Widerwillige Drachentöter
Widerwillige Drachentöter
»Du bist still«, sagte John, als sie später auf einem Platz jenseits der Siedlung zusammensaßen, noch nicht bereit, allein in ihre Hütten zurückzukehren. Es war nur ein Rund aus festgetretener Erde, das von vier rohen, nicht mal richtig entrindeten Baumstämmen als Sitzgelegenheiten eingefasst wurde.
»Du doch auch«, gab Leland zurück, während er gedankenverloren einen Zweig von seinen Blättern befreite, um seine Finger zu beschäftigen.
»Was soll ich denn sagen?«
»Du hast damit angefangen. Sag es doch einfach, wenn du was sagen willst.«
John seufzte. »Ist doch komisch, oder? Das war der Sandteufel. Nenn mich blöd, aber ich… wusste nicht mal, dass er noch eine Menschengestalt hat. Irgendwie dachte ich bisher, dass Drachen selbst dann, wenn sie sich zurückverwandeln sollten, weiterhin Drachen sind. Also aggressiv, töten, kämpfen und rohes Fleisch fressen wollen. Vielleicht auch, dass sie immer noch Schuppen haben oder scharfe Zähne und krallenartige Nägel, wie in Filmen. Aber er war überhaupt nicht von uns zu unterscheiden. Er hat sogar gut gekocht.«
Leland hielt inne und warf dann den Zweig weg. »Mir hat man auch immer erzählt, Drachen werden nie wieder vollständig zu Menschen, wenn sie einmal zu Drachen geworden sind. Deshalb müssten sie ja in den Reservaten leben. Meine Lehrer wichen Fragen zu dem Thema aus. Das fand ich damals schon seltsam. Ich meine, wenn Lehrer uns nichts dazu beibringen können, wer soll es denn sonst tun? Es wird einfach davon ausgegangen, dass es niemanden interessiert, obwohl es jeden von uns unerwartet treffen kann. Erst hier habe ich ein bisschen mehr über Drachen erfahren. Von Jared.«
John zögerte, dann stellte er die Frage, die auch Leland umtrieb: »Was, wenn Jared auch nicht alles über Drachen weiß? Er hatte ja bestimmt ebenfalls Lehrer, die ihn so abgekanzelt haben. Und seine erste Drachenbegegnung endete furchtbar. Kein Wunder, dass er sie hasst und fürchtet.«
»Ich hab ihn nie hinterfragt, weil er mich so herzlich aufgenommen hat, als ich herkam. Ich hatte damals schreckliche Angst«, gestand Leland. »Allein in einem Drachenreservat. Auch, wenn es vorhin nicht so klang, ich… habe eine Mutter, aber kein gutes Verhältnis zu ihr. Sie hat mich immer nur zu anderen abgeschoben und ist dann feiern gegangen. Ich war mehr bei unseren Nachbarn als bei ihr und musste ab meiner Einschulung allein zurechtkommen, manchmal mehrere Tage hintereinander. Ich weiß bis heute nicht, wer mich gemeldet hat und warum. Vielleicht war sie es, weil sie keinen Bock mehr auf mich hatte. Vielleicht waren es die Nachbarn, weil die keinen Bock mehr auf mich hatten. Oder meine Lehrer, die auch alle keinen Bock auf mich hatten. Jared war der erste, der sich über mich freute. Ich habe alles geglaubt, was er mir beibrachte, war glücklich darüber, dass mich endlich jemand… bei sich haben will.«
»Tut mir Leid zu hören«, sagte John. »Meine Eltern haben ständig gearbeitet, und ich war meist mit meinem Dad allein. Er hat viel getrunken, wurde aber nie gewalttätig, wie es alle irgendwie von Betrunkenen erwarten. Stattdessen saß er immer nur am Küchentisch und heulte, während ich meine Mutter nur an den Wochenenden sah, wenn überhaupt. Sie gaben mich in den Ferien immer in irgendeine Betreuung, vermutlich dachten sie, dass ich dann nicht mitbekomme, wie sie ihre Scheidungsschlacht ausfechten. Nach einem besonders heftigen Streit kurz vor den Sommerferien brachte man mich nicht ins Sommerlager, sondern hier her. Jared war für mich sofort dieser typische Dad, von dem jedes Kind träumt: Lustig, cool, fair. Der alles im Griff hat, dir Dinge beibringt und gemeinsame Unternehmungen macht.«
Leland schwieg, starrte auf den Boden. »Glaubst du, er hat uns nur manipuliert?« Er fühlte sich unwohl dabei es auszusprechen.
»Wenn es so wäre, würden wir es wahrhaben wollen?«, gab John zurück.
»Ich schätze nicht.« Leland setzte sich etwas gerader hin. »Aber es ist trotzdem furchtbar, was Helen getan hat. Sie ist doch wirklich gefährlich.«
»Wir wissen aber tatsächlich nicht, was damals passiert ist. Jared sagt doch selbst die ganze Zeit, dass er mit seinen selbstgebauten Waffen Drachen töten kann. Vielleicht hatte er damals schon welche und war eine Gefahr für sie oder jemanden, der ihr nahestand. Sie hätte Jared und jeden hier mit einem Bissen fressen können, wenn sie gewollt hätte. Warum hat sie es nicht getan? Vielleicht ist an der Aussage, dass Drachen nur in Extremfällen töten, wirklich was dran. Oder…«
»Oder Jared hat gelogen«, vollendete Leland seinen Satz, und beide sahen einander an. »Alle Zeugen des Angriffs wurden vor unserer Ankunft zurück in die Gesellschaft entlassen. Jared hat mit seinen Leuten die Siedlung ausgebaut. Wir standen vor vollendeten Tatsachen, als wir ankamen.«
»Es gibt einen, der vor Jared hier war«, korrigierte John und warf der abgelegenen, halb unter überhängenden Zweigen verdeckten Hütte hinter ihnen einen Blick zu.
»Oda lässt nicht mit sich reden«, gab Leland zu bedenken.
»Glaubst du, er weiß irgendwas? Wenn ja, weshalb deckt er Jared? Weshalb lässt Jared ihn überhaupt hier in der Siedlung leben? Und warum sollten andere Drachen wie Hickory nicht auch hier leben können, wenn er es kann?«
»Oda trägt dieses Geschirr, das verhindert, dass er zum Drachen wird. Die anderen weigern sich, es zu tragen. Das ist der Unterschied.«
»Diese Grace hat uns nicht angegriffen, obwohl sie ein Drache war. Hickory war wohl zu schwach, um sich zu verwandeln, aber er hat sich wie ein gewöhnlicher Mensch verhalten. Ian kann sich in ihr aller Nähe aufhalten, und Kena ebenfalls. Es ist, als gäbe es dabei gar keine so großen Probleme, wie Jared immer behauptet.«
»Vielleicht… ist ja wirklich Jared das Problem.« Leland sah auf. Sein Gegenüber wirkte nicht vor den Kopf gestoßen von seiner Schlussfolgerung, und so führte er weiter aus: »Ich meine, wie war es denn vorher? Diese Zäune und die Pfähle und das Netz… das gab es doch alles nicht, als noch der alte Vorsteher da war. Die haben das damals anscheinend nicht gebraucht und kamen trotzdem miteinander aus. Das ist alles so… seltsam.«
»Wir könnten Oda…« Er kam nicht dazu, weiterzusprechen – die Tür des kleinen Cottage öffnete sich, und Oda trat hinaus auf die Tenne. Er war ein so seltener Anblick, dass beide verblüfft innehielten und ihn anstarrten. Oda starrte zurück, kniff die dunklen Augen zusammen. Er war ein beeindruckender, breitschultriger Mann mit glattem, schwarzen Haar – und groß.
»Was tut ihr hier? Verschwindet!«, fauchte er aufgebracht.
»Wir sitzen doch nur da und reden«, hielt John dagegen.
»Diese Umgebung ist meine Privatsphäre, ich habe euch nicht gestattet hier zu sein. Jeder von euch hat ein eigenes Haus.«
»Ist ja schon gut, wir gehen«, erwiderte Leland und stand auf, während John ihm einen wütenden Blick zuwarf. »Dem scheint ja die Sonne aus dem Arsch.«
»Vielleicht will sich nichtmal Jared mit dem anlegen«, sagte John und musste lachen, worin Leland einstimmte. Dann verstummten sie, als sie an Jareds Haus vorbeikamen und er gerade aus der Tür trat.
»Was lacht ihr denn hier schon wieder?«, fragte er mit gespielter Strenge.
»Nichts«, antworteten sie beide gleichzeitig.
»Gut.« Er lächelte und winkte sie herein. »Ihr kommt gerade recht. Wir haben etwas Wichtiges zu besprechen, ich wollte euch gerade suchen gehen. Heute Nacht werden wir unseren Plan durchziehen.«
»H-heute Nacht?«, fragte John. »Warum ausgerechnet heute Nacht?«
»Weil ihr bereit seid, wir können uns nicht erlauben, noch länger zu warten. Jeder verstreichende Tag ist einer, an dem die Schlange angreifen könnte; sie hat kürzlich den alten Alpha abgelöst, das heißt, alle Drachen werden sich jetzt um sie herum scharen, aber ihr Band zueinander ist noch frisch und brüchig. Das können wir zu unserem Vorteil nutzen und alle Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wir haben zudem ein weiteres Ass im Ärmel: Am Hang hinter unserem Übungsplatz wächst giftiger Hemlock. Diese Pflanze tötet Drachen, wenn nur kleine Teile davon in ihren Blutkreislauf gelangen. Ich habe ihn in den letzten Tagen geerntet und die Munition in den Saft eingelegt. Ein Nebenziel wird es sein, ihr Futter damit zu vergiften. Da Drachen einen guten Geschmackssinn haben, können wir uns darauf allein allerdings nicht verlassen und müssen zu den Waffen greifen. Selbst, wenn wir keine wichtigen Teile wie die Augen und damit das Gehirn treffen, wird das Gift sie durch seine Wirkung ausschalten. Wir können heute Nacht den ganzen Schwarm auslöschen, wenn wir es geschickt anstellen.«
»Endlich«, sagte Fera mit sichtlicher Begierde in den Augen.
Beide sahen fassungslos zu Kena hinüber, die nichts dazu sagte, aber ausgesprochen unglücklich aussah.
»Nur keine Sorge, wir schaffen das! Haltet eure Waffen bereit; wir warten bis Mitternacht, um ganz sicher zu sein, dann begeben wir uns in die Drachengrube. Glücklicherweise kann Kena uns sagen, wo sie sich aufhalten, immerhin war sie auf Patrouille. Seid gut ausgeruht. Wir treffen uns um 22 Uhr hier.«