Esra
Esra
Unter der Drachenbluttherapie besserte sich Katsuyas Befinden im Zusehen. Er hatte sogar wieder Appetit und aß sein komplettes Frühstück, als sie an diesem Morgen kam, um Jake abzulösen.
»Keine Vorkommnisse in der letzten Nacht, er hat ruhig geschlafen, genau wie ich«, berichtete Jake. »Kein Fieber mehr, kein Nachtschweiß, Blutwerte deutlich gebessert und fast wieder wie beim Gesunden.« Er lächelte ihm glücklich zu.
»Schön zu hören. Jetzt geh, du hast auch ein bisschen Ruhe nötig, ohne Bereitschaftsdienst im Nacken.« Sie setzte sich zu Katsuya ans Bett, nachdem Jake gegangen war. »Ich bin so erleichtert. Es ist das Schönste an diesem Beruf, einem Patienten zu helfen.« Sie vermutete, dass nicht nur die Behandlung seinen Zustand verbessert hatte, sondern auch das Gespräch mit seinen Eltern. Es war ein Risiko gewesen, aber ihn nun so erleichtert zu sehen war es in ihren Augen wert. Sie dachte, dass die Laboruntersuchungen, die Watanabe in Auftrag gegeben hatte, nicht weniger risikoreich waren. Manchmal musste man Risiken eingehen. Mittlerweile hatten sie die Ergebnisse und eine gesicherte CML-Diagnose, weshalb sie ihm zwingend Cerebrosinx verabreichen mussten, um die Krankheit in Schach zu halten. »Du weißt es sicher schon von Jake: Watanabe hat deine epidurale Behandlung mit Cerebrosinx für heute angesetzt, da sich dein Zustand hinreichend gebessert hat. Bist du bereit dafür?«
Katsuya schluckte. »Wird das wehtun?« Er wich ihr aus, schämte sich wohl im Nachhinein für die Frage. »Ich war oft dabei, wenn den anderen Liquor entnommen wurde. Das sah so… schmerzhaft aus.«
Sie lächelte. »Es ist halb so wild. Wir werden es dir epidural-sakral verabreichen, das heißt, wir verwenden eine natürliche Öffnung in deinem Steißbeinknochen. Es kann auf diese Weise in den Rückenmarkskanal eingebracht werden, von dort sollte es deine Blutzellbildung normalisieren. Es besteht zu einem Teil selbst aus Stammzellen, die vom Organismus nur noch an den richtigen Ort gebracht werden müssen.«
»Klingt… überzeugend.« Sie sah ihm an, dass er ihren Ausführungen nicht folgen konnte.
»Es wird alles gut, ich bin die ganze Zeit bei dir. Jetzt ruh dich noch ein wenig aus, bis es losgeht.«
Er meldete keine weiteren Bedenken an. Weniger als eine halbe Stunde später betrat Watanabe bereits den Raum. »Guten Morgen«, sagte er erfreut. »Bereit?«
Katsuya saß sofort aufrecht und sah alles andere als bereit aus. »Ähm, ich… ich…«
»Nur keine Sorge, es wird nichts Schlimmes passieren – sonst wären Leute nicht bereit, einhunderttausend Dollar für eine solche Behandlung zu zahlen«, erwiderte er.
»Einhundert…?«, fragte er entsetzt. »Ist das wirklich so teuer?«
»Mittlerweile noch teurer – es gibt seit dem Skandal und der Drachenrechtsbewegung kaum noch Krankenhäuser, die mit solchen Machenschaften in Verbindung gebracht werden wollen und eine Behandlung anbieten. Und die, die es wollen, finden oft nicht das nötige Material auf dem öffentlichen Markt. Schwarzmarktgeschäfte sind immer heikel, weil man nie weiß, ob man übers Ohr gehauen wird oder in den Knast wandert. Wir sind daher eine gute Quelle, aber wir produzieren natürlich nicht genug für den kompletten Markt – und offiziell sind wir auch nur Bezieher aus Fernost, ansonsten würde es auffallen. Jetzt komm mit.«
Er sah sich hilfesuchend zu Esra um, dann stand er mit ihrer Hilfe auf und setzte sich zögernd in Bewegung.
Sie durchquerten die langen kahlen Gänge im unterirdischen Teil der Anlage, begleitet vom Surren der Deckenlampen. Esra konnte sich denken, wie verstörend das auf jemanden wirkte, der an diesem Ort eine medizinische Behandlung bekommen sollte – auch wenn er natürlich schon öfter hier gewesen war, um dabei zu helfen. Ihr fiel auf, dass in die Wände, von denen teils der Putz abgebröckelt war, immer wieder Rahmen in regelmäßigen Abständen eingelassen und mit neuem Putz versiegelt worden waren. Diese Rahmen wiesen Düsen auf, fast wie Duschköpfe. Sie waren ihr bisher nicht aufgefallen, allerdings gehörte sie üblicherweise auch nicht zum Personal, das bei Eingriffen eingesetzt wurde.
Sie durchquerten noch mehr Gänge, bis sie irgendwann an eine Metalltür kamen, die durch eine Zahlenkombination am elektronischen Schloss entriegelt wurde. Wieder fragte sich Esra, ob es diese schon immer gegeben hatte.
Die Tür öffnete sich, und sie traten in einen deutlich ansehnlicheren Raum – weißblau gefliest, mit Waschbecken an einer Seite und einer weiteren, nicht verriegelten Tür am anderen Ende. »Geh schonmal rein, Hiroki ist bereits da und wird uns assistieren. Fass aber nichts an, es ist alles steril. Leg dich einfach bäuchlings auf den Tisch, wir kommen sofort nach.«
»I-ich warte lieber«, sagte er bestimmt. Er fühlte sich sichtlich unwohl.
Watanabe lächelte. »Dass immer alle Angst vor der Nadel haben. Na schön, dann kannst du uns beim Anziehen helfen. Wichtig ist, dass wir steril bleiben, aber das weißt du ja.« Katsuya half ihnen nach der gründlichen Waschung, sich steril einzukleiden, und dann öffnete er ihnen die Tür, um sie in den Raum einzulassen.
Hiroki war tatsächlich bereits dort und hatte das nötige Instrumentarium auf einem mit sterilem grünen Tuch bedeckten Tisch bereitgelegt. Er selbst war nicht steril eingekleidet. »Leg dich da hin.« Hiroki deutete auf eine schwarzen Liege, und Katsuya tat wie ihm geheißen.
Hiroki legte ihm ein Kissen unters Becken und zog die Hose ein Stück herunter, sodass nur die Steißregion freilag, dann begann er mit der Desinfektion. »Es wird nur einen kleinen Stich geben, du wirst es vermutlich gar nicht mitbekommen.« Er breitete ein weiteres grünes Tuch über seinem Unterleib aus, das nur die Steißregion freiließ. »Bereit, Doc.«
Watanabe nahm die vorbereitete Spritze von Hiroki entgegen, und Esra war erleichtert, dass Katsuya die Nadel nicht sah – sie war so lang und dick, dass selbst sie kurz durchatmen musste. Die Spritze fasste zwanzig Milliliter und war mit einem klaren, bernsteinfarbenen Serum gefüllt. »So, dann wollen wir mal. Gleich hast du’s geschafft.« Er tastete mit seiner behandschuhten Hand am Steiß, bis er gefunden hatte, wonach er suchte, und ließ auch Esra einmal tasten – ein kleine knöcherne Kuhle. »So, jetzt wird es ein wenig pieksen.« Er setzte die Nadel an und schob sie unter die Haut. Katsuya zuckte und murrte kurz, und da waren auch schon Hiroki und Esra bei ihm, um eine Hand auf seine Schulterblätter zu legen, sowohl um ihn zu beruhigen als auch unten zu halten.
»Entspann dich, ich bin schon drin. Das kann jetzt etwas brennen.« Er injizierte langsam den kompletten Inhalt, dann zog er die Nadel wieder heraus, entfernte das sterile Tuch und klebte Tupfer und Pflaster über die Stelle. »Das hast du toll gemacht«, lobte er, zog einen Handschuh aus und strich ihm über die Haare. »Lass das Pflaster noch ein wenig drauf und leg dich hin, damit sich das Medikament schnell überall im Spinalkanal verteilen kann.«
Katsuya setzte sich auf und rieb sich die Stelle, dann sah er so erleichtert aus, dass Esra warm ums Herz wurde.
»Na komm, bringen wir dich zurück in dein Zimmer.« Esra begleitete ihn, während Hiroki und Watanabe den Raum säuberten. »War es schlimm?«
»Nicht so, wie ich dachte«, sagte er. »Wenn das Mittel wirklich so viel kostet, war es wenig genug, was ich aushalten musste. Wir hätten das Zeug verkaufen können«, erwiderte er zerknirscht.
»Kenji würde nie Geschäfte über das Wohl seiner Schützlinge stellen. Dessen kannst du dir absolut sicher sein.« Sie schritten erneut durch die seltsamen Rahmen, die in die Gänge eingelassen waren, und diesmal blieb Esra stehen, um sie genauer in Augenschein zu nehmen. Tatsächlich hatten nicht alle davon Düsen – einige wiesen tiefe Aussparungen auf, wie Öffnungen für Schrauben, aber ohne Gewinde. »Was sind das für Rahmen? Waren die schon immer hier?«
»Ich habe, seit ich auf der Krankenstation liege, immer mal Leute hier runtergehen sehen, und es war Baulärm zu hören. Als ich zuletzt im OP ausgeholfen habe, waren die noch nicht da, glaube ich.«
»Dann sind sie wohl wirklich neu hinzugefügt worden. Nur wozu?«
»Jake meinte, die dienen wohl als Sicherungen, damit die Gänge besseren Halt im Fall von Erdbeben oder so haben.«
»Verstehe«, sagte sie gedankenverloren und winkte ihn weiter. »Gehen wir zurück.«