Laetitia
Laetitia
Laetitia stand jetzt sicherlich schon seit zwei Stunden vor dem Spiegel, ohne dass sie zu einem Entschluss gekommen war, und das frustrierte sie. Ihre Klasse würde heute einen Ausflug ins Erlebnisbad machen, und sie fand nichts zum Anziehen. Das war dieser klischeehafte Mädchenkram, den sie immer lächerlich gefunden hatte und irgendwo auch immer noch fand – aber heute fühlte sie das Problem.
Es hatte im Grunde einen Namen: Sajian. Laetitia hatte nie etwas für Jungs übriggehabt, ihre Klassenkameraden hatten sie bereits damit aufgezogen, dass sie als alte Jungfer enden oder ein ewiges Kind bleiben würde. Alle in ihrer Klasse hatten schon einen Freund oder eine Freundin, nur sie nicht – und Sajian auch nicht, soweit sie wusste. Aber das war nicht der Grund, warum sie stundenlang Kleidung und Bademode anprobiert hatte, obwohl sie gar nicht so viel von alldem besaß. Sie fand Sajian tatsächlich anziehend. Das Gefühl war vor vielleicht einem halben Jahr zum ersten Mal aufgekommen, urplötzlich, obwohl sie vorher nichts für ihn empfunden hatte. Er war schlank und groß, hatte diese intelligenten Augen, die eher in sich hineinblickten als in die Welt hinaus. Sie hatte sich natürlich nicht getraut, das irgendjemandem zu erzählen, außer ihrer Schwester. Ihr Sticheln war freundlich und wohlwollend, und sie hatte ihre Gefühle tatsächlich verstanden. Dabei wollte Laetitia ganz sicher keinen Sex, worum es jedem anderen in ihrem Alter zu gehen schien. Sie wollte ihn näher kennenlernen und vielleicht mal etwas mit ihm zusammen unternehmen. Heute hatte sie die Chance dazu. Wenn sie es denn mal schaffte, sich anzuziehen.
Sie wollte gut aussehen, wenn sie sich schon halbnackt voreinander zeigten. Laetitia mochte das grundsätzlich nicht. Sie war sehr dünn, aber nicht, weil sie es darauf anlegte, sondern weil es einfach so war. Egal wie viel sie auch aß, es setzte sich bei ihr nirgends an. Andere machten darüber dumme Bemerkungen, dass sie doch sicher heimlich kotzen ging, und egal, wie oft sie das Gegenteil versicherte, niemand wollte begreifen, dass es einfach Leute gab, die nicht zunahmen. Sie wollte auch nicht, dass Sajian auf ihren Körper aufmerksam wurde, aber wenn er sie zufällig ansah, wollte sie ihm gefallen.
Es klopfte, und sie warf sich sofort ihre Bluse über den Badeanzug. »Ja?«
Elizabeth, ihre Schwester, kam rein. »Weißt du immer noch nicht, was du anziehen sollst? Du machst doch sonst nicht so einen Aufriss.« Sie lächelte wissend. »Sagst du’s ihm etwa heute?«
»Was sag ich wem?« Sie konnte nicht verhindern, dass sie rot anlief und ihren Puls in den Ohren hörte.
»Na, Sajian! Sag ihm endlich, dass du ihn magst! Sonst seid ihr aus der Schule raus und er verschwindet auf irgendeine Elite-Uni in Europa, dann seht ihr euch nie wieder.« Sie ließ sich rücklings auf ihr Bett fallen, und Laetitia seufzte. Elizabeth konnte man nichts vormachen.
»Ich hab nur einen kurzlebigen Crush auf ihn, glaub ich. Aber es ist doch ohnehin egal. Er kommt aus reichem Haus und wird mit mir sowieso keine Zeit verbringen wollen. Er wird so wie du sagst auf irgendeine Elite-Uni gehen und aus meinem Leben verschwinden. Wir passen so gut zusammen wie ein Fisch und eine Wüstenschlange.« Es so deutlich auszusprechen, ließ sie einen erstaunlich schmerzhaften Stich im Magen fühlen. War da etwa doch mehr als nur ein Crush?
Elizabeth setzte sich auf. »Denkst du, dass für ihn nur Geld zählt? Wenn ich ihn sehe, ist er immer so selbstbewusst und witzig. Er wirkt wie ein ganz normaler Jugendlicher.«
Sie lächelte unglücklich. Das war es, was ihr so an ihm gefiel: Diese lockere, leichte Art, als könne er alles schaffen. Als wäre die Last des Lebens nur halb so schwer. Seine Fähigkeit, im richtigen Moment einen saloppen Spruch zu bringen, der sie insgeheim lächeln ließ. Sie wünschte, sie wäre mehr so wie er – aber vermutlich musste man dazu in einem gut betuchten Elternhaus aufwachsen. »Keine Ahnung. Ich weiß nicht viel über ihn. Er beachtet mich kaum.«
»Beachtet er denn überhaupt irgendwen?« Elizabeth zuckte mit den Schultern. »Also wenn ich er wäre, wären mir die ganzen Pfeifen aus deiner Klasse sowas von egal. Er wird sie ohnehin nie wiedersehen und seinen Weg fernab von allen anderen gehen, erfolgreicher als sie. Für die ist er nur der reiche Schnösel von Nebenan, aber er hat es sich ja nicht ausgesucht. Niemand fragt sich, wie es ihm geht. Wer weiß, ob er nicht auch Probleme hat wie jeder von uns, und eigene Vorstellungen von seinem Leben. Ich denke, er steht als einziges Kind zweier Eltern, die so angesehen sind, unter starkem Druck. Sie werden viel von ihm erwarten.«
Laetitia schluckte. Wenn er sich unbeobachtet fühlte, auf dem Heimweg etwa, wirkte er stets in sich gekehrt und verschlossen, wie jemand, der insgeheim sehr traurig war. Er berichtete selten von gemeinsamen Unternehmungen mit seinen Eltern, und wenn er es tat, wirkte es aufgesetzt, pflichtschuldig. Warum sollte er auch von sich erzählen? Oder seinen Problemen? Selbst ihre Lehrerin hatte ihn mal gefragt, was er denn bitte für Probleme hätte als Kind so wohlhabender Eltern. Hatte man nur ein Recht darauf, sich schlecht zu fühlen, wenn die eigenen Eltern arm waren? War man mit einem wohlhabenden Elternhaus dazu verpflichtet, glücklich zu sein? »Das stimmt wohl. Er scheint keine richtigen Freunde zu haben, auch wenn er sich immer mal mit ein paar Leuten unterhält, die eher Außenseiter sind. Er ist durch seine offene, auffällige Art irgendwie immer präsent, aber mit niemandem wirklich eng.«
»Dann biete du ihm doch mal ein Gespräch an«, schlug Elizabeth vor. »Er wird dich wohl kaum zurückweisen, wenn ohnehin alle seine Kontakte oberflächlicher Natur sind. Keine Verpflichtung, einfach nur ein freundliches Gespräch. Und der Badeanzug steht dir perfekt. Jetzt zieh an, was dir gefällt und nicht, was ihm gefallen könnte. Hab Spaß heute im Spaßbad.« Sie zwinkerte ihr zu und ging aus der Tür.
Wie immer schaffte es ihre Schwester, sie zum Lächeln zu bringen, obwohl ihr gar nicht danach zumute war. Laetitia graute es vor dem Badbesuch, wenn sie ehrlich war. Wieder angestarrt zu werden und Thema von Lästereien zu sein. Aber draußen zu sitzen würde ihr auch Getuschel einbringen, vermutlich noch mehr, es sei denn…
Ihr kam eine Idee. Die Ferien standen vor der Tür, und sie hatte sich für einen ganz besonderen Ferienjob gemeldet, der sogar als außerschulische Betätigung angerechnet wurde: Sie würde ein paar Wochen im Shenandoah-Drachenreservat verbringen und einen Bericht über die Drachen schreiben. Der Vorsteher hatte ihr bereits zugesagt und sich in seiner E-Mail sehr erfreut über ihre Bereitschaft gezeigt. Er gehörte zum selben Projekt des mittlerweile in den ganzen Staaten bekannten Drachenflüsterers Henry Gilfordt, dessen Reservat sich nahe dem Shenandoah-Reservat inmitten der Great Smoky Mountains befand, die der Öffentlichkeit im Rahmen der Aufklärungsaktionen zugänglicher gemacht wurden. Sie konnte die Zeit zum Recherchieren nutzen und ihren Bericht schon mal anfangen. Während sie schrieb, konnte sie Sajian beobachten. Sie wurde bei dem Gedanken gleich wieder rot, dann packte sie mit leichterem Herzen ihre Tasche und verließ das Zimmer.
So gut ihre Laune bei ihrer Ankunft vor der Schule noch gewesen war, so schnell sank sie wieder ins Bodenlose, als Laetitia im stickigen Bus saß, der sie zur Schwimmhalle bringen würde. Es war noch nicht übermäßig warm, aber der Sommer stand unverkennbar vor der Tür, und sie wünschte, sich Luft zufächern zu können. Neben ihr saß Cherish, die auch in der Schule ihre Sitznachbarin war. Dennoch redeten sie nur geringfügig miteinander. »Jetzt geht das schon wieder los«, stöhnte Cherish genervt, als es von hinten tönte: »Mann, Sajian, nerv’ nicht! Hast du nichts zu lernen für die Elite-Uni oder so?«
»Soll mal weiter seine Bücher durchackern«, rief ein anderer, was Gelächter und Zustimmung hervorrief.
»Ja Mann!«
Laetitia verdrehte ebenfalls die Augen. »Er ist doch nur reingekommen und hat gefragt, ob jemand das Fenster öffnen kann, was ich übrigens befürworte. Die nerven mehr als er.«
»Es ist manchmal so peinlich. Ich mag Sajian auch nicht, aber sie hacken einfach nur so aus Gewohnheit auf ihm herum. Bei jemand anderem hätten sie auf die gleiche Bitte nichts gesagt«, stimmte Cherish zu.
»Sajian ist einfach eine Frohnatur, damit kommt wohl nicht jeder klar.«
»Er hat ja auch einen Grund, immer froh zu sein«, sagte Cherish zerknirscht. »Seine größte Sorge ist vermutlich, auf welche Spitzen-Uni er gehen soll. Oder wo er als nächstes Urlaub macht. Der hat schlicht keine Sorgen.«
»Nicht immer sind fröhlich erscheinende Menschen glücklich. Und reiche Eltern sind nicht unweigerlich gute Eltern«, gab sie zu bedenken.
Cherish starrte sie an. »Stehst du jetzt auf seiner Seite oder was?«
»Ich stehe auf niemandes Seite«, erwiderte sie, verblüfft von ihrem harschen Tonfall. »Es ist eine Tatsache, dass Menschen leiden können und das nicht nach außen zeigen. Niemand weiß, wie es demjenigen geht, außer die Person selbst.«
»Also stehst du auf seiner Seite, war ja klar. Du bist scharf auf ihn, weil er Geld hat, und willst dich an ihn ranschmeißen, weil er der letzte noch nicht vergebene Junge in der Klasse ist. Hast ja keine Konkurrenz und er dürfte verzweifelt sein. Find’ ich echt scheiße von dir.«
Sie blinzelte fassungslos. »Was ist denn jetzt los? Ich hab doch lediglich gesagt, dass nicht jeder…«, begann sie, doch Cherish fuhr ihr sofort über den Mund.
»Boah ey, lass es einfach!«
Laetitia begriff so langsam immer mehr, warum Sajian das alles zu doof war – sie alle würden immerhin bald getrennte Wege gehen. Sie holte ihr Tablet heraus und konzentrierte sich auf den Bericht, schrieb als Einleitung auf, was sie über das Reservat wusste.
Das Shenandoah-Drachenreservat umfasste in etwa 800 Quadratkilometer Fläche in den Blue Ridge Mountains der südlichen Appalachen und lag in der Nähe des Piedmond-Plateaus in Virginia. Durchzogen von bewaldeten Bergkämmen mit zahlreichen Flüssen und Wasserfällen sowie einem breiten Tal auf jeder Seite war es der perfekte Lebensraum für Drachen. Die höchsten Berge, Stony Man und Hawksbill, maßen über 1200 Höhenmeter. Der Zugang zum Reservat war der örtlich sehr bekannte Skyline Drive, eine langgezogene Straße von fast 200 Kilometern Länge. Die Straße ging über in den Blue Ridge Parkway und zog sich bis zum Great-Smoky-Mountains-Reservat des berühmten Henry Gilfordt, der jüngst durch sämtliche Medien gegangen war mit seinen Bemühungen für Drachenrechte. Beide Reservate arbeiteten eng zusammen. Das Shenandoah-Drachenreservat befand sich auf einer Seite des Tals in westlicher Richtung. Auf der Ostseite gab es in einiger Entfernung Erholungsgebiete zum Campen, Wandern, Reiten und Radfahren.
Sie verband sich mit dem Internet und suchte nach Informationen zur dortigen Tierwelt. Es existierten vorrangig Weißwedelhirsche, Schwarzbären, Rotluchse, Waschbären, Skunks, Opossums, Rot- und Graufüchse sowie Waldkaninchen, die von der Drachenpopulation bejagt wurden. Drachen waren aus biologischer Sicht Super-Predatoren, die Spitze der Nahrungskette. Dazu gab es über 200 Arten Vögel und einige Fische.
Laetitia hielt in ihrer Arbeit inne, als es von hinten plötzlich laut grölte, und rieb sich angelegentlich die Schläfe. Konnten sich ihre Klassenkameraden nicht ein einziges Mal zivilisiert verhalten? Sie wünschte sich eher früher als später in die Ruhe des Reservats. Drachen waren verglichen mit ihren Klassenkameraden das eindeutig kleinere Übel.
Die gesamte Fahrt war eine einzige Tortur; Laetitia hasste die meisten Geräusche, die ihre Klassenkameraden von sich gaben, angefangen vom sinnlosen Schreien bis hin zu ihren dämlichen Bemerkungen und dem ständigen Kommentieren von allem und nichts, was im Bus oder außerhalb davon geschah. Ihre Mutter vermutete, dass sie hypersensibel auf Geräusche reagierte. Tatsächlich hörte Laetitia selbst die hochfrequenten Tierabwehrgeräte in Autos und fühlte sich erst dann wohl, wenn sie sich nach einem langen Schultag in ihrem Zimmer einschließen konnte. Ging es Sajian genauso? Er wirkte zumindest heute wieder wie die Frohnatur, die er immer war, und ließ sich von keinem dummen Spruch die Laune verderben. Laetitia beneidete ihn irgendwie darum. Ihm schien völlig egal zu sein, was andere von ihm dachten.
Es dauerte eine Dreiviertelstunde, bis sie am Erlebnisbad ankamen, aber Laetitia kam es vor wie drei Stunden. Sie verspürte nicht mehr die geringste Lust auf den Badbesuch und wünschte, sie könnte sich in ihr Zimmer zurückziehen und in Ruhe weiterarbeiten. Laetitia wartete, bis alle nach draußen und schließlich ins Bad geströmt waren, und betrat den Umkleidebereich als eine der letzten mit ihrer Klassenkameradin Esther, deren Anwesenheit sie am Wenigsten unangenehm fand. »Teilen wir uns eine Umkleide?«, fragte diese schüchtern.
»Klar«, sagte Laetitia und rang sich ein Lächeln ab, was das andere Mädchen sichtlich beruhigte. Sie zogen sich um, und Laetitia beschloss, ihre Bluse über der Badekleidung anzubehalten und ihr Tablet mitzunehmen.
»Willst du damit etwa baden?«, fragte Esther belustigt.
»Mir ist heute nicht nach baden, ich werde lieber an meinem Bericht weiterschreiben«, erwiderte sie knapp.
»Oh«, erwiderte Esther peinlich berührt, offenbar unsicher, ob sie ihr damit zu nahe getreten war. Sie eilte vor ihr nach draußen in Richtung Badebereich, und Laetitia atmete tief durch – gleich würde wieder eine ganz ähnliche Geräuschkulisse herrschen wie im Bus, oder schlimmer.
Sie blieb noch einen Moment sitzen, um die Ruhe zu genießen, und begab sich dann schnurstracks zu den Entspannungsliegen, nur um festzustellen, dass sie alle besetzt waren. Na toll. Das war mein Plan.
Sie drehte stattdessen um und ließ sich auf einer der wenigen freien Liegen mitten im Badbereich nieder, um die schreiende Kinder herumtobten und wo sie ständig Gefahr lief, nassgemacht zu werden. Sie wickelte sich in ihr Handtuch und schaltete das Tablet ein, hielt aber beim Weiterschreiben inne.
Woher sollte Cherish von ihren insgeheimen Gefühlen für Sajian wissen? Sie hatte ihr nur wieder einen dummen Spruch gedrückt, auch wenn sie vorgab, die anderen dafür kindisch zu finden. Ihre Klassenkameraden dachten nie nach über solche Dinge, sie wollten nur gegen etwas oder jemanden sein, aus Prinzip, ohne echte Argumente. Plötzlich ging ihr auf, dass sie sich vielleicht gerade deswegen zu Sajian hingezogen fühlte – er dachte nach. Er war nicht wie die sprichwörtliche Taube, die auf das Schachbrett schiss und meinte, gewonnen zu haben. Man hatte sie oft dumm angemacht, weil sie als einzige keinen Freund hatte. Aber einen Freund zu haben war kein Wettbewerb, den man vor jedem anderen gewinnen musste, und der Gedanke, einen Freund und später Ehemann zu haben, der eine Diskussion nicht mit Argumenten gewann, sondern indem er sich wie ein Brüllaffe aufführte, war so abstoßend, dass sie es bevorzugte, allein zu bleiben.
Sie schrieb weiter: Häufige Baumarten im Reservat waren Eichen, Kastanien, Weiden und Hickory, wobei die Kastanien stark vom Aussterben bedroht waren aufgrund einer Krankheit. Ähnliches galt für die Eichen, die anfällig für Raupen waren. Die ältesten Felsen sollten über eine Million Jahre alt sein. Als vor 10.000 Jahren die ersten Menschen in die Gegend kamen, gab es noch keine Drachen. Erst im Jahr 1750 herum kultivierten Siedler das Land, unter denen die ersten Blütigen vermutet wurden. Im frühen 20. Jahrhundert wurde erstmals diskutiert, ob ein Drachenreservat eingerichtet werden sollte, um Wandler dort unterzubringen. 1935 wurde dann an dieser Stelle das Shenandoah-Drachenreservat gegründet, damals noch ohne Reservatsvorsteher unter Selbstverwaltung der Bewohner und mit Aufsicht durch die Drachenbehörde.
Sie sah auf, als sich jemand auf der freien Liege neben ihrer niederließ – und fürchtete sogleich, knallrot anzulaufen. Es war Sajian, in einem hautengen azurblauen Rash Guard, der ihm super stand. Er lächelte auf seine so unglaublich einnehmende Art. »Hi, was dagegen, wenn ich mich neben dich setze?«
»N-nein«, stammelte sie und schluckte. Sajian hatte ebenfalls ein Tablet dabei – eines, das deutlich teurer und hochwertiger aussah als ihres. »Schreibst du auch, statt zu baden?«, hörte sie sich fragen, ohne ihrer Zunge die Erlaubnis dazu gegeben zu haben.
»Ja, ich muss wieder den Bericht für die Schülerzeitung schreiben, und heute Nachmittag hab ich keine Zeit dafür. Sprachunterricht und so. Also mach ich es lieber jetzt.« Er lachte, aber es erreichte seine Augen nicht. Laetitia begriff sofort, dass es eine vorgeschobene Erklärung war. Er sah sie an – diese dunklen Augen unter dem glatten, schwarzen Haar, das in Strähnen fiel, sein schönes Gesicht, dazu dieser schlanke, große Körperbau… »Und du so?«
»I-ich schreibe über das Shenandoah-Drachenreservat. Ich fange dort in den Ferien als Hilfskraft an und brauche den Bericht für die Schule. Als Note für meine außerschulische Tätigkeit.«
»Wirklich? Cool! Du bist also offen gegenüber Drachen eingestellt?« Er betrachtete sie mit einem plötzlichen Interesse, von dem sie nicht wusste, ob es ihr gefiel.
»J-ja, ich habe die ganze Geschichte um Henry Gilfordt und den Drachenblutskandal verfolgt. Und… auch ein bisschen was von dem Merch gekauft, hoffentlich hilft es da, wo es soll. Drachen sind einfach unglaublich interessant und faszinierend, ich will unbedingt einmal in meinem Leben welche aus der Nähe sehen, in ihrem natürlichen Habitat. Ich weiß nicht, warum so viele Leute immer noch glauben, dass sie unberechenbar und gefährlich seien. Wir haben doch alle die Aufnahmen gesehen, und zumindest ich habe Gilfordts Buch gelesen.«
»Es ist doch wie mit allem«, sagte Sajian und legte sich etwas bequemer hin, ein Bein angewinkelt. Das Handtuch unter ihm zeigte zu einem kleinen Turm aufgeschichtete Kieselsteine. »Wenn Menschen etwas fremd ist, fürchten sie es und wollen gar nicht in ihrer festgefahrenen Meinung korrigiert werden. Das, was wir sehen, ist die aktuelle Anpassung an den Mainstream – Drachen sind plötzlich in aller Munde und Gesprächsthema Nummer eins, deshalb zeigen sich alle, wenn sie gefragt werden, offen und verurteilen die Diskriminierung. Ein paar waren schon immer liberal und bleiben es auch, aber der Großteil hat seine Vorbehalte nicht urplötzlich abgelegt. Er behält sie nur mehr für sich und spricht das aus, was gesellschaftlich nicht sanktioniert wird. Jahrhunderte der Angst und des Hasses lassen sich nicht durch ein paar Fernsehübertragungen und Schulauftritte ausräumen.«
»Du hast eine sehr pessimistische Haltung zu unseren Mitmenschen«, äußerte sie. »Ich glaube lieber an das Gute und die Veränderung. Henry Gilfordt ist mein großes Vorbild. Er hat mich sehr inspiriert. Ian McCord ist seiner Bewegung beigetreten, und ich hoffe, ihnen bei ihrer Arbeit helfen zu können. Auch wenn ich nur ein Schüler bin und meine Möglichkeiten begrenzt sind will ich tun, was ich kann.«
»Ich bin Realist«, korrigierte Sajian. »Ich denke nicht, dass es wirklich so viele Drachenfreunde da draußen gibt. Nicht so plötzlich, nachdem so lange Zeit niemand etwas gegen das Einsperren von Drachen in Reservaten einzuwenden hatte, und natürlich will von dem Missbrauch auch niemand etwas gewusst haben. So war es in unserer Geschichte immerhin schon öfter als einmal.« Er begann damit, auf seinem Tablet herumzutippen.
Das ist wahr , dachte sie niedergeschlagen, und die Erkenntnis fühlte sich schmerzhaft an. Drachen würden vielleicht nie ein Teil der Gesellschaft werden, egal, wie sehr sie sich darum bemühten. Aber war es gerecht, dass sie aufgrund menschlicher Vorurteile ein eingesperrtes Dasein bis in alle Ewigkeit führten? Laetitia presste die Lippen aufeinander, so in sich versunken, dass sie nicht bemerkte, wie sich drei ihrer Klassenkameraden an sie heranschlichen.
»Wusst’ ich’s doch, zwischen euch Zweien läuft was!«, schrie einer, und Laetitia ließ vor Schreck ihr Tablet fallen.
»Haha, ich hab’s immer gewusst! Die zwei Außenseiter!«, rief ein anderer.
»War ja so klar!«
Es waren zwei Jungen und ein Mädchen, die sich sofort Sajians Tablet schnappten und wie einen Ball hin und her warfen.
»Hey, könnt ihr’s bezahlen, wenn ihr’s kaputt macht?«, fragte Sajian wütend, und Laetitia sah, wie seine Kehle zuckte. Es war ein merkwürdiger Anblick, von dem sie nicht sagen konnte, ob sie das schonmal bei jemandem gesehen hatte.
»Als ob dein Alter kein Geld scheißen würde, hier, hol’s dir!« Der Junge warf das Tablet in hohem Bogen davon – mitten in den Strömungskanal vor ihnen.
»Nein, fuck! Fuck! Fuck!« Laetitia hatte Sajian noch nie fluchen hören, und sie war zu geschockt, um sofort zu reagieren. Nun jedoch sprang sie auf.
»Hey, verpisst euch, sofort!« Zu ihrer Überraschung wurde sie von allen Dreien verblüfft angestarrt.
»Is’ ja gut, wir lassen dich allein mit deinem Schatz«, blaffte einer, und der andere machte Kussgeräusche, ehe sie lachend abzogen.
Laetitia lief zum Rand des Strömungskanals. Sajian war bereits um die Kurve gebogen und suchte verzweifelt nach dem Tablet. Es lag gut sichtbar am Grund und wurde durch die Strömung immer weiter getragen. »Das ist hinüber«, sagte sie beklommen.
»Nein, es ist wasserdicht, noch hab ich eine Chance.« Er sprang ins Wasser und tauchte unter. Sie war verwundert, wie irre schnell er schwamm, fast wie ein Fisch. Seine Haut schimmerte unter Wasser porzellanweiß, wie auch immer dieser Effekt zustandekam. Sie war für einen Moment völlig fasziniert von dem Anblick. Er schnappte sich das Tablet, dann tauchte er wieder auf und verschwand hinter der nächsten Kurve, unfähig, gegen den Strom zurückzuschwimmen. Laetitia folgte ihm am Beckenrand – und dann gab es plötzlich Geschrei. Bewegung kam in die Badegäste auf den Liegen. Laetitia lief schneller, und plötzlich sah sie ihn mitten in der Menge sitzen: Sajian war am Rand herausgeklettert, das Tablet im Mund, denn seine Arme und Beine waren von porzellanweißen Schuppen überzogen. Seine Finger waren von schwarzen Krallen besetzt.