Drachen und Jäger
Drachen und Jäger
Als Ian später erneut nach ihm sehen kam, saß Hickory zu seiner Erleichterung wieder aufrecht im Bett. Er hatte unter der Infusion für mehrere Stunden geschlafen, und seine Wunden hatten sichtbar durch den weißen Verbandsstoff genässt. Ian legte ihm frische Pflaster an, nachdem er die offenen Stellen gereinigt hatte; sie sahen deutlich besser aus als beim letzten Wechsel. »Bis die Wunden trocken sind, müssen wir das ein- bis mehrmals täglich wiederholen. Aber der Heilfortschritt ist sichtbar. Bleib auf jeden Fall noch im Paddock. Nicht übermütig werden.«
»Von Übermut kann noch keine Rede sein«, sagte er und streckte sich, was klang, als ob einige Knochen dabei zurück an ihren Platz schnappten. »Ich bin gerade absolut zufrieden damit, dass ich wieder aufstehen und ein paar Schritte gehen kann. Helen hat mich echt zerlegt. Ehrlicherweise hab ich’s nicht eilig wieder da rauszugehen, jetzt, wo es ohnehin keinen Platz mehr gibt, zu dem ich zurückkehren kann.« Er wandte sich betrübt ab – etwas, das in krassem Gegensatz zu seinem sonst so fröhlichen Naturell stand.
»Das Reservat ist groß, du kannst einen neuen Schwarm zusammen mit Ryou und Grace gründen. Sie liegt draußen vor dem Paddock, nicht wundern.«
Er weitete die Augen. »Grace? Warum ist sie nicht bei den anderen?«
»Sie hat ganz klar dich als ihren Alpha benannt, außerdem hilft sie Ryou aktuell dabei, einen neuen Drachen ins Reservat zu locken, der in der Nähe unserer Grenzen herumstreunt – ihr Name ist Sakura, ein östlicher Phänotyp. Dein neuer Schwarm wächst vielleicht schneller als dir lieb ist.« Er versuchte sich an einem Lächeln.
Hickory stand auf, noch immer sehr wackelig dabei wirkend, trat hinaus und öffnete das Gittertor zum Paddock. Grace erhob sich eilig, um zu ihm zu gelangen. Sie stieß ihn nicht um, wie Ian einen Moment lang befürchtet hatte, sondern blieb vor ihm stehen und hootete aufgeregt mit halb gespreizten Flügeln. Noch in der Bewegung schrumpfte sie auf ihre Menschengestalt zurück, und Ian sah, dass ihr Gesicht von Tränen überströmt wurde, kaum dass sie weinen konnte. »Alpha, ich… ich… es…« Die Worte blieben ihr im Halse stecken.
»Hey, ich werde mich schon bald wie neu geboren fühlen, versprochen. Und dann gehen wir zurück in die Wälder, streifen herum wie früher, nur du und ich, offen für Neuankömmlinge. Hat auch Vorteile.« Er hob ihr Gesicht an und rieb mit dem Fingerrücken über ihre Wange. In seiner menschlichen Gestalt hatten seine Augen und Gesichtszüge etwas unerwartet Sanftes, obwohl sein restlicher Körper stark genug war, andere unangespitzt in den Boden zu rammen. »Jetzt sollten wir jedenfalls erstmal was essen. Ich für meinen Teil habe einen Riesenhunger.«
»Kannst du denn jagen? Oder zu einem Futterspender gehen?«, fragte sie zweifelnd.
»Das kommt vorerst nicht infrage«, fiel Ian sofort dazwischen. »Ich versorge dich wie alle Drachen, die in den Paddocks untergebracht sind. Du findest ausreichend Fleisch im Kühlschrank, außerdem Gemüse, Obst und Getreideprodukte, die du in deiner Menschengestalt vermehrt brauchst.«
Grace blickte skeptisch drein – sie verbrachte den Großteil des Tages in Drachengestalt und war wohl nicht mehr an derartige Lebensmittel gewöhnt.
»Nun, wenn das so ist und wir beide ohnehin gerade Menschen sind, kann ich uns auch was kochen«, erwiderte Hickory gut gelaunt. »Ich war zumindest früher mal ein ganz passabler Koch, genau wie mein Vater. Hab manchmal scherzhaft ›Mama‹ zu ihm gesagt, weil er dauernd die Kochschürze um hatte. Du kommst in den Genuss, meinen Lieblingseintopf zu probieren.«
»Ähm, ja gut, aber… ist da viel Gemüse drin?«, fragte sie zaghaft.
»Nur Paprika, Peperoni, Zwiebeln und Knoblauch, das beste Gemüse der Welt – sofern alles davon vorhanden ist. Aber ich bin ein Improvisationstalent, falls nötig. Du wirst dich wundern, wie verdammt gut das tut«, erwiderte er im Brustton der Überzeugung.
John, Leland, Fera und Kena waren mit dem Training an ihren selbstgebauten Schusswaffen beschäftigt, welches sie inzwischen auch ohne Jareds Anleitung mehrmals täglich durchführten. Kena wollte es nicht zugeben, aber der Umgang mit der Waffe lag ihr, machte sogar Spaß – er brachte Abwechslung in ihren immer gleichen Siedlungsalltag, der nicht viel Zerstreuung und noch weniger Anregung bot. Sie wurde zunehmend besser darin, etwas, das sie nicht von vielen Dingen behaupten konnte. Die anderen Jugendlichen zollten ihr mittlerweile einen gewissen Respekt, wenngleich Fera sie weiterhin mit einem grimmigen Gesichtsausdruck bedachte, wann immer Jared sie lobte. Kena hatte so selten Lob in ihrem Leben erhalten, dass sie nicht anders konnte, als stolz und glücklich darüber zu sein. Zumindest, bis ihr wieder einfiel, dass sie nicht zum Zeitvertreib übten, sondern mit dem Ziel, einen Drachen zu töten. Helen. Die Schlange.
Kena fühlte sich hin- und hergerissen. Helen hatte Menschen und sogar andere Drachen angegriffen. Sie hatte Jared verstümmelt. Wie lange würde es wohl dauern, bis sie jemanden tötete? Es war gut, dass sie sich für den Ernstfall vorbereiteten, vorallem, da Ian die Gefahr immer wieder herunterspielte. War sie überhaupt noch ein Mensch? Hatte sie sich jemals zurückverwandelt? Konnte sie sich nach der langen Zeit überhaupt noch zurückverwandeln oder ans Menschsein erinnern?
»Genug für heute, gehen wir zurück«, befand Leland und verstaute seine Waffe sicher in einer Kiste, versteckt im Unterholz. Auch wenn Ian nie hier herkam, durften sie kein Risiko eingehen. Kena und John taten es ihm gleich.
»Man kann nicht genug üben«, behauptete Fera und machte keinerlei Anstalten, ihre Waffe ebenfalls zu verstauen. »Wir haben vielleicht nur einen einzigen Schuss auf das Monster! Er muss sitzen. Nehmt das gefälligst ernst!«
John verdrehte die Augen, aber mit dem Rücken zu ihr, sodass es nur Kena sehen konnte. »Dir geht’s doch gar nicht um die Schlange, du willst nur weiterhin Jareds Liebling sein«, erwiderte er trocken. »Hätte ja auch keiner ahnen können, dass Kena so ein guter Schütze ist.«
Feras Gesicht verfinsterte sich im gleichen Maße, wie Kenas rot anlief. »Hier geht’s nicht um Jared oder mich, ich hab schlicht keine Lust drauf, dass mich dieses Ding da draußen auffrisst! Ich will noch erleben, dass ich hier endlich raus darf.«
»Das dauert noch eine Ewigkeit«, erinnerte Leland sie niedergeschlagen. »Und wer so wie ich keine Familie hat, die ihn auffängt, steht vor dem Nichts und darf fortan am Rande der Gesellschaft in Obdachlosigkeit leben. Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser wäre, ein Drachen zu werden. Dann könnte ich wenigstens in den Wäldern überleben und der Rest der Welt könnte mich mal kreuzweise.«
Feras Gesicht entgleiste, und Kena stellten sich unweigerlich die Nackenhaare auf. Diese Worte hätte sie absolut nicht von ihm erwartet, und die Reaktion darauf folgte prompt: »Du verdammtes Arschloch, ich wäre lieber tot als ein Drache zu sein! Bist wohl auch ein heimlicher Sympathisant dieser Monster?!« Sie ging drohend auf ihn zu, und John trat dazwischen.
»Hey! Schluss damit!« Er warf ihr einen warnenden Blick zu.
»Er ist es doch, der hier offen sagt, dass er gern ein Drache wäre! Sei froh, dass Jared das nicht gehört hat! Ich behalte euch zwei Verräter im Auge!« Sie warf ihre Waffe zu den anderen in die Kiste und stapfte wütend davon.
»Sie ist echt geladen, seit Kena in Jareds Gunst steigt«, äußerte John, als sie außer Hörweite war. »Vermutlich war sein Zuspruch der einzige, den sie jemals bekommen hat. Wir sind wohl alle irgendwie bemitleidenswert. Meine Eltern leben in Scheidung. War eine Schlammschlacht, auch um mich. Ich war ganz froh, da rauszukommen, wenn ich ehrlich bin. Überall ist es besser als Zuhause, selbst in einem Drachenreservat.«
Leland sah zu Kena hinüber. »Was ist mit dir? Bist du auch bemitleidenswert?«
»I-ich? Naja, ich…«, stammelte Kena, als plötzlich Feras Ruf ertönte: »Wo bleibt ihr Loser denn?«
»Wir kommen ja schon«, rief Leland zurück, dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg.
»Ich bin nie irgendwo angekommen«, antwortete Kena im Gehen. »Meine Mitschüler hassten mich, und die Lehrer hatten Angst, dass ich ein Drache sein könnte – ich hab das Klischee des Außenseiters erfüllt, der aufgrund seiner Blütigkeit keinen Anschluss an gewöhnliche Menschen findet. Es war die Anschuldigung eines Mädchens, die mich schließlich ins Reservat gebracht hat. Ich selbst glaube nicht, dass ich irgendwie blütig bin, ich habe weder Wandler noch Blütige in der Familie, aber natürlich hat mir keiner der Erwachsenen geglaubt.«
»Verstehe. Bei mir war es meine Vorliebe für Jagdwaffen und Steaks«, erwiderte Leland. »Ist doch abartig, wo in den USA gefühlt jeder Unmengen Fleisch in sich reinstopft und ’ne Knarre trägt. Aber wer ein Dorn im Auge von irgendwem ist, hat es ganz schnell als Argument gegen sich stehen. Heuchler, allesamt. Wie im Mittelalter mit den Hexen.« Er schnupperte plötzlich. »Riecht ihr das auch oder fantasiere ich, weil ich mächtig Hunger hab?«
Es lag ein köstlicher Bratengeruch in der Luft. Sie folgten der Spur, überholten Fera dabei, die verwirrt »Hey, was ist los?« fragte.
»Hier riecht es lecker«, sagte Leland. »Nicht bemerkt?«
»Ich hab keinen Drachengeruchssinn«, fauchte sie.
»Ich riech’s auch«, warf John dazwischen. »Das kommt aus der Drachengrube. Seit wann braten Drachen ihr Fleisch?«
»Und das so nah an der Siedlung«, bemerkte Fera beunruhigt. »Das müssen wir uns ansehen!«
Sie eilten zum Grenzzaun am Rand des Felsplateaus und blickten hinab. In einem der Paddocks lag ein weißer Drache, von dem Kena nicht sicher sagen konnte, ob es Grace war. Aber warum hatte man Grace plötzlich in einem Paddock untergebracht?
Der Geruch drang eindeutig aus der zugehörigen Wohneinheit. »Ist das ein Neuankömmling?«, fragte John verwirrt.
»Das Paddock war bisher jedenfalls nicht besetzt«, erwiderte Kena.
»Ein guter Proband für Zielübungen, so wie der da liegt«, sagte Fera mit kaltem Interesse.
»Bist du verrückt?«, fuhr Leland sie an. »Willst du, dass wir alle auffliegen?«
»Als ob Drachen obduziert werden, wenn sie tot sind. Aus denen macht man Produkte für den Schwarzhandel, dann sind sie wenigstens noch zu was nütze, anstatt hier sinnlos auf Staatskosten durchgefüttert zu werden, während täglich Obdachlose verhungern.«
Kena konnte nicht sicher sagen, ob es Fera wirklich um Obdachlose ging, dazu kannte sie sie zu wenig. »Dass der Staat bei seiner menschlichen Bevölkerung versagt, ist nicht die Schuld der Drachen, die nichts weiter tun, als zu existieren. Und ich glaube, ich kenne diesen Drachen. Ihr Name ist Grace. Wenn sie das denn ist«, fügte sie unsicher hinzu. »Als ich ihr zuletzt begegnet bin, lebte sie noch im Wald und fraß rohes Fleisch.«
»Jetzt liegt sie jedenfalls in einem Paddock«, erwiderte Leland. »Und Ian traue ich zu, dass er sie obduziert, wenn wir sie erschießen.«
»So, das dürfte genügen!«, tönte dann plötzlich eine männliche Stimme aus der Wohneinheit. »Ich hoffe, es schmeckt dir.«
Der weiße Drache hob den Kopf, als plötzlich ein Mensch ins Paddock hinaustrat. Er war breit gebaut und trug eine knielange Tunika, sein Haar war voll und widerspenstig wie eine Mähne. Vor sich her trug er einen großen Topf mit Schöpflöffel, welchen er mitten auf dem Boden abstellte und zwei Schüsseln, die schon bereitstanden, mit dessen Inhalt füllte. Anschließend stellte er eine Schüssel dem Drachen hin, der sie skeptisch betrachtete.
»Na los, probier!« Er setzte sich auf den Boden, aß aus der zweiten Schüssel und machte deutlich, dass es ihm schmeckte.
Grace zögerte, dann leckte sie mit der Zungenspitze daran, hielt kurz inne und begann zu essen.
»Na also.« Sein Lachen war offen und herzlich.
»Wer ist das?«, fragte Fera angewidert. »Er kocht für einen Drachen?«
»Und der Drache frisst lieber das Gekochte als ihn«, bemerkte Leland verblüfft. »Ist zumindest der da vielleicht ein Neuankömmling? Oder noch so ein Spinner, der die Viecher studiert?«
»Ich glaube, das ist…«, begann Kena, als sie von einem giftigen Zischen unterbrochen wurde. Grace war aufgesprungen, starrte zu ihnen hoch und spreizte angriffslustig die Flügel. Der Mann drehte sich alarmiert um. »Oh, wir haben Besucher! Hi! Ihr könnt gern zum Essen runterkommen, es ist genug für euch alle da.« Er stand auf, noch bevor sie ihm eine Antwort gegeben hatten. Tatsächlich öffnete sich wenig später der Hintereingang zur Wohneinheit, und der Mann stieg die steile Metalltreppe hinauf zum Grenzzaun. Es gab nur eine Tür darin, aber er öffnete sie problemlos. Alle waren zu schockiert, um sofort zu reagieren.
»Kommt schon, wird Zeit, dass ich die Kids aus der Siedlung auch mal kennenlerne. Keine Sorge, wir beißen nicht.«
»Wer sind Sie?«, fragte Fera fassungslos. »Und warum sind Sie da unten, so nah bei dem Drachen? Ohne, dass er Sie frisst?«
»Drachen fressen keine Menschen. Jetzt kommt, bevor das Essen kalt wird.«
Sie alle tauschten einen Blick miteinander, dann war es Kena, die den ersten Schritt machte. »Es ist sicher«, erklärte sie.
»Woher willst du das denn bitte wissen?«, fragte Fera.
»Ich war schon in den Paddocks und auf Patrouille und lebe immer noch, wie du siehst«, erklärte sie das Offenkundige und folgte ihm. John und Leland zögerten erst, doch dann kamen sie nach, gefolgt von Fera, die als letztes ging.
Er führte sie durch den Wohnbereich, in dem es noch immer stark nach Essen roch, und anschließend hinaus ins Paddock. Außer Kena blieben alle vor dem Durchgang stehen. »Du glaubst doch wohl nicht, dass ich zu dem Ding da rausgehe!?«, fauchte Fera an Kena gewandt.
»Das Ding hat einen Namen: Grace. Sie ist der freundlichste Drache, den du je kennenlernen wirst«, erwiderte der Mann. Grace legte die Flügel an, um sich anschließend wieder dem Essen zu widmen, als seien sie gar nicht da.
»Wie machen Sie das?«, wollte Leland wissen. »Sind Sie so eine Art Drachenflüsterer?«
»Man muss nur richtig kommunizieren. Und jetzt nehmt Platz«, sagte er, nahm ein paar weitere Schüssel aus der Wohneinheit mit nach draußen und füllte sie. »Esst, aber Vorsicht, scharf.«
Kena nahm bereitwillig eine Schüssel und setzte sich zu ihnen, die anderen waren dagegen nicht einmal in die Nähe des Drachen zu bringen und bekamen ihre Schüssel in den Wohnbereich gebracht.
Das Essen war gut – ein scharfer, pikanter Eintopf mit großen Fleischstücken und Gemüse, das wirklich gut miteinander harmonierte. Die vier aßen mit größer werdendem Appetit, derweil sie Grace nicht aus den Augen ließen.
»Wir haben einander noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Jonathan, aber alle hier nennen mich nur John«, begann er.
»Ich bin Leland.«
»Ich heiße Fera«, murmelte sie.
»Und wir kennen uns bereits«, offenbarte Kena, was überraschte Gesichter zur Folge hatte.
»Ich bin Hickory, so nennen mich alle hier. Mein Vorname ist Ernest, falls ihr darauf besteht«, erwiderte der Mann.
Feras Gesicht glättete sich. »Moment… sind Sie nicht der Sand-… ich meine…«
Kena gefiel es, sie stotternd und verunsichert zu erleben, wo sie sonst so ein Großmaul war. Sie hatte plötzlich sogar Skrupel davor, den abwertenden Namen zu verwenden, den Jared ihm gegeben hatte.
»Der Sand-? Sandmann? Nicht, dass ich wüsste. Ich bin… ich war der Alpha des Schwarms dort draußen.«
Damit entgleisten nun auch die Gesichter der anderen, Panik und Fassungslosigkeit traten in ihre Augen.
»Du!«, fauchte Fera und starrte Kena an. »Du wusstest das und hast und hier runter geführt, als Drachenfutter!«
»Ich hab euch doch schon erklärt, dass Drachen keine Menschen fressen. Ich habe Eintopf gekocht. Meinst du, das tue ich aus Spaß? So toll ist Kochen jetzt auch wieder nicht«, sagte Hickory schulterzuckend. »Kena weiß das. Sie hat uns immerhin schon gut genug kennengelernt.«
»Sie haben Pflaster, da im Nacken und am Arm«, merkte Leland unruhig an. »Drachen heilen sich selbst, sie brauchen sowas nicht.«
»Wenn du damit nur Recht hättest«, seufzte Hickory. »Die Heilfähigkeiten von Drachen sind nicht unbegrenzt. Grace leistet mir zwar Gesellschaft, aber es tut echt gut, noch ein paar mehr Leute mehr um mich herum zu haben. Ich bin es schließlich gewohnt, dauerhaft von anderen umgeben zu sein.«
»Was ist denn passiert?«, wollte John wissen.
»Ein Drache hat mich angegriffen und den Kampf um die Vorherrschaft im Reservat gewonnen. Sie ist jetzt der neue Alpha des Schwarms. So läuft das unter Drachen.«
»War es Helen?«, fragte er mit belegter Stimme.
Hickory nickte. »Ja. Aber sie tat das nicht aus Böswilligkeit.«
»Oh, natürlich, das ist alles ein riesengroßes Missverständnis!«, fuhr Fera empört auf. »Sie greift alles und jeden an, aber das ist ganz sicher keine Bösartigkeit, sondern… ja, was? Freundlichkeit?«
»Niemand tut irgendetwas grundlos«, erwiderte Hickory geduldig. »Auch, wenn wir nicht immer alle Beweggründe anderer Menschen und Drachen verstehen, bedeutet das nicht automatisch, dass sie nicht existieren und begründet sind. Es ist leicht, jemanden vorab zu verurteilen. Das ist immerhin der Fehler, den so viele Leute bei Drachen machen.«
Verlegenes Schweigen herrschte daraufhin. Fera war es schließlich, die sich erhob und davonging, ohne einen von ihnen eines weiteren Blickes zu würdigen. »Ich geh zurück in meine Hütte. Hab genug für heute.«
Die drei Jugendlichen sahen ihr nach, ohne sie aufzuhalten.
»Sie hat Probleme damit, sich auf Drachen einzulassen. Kann man ihr nicht verübeln«, sagte Hickory sehr verständig. »Es sind immerhin viele falsche Behauptungen und Geschichten in Umlauf, die man als Laie schwer von der Wahrheit abgrenzen kann.«
»Welche sind denn wahr?«, fragte Leland freiheraus.
»Zum Beispiel die, dass Drachen, wenn sie keinen Fluchtweg mehr sehen, aggressiv werden. Oder wenn sie andere, insbesondere Kinder, beschützen. Und dass sie unberechenbar und gefährlich werden, wenn sie die Drachenwut haben. Das wären drei. Viel mehr fallen mir auf die Schnelle nicht ein.«
»Helen greift nicht an, weil sie keinen Fluchtweg findet oder irgendwelche Kinder bedroht werden. Sie hat auch keine Drachenwut, dann wäre sie längst tot. Sie tut es einfach so«, zischte John.
»Warst du dabei und hast in ihrer Haut gesteckt?«, fragte Hickory. »Wenn nicht, weißt du nicht, was passiert und in ihr vorgegangen ist. Vielleicht kam sie wirklich nicht weg, weil sie zu sehr eingekesselt war. Gerade nach der ersten Verwandlung steht ein Drache unter großem Stress und findet oft nicht schnell genug einen Ausweg. Oder vielleicht war Jared damals wirklich eine Bedrohung für irgendjemanden, der ihr nahestand. Drachen haben oft kein Gefühl dafür, wie stark sie sind. Schwere Verletzungen sind daher Unfälle, die passieren können.«
»Was könnte ein kleiner Mensch schon für eine Bedrohung für einen großen Drachen sein?«, fragte John ungläubig.
»Für einen Drachen vielleicht nicht, solange er unbewaffnet ist – aber vielleicht für den Menschen, der Helen wenige Augenblicke vorher noch war.«
Leland und John tauschten einen skeptischen Blick miteinander.
»Wie dem auch sei, ich würde mich wirklich gern mal mit diesem Jared unterhalten, aber nach allem, was ich so über ihn gehört habe, wird er sich dazu wohl eher nicht herablassen«, sagte Hickory bedauernd.
»Vielleicht sollten wir lieber auch gehen – bevor Jared merkt, dass wir in der Drachengrube mit zwei Drachen zusammensitzen. Er würde uns allen den Kopf abreißen«, erwiderte Leland, und dann erhoben sie sich, um eilig zurück in die Siedlung zu gehen.