Sajian
Sajian
Es dauerte unerfreulich lange, bis Jake zurückkehrte. Er blickte ernst drein, was Katsuya sichtlich nervös machte. »Ich habe deine Blutergebnisse ausgewertet. Da ist einiges durcheinandergeraten; du hast vorallem sehr viele unreife Blutzellen in dir.«
Sajian spannte sich zusammen mit Katsuya an, während Jake weiter ausführte: »Watanabe und ich befürchten, dass du Leukämie hast – eine Form von Blutkrebs. Das muss dringend behandelt werden, selbst auf Verdacht hin. Ich werde dir daher gleich eine Drachenblutkonserve anhängen; das ist die beste Therapie, die die Drachenmedizin derzeit kennt, auch wenn es sich in der Humanmedizin aufgrund zu dünner Studienlage noch nicht gänzlich durchgesetzt hat. Allerdings wird sie ohnehin kaum noch angewandt, weil seit der Drachenrechtsbewegung jeglicher Gebrauch von Drachenkörperteilen einen missbräuchlichen Touch bekommen hat, der der Reputation eines Krankenhauses schaden kann. Von den immensen Kosten einmal ganz abgesehen. Das heißt, du hast großes Glück im Unglück, hier zu sein, umgeben von so vielen Drachen.« Er lächelte aufmunternd.
»I-ich bin schwerkrank?«, fragte Katsuya fassungslos.
»Aber ihr könnt ihm doch helfen, richtig?«, fragte Sajian nervös.
»Ich bin zuversichtlich«, war alles, was Jake dazu sagte – viel zu wenig für Sajians Geschmack. Er bereitete ohne weitere Verzögerung die angekündigte Blutkonserve vor und nahm Katsuya noch einmal Blut ab – diesmal mit Hilfe einer Venenverweilkanüle, die als Zugang diente. Der Junge jammerte nicht – er stand wohl unter zu großem Schock und wirkte völlig in sich gekehrt. »Das hier ist ein sogenannter Bedside-Test«, versuchte Jake, ihn während der Maßnahme abzulenken. »Ich überprüfe damit, ob deine Blutgruppe wirklich mit der der Konserve übereinstimmt, um sicher zu sein, dass du eine passende Transfusion erhältst.« Er gab Katsuyas Blut in die beiden Kammern eines kleinen Plastikblisters, die die Bezeichnungen A und B trugen. »Die Kammern enthalten Antikörper gegen die jeweilige Blutgruppe. Anhand der Reaktion können wir erkennen, welche Blutgruppe vorliegt. Hier gibt es einen deutlichen Klumpvorgang in Kammer A, die antikörper gegen A enthält, während B weiterhin wässrig bleibt. Eindeutiges Ergebnis für Blutgruppe A.« Er schloss den mit Blut gefüllten Schlauch der Konserve, die er an einen hohen Infusionsständer hängte, an die Verweilkanüle an.
»Wie häufig ist denn sowas?«, fragte Sajian beklommen.
»Diese Form der Leukämie ist selten in diesem Alter«, war die erschütternde Antwort.
Katsuya reagierte nicht.
»Wir haben die Probe zudem an ein unabhängiges Labor weitergeleitet und erwarten bald genauere Untersuchungsergebnisse, um ganz sicher zu sein. Bleib liegen, bis die Konserve durchgelaufen ist – danach sollte es dir schon deutlich besser gehen.«
Katsuya wandte ihm den Blick zu, erschreckend ernst diesmal, was in krassem Gegensatz zu seinem sonst so schüchternen Verhalten stand. »Ich hatte keine Symptome, bevor ich hier war. Ist das normal?«
»Für die chronisch myeloische Form durchaus«, erklärte Jake. »Meist wird sie zufällig im Rahmen einer Routinekontrolle beim Arzt festgestellt, völlig unerwartet für den Patienten. Es kommt auch nicht zu vermehrten Infekten wie bei anderen Leukämien, weil die betroffenen Zellen noch funktionieren. Die Symptome sind eher unspezifisch, heißt: Allgemeines Krankheitsgefühl, unklarer Gewichtsverlust, Fieber, Nachtschweiß, Müdigkeit, Leistungsminderung, Druckschmerz im Brustbein. Auch Bauchschmerzen können auftreten mit frühem Sättigungsgefühl. Du hattest in letzter Zeit wenig Appetit. Das passt alles zusammen. Vermutlich bist du gerade dabei, von der chronisch stabilen Phase in die Akzelerationsphase einzutreten, bei der man erstmals bemerkt, dass etwas nicht stimmt.«
Wieder sank Katsuya in sich zurück, aber er stellte keine weiteren Fragen. »Du solltest ins Bett gehen, Sajian. Er ist gut umsorgt, und morgen wird er vermutlich wie ausgewechselt sein.«
»Geht ruhig, beide. I-ich glaube, ich brauche jetzt dringend etwas Zeit für mich«, sagte Katsuya leise, aber bestimmt.
»Natürlich«, sagte Jake sehr verständig. »Du weißt, wo der Waschraum ist, dort findest du auch Zahnbürste und Handtuch. Wir bringen dir später noch etwas Zuessen.«