, du wolltest Sajian beschützen. Ich… bin noch ganz frisch und unerfahren in diesem Metier und habe weiterhin viel zu lernen. Auch wenn ich versuche, rasch aufzuholen, brauchen Erfahrungen ihre Zeit und lassen sich durch Buchwissen nicht ersetzen. Aber wenn ich andere so ansehe… manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt dazu tauge, Drachenarzt zu sein.«
Laetitias Gesicht glättete sich. »Ich wollte wirklich keine Zweifel in dir säen. Ich finde, du hast das gut gemacht, soweit ich es beurteilen kann als Schüler. Ich war nur… überfordert mit der Situation und hab nicht mehr klar gedacht, nur reagiert.«
»Und ich hätte dir helfen müssen, diese Krise durchzustehen, ohne dass es eskaliert. Aber ich war selbst zu unsicher und habe die Nerven verloren.«
Laetitia zögerte. »Ich bin jedenfalls froh, dass es Leute gibt, die sich um Drachen kümmern«, versicherte sie. »Ich wollte selbst so jemand werden. Jetzt wird daraus natürlich nichts mehr, jedenfalls nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Aber, was gerade viel wichtiger ist: Du kennst Ian?«
Esra sah sich um, augenscheinlich noch deutlich unwohler in ihrer Haut fühlend als zuvor. »Komm in mein Büro, wärst du so freundlich?«
Laetitia folgte ihr, und Esra schloss die Tür hinter ihnen sorgfältig. »Kenji vertraut keinem Außenstehenden, deshalb ist es notwendig, dass wir absolutes Stillschweigen darüber bewahren. Ja, ich kenne Ian McCord, wir haben zusammengearbeitet.« Sie hielt kurz inne, als überlege sie, ob sie weitersprechen sollte. »Und ich habe kürzlich mit ihm gesprochen, ihm nur mitgeteilt, dass ihr beide in Sicherheit seid. Das darf niemand hier erfahren, absolut niemand!« Ihre Stimme duldete keinerlei Widerspruch, und Laetitia brachte auch keinen an. »Er ist in einer ziemlichen Bredouille, jetzt, da er euch beide verloren hat. Was damals im Krankenhaus passiert ist hat ihn schwer getroffen. Und Sajians Vater wird ihm große Probleme bereiten, fürchte ich. Es gefällt mir gar nicht, ihn damit allein zu lassen. Er kann schließlich nichts für die Situation. Wir haben sie herbeigeführt.« Esra schluckte.
»Wäre es möglich, dass ich mit Ian spreche? Nur ganz kurz. Und könntest du mir zumindest hinterher sagen, wo wir uns befinden? Das würde es für mich sehr viel leichter machen. Die Ungewissheit, ob ich hier noch in Virginia bin oder auf der Rückseite des Mondes macht mich noch irre. Ich will es einfach nur wissen, eine grobe Einteilung genügt.«
»Kenji wird es euch mitteilen, wenn er es für an der Zeit hält. Ich vertraue ihm und möchte ihn nicht… noch mehr hintergehen, als ich es jetzt schon tue.« Sie klang ausgesprochen bedauernd. »Nach allem, was ich über Sajians Eltern und ihren Einfluss erfahren habe, will ich ebenfalls wissen, ob es Ian gut geht.«
»Du kannst uns vertrauen, Esra. Wir sind beide Drachen. Wir haben nichts davon, diejenigen zu verraten, die uns ein Überleben bieten. Und Ian hat wirklich gezeigt, dass auch er Drachen helfen will. Das weißt du, du kennst ihn. Ich finde, wir sollten alle zusammenarbeiten, und wenn es nur im Geheimen ist. Und ich… würde wirklich lieber ins Reservat zurückkehren. Ich glaube, ich kann mich niemals wohlfühlen in einem Betonklotz wie diesem.«
»Kenji wird euch nicht zurückgeben aus Angst, euch damit auszuliefern«, sagte sie. »Sein Trauma sitzt mindestens so tief wie das der Drachen, die er betreut. Er will jede Gefahr für seine Schützlinge so gering wie möglich halten.« Sie nahm ihr persönliches Handy aus der Tasche. »Das Gespräch muss in diesem Raum bleiben.« Sie wählte die Nummer. Es dauerte viel zu lange, bis Ian abnahm.
»Ian, hier ist Laetitia. Hör zu, wir haben nicht viel Zeit. Mir geht es gut, auch wenn ich nicht weiß, wo ich mich befinde. Sajian ist ebenfalls wohlauf. Wir sind an einem Ort, an dem sich noch andere asiatische Drachen befinden. Sie wurden von diesen Leuten gerettet.« Sie wusste nicht, was sie ihm sagen durfte, aber zumindest Esra erhob keinerlei Einwände bei dieser vagen Erläuterung.
»Laetitia, ein Glück, dass ich dich höre! Ist Esra bei dir?«
»Ich bin hier, Ian. Geht es dir gut?«
»Es ist kompliziert… wichtiger ist, dass ihr beide in Sicherheit seid.«
»Was ist los? Ist etwas passiert im Reservat? Ist Sajians Vater aufgetaucht?«, fragte Laetitia besorgt.
»Es ist wirklich so, wie wir vermutet haben – Sajians Vater hat eine Anfrage an mich geschickt und war persönlich hier, um Sajian in ein Reservat in Kanada zu überführen. Auch seine Mutter hat Kontakt zu mir aufgenommen. Sie hat mich angefleht, Sajian nicht herauszugeben. Er soll dort gewinnbringend getötet werden. Zum Glück kann er ihn nicht holen, solange niemand weiß, wo er sich befindet. Aber wo auch immer ihr seid, seid vorsichtig. Ich habe keine Ahnung, wie weit der Einfluss dieses Mannes reicht. Seine Mutter sagte etwas von… ja… ich kann es selbst nicht richtig glauben, aber es gab eine Einrichtung, in der asiatische Drachen gezüchtet wurden, wie in einem Schlachtbetrieb. Sie haben Sajian aus solch einer Einrichtung, die heute wohl nicht mehr existiert. Es ist völlig krank. Und dieser Castleton hat mich bedroht, ich hoffe, es war nur ein Bluff. Er hat behauptet, mich als Vorsteher suspendieren zu können. Dann wäre ihm das Reservat ausgeliefert.«
Esra atmete tief durch, als sie das hörte. »Wir sind gewarnt, auch wenn ich nicht offen mit meinem Vorgesetzten darüber sprechen kann. Sei auf der Hut.« Draußen waren Schritte zu hören. »Wir müssen Schluss machen, ich halte Kontakt!« Laetitia legte rasch auf und schob ihr unter der Tischplatte das Handy zu, als sich die Tür öffnete – es war Watanabe.
»Esra? Ich habe dich gesucht. Lass uns doch bitte kurz allein, Laetitia.«
Sie schluckte, dann eilte sie zurück ins Zimmer, ließ Esra mit einem unguten Gefühl allein.