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Sajian und Jake

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Sajian und Jake

Sajian genoss es aus tiefster Seele, wieder im Wasser zu sein; zu schwimmen, zu tauchen und durch die Oberfläche zu brechen, nur um wieder darin zu versinken. Auch andere Drachen hatten sich Katsuya und ihm angeschlossen – die getigerte Ihreh mit ihrem eher gedrungenen Körper, der zwar ganz klar Drachenform hatte, aber einen wesentlich kürzeren Hals und lange, federartige Schuppen an Schwanz und Nacken besaß, die sie zusammen mit den breiten, tatzenartigen Füßen einem reptilischen Löwen ähneln ließen – sofern man sich einen Löwen mit mehrfach verzweigtem Geweih vorstellen konnte. Sie schwamm allerdings ruhig herum, während Jake und Hiroki sich ähnlich gelassen austobten wie er. Sie agierten dabei miteinander wie Personen, die sich sehr nahestanden.

Ihreh kletterte schließlich wieder aus dem Wasser und rieb mit der Schädelseite über ihren Rücken, wie um sich zu putzen. Sajians Blick fiel auf Jake – seine Drachengestalt hatte eine interessante Farbgebung: Der Vorderkörper war leuchtend azurblau mit türkisfarbenen Musterungen vornehmlich an den Beinen, während sein Unterkörper porzellanweiß glänzte, mit einem schwarzen Band, fast wie ein Gürtel, das beide Teile sauber voneinander abgrenzte. Sein Geweih hatte etliche Enden und war tiefschwarz. Ein weiterer Drache mit mächtigem Geweih, den Sajian nicht kannte, hielt sich in einiger Entfernung von ihnen auf. Er war so tiefgrün gefleckt, dass es beinahe schwarz wirkte, was ihm ein düsteres Äußeres verlieh – wären da nicht seine leuchtend orangefarbenen Flügel gewesen, die ihn im Zusammenspiel mit den dunklen Sprenkeln aussehen ließen wie einen lebendig gewordenen Sonnenuntergang hinter Sturmwolken.

Im Spiel der leichten Strömung verlor er Katsuya kurz aus den Augen, fand ihn aber sogleich wieder. Der Junge hielt sich am Rand fest, da das Wasser hier so tief war, dass er gerade noch stehen konnte. Er wirkte irgendwie gestresst, oder so, als ob es ihm nicht gut ging. Sajian schwamm zu ihm hinüber, gerade noch rechtzeitig, um ihn am Untergehen zu hindern. Er bot ihm seinen langen Nacken als Stütze an und hob ihn an den Rand, wo er sich keuchend hinsetzte.

»Aaaaalles in Oooordnung?«, fragte Sajian.

»Mir ist gerade ziemlich schwindelig«, gestand er. »Das habe ich öfter in letzter Zeit. Ich glaube, ich muss mich kurz hinlegen.« Er legte sich auf den Rücken, und Sajian glaubte, dass er umgefallen wäre, hätte er nur einen Moment länger damit gezögert.

Sajian hob besorgt den Kopf, als Jake auch schon näherrückte. »Was ist los?« Seine Stimme war völlig klar und tiefer als die seiner Menschengestalt.

»Mir geht’s gerade nicht so gut…« Katsuya öffnete die Augen nicht, während er sprach, und atmete angestrengt.

»Ich bringe dich sofort auf die Krankenstation«, sagte Jake. Hiroki beobachtete das Geschehen aufmerksam, ohne aber aus dem Wasser zu steigen.

Bei diesen Worten öffnete Katsuya nun doch die Augen. »Das ist nicht nötig, ehrlich! Es geht gleich wieder!«

»Keine Widerrede, wir müssen dich mal durchchecken«, insistierte Jake. »Ich trage dich, steig auf meinen Rücken.«

»Ich will nicht zum Arzt!«, erwiderte Katsuya kläglich und wandte verschämt den Blick ab.

»Du weißt, dass du uns vertrauen kannst, richtig? Mir zumindest? Ich bin selbst ein Drache. Ich würde dir nie Schaden zufügen«, versicherte Jake behutsam.

Katsuya sah ihn an, unentschlossen wirkend, doch dann kletterte er mit Sajians Hilfe auf seinen Rücken, wo er kraftlos liegen blieb.

»So ist es gut. Bleib ruhig noch etwas hier, Sajian, ich kümmere mich jetzt um ihn«, sagte Jake.

»Daaaaas kooommt niiiicht iiiinfraaaage«, sagte Sajian, obwohl er nicht wusste, wie er ihm von Nutzen sein konnte. Er fühlte sich schuldig, weil er ihn zum Schwimmen überredet hatte. Hatte das Toben im Wasser seinen Zustand verursacht?

Er glaubte schon, dass Jake ablehnen würde, doch dann ließ er ihn tatsächlich mitkommen. Beide Drachen liefen hinüber zu den Eingängen ins Labyrinth aus Korridoren, die sich unterirdisch in alle Richtungen und über mehrere Etagen entlangzogen. Sajian kam dabei nicht umhin, die Unterschiede in seinem eigenen und Jakes Körperbau festzustellen. Dieser war gebaut wie eine Schlange mit relativ kurzen Beinen, der Schwanz noch einmal so lang wie der gesamte Körper. Sajian war zwar ebenfalls schlank, aber bei weitem nicht so dünn und lang. Sein Körperbau hatte mehr Ähnlichkeit mit dem der westlichen Drachen, einem gedrungeneren Körperbau, langem Hals und etwas längeren Beinen. Auch Jakes Füße hatten fünf Krallen. Er erinnerte sich, dass irgendjemand die drei Phänotypen aus China, Japan und Korea in chinesische Long, japanische Long und koreanische Kirin eingeteilt hatte, aber er konnte sich bei all dem Neuen, was auf ihn eingeprasselt war, nicht mehr erinnern wer. Wobei sie als Hybriden wohl ohnehin alle Shé waren.

Jake nahm erst in der Krankenstation Menschengestalt an, nachdem er Katsuya auf einem großen Badetuch abgelegt hatte. Er zog sich Kleidung aus einem der Schränke an, weißes Shirt und weiße Hose samt einer Unterhose und weißen Gummischuhen, die in verschiedenen Größen bereitstanden. Anschließend trocknete er ihn ab, zog ihm die Badehose aus und Krankenhauskleidung an und legte ihn in eins der Betten, die in zwei Reihen an den Wänden aufgereiht standen und durch dünne Paravents voneinander abgeschirmt werden konnte. Jake fuhr einen Tisch heran, auf dem ein elektronisches Gerät stand, das er mit Katsuya verkabelte. »Ich schreibe erstmal ein EKG, diese Brustschmerzen werden wahrscheinlich eine andere Ursache haben als das Herz, aber wir müssen es sicher ausschließen.« Mit einem Stethoskop hörte er ihn ab, steckte ein viereckiges Gerät auf einen von Katsuyas Fingern und fühlte den Puls, bevor er das EKG einschaltete. Sajian verstand nicht das Geringste von den Kurven und Zeichen, die daraufhin auf dem Bildschirm erschienen. »Alles unauffällig«, sagte Jake, nachdem er die Werte studiert hatte. Er begann damit, seinen Hals, die Brust und den Bauch abzutasten.

»Duuuu versteeehst daaas?«, fragte Sajian verblüfft.

Jake rieb sich die Schläfe. »Könntest du bitte Menschengestalt annehmen? Deine Sprechweise macht mich kirre. Ist nicht böse gemeint, aber ich glaube, wir müssen dir ein bisschen die Stimmbänder ölen. Bei ein paar Drachen gibt es Sprachprobleme, weil sich ihr Stimmapparat nach der Verwandlung zu stark von dem ihres menschlichen Körpers unterscheidet.«

Sajian tat wie ihm geheißen und kleidete sich ebenfalls in die weißen Teile der Krankenstation, während Jake weiter erklärte: »Da oben ist die Anzeige seines Sauerstoffwerts im Blut, den ich mit dem Pulsoximeter an seinem Finger prüfe. Mit 99% ist er völlig in Ordnung. Das EKG beschreibt die Aktivität seines Herzens, auch das ist nicht weiter auffällig. Der Puls ist mit 95 Schlägen pro Minute erhöht, aber das ist nicht anders zu erwarten bei einem unruhigen, ängstlichen Patienten, der Beschwerden hat. Du bist allerdings recht warm.« Er fühlte seine Stirn, dann nahm er ein Ohrthermometer aus einer Schublade und schob es ihm in den Gehörgang. Katsuya verspannte sich, was ihn zum Lächeln brachte. »Sei froh über diese Methode, erste Wahl bei Drachen ist eigentlich die Messung im Rektum. Bei Menschen ist das zwar nicht anders, aber die haben sich irgendwie erfolgreich dafür ausgesprochen, lieber eine unverlässliche Methode als Standardmessung heranzuziehen.« Das Thermometer piepste, und er nahm es heraus. »Über 39 Grad. Du hast Fieber. Ich fürchte, ich muss dir etwas Blut abnehmen.«

Katsuya sah aus, als habe man ihm eröffnet, dass er nun zur Hinrichtung geführt werden würde.

»Jake macht das wirklich gut, er hat mir auch schon Blut abgenommen«, versicherte Sajian.

Jake holte sein Entnahmebesteck, und Sajian konnte nicht anders, als sich neben Katsuya aufs Bett zu setzen und eine Hand auf seinen Unterarm zu legen.

»Keine Sorge, es gibt wirklich gar keinen Grund, Angst zu haben.« Sajian heilt ihn, derweil Jake seine Armbeuge desinfizierte, das Stauband anlegte und die Nadel in eine Vene führte. Katsuya jammerte kurz, beruhigte sich aber auf die behutsamen Worte von Sajian und Jake sogleich wieder, sodass letzterer die Röhrchen abfüllen konnte.

»Gut hast du das gemacht«, lobte Jake und klebte ein Pflaster auf die Einstichstelle. »Ich bringe das zur Auswertung. Sei so gut und bleib die paar Minuten bei ihm, Sajian.«

Sajian blieb zurück, fing Katsuyas angstvollen Blick auf. »Hey, jetzt sieh mich nicht so an. Ich hab dich nicht gestochen, nur gehalten.« Er lächelte.

Katsuya schlug die Augen nieder. »Sajian? Glaubst du, dass ich krank bin?«

»Wir müssen abwarten, irgendeinen Grund muss es ja für deine Symptome geben. Aber ich bin mir sicher, dass es nichts Schlimmes ist. Ich meine, jeder hat doch mal Fieber. Du solltest jetzt viel schlafen und trinken.« Es stand eine Flasche mit Wasser neben dem Bett bereit, und er goss ihm ein Glas ein, das Katsuya dankbar austrank. »Keine Sorge, ich bleibe bei dir, die ganze Nacht, wenn es nötig ist«, versicherte Sajian. »Dir wird nichts passieren.«

Jake erwartete die Blutergebnisse ungeduldig vor dem Bildschirm, als die Tür zum Labor aufging – Dr. Watanabe war eingetreten. »Wie geht es dem Jungen?«

»Er hat Fieber, Schwindel und ist erschöpft, die restliche Untersuchung einschließlich EKG war unauffällig. Nichtmal eine Lymphknotenschwellung ließ sich feststellen. Vielleicht brütet er nur eine Grippe oder sowas aus«, erwiderte Jake. Er aktualisierte das Programm – und plötzlich erschien die Auflistung. »Ah!« Er ging die Werte rasch durch – schon das Blutbild war auffällig. »Leichte Anämie, starke Leukozytose. Sehr stark.« Er sah über die Schulter zu Watanabe, der die Werte ebenfalls ins Auge fasste.

»So hohe Leukozytenwerte habe ich selten zuvor gesehen. Der Junge ist schwer krank.« Er griff nach der Maus und scrollte selbst weiter voran. »Auch die Thrombozyten sind erhöht. Wir brauchen ein großes Blutbild.« Er veranlasste die Nachmeldung mit ein paar Klicks und schaute dann weiter. »Das gefällt mir gar nicht.«

Es vergingen lange Minuten, dann waren die Blutzellen endlich aufgeschlüsselt. »Um Gottes«, keuchte Jake.

»Starke Vermehrung neutrophiler, basophiler und eosinophiler Granulozyten«, dachte Watanabe laut. »Dazu heftige Linksverschiebung. Katsuya hat Leukämie. Und so, wie es aussieht, eine chronisch myeloische Form – auch wenn sie bei unter 20-Jährigen äußerst selten ist. Wir müssen ihn sofort behandeln, bereite alles für eine Bluttransfusion vor.«

»Wird gemacht«, sagte Jake und eilte zurück, derweil Watanabe noch ein paar speziellere Untersuchungen in Auftrag gab. Er würde sie an ein ausgelagertes Labor übersenden müssen – das war ein Risiko, aber sie mussten Gewissheit bekommen.

Denn leider hatte CML eine ausgesprochen schlechte Prognose.