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Hickory

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Hickory

Nach dem Essen hatte er eigentlich vorgehabt, sich hinzulegen und ein kleines Schläfchen zu halten, fühlte sich dann aber doch nicht müde genug dazu. Das war ein gutes Zeichen; für einen Drachen, der täglich mehrere Kilometer laufend, fliegend und schwimmend zurücklegte, dazu noch jagte und Spielkämpfe austrug, schuf die Ruhe der vergangenen Stunden trotz seiner Schwäche wohl einen Überhang. »Grace, hast du Lust, mit mir nach deiner neuen Freundin zu sehen?«, fragte er. Grace war noch immer in ihrer Drachengestalt und hob den Kopf, schnüffelte besorgt an ihm. »Der kurze Fußmarsch wird mich schon nicht umbringen. Du kannst mich ja tragen, wenn du dann beruhigter bist.«

Tatsächlich deutete sie daraufhin demonstrativ mit der Schnauze auf ihren Rücken. »Warte einen Moment.« Hickory ging zurück in die Wohneinheit, füllte etwas von dem übriggebliebenen Eintopf in eine Schüssel, um sie mitzunehmen, und kletterte dann auf ihren Rücken. »Alles klar, kann losgehen.«

Grace setzte sich langsam in Bewegung, trug ihn sachte aus dem Paddock hinaus bis zum Zaun, wo sie Ryou antrafen. Er stand mit aufgeregt abgespreizten Flügeln da; irgendetwas beunruhigte ihn. Hickory stieg ab, knickte dabei mit den Knien ein und murrte, als ihm die Bewegung in allen Wunden zog. Ein leichtes Schwindelgefühl überkam ihn, woraufhin Grace besorgt den Kopf senkte, um ihn zu stützen.

»Schon gut, mein Liebes, ich bin nur noch nicht wieder ganz gesund. Das braucht seine Zeit.« Er spähte durch den Zaun, erst ohne etwas zu erkennen. Auch in seiner Menschengestalt verstand er, was Ryou sagte, wenn er nicht versuchte, es wie ein Mensch zu interpretieren, sondern seinen tieferen Instinkt zuließ: Dort draußen war jemand. Grace schien etwas zu wittern, das ihm mit seinem wenigen Riechepithel in Menschengestalt entging. Er trat näher an den Zaun – und da bewegte sich plötzlich etwas. Es war, als ob sich eine Glaswand verschob, durch die die Umgebung kurz verschwamm. Und dann erschien vor ihm eine saurierhafte Gestalt mit rötlich braunen und tiefgrünen Schuppen, die sowohl zwei- als auch vierbeinig unterwegs sein konnte. Er war in der Umgebung nahezu perfekt getarnt. »Oh, hallo! Lerne ich dich also auch mal kennen. Wir haben etwas Zuessen für dich dabei, das dem Menschen in dir gut tun wird.« Er öffnete die Schüssel und schob sie durch die Gitterstäbe hindurch, was den Drachen zum knurrenden Rückzug veranlasste. »Probier doch erstmal, bevor du schimpfst.« Er selbst kniete sich hin, einerseits, um weniger angsteinflößend zu wirken, andererseits, um die Belastung für seinen Kreislauf zu verringern. »Sakura, richtig? Iss, das wird dir schmecken. Du hattest bestimmt schon lange kein gekochtes Essen mehr. Ich hatte selbst verdrängt, wie gut das ist.«

Sie schnupperte, trat wachsam näher, wobei sie ihn nicht aus den Augen ließ. Erstaunlicherweise fraß sie nicht einfach so daraus, sondern nahm ihre Vorderklauen und umgriff damit die Schüssel, um sie näher ans Maul heranzuführen. Hickory konnte sehen, dass ihr filigraner Vorderfuß fünf Klauen hatte, eine davon opponierbar wie ein Daumen.

Sakura aß mit größer werdendem Appetit und leerte die Schüssel komplett – dann begann sich ihre Gestalt zu wandeln. »Oh… das war so gut«, seufzte sie und sank auf die Knie. »Ich… danke. Ich dachte, ich werde für den Rest meines Lebens nichts als rohes Fleisch und Wurzeln mehr bekommen. Diese Gewürze… ich könnte sterben für mehr.«

»Hast du ein Glück, dass noch was übrig ist und ich jeder Zeit mehr kochen kann.« Das entrang ihm ein Lachen. »Komm rein, Liebes. Keine Sorge, du bist bei uns sicher.«

»Wer seid ihr?«, fragte sie und griff nach einer Tasche, die Hickory erst jetzt auffiel, um sich dürftig damit zu bedecken. »Wo bin ich hier? Was ist das für ein Zaun?«

»Du bist im Shenandoah-Drachenreservat. Bis vor kurzem war ich noch der Alpha aller Drachen hier, jetzt… hat diesen Status ein anderer. Du stehst also vor der Wahl, ob du bei Grace, Ryou und mir bleiben willst oder dich dem Schwarm anschließt. Es gibt noch ein paar Nichtwandler in der nahen Siedlung, drei haben mich kürzlich besucht, sind nette Leute, und natürlich Ian, unseren Vorsteher und Arzt. So viel zu uns. Jetzt sollten wir doch im Gegenzug auch etwas über dich erfahren dürfen.« Er harrte gespannt der Antwort.

Sakura schlug die Augen nieder. Sie war sehr dünn und knabenhaft, vermutlich durch den Hunger, den sie gelitten hatte. »Ich… ich…« Es raschelte im Gebüsch, und sie schrak heftig zusammen, wobei sie sich umsah, als würde sie vom Teufel verfolgt werden.

»Schaffst du es über den Zaun?«, fragte Hickory.

Sie antwortete nicht. Stattdessen rappelte sie sich auf und schlüpfte mit einiger Mühsal durch die Gitterstäbe hindurch. Sofort beruhigte sie sich, warf dem Wald aber immer noch misstrauische Blicke zu.

Hickory zog seine Tunika aus und legte sie ihr um die Schultern. »Wir füttern dich erstmal, du bist ja furchtbar abgemagert. Komm mit.«

Sakura weigerte sich, in die Wohneinheit einzutreten, obwohl die Tür zum vergitterten Paddock offen stand und die anderen Drachen ihm bedenkenlos folgten. »Du musst dich nicht fürchten, der Käfig dient zu unserem Schutz«, sagte er und schöpfte noch mehr Eintopf in die Schale, die er Sakura auffordernd hinhielt. Schließlich siegte ihr Hunger, und sie trat ein, schlang auch die zweite Portion hinunter.

Ryou nahm ebenfalls Menschengestalt an und zog sich eine Tunika über. »Endlich bist du hier! Grace und ich haben dich die ganze Zeit zu überzeugen versucht, ins Reservat zu kommen, und Hickory schafft es ohne große Anstrengung! Was haben wir bitte falsch gemacht?« Er klang völlig frustriert.

»Ihr kocht nicht so gut wie ich«, antwortete Hickory erfreut. »Das hat etwas in dir angesprochen, nicht wahr? Du warst lange Zeit als Drache da draußen im Überlebensmodus, und dann haben wir den Menschen in dir erweckt.«

»Klingt logisch«, stimmte Ryou zu. Sakura hatte einen unfassbar traurigen, verzweifelten Ausdruck im Gesicht. »Und jetzt raus mit der Sprache: Woher kommst du? Wir haben nicht vor, dich da hin zurückzubringen, falls es das ist, wovor du dich fürchtest.«

Hickory und Ryou nahmen vor ihr auf dem Boden Platz, und auch Grace nahm nun Menschengestalt an, um der Geschichte besser folgen zu können.

Sakura griff sich an den Oberarm und wandte den Blick von ihnen ab. »Spielt das eine Rolle? Ich kann ohnehin nicht hierbleiben. Ich werde den Rest meines Lebens in Wäldern verbringen, auf der Flucht Richtung Norden, bis ich hoffentlich irgendwann in Kanada ankomme. Dort bin ich vielleicht endlich sicher, falls man in meiner Situation überhaupt von Sicherheit sprechen kann.«

»Warum gerade Kanada?«, fragte Ryou, der sich auf ihre kryptische Erklärung offenkundig keinen Reim machen konnte. »Das hier ist doch ein Ort für Drachen. Du kannst genauso gut hierbleiben.«

»In Kanada sind Drachen vor Verfolgung aus den USA geschützt, und selbst wenn nicht – dort herrscht riesige Wildnis vor. Ich kann in den Wäldern untertauchen«, erklärte Sakura.

»Wer verfolgt dich?«, hakte Hickory nach. »Drachentöter?«

»Komm schon, wir wollen dir helfen! Und vielleicht kannst du uns auch helfen: Zwei von uns sind in diesen Wäldern verschwunden, als wir auf der Suche nach dir waren. Sie sind vielleicht in großer Gefahr! Wurden sie vielleicht von denselben Leuten entführt, die dich jagen? Wir müssen alles darüber wissen, bitte!«, beschwor Ryou sie.

Das schockierte Sakura ganz offensichtlich, und ihr Gesicht glättete sich. »Eure Freunde? Sie waren meinetwegen da draußen und sind verschwunden?« Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, dann begann sie zu zittern und zu schluchzen.

»Sakura!« Hickory eilte zu ihr, um sie zu stützen. »Was weißt du? Wer ist hinter dir her?«

»I-ich weiß es nicht!«, schrie sie voller Verzweiflung. »Ich weiß es wirklich nicht! Sie kamen über Nacht, haben alle anderen mitgenommen… alle Drachen aus der Einrichtung, in der ich untergebracht war. Ich bin als einzige entkommen. Sie haben sogar die Menschen umgebracht, die dort gearbeitet und Widerstand geleistet haben…« Sie brach in Tränen aus und weinte nun hemmungslos.

Hickory hielt sie im Arm, drückte sie fest an sich und wartete, bis sich ihre Emotionen erschöpft hatten. Sie suchte alle Wärme und allen Schutz, den seine Arme – die eines noch immer völlig Fremden – ihr geben konnten, verzweifelt und erschöpft, wie sie mittlerweile war.

Es dauerte eine lange Zeit, bis sie ihre Sinne wieder beisammen hatte, so lange, dass Ian wieder hinunterkam, um nach Hickory zu sehen. Auf Sakura reagierte er sichtlich überrascht, verhielt sich aber intuitiv richtig – auf Hickorys Zeichen hin kam er nicht näher. Sakura starrte ihn entsetzt an. »Das ist Ian, unser Vorsteher. Er hat viel aufs Spiel gesetzt, um dich zu finden und in Sicherheit zu bringen. Jetzt nochmal langsam, Liebes, von Anfang an. Erzähl uns deine Geschichte, dann werden wir dir helfen. Versprochen«, sagte Hickory behutsam.

»Ich weiß selbst nicht so richtig, was passiert ist«, begann sie. »Ich bin adoptiert. Meine Eltern haben sich immer gut um mich gekümmert. Aber irgendwann wurde es plötzlich so anders. Ich war gerade fünfzehn geworden, und wir gerieten schon zuvor immer wieder in heftigen Streit über Kleinigkeiten. Ich dachte, es liegt an mir, weil ich in der Pubertät bin. Ich hatte das Gefühl, jeden Tag auf Eierschalen zu laufen. Irgendwann haben sie gesagt, dass sie mich auf eine Privatschule schicken. Ich wollte nicht weg, meine ganzen Freunde zurücklassen, und hatte Angst, aber sie schrien mich an, dass ich zurück ins Heim komme, wenn ich ihnen nicht gehorche. Sie brachten mich zu einem Ort, der gar nicht wie eine Schule aussah und dessen Namen ich noch nie gehört hatte. Es wirkte eher wie eine Fabrik, oder zumindest eine Art Produktionsanlage. Ich wollte nicht dort bleiben und bin noch während der Fahrt aus dem Auto gesprungen. Während ich davonrannte, voller Angst und ohne irgendwelches Gepäck, habe ich mich zum ersten Mal verwandelt. Sie informierten daraufhin wohl die Behörden, auf jeden Fall waren kurz darauf viele Leute hinter mir her. Ich rannte und flog, so weit ich konnte, war aber bald völlig entkräftet. Irgendwann fand ich etwas Zuessen auf dem Boden und habe nicht nachgedacht, sondern einfach alles in mich hineingeschlungen. Daraufhin verlor ich das Bewusstsein. Als ich aufwachte, war ich wieder ein Mensch, und ich befand mich auf einer Krankenstation. Eine Frau, die sich als Drachenarzt vorstellte und mir erklärte, dass ich jetzt in Sicherheit sei. Ich befände mich in einer Einrichtung, die Drachen vor der Tötung rettet, und ich sei wohl eines jener Kinder, die gezielt zu dem Zweck adoptiert wurden, um nach ihrer Verwandlung Medikamente aus meinen Körperteilen herzustellen. Das mit der Schule sei nur ein Vorwand gewesen. Ich habe das alles nicht verstanden und war völlig verängstigt. Aber sie waren gut zu mir, und zu den anderen Drachen dort. Es gab einige, vielleicht zwanzig, dreißig. Sie alle waren asiatischstämmig wie ich. Die Einrichtung agiere im Geheimen, getarnt als pharmazeutisches Unternehmen, und fange entflohene Drachen wie mich mittels Fallen, die sie betäuben. Ich begann Vertrauen zu ihnen zu fassen, besonders zu diesem Arzt für Drachenmedizin. Ihr Name war Esra. Sie hat sich gut um uns gekümmert. Ich dachte, jetzt wird alles gut. Aber dann… dann sagte sie eines Tages in diesem angstvollen Tonfall zu uns, wir müssten in die Kellergewölbe und dürften nicht mehr herauskommen. Wir hatten Vorräte dort unten, um eine Zeitlang zu überleben. Dann gab es eine Razzia. Männer und Frauen kamen, in den Uniformen der Nationalgarde des Bundesstaats, und sie verhafteten die Personen, die sich um uns gekümmert hatten, betäubten die Drachen, die sie fanden, und brachten sie in großen Lastwagen weg. Es fielen sogar tödliche Schüsse. Sie zerstörten alles, um jeden einzelnen von uns zu finden, setzten Rauchbomben und Tränengas ein, um sicherzugehen, dass auch die unteren Ebenen verlassen wurden. Ich konnte im Gedränge entkommen und hatte im Vorfeld bereits eine Tasche mit Lebensmitteln und Wechselkleidung vollgestopft. Ich hatte zu viel Angst um zu kämpfen. So überlebte ich in der Wildnis mit dem Ziel, irgendwie nach Kanada zu gelangen, wo Drachen sicher sind. Zumindest heißt es das. Ich habe jeden gemieden, dem ich begegnet bin – zumindest, bis meine Vorräte aufgebraucht waren. Ich hatte die ganze Zeit große Angst, dass sie mich auch noch schnappen. Und die anderen habe ich einfach zurückgelassen…« Erneut brachen alle Dämme bei ihr.

»Dich trifft gar keine Schuld. Zumindest die Frau, die du erwähnt hast, Esra – sie hat sich bei mir gemeldet. Wir sind alte Bekannte. Es geht ihr gut. Die beiden Drachen, die ich auf der Suche nach dir verloren habe, sind in ihrer Obhut. Weißt du etwas darüber?« Ian sah sie eindringlich an.

Sakura sagte unbehaglich: »Nicht viel… Esra meinte, es gäbe noch eine weitere Einrichtung dieser Art für den Fall, dass… genau das passiert. Sie sollten nicht alle Drachen in ihre Finger kriegen. Esra sollte zuvor schon in die andere Einrichtung versetzt werden, irgendwo an der Grenze zu West-Virginia. Ich dachte, ich könnte nach meiner Flucht vielleicht dorthin, aber ich habe die Einrichtung nicht gefunden. Sie sagen, es geht ihr gut? Die Einrichtung, in die sie versetzt werden sollte, hieß BioSynTechs.«

»Ich werde versuchen, diesen Ort zu finden und Esra mitzuteilen, dass du in Sicherheit bist«, sagte Ian fahrig. »Kein Wunder, dass Esra nicht einmal mir irgendwas Genaues mitteilen wollte. Sie alle sind bereits in höchster Alarmbereitschaft.«

»Warum mussten sie sterben? Sie waren unschuldig, alle. Sie haben sich nicht ausgesucht, Drachen zu sein, und niemandem was getan! Es ist so ungerecht!«, schrie Sakura.

»Das ist es, und ich werde alles tun, um die Drachen zu schützen, die sich in meiner Obhut befinden«, sagte Ian mit großem Nachdruck und in vollster Überzeugung. »Ruh dich jetzt aus, du auch, Hickory. Ich versuche, Esra zu erreichen, oder ihren Vorgesetzten.«