LNCrawler

Partner in crime

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Partner in crime

Es war noch immer dunkel, als Fera zum Zaun schlich. Ian hatte John, Leland, Kena und sie kurz zuvor in der Siedlung abgesetzt mit der Anweisung, schlafen zu gehen, er würde sich morgen mit ihnen befassen. Fera kletterte somit ein zweites Mal in dieser Nacht darüber, stieg die Treppe auf der anderen Seite hinab und blieb vor dem Paddock stehen, in das sie Jared gesperrt hatten.

Er hatte diese… Helen vergewaltigt, als sie noch kein Monster war. Eine Frau wie sie selbst. Die Vorstellung allein war vollkommen abscheulich und widerte sie bis auf die Knochen an. Sie klopfte energisch an die Tür. »Jared?« Erst reagierte er nicht, und sie klopfte erneut, lauter diesmal. Es gab ein Klacken, dann kam ein Sehschlitz zum Vorschein – Jared starrte hindurch. »Was willst du?«, blaffte er. »Geh zurück in die Siedlung.«

Fera blinzelte überrumpelt. »Ist es wahr?«, fragte sie mit belegter Stimme. Blanke Wut schnürte ihr die Kehle zu, noch bevor er ihr geantwortet hatte.

»Du weißt, dass alles, was Drachen von sich geben, Lügen sind. Das habe ich dir beigebracht.«

»Ganz genau, du hast es mir beigebracht«, gab sie ähnlich harsch zurück. »Du hast auch behauptet, die Schlange hätte dein Bein abgebissen! Und uns immer gesagt, Drachen könnten nicht sprechen, nicht denken und seien nichts weiter als instinktgesteuerte Tiere, selbst in ihrer Menschengestalt. Worüber hast du also noch gelogen? War alles, was du uns erzählt hast, eine einzige große Lüge? Hast du uns nur benutzt, um deine Dreckwäsche zu waschen? Damit niemand jemals herausfindet, dass du eine Frau vergewaltigt hast? Wusstest du damals schon, dass sie ein Drache ist, und hast sie ausgenutzt, weil du sie als wertlos betrachtet hast? Oder hast du es getan, weil du dachtest, sie wäre als Frau schwächer als du? Ich weiß nicht, was von beidem ich abstoßender finde. Ich habe dir vertraut!« Sie schlug gegen die Tür, nun nicht mehr fähig, ihre aufwallenden Gefühle zu kontrollieren. Plötzlich war ihr egal, ob Ian oder dieser Riesendrache oder das ganze Reservat sie hörten. Tränen traten in ihre Augen. »Ich dachte… ich dachte, du könntest der Vater sein, den ich verloren habe! Leland und John haben sich angefühlt wie die Brüder, die ich immer haben wollte! Wir waren eine Familie! Ich hab zu dir aufgesehen! Sollte alles, das du uns beigebracht hast, nur deinen Zwecken dienen? Haben wir dir nie etwas bedeutet?«

Jared wich ihrem Blick aus. »Wir alle müssen sehen, wo wir bleiben, nicht wahr? Ich hatte als Kind eine schwere Infektion, und mein Bein musste amputiert werden. Eine lange Reha folgte, durch die ich in der Schule gefehlt habe und meine Mitschüler ohne mich in die nächsten Klassen aufstiegen. Mit meinen neuen Mitschülern kam ich nicht zurecht – ich war für sie nur der Krüppel, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Jahre später, als es endlich so schien, als würde ich Anschluss zu ihnen finden, wurde ich hier her gebracht; da war ich noch nicht einmal so alt wie du jetzt. Ein Kind in einer Gruppe Erwachsener, und auch hier der einzige mit einer Behinderung. Sie nahmen mich nicht ernst, teilten mich für Dreckarbeit ein, weil ich zu mehr nicht zu gebrauchen sei – ohne es mich auch nur versuchen zu lassen. Manchmal behaupteten sie sogar, es sei zu meinem Schutz. Das machte mich dann erst so richtig wütend. Der Druck hat mich geformt. Du magst mich skrupellos finden, ich nenne es zweckmäßig. Ich wurde zu jemandem, der überleben konnte in dieser Situation. Schon damals lebten die Drachen getrennt von uns, abgesehen von Oda, der sich als einziger meiner annahm, weil er genauso wenig in die Gruppe passte wie ich. Man drohte mir oft, mich an die Drachen in der Grube zu verfüttern, wenn ich nicht tat, was sie sagten – Oda hat mich als einziger vor ihnen beschützt. Ich glaube, er hasste sie noch mehr als ich. Unser damaliger Vorsteher war ein Drachenverehrer und hatte für Menschen nicht viel übrig; es gab eine Zeit, da wünschte ich mir sogar selbst, zum Drachen zu werden. Dann hätte ich ihn als erste Amtshandlung gefressen. Und ich hätte mein Bein zurückbekommen. Das mit Helen Jahre später war… ein Ausrutscher. Sie kam neu zu uns, und ich war furchtbar betrunken, habe kein ›Nein‹ akzeptiert. Ich ahnte nicht mal, dass ein Drache in ihr schlummern könnte. Sie war die attraktivste Frau, die ich je gesehen habe, und ich konnte es nicht ertragen, dass sie nicht mir gehörte. Da draußen in der richtigen Welt wollte niemand mit einem Krüppel wie mir zusammen sein. In dieser Nacht hat sie sich schließlich verwandelt und wurde in die Grube davongejagt. Es war kurz bevor sie alle nach und nach das Reservat verließen, weil sie das Alter erreicht hatten, in dem keine Verwandlung mehr zu erwarten ist – einschließlich unseres drachengeilen Vorstehers. Ab da hatte ich die Siedlung immer mehr für mich. Das fühlte sich gut an. Alle verschwanden aus meinem Leben, mit Ausnahme von Oda. Ich wusste, ich könnte neu anfangen, aber dazu musste ich ihn zum Schweigen bringen. Also habe ich Oda damit erpresst, ihn an die Drachentöter auszuliefern, wenn er sich in meine Angelegenheiten einmischt oder gegen mich agiert. Das war der Deal, bevor ihr nach und nach hier ankamt. Eine neue Generation für eine neue Siedlung, in der ich das Sagen hatte.« Er machte eine kurze Pause. »Ich erwarte von dir nicht, dass du Verständnis für mein Handeln aufbringst. Du bist auch nur eine Jugendliche von dort draußen, die keinen Meter in meinen Schuhen gelaufen ist. Drachen sind Monster. Es kotzt mich an, dass immer mehr Leute damit anfangen, in ihnen arme, missverstandene Opfer zu sehen, obwohl Menschen seit tausenden von Jahren unter ihnen gelitten haben und immer noch leiden.«

Sie schluckte schwer. »Mein Vater war bei der Army. Er wurde getötet von seinem Kameraden, der sich plötzlich in einen Drachen verwandelte und ihn zerfleischte. Er war… nur ein mäßig guter Vater, ehrlich gesagt. Ich dachte immer, eines Tages wäre er stolz auf mich, und dann würde er ein besserer Vater sein. Nach seinem Tod war ich mit meiner Mutter allein, die zu trinken anfing, und musste arbeiten gehen, um unser Auskommen, hauptsächlich aber ihren Alkohol zu finanzieren. Ich kam schließlich hierher, weil ich in der Schule aggressiv war und immer schlechtere Noten schrieb. Ich habe den Drachen gehasst, weil er mir meinen Vater weggenommen und meine Mutter in dieses Elend verwandelt hatte. Ich konnte nie mit Freunden weggehen, nie in den Urlaub, nie irgendetwas von dem tun, das für andere Jugendliche selbstverständlich war. Und ich hasste den Drachen dafür, dass er nur in ein Reservat gesperrt und weiter von uns durchgefüttert wurde, statt die Todesstrafe für diesen Mord zu bekommen. Aber so langsam frage ich mich, ob er all den Hass verdient hat. Er hat sich nicht ausgesucht, zum Drachen zu werden, so wie ich meine Eltern nicht ausgesucht habe. Mein Vater wäre wohl nie zu dem geworden, der er in meinen Träumen war. Meine Mutter hat schon vorher gesoffen, nur nicht in dem Ausmaß, und war mit mir von Anfang an überfordert. All die Jahre habe ich jemanden gesucht, dem ich die Schuld an allem, was in meinem Leben schiefgelaufen ist, geben kann. Aber wir wären nicht auf wundersame Weise plötzlich zur perfekten Familie geworden, hätte es diesen Drachen nicht gegeben. Ich kam hierher, weil ich unter der Situation gelitten habe und man solche Kinder lieber in Reservate abschiebt, statt ihnen zu helfen. Unser ganzes System ist ebenso kaputt und zerrüttet wie meine und so viele andere Familien in diesem Land. Du bist Teil des Problems, Jared. Ich wünsche dir eine gute Zeit im Knast. Hoffentlich sehen wir uns in der Hölle wieder.«

Sie wandte sich ab und ließ ihn stehen, ohne auf seine Antwort zu warten. Oben auf dem Zaun hielt sie für einen Moment inne, um den niederschmetternd schönen Sonnenaufgang zu beobachten, ehe sie den restlichen Weg hinabkletterte und sich in ihr Haus zurückzog.