Ian
Ian
Er bettete die bewusstlose Helen auf die Liege in seinem Behandlungszimmer und legte ihr zur Sicherheit ein Geschirr um Hals und Brust, das ihre Verwandlung verhinderte. Anschließend untersuchte er sie gründlich, während Hickory schweratmend neben ihm saß; er weigerte sich trotz seiner Schwäche, von ihrer Seite zu weichen.
»Ich weiß wie es ist, vergiftet zu sein. Erstaunlich, dass es sie so mitnimmt – immerhin produziert ihr Körper ebenfalls welches, oder verstoffwechselt es zumindest.«
»Sie hat den Hemlock eingeatmet; in den Atemwegen wirkt es stark reizend, und die Menge, die sie regulär zur Giftproduktion benötigt, könnte geringer ausfallen als die, die ihr von außen zugeführt wurde.« Er legte eine Hand auf ihre Stirn, woraufhin sie murrte. »Ist schon gut, Liebes, du bist in Sicherheit. Ich würde dir wirklich gern einen weiblichen Arzt schicken, aber leider gibt es nur mich.« Er hörte Herz und Lunge ab, maß Puls und Blutdruck und legte ihr einen Zugang für Infusionen in den Unterarm.
»Ist eine verdammte Sauerei, was Jared mit ihr getan hat. Ich hab es nichtmal geahnt. Am Liebsten würde ich ihn in Stücke reißen und…«, knurrte Hickory mühsam beherrscht.
»Ich auch«, unterbrach ihn Ian, »aber wir sind keine Mörder. Ich bin ein Erhalter. Richten ist die Aufgabe anderer.« Er breitete zwei Decken über ihr aus, damit sie nicht fror. »Sie ist kreislaufstabil und braucht jetzt viel Ruhe.«
»Ich bleibe bei ihr«, stellte Hickory klar, und Ian holte einen Schlafsack herein, um ihn im Zimmer auszubreiten.
»Tu das. Ich würde allerdings Grace als erstes Gesicht empfehlen, das sie nach dem Aufwachen sieht. Sie… dürfte auf Männer angespannt reagieren, selbst wenn sie ihr nichts getan haben. Ich habe leider keine Ahnung von Traumatherapie«, gestand er.
»Ich halte mich von ihr fern, aber ich will sichergehen, dass es ihr gut geht. Sie… ist so viel hilfloser in dieser Gestalt.« Er betrachtete sie voller Sorge. Der kleine, dünne Menschenkörper ließ nicht im Entferntesten auf die große, muskulöse Drachengestalt schließen.
»Ich schicke Grace zu dir. Schlaft alle ein wenig, ihr braucht es.«
Ian trat nach draußen; inzwischen schob sich eine wunderschöne Morgendämmerung aus dunklem Blau und zartem Orangegelb über die Weiten des Reservats und beleuchtete die Drachenkörper unterhalb des Grenzzauns. Es war gefährlich, zu ihnen hinabzusteigen – aber sie waren ohne ihren Alpha, verwirrt und verletzt, und vielleicht hielten sie sich an Daisuke, bis Helen wieder zu ihnen stieß. Tatsächlich war der überirdisch große goldene Long-Drache mit den schwarzumrandeten Schuppen hellwach, als er in den Paddocks ankam. Seine Schuppen schillerten wie eine fernöstliche Rüstung, und Ian konnte nicht umhin, ihn nun in seiner ganzen Pracht zu bewundern – er schätzte ihn auf vielleicht fünfzig Meter von Kopf bis Schwanz. Von seinem Nacken und der Schwanzspitze standen lange, federartige Schuppen ab, und sein ausladendes Geweiht glänzte wie Elfenbein im Sonnenlicht. Daisuke bewachte das Paddock am äußeren Rand, wo Jared mangels eines anderen sicheren Gefängnisses eingesperrt war.
»Wird sie wieder gesund?«, fragte Daisuke, ohne ihn anzusehen, als er zu ihm hinaustrat. Sein Blick war auf die Drachen gerichtet, die sich in einiger Entfernung zu bunten Kugeln zusammengerollt hatten. Keiner beachtete ihn, entgegen Ians Hoffnung.
»Sie ist stabil und braucht jetzt vor allem Ruhe. Ich denke, körperlich wird sie vollständig genesen. Danke für deine Hilfe. Du… warst nicht verpflichtet einzugreifen.«
Er schnaubte.
»Du hast lange Zeit geschwiegen über das, was passiert ist. Und du wolltest nie etwas mit den anderen Drachen zu tun haben. Ständig bist du allen und jedem aus dem Weg gegangen und hast nur für dich existiert. Dachtest oder denkst du, dass die anderen Drachen Tiere sind?«, fragte Ian. »Anders als du?«
Daisuke brummte und zuckte mit den gewaltigen Flügeln. »Es ist nicht einfach, die Dinge zu vergessen, die einem seine ganze Kindheit und Jugend über eingetrichtert wurden. Westliche Drachen sind nicht mehr als Schlangen oder Ungeziefer. Sie jagen, bekämpfen sich mit Krallen und Zähnen, fressen rohes Fleisch und hausen in Erdhöhlen. Selbst die gesitteten und am nächsten an unserer Blutlinie befindlichen Mischlinge aus Drache und Mensch sind bereits ein Makel in jedem Familienstammbaum. Kannst du es mir also übel nehmen, dass ich diese Dinge geglaubt habe? Ich bin ein Mann, der seine Familie und alles, was er kannte, zurückgelassen hat und in ein fernes, barbarisches Land ausgewandert ist, aufgrund des ständigen gesellschaftlichen Drucks und aus Liebe zu seiner mittlerweile toten Schwester und deren ebenfalls toter Tochter. Ich bin in tiefer Trauer, noch immer, trotz der langen Zeit. Meine Nichte, ein Drachenmischling, hat mein Denken stärker ins Wandeln gebracht als sogar meine Schwester mit ihrem menschlichen Ehemann. Ich… wollte alles hinter mir lassen und mit der Vergangenheit abschließen, hier in Ruhe vor mich hin faulen, bis mich der Tod aus diesem Dasein erlöst. Ich hatte nicht einmal mehr den Antrieb zum Selbstmord. Hatte immer gehofft, doch noch einen Sinn in meinem Dasein zu finden nach all dem, was ich auf mich genommen habe. Was sie erdulden mussten. Es musste einfach Bedeutung haben. Dieser Sinn kam schließlich, aber es war der Falsche.«
»Jared«, erkannte Ian. »Du hast ihn unter deine Fittiche genommen. Das hab ich nicht gewusst.«
»Er war so hilflos und verloren, als er hier ankam. Ein ungeliebter, ungewollter Junge, dem niemand aufgrund seiner Behinderung irgendetwas zugetraut hat. Sie haben ihn niedergemacht, als hoffnungslos und Krüppel bezeichnet. Ich hätte nie erwartet, dass dieser Mensch mich einmal so in Ketten legen könnte. Aber ich hatte selbst Angst vor dem, was mit drohte: Eingelegt in Schnaps, an den Wänden irgendwelcher Großwildjäger verewigt, reduziert auf meine Einzelteile oder missbraucht als Samenspender, um Drachenmischlinge für die Pharmaindustrie und den Markt mit Kindern herzustellen. Es wäre besser gewesen zu sterben, aber ich… wollte nicht sterben. Nicht so. Es ist selbstsüchtig gewesen, aber irgendein Teil von mir wollte leben für die Erfüllung meines Schicksals, das der Himmel jedem Long zugedacht hat. Unsere Leben gehören nicht uns, sondern Amaterasu. Sie entscheidet über uns, und sie hat nicht entschieden, mich gehen zu lassen. Ich dachte, vielleicht ist es meine Bestimmung, für dieses Kind zu sorgen, so unbedeutend es mir auch erschien. Für das Universum sind wir schließlich alle unbedeutend.«
»Du hast für Gerechtigkeit gesorgt, wo nur du es konntest. Bei mir bist du sicher, das schwöre ich dir. Ich bin der Vorsteher, nicht Jared. Es ist mein Reservat, nicht Jareds. Ich kämpfe für die Drachen, die mir anvertraut wurden.«
»Sajian haben sie weggeholt«, erwiderte Daisuke bitter. »Er… sah ein bisschen aus wie meine Schwester. Vermutlich ist es nur Zufall, denn die japanisch-stämmigen Drachen haben verzweigte Familien, aber… es hat mich belastet ihn zu sehen. Und noch mehr, dass er nicht mehr da ist.«
»Er ist in Sicherheit«, bekräftigte Ian.
»In den USA ist man als Drache niemals sicher. Sobald Geld ins Spiel kommt, werden Menschen zu Ungeheuern. Ja, ich habe manches mitgehört, wenn ich an den Grenzzaun getreten bin oder Spaziergänge unternommen habe. Und ich habe ein gutes Gehör, wie alle Drachen.«
»Sie sind bei jemandem, dem ich vertraue«, erwiderte Ian. »Jemandem, der mit mir zusammengearbeitet hat. Verzeih, dich zu unterbrechen, aber ich muss jetzt nach Prims sehen. Ihre Schnauze ist verletzt.«
»Sie hat sich verwandelt und sämtliche Bolzen abgestoßen, ebenso der Rest von ihnen. Der Angriff war nicht besonders gut ausgeführt, ein Krieg mit Holzstöcken gegen Windmühlen. Lass sie schlafen nach all der Aufregung«, sagte Daisuke.
»Als harmlosen Krieg mit Holzstöcken würde ich das, was sich da draußen abgespielt hat, nicht bezeichnen. Es war ein heimtückischer Angriff mit Gift – der natürlichen Schwachstelle der meisten Drachen. Wir hatten Glück, dass nicht mehr passiert ist. Jared war bereit zu töten. Das ist kein Kavaliersdelikt.«
»Er wird bald der Gerichtsbarkeit überstellt, und diese wird ihn aus Mangel an Beweisen freilassen, denn die Begründung, dass er nur Drachen angegriffen hat, würde einigen in der Bevölkerung mittlerweile bestimmt sauer aufstoßen. Geh auch du noch ein bisschen schlafen. Ich bewache Jared. Er wird keinen Fuß mehr in dieses Reservat setzen.«