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Drachenärzte

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Drachenärzte

Watanabe nahm ihr gegenüber am Schreibtisch Platz, und Esra gelang es nicht, ihre Anspannung vollends zu unterdrücken. Sie nestelte unter der Tischplatte an ihren Fingern herum, wie sie es immer tat, wenn sie nervös wurde.

»Bitte, es gibt keinen Grund dich zu fürchten. Ich beiße nicht, und würde ich dir gänzlich misstrauen, wärst du nicht hier«, sagte Watanabe tonlos. Er lächelte nicht.

Sie schluckte, hörte aber damit auf, ihre Finger ineinander zu knoten. Was um alles in der Welt würde er gleich zu ihr sagen? Dass sie gefeuert war? Konnte er das angesichts ihres Wissens über die Einrichtung?

»Ich habe Recherchen betrieben«, begann Watanabe, ohne sie dabei anzusehen. Sein Blick wanderte nachdenklich ins Leere. »Gemäß den Informationen, die mir Sajians und Laetitias Anamnese eingebracht hat. Unsere beiden Neuankömmlinge stammen aus dem Shenandoah-Drachenreservat. Es war lange selbst verwaltet durch die Bewohner, welche streng getrennt nach Drachen und Nichtdrachen leben, bei deutlichem Überhang der Nichtdrachen. Vor kurzer Zeit hat ein Führungswechsel stattgefunden – die alten Nichtdrachen wurden entlassen, neue kamen dazu, die das Ruder übernahmen, darunter auch ein Vorsteher von außerhalb: Ian McCord. Es ist tatsächlich der Ian McCord, der durch den Vorfall im Living Heart Hospital durch die Presse ging. Nichtsdestotrotz sprechen sie beide gut von ihm.« Er sah Esra wieder an, sein Blick so scharf wie ein Rasiermesser. »Du hast mit ihm zusammengearbeitet. Wie schätzt du ihn ein?«

Sie wunderte sich über sein Interesse, aber das war womöglich ihre Chance. »Ian war immer gut zu den Patienten, auch zu den Drachen, die bei uns waren. Er hatte damals schon eine Qualifikation zur Drachenforschung aus dem Studium. Ich bin fest davon überzeugt, dass er nichts mit den Schwarzmarktgeschäften zu tun hatte. Ian war aufrichtig entsetzt, davon zu erfahren. Das war nicht gespielt. Er hat sich verraten und benutzt gefühlt, weshalb er den Dienst im Krankenhaus quittierte und sich beruflich umorientierte. Er will Drachen helfen, zusammen mit seinem ehemaligen Kommilitonen Henry Gilfordt, der so ziemlich das Zugpferd der modernen Drachenrechtsbewegung ist.«

»Ich verstehe. Beide haben bei ihm keine Bedrohung gewittert, auch wenn Sajian keinen so gut ausgeprägten Geruchssinn hat, wie es nicht ungewöhnlich bei östlichen Drachen ist.« Er schien in seine eigenen Gedanken zu versinken.

»Warum interessiert dich Ian?«, hakte Esra nach.

»Weil wir ein Problem haben«, war die knappe Antwort. »Du weißt, ich mache meine Hausaufgaben gründlich. So habe ich auch über Sajians Adoptiveltern recherchiert: Seine Mutter, Cassandra Castleton, geboren Everdeen, Kind reicher Unternehmer, studiert anscheinend an einer ausländischen Hochschule, die nicht existiert. Das ist sicherlich eine Tarnung. Sein Vater, Sebastian Howard Edrics Castleton, ist in etliche Unternehmen verwickelt, es ist schwer durchzusehen, wo er überall seine Finger hat. Aber er pflegt Kontakte in höhere Kreise und ist ein Lobbyist der Pharmaindustrie. Über die Verbindung zu letzterer war herauszufinden, dass ihm die Subunternehmen mit unterstehen, die auch uns mit medizinischer Ausrüstung beliefern.« Er ließ eine Pause, damit Esra verarbeiten konnte, was sie gehört hatte. »Es ist wichtig, dass dieser McCord keine zusätzliche Bedrohung wird. Ich weiß, dass du mit ihm sprichst.«

Das versetzte sie nun endgültig in Alarmbereitschaft. Sie saß mit einem Ruck aufrecht. »Wie kommst du darauf? Ich… ich meine… nein!«

»Deine aktuelle Reaktion beweist es mir – ich hatte bis jetzt tatsächlich keine Ahnung.« Er lächelte nun, aber es erreichte seine Augen nicht. »Ich kann keinen Krieg im Innern dulden, wenn die Bedrohung an mehreren Fronten da draußen lauert, auch wenn ich dich wirklich gern dafür rauswerfen würde, ohne mein Einverständnis Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. Du hast zu viel Wissen über unsere Einrichtung. Und ich brauche dich, Esra. Also, worüber sprecht ihr? Ist es von Bedeutung? Kann es uns helfen, die Gefahr einzuschätzen, die dieser Mann darstellt?«

Sie schluckte, beruhigte sich nur langsam. »Ian fürchtet sich vor Castleton. Er hat versucht, Sajian aus seinem Reservat in ein anderes zu verlegen, doch zu dem Zeitpunkt war er bereits hier. Ich habe ihm nicht gesagt, wo wir uns befinden, nur, dass es beiden gut geht. Das hat ihn sichtlich beruhigt. Sajians Mutter hat ebenfalls Kontakt zu ihm aufgenommen und flehte ihn an, Sajian nicht herauszugeben. Vielleicht deckt zumindest sie ihren Mann nicht mehr länger. Was könnte dieser Castleton gegen uns ausrichten?«

»Er könnte herausfinden, was wir hier tatsächlich tun – Drachen stehlen, die von anderen gekauft wurden und die sich nun um ihren Gewinn betrogen fühlen. Eine pharmazeutische Einrichtung, die nicht ihm gehört, obwohl es fast alle rundherum zumindest in Teilen tun, ist verdächtig genug. Noch dazu sind wir eine, die regelmäßig medizinisches Entnahmebesteck in gewissen Mengen ordert. Bedarf, den pharmazeutische Einrichtungen üblicherweise nicht haben. Und er weiß, dass Sajian hier, in diesem Gebiet, verschwunden ist. In der Nähe des Reservats.«

»Was schlägst du vor zu tun?«, fragte sie mit belegter Stimme.

»Ich muss mit diesem McCord sprechen. Und wir müssen uns auf den Worst Case vorbereiten – dass es eine Razzia geben wird, durch die Polizei, das Militär oder die Drachenbehörde. Oder alle drei. Die Drachen müssen auf unbestimmte Zeit in den unterirdischen Räumen überleben können, und sie dürfen nicht gefunden werden. Unter gar keinen Umständen.«

»Ich werde alles vorbereiten.«