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Ian

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Ian

Ian ging mit verhärtetem Gesicht zurück nach draußen, nachdem er ihnen ihre Mahlzeiten gebracht hatte. Für den Nachmittag hatte er eine Krisensitzung anberaumt. Er kam als letzter zu dem Kreis aus Sitzgelegenheiten, der zu diesem Zweck angelegt worden war und sich nahe Daisukes Haus befand. John, Leland, Fera und Kena waren bereits dort und hielten schuldig die Blicke gesenkt. Noch bevor er saß, fuhr Fera auf: »Es tut mir so Leid! Ian, ich… ich…!«

Er brachte sie mit nicht mehr als einem strengen Blick zum Schweigen. »Setz dich.«

Sie schluckte und sank wieder auf ihren Platz zurück. Ian sah jeden Einzelnen von ihnen genau an. »Ihr habt mich hintergangen, alle. Und nicht nur das, ihr wolltet Bewohnern meines Reservats ganz bewusst schaden. Das ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Verbrechen, für das man in der Gesellschaft dort draußen sehr lange ins Gefängnis wandert – oder schlimmer. Noch dazu habt ihr unerlaubt Waffen gebaut, die Drachen gefährlich werden konnten.«

»Jared hat…«, begann Leland, doch Ian unterbrach ihn, noch bevor er weitersprechen konnte.

»Schiebt die Schuld nicht auf Jared! Ihr habt euch bereiterklärt, ihm bei seiner Tat zu helfen. Das war eure freie Entscheidung, und ihr hättet es besser wissen müssen. Nur dadurch wurde der Überfall auf so viele Drachen überhaupt möglich. Er hätte es ohne genug Helfer nicht getan – für so blöd halte ich ihn tatsächlich nicht.«

»Wir haben ihm geholfen«, bestätigte John mit belegter Stimme. »Aber es hieß, wir töten nur die Schlang… ich meine, Helen. Weil sie eine Gefahr ist. Für alle hier. Sie hat immerhin sogar dich angegriffen!«

»Und da hieltet ihr es für eine gute Idee, das Ganze selbst in die Hand zu nehmen und einen unbequemen Menschen zu ermorden, der noch dazu guten Grund hatte, unbequem zu sein?«, fragte er scharf. »Ihr seid keine Richter, ihr seid keine Vorsteher. Ihr seid selbst Schutzbefohlene.«

Wieder wichen sie ihm aus. »Es war falsch, aber wir dachten, wir stünden allein und hätten nur Jared, der uns beschützt«, sagte Leland. »Wir hätten wissen müssen, dass das eine dumme Idee war.«

»Allerdings. Eine sehr, sehr dumme Idee. Ihr könntet jetzt tot sein. Fünf Menschen mit selbstgebauten Waffen gegen eine Gruppe Drachen sind ein absolutes Himmelfahrtskommando. Ich hoffe, euch ist klar, dass er in Kauf genommen hat, dass ihr alle dabei getötet werdet, damit er seinen Arsch retten und die Beweise seiner Untat vernichten kann. Ihr alle wart ihm ein willkommenes Wegwerfwerkzeug, nicht mehr und nicht weniger. Es ist kein Spaß, den Tod eines Menschen mitzuverursachen. So etwas verlässt einen nie mehr. Es ist absolut unverzeihlich.«

Nun sah Kena auf, völlig niedergeschlagen dabei wirkend. Niemand wagte, etwas zu sagen, aber er konnte erkennen, dass besonders sie von seinen Worten getroffen war. Sie hatte ihn und einige der Drachen näher kennengelernt, hatte sich vielleicht wohl in ihrer Gesellschaft gefühlt. Dennoch hatte sie mitgemacht, und er konnte darüber nicht hinwegsehen. »Ich kann euch nicht mehr vertrauen«, fuhr er fort. »Hickory hat eine barmherzige Seele und mag sich daher weiterhin mit euch umgeben wollen, aber er ist auch ein Drache. Ich bin keiner, mein Langmut hat enge Grenzen. Bei mir habt ihr alle Sympathien verspielt und werdet euch fortan von sämtlichen Drachen fernhalten, die nicht bereitwillig euren Kontakt suchen. Verstoßt ihr dagegen, sperre ich euch in eins der Paddocks, dauerhaft.«

»Dann gibt es also nichts, was wir tun können, um zu beweisen, dass wir es bereuen? Ich erwarte keine Vergebung. Aber ich würde lieber irgendetwas zurückzahlen als gar nichts«, sagte John mit fester Stimme.

Leise, aber sofortige Zustimmung folgte von den anderen. Wenn er sie so ansah, blickte Ian in die Gesichter von jungen Menschen, denen jetzt erst bewusst wurde, welche Folgen ihre Tat hatte. Ein Gericht hätte sie wohl nach Jugendstrafrecht milde verurteilt, aber er war nicht in der Stimmung, nachsichtig zu sein. »Es gibt keine Möglichkeit der Wiedergutmachung, aber ich habe nicht vor, euch sinnlos durchzufüttern. Ihr werdet arbeiten und euren Teil zur Gemeinschaft beitragen, solange ihr hier seid. Ich überprüfe regelmäßig euren Besitz und was ihr bei euch habt, wenn ich euch im Rahmen der Arbeit Kontakt zu den Drachen gewähren muss. Ihr werdet euch nur in von mir gekennzeichneten Bereichen der Siedlung frei bewegen. Verstanden?«

»Ja«, sagten sie betrübt, und er erkannte, dass zumindest in Kenas Augen Tränen schimmerten, als sie davongingen.

Ian fühlte sich nicht schlecht, weil er so hart zu ihnen gewesen war; in ihm brodelte noch immer die Wut und die Verzweiflung über sein eigenes Versagen. Zudem hatte er jetzt gerade wirklich andere Probleme; er musste einen Gefangenen beaufsichtigen, bis sich die Behörden bequemten, ihn zu entfernen, und seine Patienten betreuen, von denen eine ein Vergewaltigungsopfer war. Und dann gab es immernoch Castleton. Das würden furchtbar lange Tage werden.

Er ging wenig später nach Laetitia und Sajian sehen. »Darf ich reinkommen?«, fragte er.

»Natürlich! Wir sind wach, so halbwegs«, sagte Sajian gut gelaunt, aber es wirkte aufgesetzt. Natürlich belastete ihn, was um ihn herum passierte.

»Ich muss mit euch sprechen. Sajian, es ist von absoluter Wichtigkeit, dass du eine Zeitlang untertauchst. Ich möchte, dass du hier in den Paddocks bleibst. Ich werde mich mit allem auseinandersetzen, was mich da draußen am Tor erwarten könnte. Dein Vater wird dich nicht in seine Finger bekommen. Nichtmal über meine Leiche.«

»Er ist nicht mein Vater«, stieß Sajian hervor. »Du hast Lao getroffen. Es… scheint so, dass er mein biologischer Vater ist. Er hat einen Test gemacht, weil ich ihn an seine Frau erinnert habe. Sie ist tot, ebenso wie meine Schwester.«

»Das… kommt unerwartet«, erwiderte Ian. Der Mann hatte in seinem Auftreten nicht so gewirkt, als ob er mit Sajian verwandt war, aber sie hatten sich ja auch erst kennengelernt. »Mein Beileid dafür, etwas so Schmerzliches auf solche Weise zu erfahren. Du musst mir sagen, wozu dein Adoptivvater fähig ist, damit ich mich auf alle Eventualitäten vorbereiten kann.«

»Zu allem, fürchte ich«, sagte er mit belegter Stimme. »Ich weiß, dass er Kontakte in zwielichtige Milieus unterhält, für die Dreckarbeit, mit der er sich nicht abgeben will. Er ist der Meinung, sich alles mit Geld kaufen zu können. Ich bin mir sicher, dass es ihn nicht interessiert, dass hier Privatrecht gilt – im Privaten ist er ebenfalls der Stärkere. Er wählt immer zuerst den Weg des geringsten Widerstands.«

»Ich verstehe. Aber auch er ist keine Gottheit. Ich werde…« Er kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden, denn ein Alarmton ertönte auf einem kleinen elektronischen Gerät, das er am Gürtel trug. »Jemand hat am Tor geläutet. Das sind hoffentlich die Polizisten, um Jared abzuführen. Ging schneller als befürchtet.« Er wandte sich zum Gehen. »Bleibt hier, ich regle das.«