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Die Drachenretter

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Die Drachenretter

Watanabe legte auf und lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück. Er saß in seinem Büro auf einer höher gelegenen Etage, von der aus er hinter verspiegelten Scheiben nicht nur die pharmazeutischen Arbeitsbereiche einsehen konnte, sondern auch die Badeanlage, auf die sein Blick nun fiel. Eine solche zu unterhalten war heikel, nicht nur aufgrund der Kosten und der Wartungsarbeiten, die von Außenstehenden erledigt wurden, sondern auch aufgrund der Gerätschaften, die dazu angeschafft werden mussten. Es war allerdings nicht einfach möglich, auf die Badegelegenheiten zu verzichten – asiatische Drachen brauchten sie zwingend, um gesund zu bleiben. Nicht nur mussten sie regelmäßig schwimmen, auch ihre Augen, Gehörgänge und Schuppen brauchten diese Form der Reinigung. Aber all das würde Fragen aufwerfen, sollte irgendjemand einen genaueren Blick auf BioSynTechs werfen. Selbst eine oberflächliche Prüfung würde bereits ergeben, dass es keinen Kenji Watanabe gab.

Er erhob sich und hatte gute Lust, sich etwas Hochprozentiges einzugießen. Stattdessen beobachtete er einen der Drachen in der Badeanlage genauer, glaubte, dass es Sajian war, den er bislang nur von den Aufnahmen der Wildtierkameras her kannte. Bei ihm war ein weiterer Jugendlicher in Menschengestalt. Konnte das Katsuya sein, der sonst kaum mit den anderen interagierte? Ein weiterer Drache gesellte sich zu ihnen – Ihreh mit ihren unverwechselbaren Streifen, und bald waren sie alle drei in ein ausgelassenes Wasserspiel vertieft, das sein Herz auf eine Art und Weise erwärmte, die sich wunderbar und zugleich falsch anfühlte, schwebten sie doch in großer Gefahr.

Die Tür öffnete sich nach kurzem Klopfen, und Kenji drehte sich um – Lao trat ein. »Verzeihen Sie mir die Störung, Chef. Sie rufen Code Red aus?«

»In der Tat, Mr. Xiang«, erwiderte er düster. »So, wie die Dinge liegen, müssen wir auf alles gefasst sein.«

»Das müssen wir doch seit unserer Gründung, dennoch gab es nie einen Code Red. Sicherlich hat es etwas zu tun mit diesem Castleton.« Seine Augen waren scharf wie die eines Raubtiers, als sie ihn anblickten. »Was gibt es über ihn zu wissen?«

»Nicht viel, bedauerlicherweise. Ich kann nur das Wenige, das wir haben, interpretieren und durch Mutmaßungen ergänzen – das ist keine gute Grundlage.«

»Scheinbar ausreichend, alle in Alarmbereitschaft zu versetzen.«

»Eine reine Sicherheitsmaßnahme«, sagte er und hoffte, dass es nicht so leer klang wie es sich anfühlte. »Castleton ist in viele pharmazeutische Unternehmen verwickelt, vorallem in diesem und den benachbarten Bundesstaaten. Aber natürlich nicht in unseres. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er oder einer seiner Hintermänner Verdacht schöpft.«

»Nur auf einen Verdacht hin kann niemand eine Razzia durchführen«, gab Lao zu bedenken.

»Wenn man es sich leisten kann und sich darauf versteht, die richtigen Knöpfe zu drücken, durchaus. Er hat womöglich auf Bundesstaatsebene Freunde. Und der Gouverneur kann zumindest die Staatsgarde mobilisieren. Das ist damals beim Vorfall im Living-Heart-Hospital geschehen. Das einzig Gute war, dass die Männer und Frauen der Garde nicht geschult waren im Umgang mit Drachen. Wir können nicht darauf hoffen, dass das auch diesmal so sein wird.«

»Gesetzt den Fall, der schlimmste Fall tritt ein und wir werden durchsucht – was sieht der Plan vor?«, fragte Lao angespannt.

»Alle Drachen ziehen sich in die unterirdischen Anlagen zurück. Wenn sie ausreichend Vorräte haben, sind sie dort für längere Zeit sicher.«

Lao atmete tief durch. »Und wenn sie uns länger belagern? Oder, noch schlimmer, die unterirdischen Anlagen entdecken und durchsuchen?«

»Dann können wir nur darauf setzen, dass sie ihnen durch die verwinkelten Gänge entkommen und als letzten Ausweg in die Wildnis flüchten. Die Natur ist weitaus weniger grausam als die sogenannte Zivilisation.« Er nahm nun doch einen Whiskey aus der Vitrine neben dem Schreibtisch und goss sich etwas in sein Glas, bot Lao ein zweites an, das dieser ohne zu zögern entgegennahm. Nun trat auch er ans Fenster, blickte hinaus in die Badeanlage. Sie tranken beide gleichzeitig.

»Machen Sie Esra Vorwürfe?«, fragte Lao ruhig.

Watanabe schloss die Augen. »Esra hat alles getan, was sie für richtig hielt. Es wäre unfair, ihr die Schuld an dem Vorfall zu geben.«

»Also geben Sie lieber sich selbst die Schuld?«

»Schuld trägt einzig und allein die Gesellschaft. Ihr ist nicht zu trauen, an keiner Stelle. Reservate müssen durchfinanziert werden, und man verkauft nicht nur östliche Drachen, wie wir inzwischen wissen.«

»Haben Sie Esra das jemals gesagt?« Lao trank einen weiteren Schluck, wandte seine Augen dabei nicht von ihm ab.

Watanabe seufzte. »Da gibt es nichts zu sagen. Wir alle machen uns Vorwürfe, ob berechtigt oder nicht. Immerhin ist der schlimmste denkbare Fall eingetreten. Aber was geschehen ist, ist geschehen. Wir haben nichts unversucht gelassen, Sakura wiederzufinden, und sind dennoch gescheitert. Das lässt mich zumindest hoffen, dass auch andere trotz großer Anstrengungen scheitern können.«

»Sakura muss nun für den Rest ihres Lebens ein Dasein als Wildtier fristen, getrieben von Hunger und der Angst vor allem und jedem«, sagte Lao schwermütig. »Sofern sie überhaupt noch lebt.«

»Besser als Hyaluronfiller für Menschen mit viel Geld zu werden.« Er leerte das Glas in einem Zug und stellte es hart ab. »Ich werde diese Kinder da draußen beschützen, wer oder was auch immer an meine Tür klopft. Und wenn ich ihnen entgegentrete, dann folgt mir die Hölle hinterher.«

Lao ging zurück in seine Räumlichkeiten, nachdem er sein Glas ebenfalls geleert hatte. Er wusste, dass Watanabe weit zu gehen bereit war, um diese Kinder zu schützen, vorallem nach dem Schicksal der Zweigstelle und ihrer Schützlinge. Auch er wurde von schweren Selbstvorwürfen getrieben. Akiko, Syanna. Warum musste uns das geschehen? Warum musstet ihr sterben? Warum war diese Welt nicht bereit für euch?

Er hielt inne, als sein Blick auf die neuen Papiere auf seinem Schreibtisch fiel. Es waren die zusätzlichen Laborwerte von Sajian, die er in Auftrag gegeben hatte. Er zögerte, doch dann trieben ihn der Alkohol und seine Neugier an.

Lao las die Ergebnisse durch, Wort für Wort, noch einmal und noch ein drittes Mal. Sie waren vollkommen zweifelsfrei, und er ließ sich auf den Stuhl sinken, sodass ihm die Blätter aus der Hand rutschten und sich im ganzen Raum verteilten. Aus seinem eigenen Schrank füllte er sich das Glas noch einmal bis zum Rand mit hochprozentigem Alkohol und trank.