Vergangenheit
Vergangenheit
Der gigantische Drache landete inmitten der Lichtung, und erst da erkannte Kena Einzelheiten: Er war schlangenhaft mit kurzen, gedrungenen Beinen und so groß, dass er sich alle vier Drachen, die da vor ihm standen, problemlos nacheinander hätte ins Maul stopfen und herunterschlucken können. Von seinem Schädel erhob sich ein gewaltiges, weitverzweigtes Geweih wie das eines Hirsches, aber so groß, dass es ein ganzes Wohnzimmer eingenommen hätte. Erst jetzt sah Kena noch einen zweiten Drachen ankommen, allerdings fußläufig und so winzig, dass er im Vergleich wie ein Spatz neben einem Elefanten wirkte: Hickory, der angestrengt keuchte und sich schützend vor Helen aufbaute.
Der riesige Drache senkte seinen Schädel über Helen, der fast so groß wie ihr ganzer Körper war, woraufhin sie ein erschrockenes, hohes Kreischen ausstieß, dem er mit einem tiefen Grollen begegnete. Dann tat er etwas, das Kena völlig unerklärlich war: Zuerst leckte er ihr über beide Augen mit einer gespaltenen Zunge, hielt sie dabei fest, als sie zurückweichen wollte. Er umgriff anschließend mit beiden Klauen ihr Maul, wobei sie die fünf Finger erkannte, die einer Hand mit Daumen ähnelten, und öffnete es, um eine große Menge Speichel und Tränen hineinlaufen zu lassen. Dann ließ er ihren Kopf wieder zu Boden sinken, und Helen blieb reglos liegen.
Der gewaltige Drache richtete den Blick auf Jared, dann schraken alle Beteiligten zusammen, als er in perfekt verständlichen Worten sprach: »Vor ein paar Jahren nahm ich jemanden unter meinen Schutz, der es nicht verdient hat. Das bereue ich heute zutiefst.«
Kena kannte diese Stimme – es war eindeutig die von Oda!
»Du hast gegen die Regeln verstoßen«, blaffte Jared. »Du wurdest nur von mir nur so lange in der Siedlung geduldet, wie du deine Drachengestalt nicht annimmst. Du standest unter meinem Schutz, nicht umgekehrt! Dieser Schutz ist hiermit abgelaufen!«
Oda schnaubte und fletschte die Zähne – spitze, scharfe Zähne, von denen jeder die Länge einer Elle hatte. Es war völliger Wahnsinn, sich diesem Wesen zu widersetzen. »Deine Gefolgsleute sollten erfahren, was damals wirklich geschehen ist. Glaub nicht, dass mich deine Spielzeuge beeindrucken. Meine Schuppen sind der Panzer eines Landes, das seit tausenden von Jahren existiert. Ich bin zudem immun gegen Gift – wusstest du das etwa nicht?« Er richtete sich drohend auf, wobei er selbst den größten Drachen des Schwarms deutlich überragte.
»Wovon spricht das Monster, Jared?«, fragte Fera, deren Stimme dabei zitterte.
»Es ist leeres Gerede, das euch verunsichern soll! Er will mich unter Druck setzen, um seine Haut zu retten. Ich habe ihn bis heute in diesem Reservat gedeckt – er wird gesucht, ich allein habe ihn vor seinem verdienten Schicksal bewahrt!«
»Wovon um alles in der Welt sprecht ihr?«, schrie Leland. »Und warum kann dieser Drache reden?«
»Euer Jared wurde von den anderen Bewohnern der Siedlung behandelt wie ein Mensch vierter Klasse, was absolut verurteilenswert ist. Ich habe ihn zu mir genommen und geholfen, sich zu etablieren als unser Vorsteher. Er schien uns gut zu tun. Eines Tages aber kam eine Frau namens Helen Wishbone zu uns. Die, die dir das Bein abgebissen hat, als sie zum Drachen wurde. So erzählst du es den Neuen, nicht wahr? Und sie glauben dir.«
»Es ist also nicht wahr?«, fragte John.
Kena starrte ihn an. »Du weißt davon?« Sie hatte geglaubt, dass er es nur ihr allein anvertraut hätte.
»Es ist nicht wahr«, behauptete Oda. »Er hat…«
»Halt dein verlogenes Maul, Oda!«, schrie Jared.
Der Drache blieb gefährlich ruhig und senkte den Kopf zu ihm hinunter. »Mein Name ist nicht Oda. Ich heiße Daisuke Miyamoto, auch bekannt unter dem Namen Nahender Regen im Frühling . Oda war nur mein Deckname. Auch etwas, das du nicht wusstest.«
»Miyamoto? Ist das nicht der Name dieses milliardenschweren Videospielkonzerns aus Japan?«, fragte Kena.
»In der Tat«, bestätigte der Drache namens Daisuke. »Ich bin das, was man einen Japanischen Long nennt. Ich kam in die Staaten, um ein freies Leben zu führen, fernab vom Druck der japanischen Gesellschaft und meiner Familie, zusammen mit meiner Schwester Akiko, die sich in einen Amerikaner verliebte und von ihm ein Kind bekam – ein Frevel. Wir legten unsere Namen ab, wollten ein bürgerliches Leben führen, doch alles kam anders. Unsere Natur brachte… Leute auf den Plan. Sie entführten Akiko und töteten sie, genau wie ihre Tochter. Ich flüchtete hier her, um meinen Verlust und meine offenkundige Fehlentscheidung zu bedauern. Der damalige Vorsteher nahm mich auf und half mir, unterzutauchen. Ich habe nie meine Drachengestalt angenommen, um mich nicht zu verraten und keine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Jared… kam als verunsicherter Junge hier her, wenn er auch damals schon ein ziemliches Großmaul war – und ein fehlendes Bein hatte, das ihm die ungerechtfertigten Hänseleien einbrockte, weil ihm niemand etwas zutraute. Nachdem er zum neuen Vorsteher wurde, hielt er mich mit der ständigen Drohung der Auslieferung an der kurzen Leine. Bis heute, du kleiner Bastard. Ich habe lange genug geschwiegen. Sag ihnen, was du damals getan hast!« Er knurrte fordernd.
»Du hast nicht das Recht, irgendwas von mir zu fordern!«, bellte Jared.
Daisuke stieß vor, und alle sprangen zur Seite. Jared schoss, und der Bolzen hätte ihn aus dieser Nähe sicherlich in die Schnauze getroffen – doch er wischte ihn mit einem blitzschnellen Flügelschlag beiseite. »Du glaubst, dein Spielzeug hat eine Chance gegen einen Long? Ein Mitglied des japanischen Adelsgeschlechts, das im Boden- und Luftkampf ausgebildet wurde seit es zwei Jahre alt ist?« Er schlug so schnell mit dem Maul zu, dass niemand der Bewegung hätte ausweichen können; Splitter flogen, als er den Kopf herumwarf, und dann nagelte er ihn mit seiner fünffingrigen Klaue auf dem Boden fest. »Sag es! Sie sollen es von dir hören!«
»Ich habe sie vergewaltigt! Bist du jetzt zufrieden?!«, brüllte er.
»Was?«, entfuhr es allen Jugendlichen gleichzeitig.
»Sag, dass das nicht wahr ist!«, verlangte John fassungslos.
»Es ist wahr«, antwortete Daisuke an seiner statt. »Sie kamen zusammen, und er schlug und misshandelte sie. Als er sie schließlich missbrauchte, triggerte das ihre Verwandlung.«
»Deshalb hat sie alle Männer angegriffen«, erkannte Kena, für die plötzlich alles Sinn ergab.
»Du bist ungestraft davongekommen, indem du andere mit Druck und Angst manipuliert hast, und du hast es auch bei diesen Kindern getan. Ich habe zugesehen. Die ganze Zeit über. Damit habe ich mich mit schuldig gemacht, aber jetzt ist Schluss. Wenn mich das meinen Kopf kostet, betrachte ich es als gerechte Strafe. Außerdem… wurdest du gestern dreißig, richtig? Ein Long vergisst nur wenig. Du wolltest Klarschiff machen, bevor sie dich rauswerfen, damit sie niemals darüber sprechen kann, sollte sie unter Ians Zuwendung jemals Kontrolle über ihre Gestalt und Erinnerungen erlangen. Du wolltest dein Geheimnis mit ihr begraben.«
Das Geräusch eines Autos war zu hören, und ein Geländewagen durchschnitt die Dunkelheit mit seinem Scheinwerferlicht. Wenig später hielt der Wagen in der Nähe, und Ian stieg aus. »Was ist hier geschehen?«, verlangte er zu wissen.
»Das darf er dir gern selbst erzählen«, sagte Daisuke und übte Druck mit seinen Klauen auf Jared aus.
»Ich habe sie vergewaltigt, verdammt! Ich habe Helen vergewaltigt, und ich wollte sie umbringen! Nun mach schon, töte mich endlich! Darauf hast du doch nur gewartet!«
»Du bist ab jetzt das Problem der menschlichen Gesellschaft und ihrer Behörden. Verpfeif’ mich ruhig an irgendeinen Drachentöter, sobald du draußen bist, ich erwarte sie alle und bin bereit, den Platz bei meiner Schwester und Nichte einzunehmen – nachdem ich sie alle zur Hölle geschickt habe.«
Ian zögerte, kam dann aber doch zu Helen hinüber, großzügig Abstand haltend. Die anderen Drachen machten ihm wider Erwarten Platz – sie alle kauerten sich ängstlich in der Präsenz dieses gewaltigen Wesens zusammen. Kurz darauf schrumpfte ihr Körper wieder auf die Größe eines Menschen zurück – sie wurde zu einer unerwartet hübschen, hellhäutigen Frau mit langen, dunklen Haaren. »Ich bringe sie in die Siedlung. Was dich angeht«, sagte er zu Jared, »wirst du morgen früh von der Polizei abgeholt. Bis dahin ist Daisuke sicherlich so freundlich, dich zu bewachen.«
Hickory verwandelte sich unter zitternden Gliedmaßen zurück. »Ich kann sie tragen«, keuchte er.
»Du trägst dich besser selbst. Steigt ein, ihr vier auch, wenn es sein muss auf die Ladefläche. Mit euch habe ich noch zu reden«, sagte Ian streng, und keiner von ihnen zögerte, der Aufforderung nachzukommen. Sogar die anderen Drachen folgten dem Wagen, als er sich in Bewegung setzte, einschließlich Daisuke, der Jared in den Klauen zurückbrachte.