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Ian

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Ian

Ian setzte seine Bemühungen am nächsten Morgen unbeirrt fort, obwohl ihm nach der Übernachtung im Freien alles wehtat; Hickory hatte die Nacht überlebt und damit gute Chancen, durchzukommen. Seine Wunden sahen deutlich besser aus als am Vortag und das Fieber verschwand unter der Antibiotika- und Schmerztherapie. Es dauerte bis in die frühen Mittagsstunden hinein, ehe der zunehmend wacher werdende Drache sich unverhofft in seine Menschengestalt zurückverwandelte. »Hab ich Kopfschmerzen«, waren Hickorys erste Worte, und er hielt sich mit beiden Händen den Schädel, unfähig, sich aufzusetzen.

Ian nahm eine der Decken, die das behelfsmäßige Krankenzelt bildeten, um sie über ihm auszubreiten. »Was ist passiert? Kannst du dich an etwas erinnern?«

»Erstaunlicherweise sogar ziemlich gut. Ich lag im Flussbett, die Mädels hüpften fröhlich um mich herum wie immer. Dann kam plötzlich Helen aus dem Wald. Sie war auf einen Kampf aus, und ich habe die Herausforderung angenommen. Aber diesmal… war irgendetwas anders. Sie hat mich gebissen, und ihre langen dünnen Zähne gingen tief unter meine Schuppen. Es brannte und schmerzte fürchterlich, wie Säure, und dann begann die Welt um mich herum zu wirbeln. Mir wurde so schlecht, dass ich kotzen musste. Sie hat mich ohne Probleme überwältigt und klar gemacht, dass sie die Mädels mitnimmt, aber ich nicht willkommen bin. Natürlich sind sie ihrem neuen Alpha gefolgt, auch wenn ein paar versuchten, meine Wunden zu lecken und dabei nervös um mich herumtänzelten. Ich weiß noch, wie ich bewusstlos wurde und beim Aufwachen die Hölle aus Hunger, Durst und Kopfschmerzen hatte. Ich hab es wohl irgendwie hier her geschafft. Dann wird meine Erinnerung zu einem Fiebertraum, keine Ahnung, was davon echt war und was nicht. Ich habe dich gesehen, und den Kleinen. Ich schätze, du hast mich zusammengeflickt, was, Doc? Danke dafür. Hätte nicht gedacht, dass ein Drache mal einen Arzt braucht.«

»Deine Schilderungen klingen ganz so, als ob du vergiftet wurdest. Das hatte ich bereits vermutet. Drachen haben eine natürliche Giftschwäche, deshalb ist es auch die bevorzugte Waffe von Drachentötern. Helen muss es irgendwie entwickelt haben, oder vielleicht hat sie bisher nur Trockenbisse gesetzt, weil die Produktion Zeit und Nährstoffe in Anspruch nimmt. Zu dieser Jahreszeit wachsen viele Giftpflanzen; möglicherweise kann sie sie entsprechend verstoffwechseln.«

»Du hast nicht zufällig noch so ein Schmerzmittel?«, fragte Hickory kläglich.

Ian kramte in seiner Arzttasche und gab ihm eine weiße Tablette sowie etwas Wasser aus dem Kanister. »Novaminsulfon, das wird dir helfen. Du solltest allerdings tunlichst vermeiden, in nächster Zeit wieder zum Drachen zu werden, sonst verpufft die Wirkung in deinem riesigen Körper. Ganz zu Schweigen davon, dass es dich in deinem momentanen Zustand überanstrengt.«

»Das hatte ich nicht vor – um mich herum dreht sich immer noch alles«, seufzte er.

»Auch wenn es dir nicht gefallen wird, aber ich muss dich in die Siedlung bringen. Dort kann ich dich besser versorgen.«

»Etwa in einen dieser Käfige?«, fragte er mit belegter Stimme. Der Gedanke schien ihn sehr zu belasten – er hatte immerhin bis jetzt frei im Reservat gelebt.

»Die Tore stehen immer offen, du kannst das Paddock jederzeit verlassen, aber niemand kann unbefugt zu dir gelangen. Ein Kranker gehört ins Bett, und hier draußen ist es aktuell zu gefährlich für dich. Wenn Helen erneut angreift…« Er sprach nicht weiter. Vermutlich war sie mit ihrer neuen Rolle als Alpha beschäftigt, aber sie durften kein Risiko eingehen.

Er half Hickory mit einiger Anstrengung hoch und stütze ihn auf dem Weg zum Wagen. In seiner Menschengestalt war er deutlich breiter und größer als Ian, eher muskulös als beleibt. Ihn so schwach zu sehen war beunruhigend. Ian legte ihn auf die Rückbank und breitete noch eine weitere Decke über ihm aus, um ihn sicher warmzuhalten. Durch die langsam eintretende Wirkung des Schmerzmittels nickte er wieder ein, kaum dass er lag.

Ian sammelte seine Utensilien ein, um sie im Kofferraum zu verstauen, und setzte sich dann hinters Steuer. Er fuhr langsam, was das Rumpeln über die unebenen Wege nicht gänzlich verhinderte, aber deutlich abmilderte.

Hickory erwachte, als er schließlich vor den Paddocks hielt und den Motor ausschaltete, ließ sich von ihm in jenes mit dem sandigen Terrain helfen, auch wenn er sich dabei umsah wie ein Tier in der Falle. Ian legte ihn ins Bett der Wohneinheit. »Du brauchst viel Wasser, um das Gift auszuschwemmen. Ich werde dir einen venösen Zugang für Infusionen legen. Dazu muss ich dich kurz in den Unterarm stechen, versuch, stillzuhalten. Im Anschluss werde ich deine übrigen Wunden versorgen und dich impfen – Tetanus. Den Zeitpunkt deiner letzten Spritze konnte ich bisher leider nicht eruieren.«

»Ich glaube, da war ich zwölf – oder so. Ist lange her«, sagte er mit geschlossenen Augen, meldete aber keine Widerworte an, sodass Ian alles problemlos vornehmen konnte – erst den Zugang für die Infusion, aus dem er noch etwas Blut in mehrere Röhrchen füllte, dann desinfizierte und verband er die offenen Wunden und gab ihm anschließend die Impfung, um ihn vor einer Infektion zu schützen.

»Danke, Doc. Ich schätze, du hast mein Leben gerettet«, flüsterte Hickory; sein Blick war bereits wieder umwölkt. »Unser letzter Vorsteher hätte das mit Sicherheit nicht getan.«

»Das ist meine Aufgabe als Arzt. Schlaf jetzt, ich sehe bald wieder nach dir. Du bist hier in Sicherheit.«

Er machte die Blutproben noch vor Ort zur Versendung fertig und stellte in der Wohneinheit nebenan seinen Laptop sowie das Satellitentelefon bereit, um Hickory näher zu sein. Gerade, als er das Gerät hochfahren wollte, hörte er Ryous aufgeregtes Rufen am Paddockgitter und stand auf, um hinauszutreten.

Ryou wechselte sofort in seine Menschengestalt, und Ian öffnete das Gitter, um ihn hereinzulassen. »Du bist zurück! Warst du etwa die ganze Nacht da draußen? Bis jetzt? Trotz Helen? Wie geht es Hickory? Und was ist mit den anderen?« Die Fragen sprudelten nur so aus ihm hervor.

»Zieh dir erstmal was an. Hickory hat seine Menschengestalt angenommen und liegt jetzt im Paddock nebenan, er ist soweit stabil.« Ian gab ihm eine Tunika, die sich in jeder Wohneinheit befand. Ryou zog sie sofort über.

»Er wird doch wieder gesund, oder?«

»Ich bin zuversichtlich. Seinen Schilderungen der Geschehnisse nach zu urteilen müssen wir davon ausgehen, dass Helens Bisse ihn vergiftet haben. Ich habe Blutproben entnommen, die ins Labor gebracht werden müssen.«

»Ich könnte das doch übernehmen, ich bin viel schneller als du mit dem Auto«, begann Ryou, ehe ihm einzufallen schien, dass er als Drache nicht weit über die Reservatsgrenzen hinaus fliegen durfte. »Oh, ich, äh…«

»Deinen Eifer in allen Ehren, aber das sollte jemand übernehmen, vor dem die Bevölkerung nicht in Angst und Schrecken davonläuft.« Ian lächelte unweigerlich. »Außerdem brauche ich dich hier, um Sakura im Auge zu behalten. Gibt es dahingehend Neuigkeiten?«

»Sie hat sich heute noch nicht blicken lassen, und die Köder sind unangetastet. Ich glaube, sie hat unser Vorhaben durchschaut.«

»Misstrauisch wie erwartet«, erwiderte Ian zerknirscht.

Ryou zögerte. »Heißt das jetzt, dass Helen…?«

»Der neue Alpha ist«, vervollständigte Ian seinen Satz und nickte. »Sie hat den Schwarm in ihr eigenes Territorium verlagert und klargestellt, dass Hickory nicht länger Teil davon ist. Drachen folgen ihrem Alpha«, erwiderte er.

»Also werden uns bei der nächsten Patrouille alle angreifen und nicht nur Helen?« Er weitete fassungslos die Augen. »Und ich muss wieder in den Käfig zurück, damit ich sicher bin? Was wird aus Grace? Sie ist immer noch da draußen und weiß von nichts!« Panik trat in seine Stimme und Augen.

»Beruhige dich! Aus dem Einen folgt nicht unweigerlich auch das Andere, obwohl wir natürlich auf alles gefasst sein müssen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten und zu beobachten, wie sich die Dinge nach dem Führungswechsel entwickeln.«

Beider Aufmerksamkeit wurde nach draußen gelenkt, als plötzlich ein hoher Schrei wie von einer Eule ertönte. Grace, dachte Ian, und tatsächlich landete sie in ihrer Drachengestalt vor dem Nachbarpaddock und scharrte am Gitter.

»Sie wittert ihn. Ich muss ihr sagen, was passiert ist«, erwiderte Ryou mit belegter Stimme. Ohne weiter Zeit zu verlieren nahm er Drachengestalt an und eilte zu ihr. Beide tauschten über mehrere Minuten Knurr- und Zischlaute miteinander aus, dann nahmen sie synchron Menschengestalt an. Grace’ Blick wanderte zu Ian.

»Ist es wahr? Helen hat Hickory im Kampf schwer verletzt und ist jetzt der neue Alpha?«, fragte sie fassungslos.

»Es sieht ganz danach aus«, bestätigte Ian, dem sofort auffiel, dass sie die Gedanken ohne Probleme mit in den neuen Körper übernommen hatte. Das war ein Erfolg, auch wenn er natürlich von den jüngsten Ereignissen überschattet wurde. »Er ist aber auf dem Weg der Besserung und braucht jetzt viel Ruhe. Ich vermute, dass er vergiftet wurde, aber wir müssen die Blutergebnisse abwarten. Ich bringe sie gleich ins Labor.«

»Dann bleibe ich hier vor dem Paddock, bis es ihm wieder gut geht!«, beharrte sie.

»Du tust nicht dasselbe wie alle anderen und folgst Helen?«, fragte Ryou verblüfft. »Aber ist das nicht so ein Drachending? Alle folgen dem Alpha?«

»Ich habe mich der Gruppe nie richtig zugehörig gefühlt. Hickory war der einzige, der mich zu integrieren versucht hat. Er hat mir von seiner Jagdbeute abgegeben und mich nachts gewärmt, ist mit mir zusammen geflogen und hat mir beigebracht, Futter zu finden. Ich werde nie irgendjemand anderen als meinen Alpha betrachten.« Die Worte kamen mit Nachdruck und voller Überzeugung. Wie um sie zu unterstreichen nahm sie erneut Drachengestalt an und rollte sich vor dem Paddock zusammen. Sie erweckte ebenso wenig den Anschein, von seiner Seite zu weichen, wie eine Statue von ihrem Sockel steigen würde.

Das Satellitentelefon klingelte, und Ian trat zurück nach drinnen; es war Esras Nummer. Er hob eilig ab. Die Stimme, die sich zu Wort meldete, war allerdings Laetitias, und sie klang, als ob sie unter großem Zeitdruck stand: »Ian, hier ist Laetitia. Hör zu, wir haben nicht viel Zeit. Mir geht es gut, auch wenn ich nicht weiß, wo ich mich befinde. Sajian ist ebenfalls wohlauf. Wir sind an einem Ort, an dem sich noch andere asiatische Drachen befinden. Sie wurden von diesen Leuten gerettet.«

Ian weitete die Augen und rieb sich übers Gesicht. »Laetitia, ein Glück, dass ich dich höre! Ist Esra bei dir?«

»Ich bin hier, Ian. Geht es dir gut?« Sie war schwer zu verstehen, als ob die Verbindung sehr schlecht war.

Es würde zu viel Zeit kosten, ihnen zu erklären, was gerade im Reservat vorgefallen war. »Es ist kompliziert… wichtiger ist, dass ihr beide in Sicherheit seid.«

»Was ist los? Ist etwas passiert im Reservat? Ist Sajians Vater aufgetaucht?«, fragte Laetitia. Sie klang alarmiert, und er beschloss, es ihr mitzuteilen – die Anrufe, die Nachrichten und sein Auftauchen.

Esra atmete im Hintergrund tief durch. »Wir sind gewarnt, auch wenn ich nicht offen mit meinem Vorgesetzten darüber sprechen kann. Sei auf der Hut.« Plötzlich waren Schritte im Hintergrund zu hören. »Wir müssen Schluss machen, ich halte Kontakt!«

Die Verbindung brach ab, und Ian steckte Telefon zurück in seine Gürteltasche. In was waren sie da nur hineingeraten? Handelte es sich bei den Entführern wirklich um Leute, die Drachen Gutes tun wollten? Oder spielten auch sie ein falsches Spiel mit allen Beteiligten, einschließlich Esra? Sicher ausschließen konnte er nur, dass sie etwas mit Castleton zu tun hatten – denn in dem Fall wäre er nicht so wutgeladen hier aufgekreuzt und hätte die Herausgabe seines Sohnes gefordert. Hatte Sakura, der flüchtige Drache, irgendetwas mit diesen Leuten zu tun? Konnte sie ihm etwaige Fragen beantworten?

Er stieg ins Auto und machte sich auf den Weg zum Labor. Gerade, als er hinter dem Steuer Platz genommen hatte, klingelte das Telefon erneut. Diesmal erschien gar keine Nummer. »Ian McCord, Vorsteher des Shenandoah-Drachenreservats?«

»Ich grüße Sie. Sie kennen mich nicht und das ist gut so. Alles, was zählt, ist folgende Information: Ich bin derjenige, der Ihre beiden Schützlinge unter seine Fittiche genommen hat. Laetitia und Sajian, nicht wahr?«

Ian schluckte, Panik stieg in ihm auf. »Was wollen Sie? Geht es den Kindern gut?«, fragte er angespannt.

»Sie sind hier in den besten Händen von erfahrenen Drachenärzten, das versichere ich Ihnen. Mehr werden Sie nicht von mir hören, denn ich kann Ihnen nicht vertrauen. Allerdings vertraut Ihnen meine Angestellte, Esra. Und die beiden Neuankömmlinge selbst, welche keine bösen Absichten an Ihnen gewittert haben. Das kann ich nicht ignorieren, weshalb ich selbst mit Ihnen sprechen will.«

»Laetitia ist kein Drache«, korrigierte Ian.

»Sie hat sich jüngst verwandelt, in einen westlichen Phänotyp, versteht sich«, war seine erstaunliche Antwort, die Ians Gesicht entgleiten ließ. »Kommen wir zur Sache: Ich brauche Ihre Hilfe, so ungern ich das auch einräumen will. Sajian wird von einem gewissen Sebastian Castleton gesucht, und er hat Sie bereits in die Mangel genommen, wie ich erfuhr. Haben Sie Wissen über ihn, das mir weiterhelfen könnte, sein Gefahrenpotential einzuschätzen?«

Ian sah keinen Grund, warum er Informationen über Castleton zurückhalten sollte. »Nicht viel, ehrlicherweise. Er hat erstmals über E-Mail Kontakt zu mir aufgenommen. Darin verschickte er eine Aufnahmebestätigung seines Sohnes für das Kootenay-Reservat samt einem offiziell aussehenden Schreiben, laut dem der Verbringung stattgegeben wurde. Dieses Reservat befindet sich meinen Recherchen zufolge in Alberta und erstreckt sich bis nach British Columbia, es ist privat geführt, die Aufnahme anscheinend teuer einkaufbar. Ich habe zunächst keinen Verdacht geschöpft. Aber wenig später erhielt ich einen weiteren Anruf, diesmal von einer gewissen Cassandra Castleton, Sajians Mutter. Sie flehte mich an, ihn in meinem Reservat zu behalten. Ihr Mann hätte Freunde in höheren Kreisen und würde alles versuchen, um Sajian in dieses Reservat verlegen zu lassen. Dann rückte sie mit Dingen heraus, über die ich aufgrund meiner Schweigepflicht als Arzt nicht sprechen darf.« Er zögerte unbehaglich.

»Ich weiß, zu welchem Zweck Drachen wie er gezeugt und adoptiert werden«, sagte der Fremde voller Abscheu. »Noch etwas von Bedeutung?«

»Sie sagte, es gäbe eine… Zucht von Hybriddrachen in West-Virginia, getarnt als pharmazeutisches Institut. Aber die Einrichtung wurde vor vielen Jahren geschlossen, angeblich technisches Versagen.«

»Ich glaube ich weiß, welche Einrichtung gemeint ist. Sajian stammt von dort?«

»Ich bin nicht befugt, darüber zu sprechen.«

»Das ist wenig genug. Beantworten Sie mir noch eine Frage.« Seine Stimme wurde eiskalt. »Sind es Ihrer Meinung nach Drachen oder Menschen?«

Ian wusste nicht, worauf die Frage abzielte, oder welche Antwort sein unbekanntes Gegenüber hören wollte. Daher gab er die für ihn Naheliegendste: »Ich bin Drachenarzt. Für mich sind es Patienten, und ich tue alles in meiner Macht stehende, um sie zu schützen.«

»Einen guten Tag wünsche ich.«