Sajian
Sajian
Obwohl Laetitia mittlerweile täglich mit ihm übte, wollte sich die Drachengestalt einfach kein zweites Mal bei ihr einstellen, ganz egal, was sie auch versuchten. »Vielleicht war das bei dir so eine Art one time wonder«, mutmaßte Sajian an diesem Nachmittag nachdenklich. »Ich weiß langsam echt nicht mehr, was wir noch probieren könnten. Ob es wohl Drachen gibt, die sich nur einmal verwandeln und dann nie wieder? Oda soll ja sowas in der Art sein.«
»Oda trägt ein Geschirr, um sich nicht zu verwandeln«, hielt sie dagegen und wurde nachdenklich. »Wenn niemand von meiner einmaligen Verwandlung erfährt und sie nie wieder auftritt, bin ich doch faktisch ein Mensch, oder? Vielleicht ist das verbreiteter als man denkt – es wird ja bei allen Gerüchten um die Reservate niemand freiwillig zugeben, dass er vor Jahren mal zum Drachen geworden ist, sofern er überhaupt Erinnerungen daran hat. Wäre niemand bei mir gewesen, wüsste ich ja auch von nichts. Ich hätte mich nach meiner Bewusstlosigkeit wohl nur gewundert, warum ich nackt irgendwo auf dem Boden liege. Vielleicht war es ja nicht mal meine erste Verwandlung.« Sie hielt inne, als ihr plötzlich eine Eingebung kam. »Was, wenn jeder Amerikaner einmal in seinem Leben Drachengestalt annimmt und es nur nicht bei jedem Zeugen oder Erinnerungen daran gibt? Es heißt doch, Drachengene seien sehr weit verbreitet in unserer Bevölkerung und völlig unauffällige Menschen können plötzlich wandlungsfähige Kinder hervorbringen. Ist die Annahme dann so abwegig?«
»Durchaus nicht, denke ich«, erwiderte Sajian. »Aber man wird es wohl nicht beweisen können. Dazu müssten alle Menschen dauerüberwacht werden. Ich für meinen Teil werde dichthalten, wenn ich über dich ausgefragt werde. Du… solltest die Chance erhalten, in die Gesellschaft zurückzukehren. Zu deiner Mutter und Schwester.«
»Und du verdienst es, für den Rest deines Lebens in diesem Betonklotz zu versauern?« Sie sah sich in ihrem gemeinsamen Zimmer um. »Das hier ist schlimmer als jedes Gefängnis! Ich vermisse die Paddocks, und das, obwohl ich sie anfangs gehasst hab. Jeder Gitterkäfig im Freien ist immer noch bedeutend besser als das hier.« Sie seufzte. »Ich will nicht zurück in die Gesellschaft. Ich will, dass wir zusammenbleiben. Aber nicht an diesem Ort. Die Absichten dieser Leute in allen Ehren, aber… die Vorstellung, den Rest meines Lebens hinter diesen kahlen Mauern zu verbringen, ist ein Albtraum.« Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu. »Wir könnten natürlich abhauen. Der Poolbereich hat ein verspiegeltes Dachfenster. Wenn ich nur Drachengestalt annehmen könnte, könnten wir beide hinauffliegen und so hier rauskommen.«
»Laetitia, das ist keine gute Idee!«, fuhr Sajian auf.
»Warum? Wenn uns die Drachenbehörde findet, bringen sie uns zurück ins Shenandoah-Reservat. Dort sind wir schließlich offiziell gelistet.«
»Und was, wenn uns jemand anderes vor ihnen findet? Mein Vater zum Beispiel? Außerdem haben wir kein Sonnenlicht mehr gesehen, seit wir hier sind. Was, wenn wir uns längst nicht mehr in Virginia befinden, sondern in, keine Ahnung, Arizona oder so? Die werden uns wohl kaum durchs ganze Land karren, sondern im nächstbesten Reservat rauswerfen, wo der Vorsteher wer weiß was mit uns tun kann!«
»Ihre Basis kann nicht so weit vom Reservat entfernt sein: Die Wildtierkameras, über die sie uns entdeckt haben, haben keine endlose Reichweite; ich bin mir sicher, dass sie das Mobilfunknetz benutzen, und da gibt es viele Funklöcher. Sie wären außerdem nach der Entdeckung und Betäubung der Drachen nie rechtzeitig da, um sie einzusammeln, würden sie am anderen Ende der Staaten sitzen, und es gibt sicher keine Tochterunternehmen, weil das zu gefährlich ist. Du weißt, wie paranoid dieser Watanabe ist. Ich bezweifle, dass wir uns auch nur in einem anderen Bundesstaat befinden.«
Sajian hielt inne. Sie hatte da einen Punkt. Und doch… »Ich… weiß nicht, Laet. Es scheint mir wie die Wahl zwischen zwei Pest und Cholera, und ich soll mich für das kleinere Übel von ihnen entscheiden, ohne die beiden Krankheiten überhaupt zu kennen.« Er ließ sich rücklings aufs Bett fallen. »Was, wenn wir uns in eine deutlich schlimmere Situation manövrieren als wenn wir hierbleiben?«
»Und was, wenn die Situation, in der wir uns befinden, deutlich schlimmer ist als wir denken? Wir wissen noch weniger über diesen Watanabe als über Ian«, gab sie zu bedenken.
»Du hast kein schlechten Absichten bei Esra und Lao gerochen, als du ein Drache warst.«
»Ich kenne die Geschichte dieser Drachen, die an Ian die Absichten des Klinikvorstands gewittert haben, vermutlich, weil deren Pheromone auch an ihm hafteten. Also wäre es wohl möglich, an Esra und Lao Watanabes schlechte Absichten wahrzunehmen, wenn er welche hätte. Aber vielleicht rieche ich es auch einfach nicht verlässlich, es war ja meine bislang erste und einzige Verwandlung, und du riechst es auch nicht. Ich für meinen Teil kann mich nicht einmal daran erinnern. Vielleicht hatte der Drache einen ganz anderen Grund, um sie nicht anzugreifen. Ich verlasse mich lieber auf meine menschliche Vernunft als auf die des Drachen, der sich seither nicht mehr blicken lässt. Ian wirkt auf mich mit seinem Einsatz für Helen wie jemand, der für seine Ideale eintritt. Aber diese Leute hier… Mich hätten sie nicht einmal mitgenommen, wenn du nicht gewesen wärst. Ich war zum damaligen Zeitpunkt kein Drache und bin auch jetzt kein asiatischer Phänotyp, an dem sie interessiert sind. Sie bereichern sich an Drachen und ihren Teilen, auch wenn sie sie dabei am Leben lassen. Das ist nur ein weiteres Ausnutzungsverhältnis. Und sie sperren uns hier ein, vorgeblich zu unserem Wohl, vermutlich aber mehr zu ihrem eigenen.« Sie schüttelte den Kopf. »Sie öffnen das Fenster jede Nacht um zu lüften; aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit ist das nötig, und selbst, wenn es geschlossen bleibt: Glas ist kein Hindernis für einen Drachen. Ich muss nur fliegen können.«
»Du willst das also wirklich tun? Obwohl du den Drachen gar nicht kontrollieren kannst?«, fragte Sajian.
»Ich bin mir absolut sicher, dass er noch weniger hierbleiben will wie ich. Ich… habe außerdem ein komisches Gefühl, seit ein paar Tagen, so als ob mich ein unsichtbares Raubtier beobachten würde, nur darauf wartend, zuzuschlagen. Ich will hier weg. Das ist alles, woran ich denken kann.«
Sajian zögerte, doch in dem Moment, als er es ohne Zustimmung seines Hirns sagte, erkannte er, dass es die Wahrheit war: »Ich könnte dich nie allein soetwas tun lassen, Laet. Das weißt du hoffentlich. Ich… will auch mit dir zusammen bleiben.« Er fürchtete, bei dieser Offenbarung knallrot anzulaufen oder, noch schlimmer, dass sie sich darüber lustig machen würde. Doch weder das eine noch das andere trat ein. Laetitia fiel ihm um den Hals, und dann küsste sie ihn.
Sie packten noch in dieser Nacht ihre wenigen Sachen in eine gemeinsame Tasche, die sie noch vom Aufbruch in den Wald vor scheinbar so langer Zeit dabei hatten – viel besaßen sie nicht. Anschließend schlichen sie sich aus dem Zimmer auf die zu dieser Uhrzeit völlig verlassen daliegenden Gänge.
Die Poolanlage befand sich im zentralen Teil, der die Wohnquartiere miteinander verband. Die Wände waren zu hoch, um anderweitig als fliegend zum Fenster zu gelangen – es stand auch in dieser Nacht wie erwartet offen. Die Flucht verlief für Sajians Geschmack bisher viel zu komplikationslos, aber vermutlich überwachten sich diese Leute tatsächlich mehr nach außen als nach innen, von wo sie keine Gefahr erwarteten.
»Soll ich?«, flüsterte Sajian, nachdem sie sich wachsam umgesehen hatten. Es war stockfinster; nur das Becken mit der bläulichen Nachtbeleuchtung erhellte den Raum. Der Kippspalt des Fensters war unerfreulich schmal.
»Versuchen wir’s. Wenn es nicht klappt… dann haben wir’s wenigstens versucht«, erwiderte Laetitia.
Er trug keine Kleidung, sondern nur eine Decke um die Schultern und legte diese nun ab, um geschmeidig in seine Drachengestalt überzuwechseln – mittlerweile gelang ihm das immer besser. Vielleicht tat auch die Nähe zum Wasser sein Übriges. Jetzt galt es, zusammen mit Laetitia und der zugegebenermaßen fast leeren Tasche abzuheben; sie enthielt nur Wechselkleidung, Wasserflaschen und ein paar Cracker.
Sie stieg auf seinen Rücken und hielt sich fest.
Sajian schlug mit den Flügeln, was ein so lautes Flappen erzeugte, dass er sich plötzlich sicher war, sie würden jeden Moment das ganze Gebäude damit aus dem Bett werfen. Umso stärker und schneller flatterte er, stieß sich mit den Hinterbeinen ab und schlug die Luft mit den Schwingen, katapultierte sich schneller hinauf als erwartet, direkt in den Fensterrahmen – der zu eng für ihn war.
Er unterdrückte ein entsetztes Kreischen, als er zu stürzen drohte. Seine Flügel knallten schmerzhaft gegen die Fensterscheiben und ihre Rahmen, und er krallte sich in der Öffnung fest. Auf seinem Rücken stieß Laetitia das elektrisch bewegliche Fenster gewaltsam weiter auf, und dann rutschte er hindurch, fiel einen schwindelerregenden Moment lang in die Tiefe, ehe sich seine Schwingen wieder mit Luft füllten und den Fall abbremsten. So segelten sie dahin, von leichten Schlagbewegungen oben gehalten, in die Nacht da draußen.
Sie gingen in einem Waldstück unweit der Anlage nieder, bemerkten erst, als sie gelandet waren, dass sie sich noch immer innerhalb eines von Maschendrahtzaun umgrenzten Bereichs befanden, und versteckten sich im nächsten Gebüsch. »Ich hatte keine Ahnung, wie groß das Gebiet ist«, flüsterte Laetitia.
»Wooooheeer auuch?«, murrte Sajian. Sie blickten zu dem überraschend großen Gebäudekomplex hinüber, der hell erleuchtet da lag. »Aaaaaber wiiiir siiiind drauuußen«, sagte Sajian, und plötzlich gab es ein lautes Geräusch, wie von einer zuschlagenden Tür. Dann durchschnitt eine Stimme die Nacht: »Hey, wo seid ihr?«
Lao! Sajian duckte sich tiefer ins Unterholz, Laetitia eng an seine Seite. Er durfte sie nicht finden. Was machte er um diese Uhrzeit hier draußen?
Lao kam mit einem tragbaren Scheinwerfer auf das Gebüsch zu. »Ich hab dich gesehen, du bist durchs Fenster geflogen, zusammen mit noch jemandem. Du kannst mich riechen und weißt, dass ich dir nichts Böses will, also zeig dich. Ich finde dich so oder so.«
Sie hielten beide gleichermaßen den Atem an. Geh weg, dreh dich um, nur einen kurzen Moment. Sajian wusste nicht, ob Lao etwas dabei hatte, um ihn zu betäuben, hielt es aber für durchaus wahrscheinlich. Sie hatten nur eine Chance, ihm zu entkommen.
»Ich will nur mit dir reden, und dir einen Vorschlag machen. Anscheinend hast du irgendetwas vor, und ich hoffe sehr, dass du uns nicht an irgendjemanden gegen Geld verraten willst. Diese unschuldigen Drachen sollten nicht auch noch sterben, um reichen Bonzen die Taschen zu füllen, meinst du nicht auch? Willst du vielleicht nur zurück in dein Reservat? Das verstehe ich. Um nicht zu sagen, dass das momentan so ziemlich das Beste ist, was du tun kannst. Ich würde dein Ansinnen unterstützen.«
Er warf Laetitia einen Blick zu, indem er nur das Auge bewegte, aber Lao schien selbst das zu bemerken. Sein Blick fiel direkt auf das Gebüsch, und dann leuchtete der Scheinwerfer in ihr beider Gesichter.
Sajian konnte nicht anders, als bei der stechenden Helligkeit laut zu knurren und sich mit der Klaue übers Gesicht zu reiben. Er sprang aus dem Gebüsch und nahm sofort Drohhaltung ein. »Hey, hey, immer mit der Ruhe!«, rief Lao.
Doch Sajian griff an, getrieben von dem Wunsch zu entkommen, der Reizung durch das Licht und dem Instinkt, Laetitia zu beschützen.
Lao sprang vor ihm zurück, verlor dabei den Scheinwerfer aus dem Griff, der nun direkt in Laetitias Versteck leuchtete. Diese sprang ebenfalls auf, und dann verbanden sich ihre Nervosität, ihr Fluchtwunsch und der Anblick des drohenden Sajians wohl zu einem Impulscocktail, der die Verwandlung triggerte.
Zwei Drachen standen fauchend und flügelschlagend einem einzelnen Mann gegenüber, der damit trotz seines hochgewachsenen Körpers gar nicht mehr so einschüchternd wirkte. »Hey! Beruhigt euch! BERUHIGT EUCH!«, verlangte er.
Laetitia stieß mit dem Hals nach vorn und schnappte zu, doch er wich nicht zurück und begegnete stattdessen ihrem Blick. »Ich seh dich! Bleib wo du bist! Komm nicht näher!« Lao untermauerte seine Forderung, indem er sogar einen Schritt auf sie zu machte, die geöffneten Handflächen vor sich haltend. Laetitia stieß erneut zu, verfehlte ihn aber – oder hatte nie vor, ihn überhaupt zu treffen. »Bleib, wo du bist, hörst du mich?« Seine Tonlage duldete keinerlei Widerspruch. Sie knurrte, peitschte mit dem Schwanz und zog die Lefzen zurück, zeigte die scharfen Zahnspitzen ihrer Kiefer. Aber dann wich sie zurück, offenkundig beeindruckt davon, dass ihr Gebaren ihn so gar nicht einschüchterte. Selbst Sajian war beeindruckt, der seine Sinne sogleich wiederfand.
»Waaaas tuuust duuuu hiiier?«, fragte er ihn.
»Die Frage gebe ich gern an euch zurück. Was hattet ihr zwei denn vor? Bei Nacht und Nebel flüchten, in die euch völlig fremde Wildnis da draußen, ohne zu wissen, wo ihr eigentlich seid und wo euer Reservat ist? Ich weiß einen besseren Weg.« Er griff in seine Hosentasche und holte etwas daraus hervor – einen Autoschlüssel? »Ich fahre euch.«
»Waaaarum ssssoll… sssolll… argh!« Er knurrte vor Frust, in all der Aufregung noch schlechter zu sprechen als sonst, und verwandelte sich schließlich zurück. Laetitia brummte besorgt. »So!«, sagte Sajian genervt. »Jetzt. Warum solltest du uns bei unserer Flucht helfen? Und was machst du um diese Uhrzeit allein hier draußen?«
»Ich habe Wache gehalten. Bei dem Krach, den ihr beide gemacht habt, war es nicht schwer, auf euch aufmerksam zu werden. Ich dachte mir schon, dass ihr es seid. Kein anderer hätte Grund zur Flucht. Ehrlicherweise dachte ich daran, morgen oder übermorgen Nacht zu euch zu kommen, um euch selbst zur Flucht zu verhelfen. Ihr kamt der Idee zuvor. Besprechen wir uns im Auto, wo wir ungestört sind. Aber dazu musst du deine Drachengestalt auch ablegen, Laetitia. Entspann dich. Euch passiert nichts. Das witterst du doch.«
Sie kam unsicher näher, schnüffelte an ihm, wobei sich ihre dunklen Nüstern blähten und das rosafarbene Innere zum Vorschein kam. Dann begann sie auf die Größe ihrer menschlichen Gestalt zurückzuschrumpfen und blieb geschwächt auf dem nackten Erdboden sitzen. Lao lächelte. »Guter Anfang.«
Sie folgten ihm zu einem unbeleuchteten Parkplatz hinter dem Gebäude. Mehrere dunkle Geländewagen ohne Nummernschilder oder Aufschrift standen dort nebeneinander, und in einen davon stiegen sie gemeinsam ein, Lao auf den Fahrersitz, Laetitia und er zusammen auf der Rückbank, beide nur noch in zwei Tuniken gekleidet, die in der Nachtluft etwas zu kühl waren.
»Jetzt mal Klartext, warum hilfst du uns?«, fragte Sajian misstrauisch.
»Da gibt es gleich mehrere Gründe. Ich wurde jüngst von meinem Vorstand gewissermaßen dazu ermutigt, alles in meiner Macht stehende zu tun, um Drachen zu schützen – insbesondere dich, Sajian.«
»Mich?«, fragte Sajian und wusste längst warum. »Wegen meinem Vater, richtig? Ist er hier etwa auch schon auf der Suche nach mir gewesen? Hat er die anderen bedroht?«
»Bedauerlicherweise ja«, bestätigte Lao, und Sajian stöhnte, rieb sich das Gesicht.
»Der Kerl findet mich einfach überall! Ich hab mich schon oft gefragt, wie er das macht. Er hat gefühlt an jedem Ort irgendwelche Leute sitzen, die für ihn spitzeln oder ihm irgendwelche Gefälligkeiten tun. Es ist, als wolle man einem Überwachungssystem entkommen.«
»Allerdings nicht in der Drachenbehörde von West-Virginia, wie es scheint – er verlangt deine Auslieferung und droht uns mit einer Razzia, sollten wir der Forderung nicht nachkommen.«
»Aber… das ergibt doch keinen Sinn«, erwiderte Sajian verwirrt. »Dadurch seid ihr vorgewarnt und habt Zeit, mich verschwinden zu lassen…«
»Ganz genau«, bestätigte Lao. »Es ergibt keinen Sinn. Außer er fürchtet, dass du nach vollzogener Razzia zur Drachenbehörde kommst und diese dich zurück nach Virginia bringt, wo du ursprünglich herkamst. So wäre das reguläre Prozedere beim Auffinden eines Reservats-Drachen. In Virginia sind Drachenreservate zudem Privatgelände. Euer Ian ist also gesetzlich nicht dazu verpflichtet, der Forderung nach deiner Auslieferung nachzukommen, wenn du erstmal zurück bist. Womöglich weiß er das aber gar nicht. Das Shenandoah-Reservat ist also der aktuell sicherste Aufenthaltsort für dich und wir sollten dich dahin zurückbringen.«
Sajian dachte fieberhaft nach. »Aber wenn ihr mich nicht herausgebt, dann… werden die anderen bei dieser Razzia gefunden! Dann droht ihnen allen der Tod!«, begehrte er auf.
»Watanabe wird das nicht zulassen. Er hat das ganze Gebäude seit dem Niedergang der zweiten Einrichtung nach und nach in eine Festung mit Abwehrsystemen ausgestattet, die den Drachen die Flucht ermöglichen und die Eindringlinge aufhalten sollen. Sie werden sich in der Wildnis verstecken, bis jemand von uns sie einsammelt und an einen sicheren Ort bringt, wo auch immer der dann sein wird. Der eigentliche Plan sieht jedoch vor, die Leute, die kommen, zu bestechen und das Gebäude nur im schlimmsten Fall gewaltsam zu verteidigen. Die Flucht ist der letzte Ausweg, der in unserer anderen Stelle leider schiefgegangen ist. Alle Drachen wurden gefangen und vermutlich gewinnbringend umgebracht, bis auf einen, der in die Wälder entkam.«
»Der vermeintliche Dinosaurier!«, erkannte Laetitia plötzlich.
»Sakura – das ist ihr Name – befindet sich aktuell anscheinend in McCords Händen. Ich soll sichergehen, dass es ihr gut geht, und sie zurückbringen. Allerdings verweigere ich das in dieser aktuellen Situation.«
»Die Drachen hier sind alle nicht in irgendeinem Reservat gemeldet, oder?«, fragte Sajian. »Dann sollten wir auch sie in Ians Reservat unterbringen, dort wären sie sicher!«
»Darauf wird sich Kenji nicht einlassen«, sagte Lao knapp. »Er vertraut niemandem mehr nach allem, was passiert ist.«
»Er vertraut Ian genug, um uns zurückzugeben«, hielt sie dagegen.
»Nein, Laetitia. Ich… bin nicht auf Anordnung hier. Kenji ahnt sicher, was ich vorhabe, aber er hat mir nicht den Befehl dazu gegeben. Meine Mission lautet ausdrücklich, Drachen zu beschützen, mit allen Mitteln, die nötig sind. Das ist ein nötiges Mittel. Und wenn dieses letzte Bollwerk unserer Leute fällt, dann lasse ich nicht zu, dass auch nur ein weiterer Drache in die Fänge dieser Leute gerät.«
Es lag mehr in seinen Worten als nur die Worte selbst, erkannte Sajian an der Art, wie er seinem Blick auswich. Lao öffnete das Armaturenfach und holte einen Zettel daraus hervor.
»Sajian, sag, ist dein… Vater geschäftlich in irgendwelche pharmazeutischen Einrichtungen verwickelt?«
»Ja, er hat viel mit Medizin zu tun. Er ist auch Geschäftsführer von solchen Kinderwunschsprechstunden und ähnlichem Kram, der viel Geld abwirft.«
»Dann habe ich ihn vielleicht auf unsere Spur gebracht und diese ganze Misere verursacht«, gestand Lao. »Aber ich musste es wissen, und ich bereue nichts. Die Verantwortung dafür übernehme ich ebenso wie die Dreckarbeit, die sich für mich daraus ergibt.« Er reichte ihm den Zettel nach hinten. Sajian drehte ihn, bis er nicht mehr auf dem Kopf stand, und begann verwirrt zu lesen. Es war ein… Vaterschaftstest, ausgestellt auf einen Herrn Lao Xhiang, der mit 99,99%iger Sicherheit der biologische Erzeuger eines Samuel Coles war. »Ich war gezwungen, einen Namen anzugeben, und das war der erste, der mir einfiel. In Wirklichkeit bist das du, Sajian. Ich bin dein biologischer Vater.«