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Drachentöter

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Drachentöter

Sie trafen sich schweigend zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Ort. Jeder hatte einen Rucksack dabei, in dem sich die Waffen und ein Beutel einfache Munition aus Holz befanden. Leland, John und Kena warfen einander Blicke zu, die dem jeweils anderen zu verstehen gaben, dass sie nicht hinter dem standen, was sie heute Nacht tun sollten. Nicht mehr. An diesem Ort konnten sie nicht offen miteinander sprechen, und das war nicht gut, oder?

Die einzige, die fest entschlossen wirkte, war Fera, und sowie sie zu ihnen stieß wurde jede Kommunikation zunichte gemacht, selbst die nicht verbale. Niemand sah sie an. »Was ist denn mit euch los, kriegt ihr etwa die Flatter? Echt erbärmlich! Wofür meint ihr haben wir die ganze Zeit über trainiert? Nehmt gefälligst euren Arsch in die Hose, da draußen müssen wir uns auf euch verlassen können!«

»Mit wir meinst du Jared und dich?«, fragte John spitz.

»Mit wir meine ich uns !«, stellte sie klar. »Uns alle! Wir haben dasselbe Ziel, oder seid ihr mittlerweile auch zu Drachenanbetern geworden?«

Jared trat durch die Tür und legte eine Hand auf ihre Schulter, was sie zum Verstummen brachte. »Wir alle gehören zusammen«, sagte er nachdrücklich. »Was wir heute Nacht tun werden, ist nicht angenehm oder schön, das habt ihr drei richtig erkannt. Aber es ist ein notwendiges Übel. Wir müssen die Schlange loswerden, wenn wir und alle, die zukünftig hier her kommen, in Frieden leben wollen, bis wir diesen Ort wieder verlassen können – mit all unseren Gliedmaßen.« Er warf Kena einen bedeutungsschweren Blick zu, und sie schluckte. »Ich habe den Zaun auf dem Plateau überprüft – Ian hat das Tor abgeschlossen, natürlich, aber ich bin mir sicher, dass wir ihn überklettern können. Dahinter gelangen wir in die Schleusen zu den Paddocks, und eine der Wohneinheiten ist nicht abgeschlossen – Fera hat beobachtet, wie Ian sie offenstehen ließ. Lasst die Drachen im Gehege in Frieden und begebt euch direkt auf die Route. Wir schaffen es entweder heute Nacht oder nie. Es gibt nur diesen einen Versuch.«

Kena verzog das Gesicht und warf Fera einen Blick zu, den diese hart erwiderte. Sie hatte nicht beobachtet, dass die Tür zu Hickorys Wohneinheit offen stand, sondern es selbst mitbekommen, weil sie dort war. Mit ihnen zusammen. Er selbst hatte sie reingelassen und ihnen von seinem Essen abgegeben. Es war vollkommen falsch, seine Freundlichkeit so auszunutzen.

»Ich brauche euch voll konzentriert, seid ihr dabei?«, fragte Jared sie alle eindringlich.

»Ja«, kam es sofort von Fera, die allen anderen einen Bestätigung heischenden Blick zuwarf.

»Wir töten nur die Schlange, richtig?«, fragte Leland zurückhaltend.

»Wir töten, wen wir töten müssen – die Schlange auf jeden Fall, sie ist zu gefährlich, um sie leben zu lassen. Vorallem jetzt, da sie den Alpha-Rang inne hat und nicht mehr allein agiert. Wenn sich uns Drachen in den Weg stellen, müssen wir auch sie töten. Und wenn wir die Schlange nicht erwischen, müssen wir das Futter vergiften.«

Leland schluckte, warf Kena einen Blick zu. Beide sahen genauso aus, wie sie sich fühlten: Furchtbar.

»Los jetzt. Haben alle ihre Waffen und genug Munition?« Jared verteilte Handschuhe an sie und Plastikbeutel der mit Gift getränkten Bolzen. »Geht sparsam damit um, ihr dürft nur schießen, wenn es nötig ist. Die Schlange hat absoluten Vorrang, es sei denn, ihr werdet angegriffen.«

Sie gingen los, direkt auf den Grenzzaun zu, der im Licht des Mondes silbern aufleuchtete. Er bestand aus dicken Metallstangen, die es nicht schwer machten, hinauf- und auf der anderen Seite wieder hinabzuklettern.

Als sie wieder Boden unter den Füßen hatten, standen sie vor der Metalltreppe, die zu den einzelnen Paddocks hinabführte. Sie nahmen den Weg zum Paddock, in dem Hickory untergebracht war. Kena betete für einen Moment, dass sich die Tür nicht öffnen würde, doch sie schwang auf, ohne das geringste Quietschen.

Die Gruppe wartete, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit dahinter gewöhnt hatten, dann schritten sie leise hindurch. Niemand lag in der Koje oder auf dem Boden; erst draußen im Paddock zeichneten sich im Mondlicht die Silhouetten zweier kleiner, eingerollter Drachen ab. Sie schliefen tief und fest, und die Gruppe schlich an ihnen vorbei; Jared gestikulierte unmissverständlich, dass sie sie in Ruhe lassen sollten. Sie folgten ihm durch die ebenfalls unverschlossene Gittertür des Außenbereichs und traten auf die nächtliche Ebene hinaus, die still und friedlich da lag.

Jared schickte Kena vor. »Geh voran. Du kennst den Weg.«

Kena kannte ihn nicht. Sie hatte die Route nur ein einziges Mal gesehen, und das war bei Tageslicht, nach einer Fahrt mit dem Auto und als die Drachen noch im Flusstal gelebt hatten. Dennoch ging sie los, insgeheim darauf hoffend, den Schwarm einfach nicht zu finden. Die Chancen standen sogar gut – wer wusste schon, wohin Helen sie als neuer Alpha mitgenommen hatte? Wie sollten sie in dem großen Reservat ihr neues Quartier finden? Und das machte sie plötzlich stutzig – Jared wusste das alles. Er musste auch wissen, dass das Reservat riesig war. Wie konnte er darauf hoffen, einfach irgendwie auf sie zu stoßen? Warum gerade heute Nacht? Plötzlich kam ihr das alles sehr übereilt und undurchdacht vor – das sah ihm überhaupt nicht ähnlich.

Sie marschierten immer weiter ins Reservat, und Kena wurde es mulmig zumute – es durfte inzwischen weit nach Mitternacht sein. Auch die anderen gingen bereits gebeugt von der Anstrengung – solche Wege waren sie aufgrund ihres beengten Lebens in der Siedlung eindeutig nicht mehr gewohnt. Der Wald sah überall gleich aus, genau wie die Ebene. Kena fürchtete mehr und mehr, sie würden sich hier verlaufen und vor Sonnenaufgang nicht mehr zurückfinden. Verirrten sich nicht jedes Jahr Wanderer in amerikanischen Nationalparks? Und das war auf offiziellen Wegen, die es hier nicht gab.

»Tut mir Leid, aber ich habe die Route nur einmal bei Tag gesehen«, äußerte sie schließlich unbehaglich. »Ich glaube, hier irgendwo war einer ihrer früheren Liegeplätze, aber ich fürchte, ich finde ihn nicht.«

Jared wirkte zerknirscht. »Wir müssen zumindest die Futterspender finden. Konzentriere dich darauf.«

»Warum willst du die Futterspender vergiften? Du sagtest doch, es geht um die Schlange! Aus den Spendern essen sie doch aber alle!«, sprach Leland das aus, was zumindest drei von ihnen daraufhin wohl dachten.

»Wenn wir sie nicht finden und töten, geht es nur noch per Schrotschussprinzip«, gab er knapp zurück. Auch er war erschöpft.

»Du opferst also bereitwillig alle, die nie jemandem was getan haben, um einen von ihnen zu töten?«, fauchte Leland.

»Halt dein Maul und tu, was verlangt wird!«, schnappte Fera.

»Er hat doch aber einen Punkt damit! Das sind Unschuldige«, hielt nun auch John dagegen. »Ich… ich weigere mich, das zu tun! Es ist grausam und hinterhältig! Sie haben nichts getan!«

Kena erkannte plötzlich, dass sie in der Überzahl waren. »Helen hat einige von uns angegriffen, sogar andere Drachen. Sie hat Hickory schwer verletzt. I-ich glaube, dass sie eine Gefahr für jeden hier ist, aber nicht die anderen. Ich werde keinen von ihnen verletzen!«, stellte sie klar.

»Ihr Verräter!« Fera schrie beinahe. »Drachenanbeter! Liebt ihr diese Monster mehr als euch selbst?«

»Fera«, sagte Jared streng. »Ich sehe eure Bedenken. Der Tod der Schlange ist unverhandelbar, da sind wir uns zum Glück einig. Die anderen verschonen wir, so weit es uns möglich ist. Aber sie dürfen der Tötung nicht im Weg stehen. Führ uns zu dem Platz, an dem du sie vermutest. Du kennst sie von uns allen am Besten.«

Es war stockfinster, als sie die im Mondschein glitzernde Flussebene durchquert und feststellten, dass die Drachen nicht mehr dort waren. Stattdessen hielten sie weiter auf das verwüstete Gebiet zu, von dem Kena noch wusste, dass es sich hinter einem der Hügel befand. Dort beim Futterspender hatte Helen sie damals angegriffen. Sie fühlte sich sofort unwohl in ihrer Haut, erinnerte sich an das riesige Biest, das selbst die dicken Gitterstäbe des Futterspenders verbogen hatte. Damals hatten sie immerhin noch ein Auto mit Abwehrmechanismen gehabt. Nun standen sie mitten in ihrem Revier, bewaffnet mit selbstgebauten Holzwaffen, um gegen diesen Goliath von einem Drachen anzutreten. Was um alles in der Welt hatten sie sich bitte bei diesem Himmelfahrtskommando gedacht? Hatte wirklich ein Erwachsener sie zu diesem Tun angestiftet?

»Seid wachsam, sie könnte jederzeit irgendwo zwischen den Bäumen auftauchen«, sagte Jared. »Macht die Waffen schussbereit.«

Natürlich waren sie längst geladen, und alle hielten sie fest umklammert, misstrauisch die Bäume um sich herum beobachtend. Leland und John schwärmten zu den Seiten aus und schritten voran, horchten, doch alles war still – abgesehen von dem plötzlichen Grummeln, das aus dem Gebüsch ertönte.

Leland wirbelte herum und schoss vor Schreck völlig ungezielt in die Richtung, aus der der Laut gekommen war. Es gab ein tiefes Murren, dann raschelten die Blätter im Gebüsch und die Zweige über ihnen. Ein unfassbar riesiger, annähernd dreieckiger Drachenschädel schob sich aus der Krone heraus und starrte sie mit im Mondlicht hohl leuchtenden Augen an.

Leland ließ vor Schreck seine Waffe fallen und stolperte rückwärts, als er den Kopf bis in den Nacken legte. Dann schoss jemand – Fera. Der Bolzen traf den Drachen in die Schnauze, woraufhin ein lautes, durchdringendes Jaulen ertönte, mit dem er aus dem Unterholz brach und sich haushoch vor ihnen aufrichtete, mit den mächtigen Vorderbeinen immer wieder über sein Maul reibend.

»Zurück, zurück!«, brüllte Jared, als der Drache weiter voran auf die Lichtung stolperte und dabei beinahe auf Leland getreten wäre, der sich hektisch aufrappelte und schreiend losrannte.

Der Lärm ließ noch mehr Drachenköpfe zwischen den Bäumen auftauchen, die aufgeregt knurrten und auf die Lichtung traten. Binnen kürzester Zeit waren sie von Drachen umzingelt.

»Welcher von ihnen ist die Schlange?«, schrie Leland, der zitternd nach seiner Waffe suchte, nur um zu erkennen, dass der erste Drache sie unter seinen ungerichteten Tritten zerstört hatte.

»Die Schlange ist nicht hier! Sucht weiter… ich meine…« Jared kam nicht dazu, den Satz zu beenden, denn der Boden zitterte, als plötzlich ein weiterer großer Leib aus raschelnden Schuppen neben ihnen landete und sich drohend aufrichtete. Sofort schob er sich zwischen den verletzten Drachen und die Gruppe, zischte aufgebracht mit gespreiztem Hals in Feras Richtung, die sich wiederum vor Jared stellte.

»Schieß!«, schrie er und griff nach seiner eigenen Waffe. Genau in dem Moment rannte die Schlange nach vorn.

Fera konnte nicht mehr ausweichen. Helen würde sie packen, herumschleudern und fressen. Kena selbst war zu sehr im Schock von der plötzlichen Wendung, um zu zielen, aber ein Schuss löste sich dennoch aus ihrer Waffe. Helen schien unbeeindruckt davon, wich nicht von ihrem Kurs ab, und es gab keine Zeit zum Nachladen. Fera hob verzweifelt die Arme vors Gesicht.

Helen ignorierte sie, stürmte an ihr vorbei auf Jared zu.

Fera wirbelte mit klopfendem Herzen herum und sah ihr verblüfft nach. Auch Kena starrte ihr hinterher. Jared warf etwas – es war einer der vorbereiteten Beutel, mit denen er das Futter vergiften wollte. Anscheinend hatte er damit an die richtige Stelle getroffen, denn Helen stürzte plötzlich und begann zu würgen, spuckte Fetzen und Speichel auf die Lichtung.

»Jetzt, schießt!« Er selbst richtete seine Waffe auf sie und schoss – der Bolzen traf sie in die Schädelseite, prallte aber davon ab. Ihr Schädel schwang herum, um ihn zu packen, verfehlte sein Ziel aber. In der Dunkelheit war das Zielen auf die Drachenaugen und -nüstern ein Schuss ins Blaue, trotz aller Übung mit den Dosen. Auch andere Schüsse prallten hörbar von ihren Schuppen ab. Jared warf erneut einen Beutel, diesmal direkt in ihr Gesicht. Sie zog den Kopf zurück, richtete sich versuchsweise auf und taumelte dabei.

Die anderen Drachen schrien und stießen vor, drängten die Menschen zurück. Jared lud und schoss erneut auf sämtliche Drachen vor ihm, was dann und wann von einem Zucken, Jaulen und Zurückweichen begleitet wurde. Das Geschrei und Gebrüll musste mittlerweile jeden im Umfeld von mehreren Meilen aufgeweckt haben. »Schießt! Schießt mit allem, was ihr habt!«

»Hier kommen wir nicht mehr lebend raus!«, schrie Leland voller Verzweiflung – sie waren fünf kleine Menschen gegen vier Drachen von immenser Größe, selbst die kleinsten, und zumindest er hatte nichts mehr, um sich zu verteidigen. So rannte er davon, wohl in der Hoffnung, irgendein Versteck zu finden. Fera, Kena und John luden, zielten und schossen – aber die Augen und Nüstern zu treffen wollte keinem von ihnen gelingen. Einen der kleineren traf Kena am Kopf, woraufhin dieser ihn quietschend zur Seite riss und sich zusammenkauerte. Sofort bereute sie, was sie getan hatte, kämpfte eisern das Bedürfnis nieder, ihm zu helfen.

Und dann geschah sehr viel auf einmal: Die Drachen ballten sich um Helen herum zusammen, wie um sie zu schützen, die röchelnd und spuckend zusammengebrochen war. Ihre Köpfe aber waren nicht mehr auf sie, sondern zum Himmel gerichtet. Auch Kena und die anderen sahen nach oben, unsicher, was dort vorging, dass es ihre Aufmerksamkeit mitten im Kampfgeschehen so vereinnahmte – dann schlug etwas mit den Flügeln. Es war ein Drache von schier gigantischem Ausmaß.