Drachenbeschützer
Drachenbeschützer
Kenji machte sich nach getaner Arbeit auf den Weg in die oberste Etage, um sich zu besprechen. In seinem Büro warteten Lao, Hiroki und eine Person auf ihn, die nur selten aus dem Schatten trat und dem Großteil der Leute hier unbekannt sein durfte: Junichiro, ein ehemaliger Mediziner, der vor ihm aus dem Geschäft ausgestiegen war, obwohl er auf rein pharmazeutischer Ebene mit den Endprodukten gearbeitet hatte. Aber natürlich wusste er, woher die Endprodukte stammten. Er hatte die pharmazeutische Leitung übernommen mit seinem Wissen um Lagerung und Verarbeitung des Cerebrosinx. Seine Augen waren sanft und freundlich, aber hinter ihnen steckte ein intelligenter, skrupelloser Geist, der nicht gezögert hatte, als Kenji ihn über den Auftrag unterrichtete, der nun Gegenstand der Diskussion war.
»Weihst du mich etwa auch in deine Machenschaften ein? Wie nobel«, höhnte Lao und musterte ihn mit scharfem Blick. »Ich gehe davon aus, dein Sohn weiß längst ebenfalls Bescheid«, womit er Hiroki meinte, dem diese Bezeichnung seinem Gesichtsausdruck nach gefiel.
»Ich weihe dich ein, weil ich mehr Leute an meiner Seite brauche, wenn es zum Äußersten kommt«, erklärte Kenji nüchtern.
»Das da wäre?«, fragte Lao.
»Was wohl«, erwiderte Junichiro. »Dass unser Schein auffliegt und eine Razzia durch wen auch immer beginnt. So wie’s aussieht, stehen wir kurz davor. Schon wieder. War eine Frage der Zeit.«
Lao straffte sich alarmiert.
»Ich hatte heute morgen eine E-Mail im Postfach«, erwiderte Kenji. »Der Verfasser gibt sich als ein Sebastian Castleton zu erkennen – Sajians Vater.«
»Adoptivvater«, korrigierte Lao sofort, und Hiroki legte den Kopf schief, unterzog ihn einer genauen Musterung, sagte jedoch nichts.
»Er glaubt zu wissen, dass Sajian hier ist, und hat mir ein Ultimatum gestellt: Wenn ich ihn nicht innerhalb einer Woche ausliefere, wird er den Gouverneur auf diese Einrichtung ansetzen und sie räumen lassen. Er erklärte auch, dass er weiß, dass wir illegal Drachen beherbergen.« Kenji sah auffordernd in die Runde.
»Faszinierend«, griff Junichiro den Faden auf. »Wenn er sich so sicher damit ist und so viele Freunde in höheren Kreisen hat, warum lässt er sie nicht sofort hier einfallen, ohne uns vorzuwarnen? So gibt er uns Zeit, alles zu vertuschen, nicht wahr? Was bezweckt er also?«
»Er wird uns während dieser Zeit genau beobachten«, merkte Hiroki an. »Vermutlich sind wir aufgeflogen durch unsere Bestellungen – dieser Castleton ist immerhin beteiligt an Unternehmen, aus denen wir unsere Waren beziehen, und das sind Waren, die ein gewöhnliches pharmazeutisches Unternehmen nicht braucht. Ganz davon zu schweigen, dass wir so ziemlich das einzige pharmazeutische Unternehmen im Umkreis sind, an dem er nicht irgendwie mitwirkt.«
»Wir haben unsere Spuren im Inland mit verschiedenen Adressen und Scheinfirmen verwischt«, gab Lao zu bedenken. »Eher noch ist es aufgeflogen durch die ausländische Scheinfirma, von der wir vorgeben, unser Cerebrosinx zu beziehen. Bei einer so umkämpften Ware haben sicherlich schon andere versucht, die Quelle anzuzapfen, nur um festzustellen, dass sie nicht existiert.«
Stille herrschte daraufhin, bis Kenji sagte: »Wichtig ist, dass dieser Castleton sich freiwillig oder unfreiwillig selbst offenbart hat: Wenn er wirklich so viele Freunde in höheren Kreisen hätte, dann hätte er uns ohne Vorwarnung überfallen. Seine Mail lässt vermuten, dass er sich genau davor scheut. Vielleicht, weil er keinen Mittelsmann bei der Drachenbehörde hat. Hätte er einen, könnte er ganz legal sämtliche Drachen in Gewahrsam nehmen und bekäme seinen Sohn mit sauberen Händen zurück. Gehen wir aber von unserer Vermutung aus, dann würde die Drachenbehörde Sajian ins Shenandoah-Reservat zurückbringen, und dort hätte er wiederum keinerlei Handhabe, wenn wir Esra glauben, was diesen McCord angeht.«
»Castleton fürchtet sich also davor, ihn ans Shenandoah zu verlieren, und will ihn von uns erpressen«, schloss Lao. »Der Weg des geringeren Widerstands.«
»Es war noch ein Anhang in der Mail«, fügte Kenji hinzu. »Eine echt aussehende Urkunde, dass Sajians Überführung ins Kootenay-Reservat in Kanada stattgegeben wurde – ein Reservat, das bekannt ist für schwarze Geschäfte.«
»Für Drachen ist Kanada wildes Land – sie können einerseits relativ unbehelligt in der Wildnis leben oder aber in solchen Einrichtungen landen, wo sie noch weniger geschützt sind als in den USA«, warf Lao dazwischen. »Aber das macht unsere Theorie zunichte. Wenn dieses Papier hieb- und stichfest ist, warum zinkt er uns nicht doch offiziell an und wartet ab, bis sein Sohn in irgendeinem Reservat auftaucht, von dem aus er ihn bequem überführen könnte? Irgendetwas muss ich übersehen.«
»Dieses Dokument ist tatsächlich nicht in allen Staaten hieb- und stichfest«, gab Junichiro zu bedenken. »Virginia gehört neben North Carolina, Montana, Wyoming, Idaho und Texas zu den Staaten, in denen es Vorstehern freigestellt ist, solchen Ersuchen zu entsprechen. Das hat den Hintergrund, dass Reservate dort als Privatgrundstücke gelten und damit auch Privatrecht vorherrscht – selbst die Drachenbehörde hat dann keine Kenntnis darüber, was in diesen Reservaten vor sich geht, und bekommt nur dann und wann Rückmeldungen über die Anzahl an Drachen und Blütigen, ohne dass aber Kontrollen erfolgen. Es ist ein wenig reguliertes und kaum reglementiertes System, zumal die Behörde chronisch unterbesetzt ist. Wenn dieser McCord sich weigern sollte, Sajian herauszugeben, kann Castleton das Papier nehmen und sich den Arsch damit abwischen. Selbst, wenn er McCord aufsuchen würde, kann dieser sich daraufhin bei den Behörden melden. Bis zu einem Umkreis von… ich glaube zehn Meilen hat sich die Zivilbevölkerung von Reservaten fernzuhalten. Da besteht für ihn keine Ausnahme. Das wird er wissen und ich hoffe, McCord weiß es auch.«
Lao wurde sichtlich aufmerksam.
»Dann will er uns wirklich zum Handeln zwingen. Er will Sajian zurück, ohne dass er im Bürokratiedschungel verlorengeht«, äußerte Hiroki. Kenji rieb sich übers Gesicht.
»Er wird ihn nicht zurückbekommen, dafür sorge ich«, sagte Lao nachdrücklich.
»Die Frage ist, wie wir mit dieser Drohung umgehen«, stellte Kenji klar. »Castleton ist nicht zu unterschätzen; er kann womöglich den Tod aller Drachen bedeuten, die wir hier beherbergen.«
»Das Sicherste wäre es wohl, sie schnellstens von hier wegzubringen – aber genau darauf wird er lauern«, sagte Hiroki. »Satelliten überwachen jeden Meter, und in den Wäldern gibt es Wildtierkameras. Wenn wir uns auf sein Spiel einlassen, wird er vermutlich mit einer persönlichen Garde anrücken. Dann könnten wir ihn empfangen.« Sein Gesicht wurde hart. »Er ist es, oder? Der Hintermann dieser zerstörten Einrichtung in West-Virginia, die Hybriden züchten wollte. Er trat nirgendwo namentlich in Erscheinung, aber der Träger, der im Impressum stand, war lediglich eine Briefkastenadresse im Ausland.« Er zögerte. »Wissen wir denn, woher Sajian adoptiert wurde?«
»Ja«, sagte Lao. »Aus eben dieser Einrichtung, bevor sie hochging.«
»Woher weißt du das?«, fragte Junichiro argwöhnisch.
»Ich habe meine eigenen Nachforschungen angestellt«, antwortete Lao ausweichend.
Kenji sah ihn an. »Wir können es uns nicht leisten, einen Menschen von so hohem Einfluss etwas zustoßen zu lassen.«
»Du und ihr anderen vielleicht nicht. Ich schon.« Laos Augen waren eiskalt, als er ihr aller Blick begegnete. »Meine Frau und Tochter sind tot. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Diese Welt ist von Monstern bevölkert, und manchmal braucht es ein weiteres Monster, um sie zu vernichten.«
»In dem Fall hätte ich eine Aufgabe für dich«, sagte Kenji kalt.
»Ich höre«, war Laos Antwort.