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Esra und Katsuya

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Esra und Katsuya

Nachdem Kenji sie über Katsuyas Diagnose in Kenntnis gesetzt hatte, machte Esra sich sofort auf den Weg, um Jake bei seiner Patientenwache abzulösen. Sie nahm neben Katsuyas Bett auf einem Stuhl Platz und strich ihm beruhigend über die Stirn. Laut Jake hatte er die ganze Zeit über kein Wort mehr gesprochen und auch sein Essen nicht angerührt.

»Wir tun alles, was wir können. Hier bekommst du die bestmögliche Versorgung, die öffentliche Krankenhäuser nur rudimentär anbieten aufgrund der immensen Kosten und der moralischen Problematik, mit Drachenblut zu arbeiten.« Sie verstand ihn – nicht nur war er schwerkrank, sondern auch noch ganz allein, ohne eine Bezugsperson, die ihm in dieser schweren Zeit beistand. Aus Sicht eines Betroffenen wirkten zudem wohl alle Aufmunterungsversuche wie Hohn, ganz gleich, wie gut sie gemeint waren. Aber es drängte sie danach, etwas zu sagen in der Hoffnung, dass es ihm Kraft gab.

Katsuya sah sie plötzlich direkt an, erschreckend ernst. »Esra… Jake sagte, in der Anfangsphase dieser Krankheit wäre man ohne Symptome, kann aber im Blut bereits Veränderungen sehen. Ich… war mit meinen Eltern oft beim Arzt, bevor ich weggelaufen bin. Dass sie mir gegenüber plötzlich so geheimniskrämerisch waren, ungehalten wirkten, wenn ich Fragen gestellt habe, ständig wütend telefonierten und mich unter fadenscheinigen Begründungen abspeisten… Sie sind beide Amerikaner und haben viel Geld durch ihre Arbeit als Unternehmer. Ich bin adoptiert, und ein Klassenkamerad hat zu mir gesagt, dass sein Dad gesagt hätte, dass ich bestimmt ein Drache wäre, weil die Asiaten Drachenkinder loswerden wollen und zur Adoption freigeben. Und dass Drachen in amerikanischen Reservaten umgebracht werden, um aus ihnen Schmuck und Arzneimittel zu machen. Ich habe recherchiert und bin auf diese Drachenrechtsbewegung gestoßen, die genau solche Machenschaften in einem Krankenhaus aufgedeckt hat. Seitdem gibt es wohl strengere Auflagen für Krankenhäuser aufgrund des Drucks vonseiten der Bevölkerung. Als meine Eltern dann auch noch sagten, sie wollen mich in ein ausländisches Krankenhaus bringen, da… da habe ich gedacht, sie wollen mich dort zerlegen lassen, obwohl ich ja noch nie Drachengestalt angenommen habe. Es war das einzige, das für mich Sinn ergab. Ich hätte doch nie erwartet, dass ich sterbenskrank bin und es kein Drachenblut in den Krankenhäusern mehr gibt, um mich zu behandeln. Was, wenn das alles nur ein blödes Missverständnis war und meine Eltern mich in Wirklichkeit verzweifelt heilen wollten? Wenn sie aus Sorge um mich so wütend und gereizt waren? Ich bin einfach weggelaufen, und jetzt glauben sie bestimmt, ich wäre tot!« Tränen liefen über seine Wangen. »Esra, du… du hast Kontakt zu diesem Ian, aus dem Reservat von Sajian und Laetitia. Könnte ich nicht auf die gleiche Weise mit meinen Eltern sprechen? Nur einmal, ganz kurz!« Er wandte den Blick ab. »Ich muss es einfach wissen. Der Gedanke, dass das alles vielleicht nicht wahr ist und ich doch zwei liebende Eltern habe…«

»Katsuya…« Wie konnte sie ihm diese Bitte verwehren, wo er doch so schwer krank war und vielleicht trotz aller Bemühungen sterben würde? Selbst mit Drachenblut und Cerebrosinx gab es keine Garantie auf Heilung. »Du weißt, wie gefährlich es ist, mit der Außenwelt zu sprechen. Es könnte die falschen Leute auf unsere Spur bringen. Wieder einmal.«

Er rieb sich die Augen. »Niemand redet darüber, alle reagieren immer nur abweisend auf das Thema. So wie meine Eltern. Wie soll ich noch irgendjemandem vertrauen können, wenn nicht offen und ehrlich mit mir gesprochen wird? Sowas führt doch zu genau solchen Situationen wie der, in der ich mich jetzt befinde!« Er klang nun eindeutig wütend und frustriert.

Sie seufzte. »Es gab eine weitere Einrichtung dieser Art, eine Zweigstelle, die sich ebenfalls als pharmazeutisches Unternehmen tarnte. Kenji hat beide ins Leben gerufen, als er vor Jahren seinen Dienst als Arzt quittierte. Er wurde damals gut bezahlt, Drachen wie die, die wir gerettet haben, auszubeuten. Doch irgendwann konnte er es nicht mehr mit sich vereinbaren, als er einen von ihnen in seiner Menschengestalt traf: Hiroki.«

»Ich kenne die Geschichte«, sagte Katsuya und schluckte. »Hiroki sieht aus wie ein Psychopath. Sorry, aber so ist es. Dass er ein ängstlicher, kleiner Junge war, der einen Menschen zum Guten verändert, welcher bereitwillig gegen Geld tötet, ist für mich schwer vorstellbar.«

Sie nahm ihr Handy heraus und suchte das Bild, das er gemacht hatte, als Hiroki zu ihm kam: Ein kleiner, ängstlich dreinblickender Junge mit großen, traurigen Augen, damals schon dünn, aber noch so kindlich. Im Gegensatz dazu der breitschultrige, großgewachsene Jugendliche mit dem unheimlichen, durchdringenden Blick, der er heute war. Er wirkte wie ein Mann, zu allem bereit, was nötig war, um andere zu beschützen – denn das war er inzwischen. »Ich habe zusammen mit Ian in jenem Krankenhaus gearbeitet, das wegen des Drachenblutskandals durch die Medien ging, aber man konnte mir keine Beteiligung nachweisen, weil ich als Assistenzarzt an nichts beteiligt war. Wie er habe ich mein Arbeitsverhältnis gekündigt, als ich davon erfuhr, und wurde in Watanabes Zweigstelle angenommen. Er hat mich gefunden – Drachenmediziner ist nicht der beliebteste Beruf in den Staaten, und er brauchte Personal. In dieser Einrichtung waren mehr Drachen als hier untergebracht, wir hielten sie für sicher. Allerdings… wurden wir Opfer einer Razzia durch den Gouverneur. Es kamen Männer und Frauen der Nationalgarde. Sie behaupteten zu wissen, dass wir illegal Drachen beherbergen, und forderten uns auf, sie herauszugeben. Ich war zum damaligen Zeitpunkt einer der Vorgesetzten, und wir weigerten uns, beharrten darauf, an diesem Ort einzig und allein pharmazeutische Produkte herzustellen. Aber sie hatten Hunde dabei, die sofort winselten, als sie hereingeführt wurden, sich bepinkelten und zitternd zusammenkauerten, wie es Tiere üblicherweise tun, wenn sie Drachen wittern. Die Gardisten hatten einen offiziellen Durchsuchungsbefehl und nahmen alles auseinander. Sie fanden die Geräte zur Gewinnung von Blut und Cerebrosinx. Die Drachen waren in den Kellergewölben untergebracht, welche sich weit verzweigten, mit genug Vorräten, um eine Weile durchzuhalten. Doch sie fanden auch die versteckten Durchgänge, fluteten alles mit Tränen- und Rauchgas, um sie einzukesseln, und verwendeten dann Betäubungsmittel, damit sie keine Gegenwehr leisteten. Einige der Mitarbeiter griffen die Nationalgarde an, und sie schossen scharf. Unser Vorsitzender wurde getötet, andere aus der Führungsriege abgeführt, so wie ich. Ich habe zugesehen, wie sie alle Drachen hinausbrachten, bis auf einen: Sakura konnte entkommen, wie auch immer sie das geschafft hat. Wir suchen noch immer nach ihr, leider hat sie sich bisher erfolgreich von all unseren Fallen ferngehalten. Ich kam schließlich auf ein Polizeirevier, mir drohte Gefängnis, doch jemand zahlte die Kaution: Watanabe. Er holte auch andere heraus, zumindest die, die herauszukaufen waren. Die Medien berichteten davon, dass in dem pharmazeutischen Institut ein Drogenlabor ausgehoben worden wäre, und behandelten die Mitarbeiter wie Schwerverbrecher. Sie behaupteten, es habe Schusswechsel gegeben, und die Schüsse der Garde seien Notwehr gewesen. Niemand erfuhr die Wahrheit. Watanabe hat jeglichen Kontakt zur Außenwelt für uns in seinem einzig verbliebenen Institut verboten und sämtliche Verbindungen gekappt, um unter dem Radar zu fliegen. Er lässt Dinge, die wir täglich brauchen, über seine Privatadresse liefern, und benutzt falsche Namen sowie falsche Pässe, sodass keine Rückschlüsse möglich sind.«

Katsuya schluckte schwer. »Du machst dir ebenfalls Vorwürfe, oder? Deshalb bist du immer so nervös.«

»Wie könnte ich nicht? Ich… habe damals ein Telefonat geführt, und ein paar unbedachte Dinge gesagt. Ich weiß nicht, ob das die Spur war, die sie zu uns geführt hat. Man kann niemandem trauen. Absolut niemandem, nicht einmal Freunden.« Sie sah ihn wieder an, und er schlug die Augen nieder. »Wir wissen nichts über deine Eltern, und wir können kein Risiko eingehen.« Sie wusste, wie kläglich es sich aus ihrem Mund anhörte.

»Das heißt, ich sitze für den Rest meines vielleicht kurzen Lebens in diesem Betonklotz fest und sehe meine Eltern nicht wieder, obwohl ich vielleicht überhaupt kein Drache bin und da draußen eine Familie habe, die mich vermisst«, schloss er grimmig. »Aber du hast weiterhin Kontakt zu diesem Ian.«

»Die Sache mit Ian ist anders. Ich vertraue ihm.«

»So wie deinen Freunden?«, erwiderte er spitz und bereute es seinem Gesichtsausdruck nach sofort. »Tut mir Leid, es ist nur… du unterscheidest so willkürlich. Was, wenn dieser Ian uns genauso verrät? Was, wenn er am damaligen Skandal doch beteiligt war?«

»Ian hat Ähnliches durchgemacht wie wir – er will aus voller Seele Drachen helfen. Wenn du dich irrst und deine Eltern doch Hintergedanken hatten…«

»Wir rufen sie mit unterdrückter Nummer an, und ich sage nichts über diesen Ort, nur, dass es mir gut geht«, beschwor er sie. »Esra… ich will nicht sterben, ohne die Wahrheit über meine Eltern zu kennen.«

»Sie könnten es orten.« Esra schluckte, starrte auf ihr Handy. Dann, nachdem sie sichergestellt hatte, dass ihr Standort virtuell ins Ausland verlagert wurde und ein weiteres, nicht ganz legales Programm ihre Signatur im Netz verschleierte reichte sie es ihm. »Ich habe Sicherheitsmaßnahmen getroffen, aber wer weiß, was er tut, kann auch diese umgehen – es ist ein Risiko. Sei dir also ganz sicher, bevor du diesen Anruf tätigst.«

Katsuya nickte ernst, dann nahm er es entgegen.

Er wartete, bis Esra den Raum verlassen hatte, doch dann zögerte er. Was, wenn er sich wirklich irrte? Wenn sie ihn töten wollten und er alle hier in Gefahr brachte? So viele Drachen, die umgebracht wurden, einfach nur, weil sie Drachen waren und es einen perversen Markt für ihre Körperteile gab. Andererseits… wenn er wirklich krank war und ihm nur Drachenblut und dieses Cerebrosinx helfen konnte, war er dann nicht genauso?

Er brannte darauf, seine Eltern zur Rede zu stellen, ihnen all das entgegenzuwerfen, was er sich seit seiner Flucht in Gedanken zurechtgelegt hatte. All die Vorwürfe, die Enttäuschung, die Furcht und das Grauen. Mit zitternden Fingern wählte er die Nummer, dann tätigte er den Anruf.

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Vielleicht sind sie gar nicht da, oder zumindest nicht zu erreichen. Sie arbeiten immerhin ständig. Es klingelte nur kurz, dann meldete sich eine Stimme, die sein Herz in tiefere Regionen rutschen ließ: Seine Mutter. »Hallo?« Ihre Stimme klang leise und zittrig.

»Mama?«, rutschte es ihm heraus, und dann brachen alle Dämme, ohne dass er es wollte. Tränen liefen ihm übers Gesicht. »I-ich bin es, Katsuya!« Mehr brachte er nicht heraus. Seine Sicht verschwamm.

»Katsuya? Oh mein Gott, wo bist du?! Katsuya, wir haben uns furchtbare Sorgen gemacht, wir dachten, du wärst…!« Schluchzen schüttelte sie. War das gespielt? »Warum bist du weggelaufen?! Wir waren kurz davor, ein Krankenhaus zu finden, um dir zu helfen! Du kannst dich umbringen mit dieser Aktion!« Sie schrie nun.

»Ich bin krank?«, fragte er.

»Du hast CML, Blutkrebs… wir hätten es dir sagen sollen, aber wir wussten nicht, wie du reagieren würdest. Ob du eine Kurzschlussreaktion zeigst. Ob du dagegen bist wegen des Drachenbluts. Ob du verzweifelst, weil es so selten und… schwer zu behandeln ist. Wir haben falsch entschieden, das wissen wir jetzt, aber du lebst! Wo bist du? Wo um alles in der Welt bist du?!«

»Ich bin in Sicherheit, mehr müsst ihr nicht wissen. Sie behandeln mich hier. Mit Drachenblut.« Er hielt inne. »Ich habe gedacht… also, ich… ich dachte, ihr wolltet mich…« Plötzlich klang es so völlig absurd. »Ich dachte, ich bin ein Drache, und ihr wollt aus mir Arzneimittel machen lassen«, platzte er schließlich heraus.

»Katsuya…« Seine Mutter klang völlig fassungslos. »Wie kommst du auf sowas? Oh, mein Gott… wir kommen, wir holen dich zu uns! Wo bist du? Oh, Kind…« Wieder dieses Schluchzen. »Wie konntest du sowas auch nur denken?«

»Weil es hier Drachen gibt, denen genau das genau so passiert ist! Ihre Eltern wollten sie töten lassen und sich an ihnen bereichern. Und genau deshalb kann ich euch nicht sagen, wo ich bin. Ich kann euch nicht mehr vertrauen nach allem, was ich gesehen habe. Aber ich glaube euch. Sonst hätte ich euch nicht angerufen. Ich muss Schluss machen. Niemand darf herausfinden, wo wir sind. Ich bin sicher, es wird alles gut!«

Er legte auf, noch bevor sie etwas erwidern konnte, dann weinte er hemmungslos vor lauter Emotionen, die durcheinanderwirbelten – Trauer, Erleichterung, Angst, Unsicherheit. Es war alles und zugleich nichts davon, aber die Tränen taten gut, so unfassbar gut.

Esra horchte, bis das Gespräch vorüber war. Von draußen hatte sie nichts verstanden, aber sie hörte, ob noch gesprochen wurde. Gerade, als sie wieder eintreten wollte, klingelte ihr Handy. Sie öffnete die Tür, sah zu Katsuya, der sich eilig über die verquollenen Augen wischte, dann nahm sie ihm das Handy ab. Es war Ians Nummer. Sie nahm an. »Ian? Du darfst mich nicht anrufen!«

»Ich weiß, Esra. Aber es ist wichtig, und ich musste es versuchen. Du vermisst anscheinend einen Drachen – Sakura. Sie ist seit heute bei mir.«

Esra weitete die Augen. »Sakura? Oh mein Gott! Ist das wahr?«

»Es geht ihr gut, ich kümmere mich um sie.«

»Wir müssen das an meinen Vorgesetzten weiterleiten«, sagte sie. »Ian – vielen Dank für deinen Anruf und deine Mühen!«

»Gern, Esra. Ich wünschte, ich könnte euch mehr helfen.«