Laetitia
Laetitia
Laetitia warf Sajian einen besorgten Blick zu. Sie wünschte, sie könnten einfach zurück in ihr Paddock und sich die Decke über den Kopf ziehen, bis sie alles verarbeitet hatten, das jüngst auf sie eingeprasselt war.
Sajian rieb sich eilig übers Gesicht, bevor er sich an Ian wandte. »So, jetzt mal Klartext, was ist hier los? Warum sitzt Hickory bei denen und in deinem Behandlungsraum liegt Grace zusammen mit einer Menschenfrau? Sind wir in einem Paralleluniversum herausgekommen, in dem Drachen und Nichtdrachen sich plötzlich nicht mehr hassen?«
»Ihr seid nicht die einzigen, die eine lange Geschichte zu erzählen haben. Hier hat sich einiges zugetragen, als ihr weg wart: Zunächst einmal haben wir den Dinosaurier gefunden und sicher ins Reservat gebracht – ein Drache namens Sakura, der anscheinend aus einer Tochtereinrichtung von diesem Watanabe stammt, für die Esra zuständig war. Sie wurden ebenfalls Opfer einer Razzia durch die Behörden, Sakura konnte als einzige entkommen und streifte anschließend relativ ziellos durch die Wälder. Eigentlich war der Deal ein Austausch; ich weiß nicht, ob ich froh darüber sein soll, dass sie hier für sicherer befunden wurde als in Watanabes Einrichtung, so sehr mir ihre Auslieferung auch Bauchschmerzen bereitet hätte. Zurück zu den Geschehnissen: Jared und die Jugendlichen haben mit selbstgebauten Waffen die Drachen im Reservat angegriffen und versucht, Helen zu töten. Sie ist die Frau, die gerade in meinem Behandlungsraum liegt. Aktuell sind die Wandler und Nichtwandler gleichermaßen führungslos, denn ich habe Jared eingesperrt und Hickory ist nicht länger Alpha. Helen hat ihn bei einem Revierkampf so schwer verletzt, dass seine Heilfähigkeiten nicht mehr ausreichten. Ich habe ihn zur Behandlung in die Paddocks geholt. Jared ist auch dort und wird bald den Behörden übergeben, zudem hat er seine Pflichtzeit im Reservat überschritten, ohne sich zu verwandeln. Er ist nun das Problem der Gesellschaft da draußen. Es hat sich herausgestellt, dass er sich in der Vergangenheit an Helen vergangen hat.«
»Deshalb hat sie also die Männer in ihrer Nähe angegriffen«, flüsterte Laetitia fassungslos.
»Was ein Schwein«, zischte Sajian.
»Genug davon. Ihr ruht euch jetzt erst einmal aus nach allem, was euch widerfahren ist. Eure Geschichte könnt ihr mir ausgeschlafen erzählen. Ich bin gerade einfach nur unglaublich froh, euch wieder bei mir zu haben, und es stehen noch einige Dinge an, um die ich mich kümmern muss.«
Sie folgten der Aufforderung mit einem Gähnen und gingen zurück in ihre altvertraute Wohneinheit, um sich nach einem kurzen Waschen sofort hinzulegen. Es war für Laetitia wie ein Nachhausekommen; zum ersten Mal seit ihrem unfreiwilligen Aufenthalt fühlte sie sich wieder wohl, umgeben von Natur und bekannten Gesichtern. An diesem Ort würde sie den Rest ihres Lebens verbringen, wurde ihr schlagartig klar. Als sie das Reservat verlassen hatte, war sie noch ein Mensch, jetzt aber…
»Wir werden hierbleiben, für immer«, äußerte sie leise.
»Wäre das denn so schlimm? Ich mache mir gerade mehr Sorgen darum, dass ich euer aller Ende herbeiführe.«
»Glaubst du, dein Adoptivvater geht so weit, diese ganzen unschuldigen Drachen ans Messer zu liefern?«
»Ihm liegt rein gar nichts an anderen Menschen, nur sein Ruf und sein Geld interessieren ihn. Ich glaube, er hat nicht mal meine Mutter jemals geliebt. Ich meine, Adoptivmutter. Ich war für ihn immer nur ein Prestigeobjekt. Weißt du… bislang dachte ich… ich habe immer gedacht, er liebt mich, tief in seinem Innern, und ist vielleicht nur zu beschäftigt, um mir das zu zeigen. Weil er mir ein besseres Leben ermöglichen will. Aber alles war eine Lüge. Meine ganze Existenz ist eine Lüge. Er hat mich nur adoptiert, um mich zu töten und sich an mir zu bereichern. Schlimmer noch, er hat meine echte Mutter und meine echte Schwester umbringen lassen! Und meinen wahren Vater habe ich nur durch Zufall getroffen. Ich hasse ihn! Ich will, dass er stirbt! Es wurden Leute aus geringerem Anlass in den Todestrakt gesteckt!« Nun liefen die Tränen ungehemmt über seine Wangen, was noch immer ein beunruhigender Anblick bei seiner sonst so fröhlichen Art war. »Ich dachte immer, ich muss mir die Liebe meiner Adoptiveltern erst verdienen, indem ich mich als würdig erweise, von zwei so reichen Menschen angenommen worden zu sein. Ich hätte doch nie gedacht, dass…«
»Sajian.« Sie wusste nicht, was sie sagen sollte oder musste in so einer Situation. Vielleicht gab es auch einfach nichts zu sagen, das ihm die Last nehmen konnte. Sie dachte an ihre eigene, oft überforderte Mutter. Was würde sie wohl dazu sagen, wenn sie erfuhr, dass ihre ältere Tochter ein Drache war? Würde sie sie immer noch lieben?
Sie entschloss sich, einfach für ihn da zu sein, ihn im Arm zu halten und ihre Wärme zu geben, bis er sich beruhigte und sie beide in einen leichten Schlummer hinüberglitten, begleitet vom Rauschen des Windes in den Bäumen und dem Zwitschern der Vögel draußen.