Drachen
Drachen
Grace erwachte aus ihrem Schlaf im Behandlungsraum, ohne zu wissen, was sie aufgeweckt hatte. Ihr umnachteter Blick fiel auf Hickory, der auf einer weiteren Matratze am Boden ruhte. Die voreilige Verwandlung hatte seinen Zustand wieder verschlechtert; es gab Phasen, in denen er herumlief und wirkte wie immer, nur um sich wenig später hinzulegen und stundenlang zu schlafen, so wie jetzt. Er war völlig entspannt und bestimmt nicht für ihr Aufwachen verantwortlich.
Auf der Behandlungsliege rührte sich Helen. Ihre Lider und Finger zuckten, dann öffnete sie die Augen und blinzelte leise murrend. Grace setzte sich aufgeregt hin. »Du bist wach!«
Helen sah sie verständnislos an. »Was… ist passiert?« Ihre Stimme war brüchig und zart, gar nicht so, wie man es angesichts ihrer Drachengestalt erwartet hätte. »Wo bin ich?«
»Nicht aufregen, du bist noch sehr schwach! Unser Arzt hat sich um dich gekümmert. Ich weiß nicht, woran du dich erinnern kannst. Du wurdest verletzt, von den Nichtwandlern aus der Siedlung. Ein paar Drachen aus deinem Schwarm sind auch betroffen. Aber allen geht es wieder gut, dank Ian. Oda… ich meine, Daisuke und Hickory haben euch beschützt. Jared steht unter Arrest und wird das Reservat bald in Handschellen verlassen. Wir wissen, was er getan hat«, erklärte sie mit fester Stimme und fragte sich erst im Nachhinein, ob das alles nicht etwas viel für eine frisch erwachte Person war.
Helen starrte sie an, ihre Augen waren so blau, dass sie fast weiß wirkten, ihr Gesicht zierlich, umrahmt von tiefschwarzem Haar. Grace fand sie unglaublich hübsch. Sie wirkte, als wolle sie etwas sagen, als sich plötzlich Hickory im Schlaf umdrehte und Helens Blick auf ihn fiel. Sofort saß sie aufrecht und wich zurück, dass sie beinahe von der Liege gefallen wäre. »Oh Gott!« Der Ausruf ließ Hickory aufschrecken, dass er von der Matratze fiel und stöhnte, als er sich dabei prellte.
»Au!«
»Alles in Ordnung?«, fragte Grace besorgt.
»Klar, bin nicht tief gefallen, aber weh tat’s trotzdem.« Er rieb sich den Steiß, dann sah er zu Helen hinüber. »Schön, dass du endlich wach bist. Ich dachte schon, du machst Schneewittchen Konkurrenz – das war doch Schneewittchen, die so lange geschlafen hat, oder?«
»Dornröschen«, korrigierte Grace und lachte.
»Aber hat eine nicht durch einen vergifteten Apfel geschlafen?« Er rieb sich nachdenklich das Kinn.
»Wer um alles in der Welt sind Sie?«, fauchte Helen mit einer Mischung aus Wut und Furcht. »Was machen Sie hier?«
Er blinzelte verwirrt. »Ich bin aus demselben Grund hier wie du: Ich wurde verletzt und werde nun ärztlich behandelt. Ersteres von dir, übrigens. Aber keine Sorge, ich bin nicht nachtragend, so ist das eben unter Drachen. Erkennst du mich nicht? Ich war der Alpha deines Schwarms. Mittlerweile hab ich wieder so viele Drachen wie vorher. Wahrscheinlich sogar bald noch mehr.«
»D-du? Du bist der sandfarbene Drache, mit dem ich gekämpft habe?« Sie sah aus, als hätte sie eher geglaubt, er sei der Herrscher von Japan.
»Also erinnerst du dich doch an mich. In dieser Gestalt heiße ich Ernest Hickory, aber mein Nachname hat sich eingebürgert.« Er legte sich wieder hin und hielt sich den Kopf. »Jetzt ist mir wieder schwindelig. Dein Gift ist echt nicht von schlechten Eltern. Hätte nie gedacht, dass Drachen sowas können. Ist immerhin so ein bisschen unsere Achillesferse.«
»Du hast neben mir gestanden, als ich angegriffen wurde. Ich habe nicht begriffen warum. Und dann war da noch dieser andere, riesige Drache. Ich hatte solche Angst. Aber nicht wegen ihm. Da war… er. Und er bedrohte uns alle. Ich dachte, wir sterben…«
»Jared ist eingesperrt, er wird niemandem mehr gefährlich. Ich hätte ihn zerfleischt für das, was er mit meinen Mädels und vorallem dir getan hat und noch tun wollte. Glück für ihn, dass die Verwandlung und der Flug mir schon alles abverlangt hatten. Der riesige Drache heißt übrigens Daisuke, oder so ähnlich, ich bin nicht gut mit ausländischen Namen. Der, den wir nur als Oda kannten und der nie seine Drachengestalt angenommen hat. Er hat dich mit seinem Speichel und seinen Tränen geheilt, anscheinend können manche asiatische Drachen das. Jetzt gerade bewacht er Jared, und er sieht nicht aus, als ob er bei einem Fluchtversuch nachsichtig wäre. Der Kerl ist ziemlich einschüchternd, nicht nur aufgrund seiner Größe.«
Helen warf ihm misstrauische Blicke zu, dann griff sie sich an die Brust und bemerkte das Geschirr, das man ihr angelegt hatte. »Was in aller Welt hab ich da an?« Ihre Stimme kehrte nach und nach zurück, weiblich und voll, wie sie wohl üblicherweise war.
»Ein Geschirr, das die Verwandlung verhindert. Reine Vorsichtsmaßnahme. Wir wissen nicht, wie gut du dich unter Kontrolle hast«, erklärte Grace, und Helen wurde blass.
»Ihr habt mich hilflos gemacht!« Panik trat in ihre Stimme.
»Dir wird nichts passieren, wir beschützen dich! Mein Alpha und ich, meine ich«, versicherte Grace nachdrücklich. »Und Ian auch, unser Arzt. Er wird bald da sein.«
»Ich lasse niemanden zu dir, außer ihm. Er ist ein guter Arzt«, fügte Hickory hinzu. »Ian hat mich die ganze Nacht hindurch versorgt, als ich verletzt im Reservat lag, obwohl ihm jeder Drache da draußen hätte gefährlich werden können. Er hat sein Leben riskiert, um meins zu retten. Und für dich auch so einiges auf sich genommen. Es gibt aktuell keinen sichereren Ort im Reservat als diesen. Außerdem ist es keine gute Idee, jetzt Drachengestalt anzunehmen – ich spreche aus Erfahrung. Wenn ich es nochmal mache, bevor ich wieder ganz erholt bin, sterbe ich vermutlich.«
»Ich würde mich deutlich sicherer fühlen, wenn…« Sie brach verschämt ab.
»Wenn kein Mann hier wäre«, vervollständigte Grace den Satz. »Aber Alpha braucht diesen Ruheort. Wir haben leider keinen zweiten Behandlungsraum, in dem er versorgt werden könnte.«
Die Tür öffnete sich plötzlich, und Ian trat ein. Als er Helen sah weitete er die Augen. »Du bist wach.«
»Doch keine Konkurrenz für Schneewittchen«, sagte Hickory und lächelte mit bereits wieder geschlossenen Augen.
»Dornröschen«, wiederholte Grace und lachte.
Ian trat auf sie zu, blieb aber auf halbem Weg stehen, als sie zurückwich. »Ich bin Ian McCord, Drachenarzt und Vorsteher dieses Reservats. Wie fühlst du dich? Du warst schwer verletzt. Das Gift in deinem Körper wurde weitgehend neutralisiert, so weit ich es beurteilen kann. Es ist wichtig, dass ihr beide jetzt viel Ruhe bekommt und vorerst nicht mehr eure Drachengestalt annehmt.«
»Deshalb also diese Fessel, mit der ich euch hilflos ausgeliefert bin«, fauchte Helen.
»Eine zu frühe Verwandlung könnte dich töten – und uns«, beschwor Ian sie.
»Warum muss er dann keine tragen?«, fragte Helen und zeigte auf Hickory.
»Ich könnte glaube ich eher über Wasser laufen als mich verwandeln«, seufzte er erschöpft. »Aber jetzt, wo du wach bist, gehe ich in eins der Häuser, oder zurück ins Paddock. Hauptsache, ein sicherer Platz zum Schlafen.«
»Ich bleibe bei dir«, fuhr Grace auf.
»Es wäre die klügere Wahl, wenn Helen ein eigenes Haus bekommt; aktuell geht es Hickory schlechter, er sollte hierbleiben«, erwiderte Ian. »Ich lege dir gleich noch eine Infusion, dann siedle ich dich um, Helen.« Er begann damit, alles Nötige zusammenzusuchen. In den Plastikbehälter mit der Infusionslösung gab er noch eine Injektion mit Vitaminen, bevor er sie an den neuen Zugang in Hickorys Unterarm anschloss. »Das wird dir gut tun. Jetzt ruh noch ein bisschen. Selbst mir geht es deutlich besser nach dem Mittagsschlaf, den ich hatte.«
»Und wie geht es Sajian und Laetitia?«, fragte Hickory.
»Den Umständen entsprechend gut, mach dir keine Sorge.«
Grace betrachtete ihn skeptisch – oder besser gesagt seinen Gürtel. »Seit wann trägst du eine Pistole?«
Auch Hickory sah nun auf.
»Seit meine Schutzbefohlenen von Menschen bedroht wurden.« Sein Gesicht verhärtete sich.
»Jared stellt keine Gefahr mehr dar, und diese Kinder wussten nicht, was sie tun. Sie wurden von ihm benutzt. Findest du das also nicht übertrieben?«, fragte Hickory.
»Vielleicht ist es das. Aber besser so, als dass ich in die Situation komme, eine zu brauchen und nicht zu haben. Komm mit, Helen. Ich begleite dich in deine neue Unterkunft, wo du ungestört bist. Kannst du laufen?«
»Ich gehe ganz sicher nicht mit einem Fremden mit, der eine Waffe hat, während ich von meiner Drachengestalt abgeschnitten bin«, stellte sie klar.
»Es steht dir frei, hier zu bleiben bei meinem anderen Patienten«, bot er an. »Du bist hier wie dort gleichermaßen sicher.«
Helen sah zwischen beiden Parteien hin und her – einem bewaffneten Fremden und einem schlafenden Drachenwandler, bei dem ein zierliches Mädchen lag und offenkundig für ihn sprach. Sie schluckte. »Ich denke, ich bleibe vorerst hier. Aber ich verlange, dass mir das Geschirr abgenommen wird.«
»Gegen das Versprechen, keine Drachengestalt anzunehmen und niemanden hier zu gefährden«, verlangte Ian.
»Ich bin selbst zu schwach für meine Gestalt, denke ich.« Helen spannte sich sichtlich an, als er mit wenigen Handgriffen das Geschirr löste. »Ich vertraue dir, missbrauche es nicht«, erwiderte Ian. »Ich bringe euch gleich etwas Zuessen, ihr müsst Hunger haben.«