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Die Drachenflüsterer

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Die Drachenflüsterer

Es herrschte plötzlich Chaos, und Laetitia verlor den Überblick. Da flohen nicht nur ihre Klassenkameraden, sondern auch der Rest der Badegäste. Sie wurde mehr als einmal achtlos beiseitegestoßen und entschied sich nach einem grimmigen Blick auf die Person, mit dem Strom zu laufen, bis sie sich irgendwann vor den Toilettenräumen wiederfand und an den Wänden entlanghangeln konnte. Ihre Klassenlehrerin stand dort, und für einen völlig absurden Augenblick dachte Laetitia nur daran, wie schlecht ihr dieser knallbunte Badeanzug stand.

»Alle zu den Ausgängen und den Sammelplätzen, das Bad wird abgeriegelt und die Drachenbehörde verständigt!«, rief sie und lotste die Schüler zu den Ausgängen. Es gab noch eine ganz ähnlich Ansage über die Lautsprecher an den Wänden. Laetitia war noch nicht bemerkt worden, und weitere Menschen drängten links und rechts an ihr vorbei, sodass sie sich nach einem Augenblick des Abwägens dazu entschied, wieder zurück in den Badebereich zu laufen.

Es war keine gute Idee zu rennen, denn das sorgte dafür, dass bei Drachen der Jagdinstinkt reinkickte. Ebenso konnte Geschrei das empfindliche Drachengehör reizen und zu Aggressionen führen. Im Grunde war es also ein Wunder, dass bis jetzt noch nichts passiert war. Aber Sajian hatte sich immerhin nicht komplett verwandelt. Er war noch in einem erkennbaren Menschenkörper. Das verringerte die Gefahr, aber wie lange würde es so bleiben? Laetitia hatte den nicht unbegründeten Verdacht, die einzige zu sein, die sich gut genug mit Drachen auskannte, um eine mögliche Eskalation zu verhindern, bis alle in Sicherheit waren. Drachen hatten nach der Verwandlung starken Hunger. Wenn sie ihm Essen gab, würde er sich beruhigen, und wenn er ruhig war, würde er sich zurückverwandeln. Dann wäre die Gefahr gebannt. Zumindest behauptete Gilfordts Buch das, und er war immerhin ein ausgewiesener Experte. Drachen waren nicht gefährlich. Sie hatten Angst. Es war eine Zeichnung darin abgebildet, die veranschaulichte, wie Drachen sich nach ihrer ersten Verwandlung fühlten: Ein winziger Salamander, der von feindseligen Riesen umgeben war, die ihn zertreten wollten. Sie hatten kein Gefühl für ihre eigene Größe und Stärke, kamen sich einfach nur bedroht von all den fremden Eindrücken, der Lautstärke, den neuen Farbwahrnehmungen und Gerüchen um sich herum vor. Und dem unbändigen Hunger, denn die Verwandlung zehrte sämtliche Kraftreserven auf.

Laetitia griff nach ihrer eigenen und Sajians Tasche, als sie an den Liegen vorbeikam, dann bog sie um die Ecke zum Strömungskanal, von dem ein smaragdgrünes Leuchten ausging. Sajian war nirgends zu sehen. Sie ging vorsichtig weiter, folgte dem Verlauf, und dann sah sie plötzlich eine Bewegung. Etwas Weißes glitzerte unter der Oberfläche, angestrahlt von den Lampen an den Seiten. Durch die schlängelnde Bewegung konnte sie es nicht genau erkennen – bis es plötzlich in einer Fontäne herausschoss und auf den rauen, terrakottafarbenen Fliesen vor ihr landete.

Laetitia wich zurück, dann wagte sie nicht mehr, sich zu rühren: Vor ihr stand ein unfassbar schöner, weißgeschuppter Drache von der Größe eines Autos. Sein Rücken schimmerte in einem zarten Rosa wie von Kirschblüten, Gesicht und Hals waren von goldenen und schwarzen Ornamenten durchzogen. Er hatte eine Art Schuppenmähne, die sich über den geschwungenen Nacken bis zum Rücken zog und eine ganz ähnliche Farbgebung aufwies: Goldene Sprenkel, rosafarbene Spitzen, die zum Rücken hin weiß wurden. Der Körper war langgestreckt, aber zu gedrungen, um schlangenartig zu sein. Um seinen Schädel herum zuckten tentakelartige Fortsätze. Aber Laetitia starrte vorallem in seine Augen – es waren Sajians dunkle, menschliche Augen, die gar nicht zum restlichen Äußeren passen wollten.

Laetitia fragte sich erst in diesem Moment, was in aller Welt sie hier gerade tat. Sie hatte keinerlei Erfahrung mit Drachen, und ein Buch gelesen zu haben änderte daran rein gar nichts. Wenn Sajian sich entschied, sie anzugreifen, hatte sie keine Chance. Aber er starrte sie nur an, knurrte, seine Lefzen zitterten und enthüllten dabei spitze Zähne. Dann, plötzlich, drehte er sich um und rannte davon, sprang ins Wellenbecken an dessen tiefster Stelle, wo er untertauchte und verschwunden blieb.

Laetitia löste sich erst nach einigen Sekunden aus ihrer Starre. Sie trat zögerlich näher an das Becken heran und schaute hinein, sah ihn weit unten im Wasser sitzen. Sajian machte keinerlei Anstalten, wieder aufzutauchen. Vermutlich hatte sie die einzige Chance vertan, ihn zu beruhigen, aber sie war zu erschrocken gewesen, um irgendetwas zu tun. Wie sollte sie ihn da wieder herausholen? An dieser Stelle war sie nun auch mitten im Sichtradius der Bademeister, die sie bestimmt gleich ausrufen würden – die Besucher waren inzwischen allesamt nach draußen verschwunden.

Aber niemand rief sie aus, und niemand kam. Vermutlich traute sich keiner mehr in den Badebereich, solange ein Drache dort frei herumlief. Sie kniete sich hin, legte eine Hand auf die Wasseroberfläche und begann, darauf zu schlagen. Sie musste ihn zum Auftauchen bewegen, bevor die Drachenbehörde hier war. Vielleicht konnte sie alle Beteiligten davon überzeugen, dass Sajian keine Gefahr darstellte, wenn er sich sofort zurückverwandelte. Vielleicht würden sie den vielen Zeugen gar nicht glauben, dass er ein Drache war, wenn er nur erst wieder seine Menschengestalt hatte.

Sie schloss irritiert über sich selbst die Augen. In was für eine Vorstellung verrannte sie sich da gerade? Man würde ihn auf jeden Fall mitnehmen. So viele andere Jugendliche und Erwachsene waren aus deutlich geringerem Anlass in ein Reservat gekommen, und sie sollte den Experten diese Sache überlassen, anstatt hier den Helden zu spielen. Aber irgendetwas hielt sich davon ab, Sajian seinem Schicksal zu überlassen.

»Sajian, sieh mal!« Sie kramte in ihrer Tasche und holte etwas daraus hervor: Einen Wrap, den sie sich aus Resten gemacht hatte. Salat, Tomate, Räuchertofu, gelbe Chilisauce. Einen Drachen würde solches Essen eigentlich nicht locken, aber sie erinnerte sich daran, dass Sajian Vegetarier war. Und welche andere Wahl hatte sie? »Das isst du bestimmt, und du musst Hunger haben. Lass mich dir helfen, bitte!« Sie überlegte, es ins Wasser fallen zu lassen, doch das würde es nur in seine Einzelteile zerlegen. Schließlich schlug sie erneut mit der Hand auf die Wasseroberfläche, und tatsächlich rührte er sich daraufhin am Grund. Er schwamm hoch, blieb jedoch unter der Wasseroberfläche und starrte sie an. Langsam steckte er seinen Kopf heraus, wie eine Seeschlange mit den flossenartigen Hautmembranen um den Schädel herum. Sie zeigte ihm erst den Wrap, dann warf sie ihm das Essen zu. Es prallte an seiner Schnauze ab und fiel auf den Fliesenboden, doch dort begutachtete Sajian den Wrap neugierig. Laetitia erkannte zwei Spitzen, die aus den Schuppen am Hinterkopf herausragten, fast wie ein sehr dünnes Geweih mit sich verzweigender Spitze. Es wackelte, als Sajian zu fressen begann, wobei er immer weiter aus dem Wasser heraus kam. »So ist es gut, hier, iss«, sagte sie und warf ihm noch den zweiten Wrap zu. Sajian nahm ihn bereitwillig auf, dann sah er sie an. In diesem Moment, als sie die größte Angst empfinden sollte – immerhin war sie nah und er hungrig genug für ein Desaster – fühlte sie, wie die Anspannung von ihr abfiel, immer mehr, bis sie die Hand ausstreckte und ihn mit den Fingerspitzen berührte. Sie wusste aus Gründen, die sich ihr nicht erschlossen, dass er keine Gefahr darstellte. Ein merkwürdiges, aber starkes Gefühl von Verbundenheit stieg in ihr auf. Für einen Moment standen sie so beieinander, dann riss Sajian plötzlich den Kopf zurück und blickte alarmiert zum Eingang. Seine Kopfmembranen stellten sich zitternd auf, sein ganzer Körper spannte sich an wie eine Sprungfeder, und zu ihrem absoluten Verblüffen stellte er ein Vorderbein zwischen sie und den Neuankömmling, der am anderen Ende der großen Halle den Raum betrat.

*

»Seien Sie vorsichtig, eine meiner Schülerinnen ist noch da drin!«

Die Lehrerin wirkte völlig aufgelöst, als Ian aus seinem Geländewagen stiegen und den Parkplatz hinter dem Erlebnisbad betrat. Alle hatten noch ihre Badekleidung an, und er konnte nicht umhin festzustellen, wie ulkig die Frau in diesem quietschbunten Badeanzug aussah, vorallem in Kombination mit dem besorgten Gesichtsausdruck. Doch das war nicht der rechte Zeitpunkt für Späße – hier war ein junger Drache in Gefahr. »Mir wurde zugetragen, dass zwei Ihrer Schüler noch da drin sind: Eine Laetitia Pines und ein Sajian Castleton. Machen Sie sich um ihn etwa keine Sorgen?«

Sie blinzelte ihn völlig verblüfft an. »Er ist der Grund für unsere Sorgen! Er ist der Drache!«

»Sajian ist derjenige, um den wir uns sorgen müssen. Er ist voller Angst und steht gerade vermutlich unter dem schlimmsten Stress seines Lebens. Und das Mädchen ist mit ihm da drin? Sind sie Freunde?«

»Sajian hat keine Freunde«, sagte sie, unbehaglich dabei wirkend.

»Verstehe«, sagte Ian. Typischer Fall.

Er genoss es tatsächlich, wie ihm alle ehrfürchtig Platz machten, als ob er eine besondere Gabe hätte – aber im nächsten Moment ärgerte ihn bereits, dass Drachen noch immer in einem so schlechten Ruf standen, trotz all ihrer Bemühungen in der letzten Zeit.

Er betrat den Badebereich, und der Drache stand ihm unmittelbar gegenüber, wenn auch auf der anderen Seite der Halle. Es war ein Exemplar, das Henry dem Phänotyp »asiatisch – schlangenhaft – Geweihträger« zugeordnet hätte. Tatsächlich waren nicht alle asiatischen Drachen mit einem Geweih ausgestattet, und sie vermuteten einen Geschlechtsdimorphismus – Henry hatte nur weibliche Individuen dieses Typs in seinem Reservat, und sie alle trugen kein Geweih. Ein männliches Individuum aus Ians Reservat dagegen hatte das Geweih. Dieser Bursche hier erhärtete ihre Theorie.

Er war klein, verglichen mit den meisten westlichen Phänotypen. Seine Gestalt war atemberaubend, ähnlich der Mai-Lings, die ihm schon damals die Sprache verschlagen hatte, als er sie zum ersten Mal sah. Er brauchte einen zweiten, dritten und vierten Blick, ehe er das Mädchen neben ihm entdeckte – der Drache hatte schützend das Vorderbein zwischen sie gestellt. Konnte das ein Hinweis darauf sein, dass sie das Band zueinander hatten – eine Bindung über Pheromone, die bei Drachen häufig beobachtet wurde und mit der sie sich aus ungeklärten Gründen Vertraute suchten? Dann war die Situation auf jeden Fall doppelt heikel. Es war erst sein zweiter Einsatz.

Ian trat vor. »Ich grüße euch beide. Ich bin Ian McCord, Vorsteher des Shenandoah-Drachenreservats. Ihr seid Laetitia und Sajian, nicht wahr? Ich bin gekommen, um euch zu helfen.«

*

Laetitia sah Sajian an, dann wieder den Neuankömmling. Konnte das wirklich Ian McCord sein? Ihre Nervosität gegenüber Leuten, die sie verehrte, kam durch, und Sajian neben ihr schien das zu spüren – er spannte sich sichtbar an, wie zum Sprung. »Das ist richtig«, antwortete sie. »Aber es ist alles in Ordnung. Sajian stellt keine Gefahr dar.« Sie hoffte, dass ihre Stimme nicht zitterte. Hatte sie hier wirklich alles im Griff?

»Das sehe ich«, sagte Ian erfreut. »Du bist wohl ein Drachenbändiger. Und der Bewerber, der in mein Reservat kommen will. Scheinbar hast du deine Berufung gefunden. Jemanden wie dich kann ich sehr gut brauchen. Jetzt entspanne dich, damit er sich auch entspannt.«

Sie versuchte es, sah Sajian an, und die Anspannung verschwand im Zusehen aus seinen Gliedern. Konnte er wirklich spüren, was sie spürte? Wie war das möglich?

»Jetzt sag ihm, er soll tief ein- und langsam ausatmen, tu es dabei selbst. Wenn es seine erste Verwandlung ist, kann er die Gestalt nicht lange aufrecht erhalten. Es ist die reine Anspannung, die ihn in dieser Gestalt hält.«

Sie tat wie ihr geheißen, und Sajian machte es ihr nach. Für einen Moment fühlte es sich an, als seien sie ein und dasselbe Wesen, das seine Lungen mit Luft füllte und sie wieder daraus entließ. Beim wiederholten Mal entließen sie nicht nur die Luft, sondern auch etwas anderes, das sich anfühlte, als würde es aus den Zwischenräumen ihrer Zellen gezogen. Irgendwie schmerzhaft, aber gleichzeitig auch erleichternd – wie das Ziehen eines Dorns. Sajian verwandelte sich zurück, was gruselig aussah, fast so, als würde er schmelzen. Er nahm wieder seine andere Gestalt an, schrumpfte auf sie zurück, und übrig blieb sein nackter Menschenkörper, der auf die Seite kippte. Er atmete, aber seine Augen waren geschlossen.

Ian kam zu ihr herüber, und plötzlich war sie wieder die unsichere, rot anlaufende Laetitia. »Das war gute Arbeit, du hattest die Situation im Griff. Da hat wohl jemand ein bestimmtes Buch gelesen.« Er lächelte und schüttelte ihr die Hand. »Schade, dass du nicht sofort mit mir ins Reservat kommst. Du könntest mir nicht nur bei diesem Drachen hier helfen.«

Ihre Stimme sprach schneller als ihr Verstand: »Ich kann sofort mitkommen, wir haben nur noch diese Projektwoche, den Rest kann ich nacharbeiten!«

Ian zog die Augenbrauen hoch, doch er sagte nichts und hob Sajian auf die Arme, um ihn nach draußen zu tragen. »Nun, in dem Fall umso besser für alle Beteiligten. Begleite mich zum Wagen. Wir haben noch zwei weitere Stellen abzufahren.«