Laetitia und Ian
Laetitia und Ian
Wenige Minuten später hatten sie sich von ihrer Lehrerin und ihren dümmlich dreinschauenden Mitschülern verabschiedet, von denen ein paar wenige tatsächlich nichts Besseres zu tun hatten, als über Sajians nackte Gestalt und ihre Involvierung zu kichern. Als er noch ein Drache war habt ihr alle heulend das Weite gesucht. Jämmerliche Waschlappen. Sie war überrascht von ihren eigenen Gedanken. Seit wann war sie so aggressiv? »Wohin fahren wir jetzt?«, fragte sie, nachdem sie eingestiegen waren.
»Erstmal zu dir, damit du deine restlichen Sachen packen kannst. Danach müssen wir Sajians Eltern einen Besuch abstatten, und das wird der schwierigere Teil des heutigen Tages. Die Castletons sind eine angesehene Familie – seine Überführung ins Reservat wird definitiv Ärger geben. Seine Eltern werden es nicht wahrhaben wollen, vielleicht versuchen sie auch, mich zu bestechen. Wir müssen ihnen irgendwie beibringen, dass es das Beste für ihn und alle Beteiligten ist. Anschließend geht es auf direktem Weg ins Reservat. Du wirst es sicherlich… gewöhnungsbedürftig finden, dort zu leben.« Er räusperte sich. »Als Außenstehende, meine ich.«
Sie warf einen Blick auf den Rücksitz, wo Sajian friedlich schlummerte, eingewickelt in eine weiche, wärmende Decke und ungewahr des Chaos, das er verursacht hatte. »Ich hätte mich nicht bei Ihnen beworben, Mr. McCord, wenn ich nicht bereit für ein Reservat wäre.«
»Bitte, nenn mich Ian.« Er bog in die Zufahrt ihres Hauses ein, und Laetitia eilte nach drinnen, füllte ihre bereits halbgepackte Reisetasche mit noch mehr Dingen, von denen sie glaubte, sie vielleicht brauchen zu können. Ihr Magen knurrte, und sie nahm sich noch ein paar Snacks aus der Küche mit, schrieb ihrer Mutter und Schwester eine Nachricht, wohin sie gegangen war und warum. Sie würden erst später von der Arbeit und aus der Schule kommen, bis dahin wäre sie längst auf ihrem Weg ins Reservat. Umso besser, dann konnte es ihr niemand mehr ausreden; weder ihre Mutter noch ihre Schwester waren begeistert von ihrem Vorhaben gewesen.
Die schwere olivgrüne Tasche schulternd wankte sie zum Geländewagen zurück und schob sie in den Kofferraum, erleichtert, sich wieder hinsetzen zu können.
»Hast den halben Hausrat eingepackt, was?«, neckte Ian sie, und Laetitia stellte fest, dass sie seine Art mochte. Sie schüttelte den Kopf.
»Das ist nicht der halbe, sondern der ganze Haushalt. Meine Mutter und Schwester werden sich wundern, wenn sie heimkommen.«
Er lachte und fuhr rückwärts aus der Einfahrt, tippte auf dem Navi herum, das sie mit einer roten Linie zu ihrer neuen Adresse lotste: Dem Anwesen der Castletons. Es war eine Villa im ansehnlichsten Viertel ihrer Stadt, mit einem dicht bepflanzten, blühenden Vorgarten. Das Haus war in weiß und pastellorange gehalten, mit einer breiten Treppe vor dem Eingang. Wow , dachte sie unweigerlich.
»Schicke Villa«, sagte Ian anerkennend. Sie stiegen aus und gingen auf die hohe Eingangstür zu. Ian tippte auf die Klingel – eine wohlige Melodie ertönte gedämpft von drinnen, doch mehr passierte nicht. Er klingelte noch einmal, erst dann ging die Gegensprechanlage an.
»Ja?« Die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung klang ausgesprochen gestresst.
»Mrs. Castleton? Mein Name ist Ian McCord, ich bin Vorsteher des Shenandoah-Drachenreservats und würde gern von Angesicht zu Angesicht mit Ihnen sprechen. Es geht um Ihren Sohn. Darf ich hereinkommen?« Er sprach langsam und tiefbedeutend.
Sie seufzte. »Das ist gerade wirklich schlecht.«
Laetitia war sich nicht sicher, ob sie das gerade wirklich gehört hatte, und blinzelte. Ian sah nicht weniger ungläubig aus als sie. Keine Nachfrage, was denn mit ihrem Kind vorgefallen war? Keine Verwunderung darüber, dass jemand von der Drachenbehörde vor ihrer Tür stand? Keine Sorge um Sajian, ihr Kind?
»Mrs. Castleton, Ihr Sohn hat heute bei einem Schulausflug Drachengestalt angenommen und eine Panik ausgelöst. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Ich muss ihn aber in Gewahrsam nehmen, so sieht es das Gesetz vor.«
Nun schien sie aufzuwachen: »Was? Nein, nein, das geht nicht! Nicht jetzt, nicht… so! Das müssen Sie mit meinem Mann besprechen!«
Ian rieb sich mit der Hand übers Gesicht. »Mrs. Castleton, wollen Sie nicht wenigstens aufmachen und mir ein paar Dinge für ihn mitgeben? Ich versichere Ihnen, dass er in guten Händen ist, und…«
»Ich habe gerade wirklich keine Zeit dafür! Sie müssen das mit meinem Mann besprechen!«
»Was ist denn bitte wichtiger als Ihr Kind?«, fragte er, und Laetitia fand nun, dass er eindeutig aufgebracht klang.
Stille, dann folgte ein leises: »Ich komme.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte schon sowas in die Richtung vermutet, ehrlich gesagt. Sajian wirkte immer so… unglücklich, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Etwas stimmt nicht mit seinem Elternhaus, glaube ich«, sagte sie leise und erschüttert.
»Ich fürchte fast, sie ist überzeugt davon, dass ihr Mann das mit seinem Geld schon irgendwie regeln wird. Da werde ich sie enttäuschen müssen – in dieser Stadt mögen sie Einfluss haben, nicht aber auf Ebene der Drachenbehörde.«
Sie warteten, bis die große Tür nach innen aufschwang. Eine erstaunlich kleine Frau trat ihnen entgegen, mit Augenringen, als hätte sie lange Zeit nicht geschlafen.
»Mrs. Castleton? Geht es Ihnen gut?«, fragte Ian besorgt.
»Ja, ja, natürlich, aber er… Sajian muss hier bleiben, bis mein Mann mit Ihnen gesprochen hat. Das ist wichtig«, beschwor sie ihn, aber es klang irgendwie halbherzig, fast so, als realisiere sie nun, dass es keinen Sinn hatte, auf sein Eingreifen zu hoffen.
»Über Sajians Verbleib entscheidet nicht Ihr Mann. Er ist ein Wandler und muss in einen Sperrdistrikt verbracht werden, in diesem Fall das Shenandoah-Drachenreservat. Ich brauche daher ein paar Sachen für ihn, und Sie können ihn noch einmal sehen. Sofern Sie das wollen.« Er blickte sie erwartungsvoll an.
»Nein!«, fuhr sie auf, jetzt völlig entgeistert. »Er muss hierbleiben! Wir haben viel Geld für seine Adoption bezahlt, Sie können ihn nicht einfach so mitnehmen!«
»Sind Sie sicher, dass es genug Geld war?«, fragte Ian mühsam beherrscht, dann wandte er sich ab und ging schnurstracks zum Wagen zurück. Laetitia folgte ihm eilig.
»Bleiben Sie sofort stehen, mein Mann wird Ihnen Probleme bereiten, Sie können nicht einfach unseren Sohn nehmen und…!«
Sie hörte den Rest ihres Satzes nicht mehr, denn sie saß bereits wieder im Wagen und schloss die Autotür zeitgleich mit Ian. Er fuhr los, ohne der zeternden Frau weiter Beachtung zu schenken.
»So viel zum Irrglauben, Kinder reicher Eltern hätten ein tolles Leben«, knurrte er. »Arme Seele, hörst du?« Er warf einen kurzen Blick nach hinten auf die Rückbank, wo Sajian noch immer selig schlummerte. »Keine Sorge, wir haben Sachen für dich im Reservat, und zumindest ein bisschen was hast du ja in deiner Badetasche dabei.«
»Wo wird er wohnen?«, fragte Laetitia, denn dazu hatte Ian noch nichts gesagt. In dem Zustand konnte er wohl kaum schon mit Seinesgleichen vergesellschaftet werden.
»Er wird wie alle Neuankömmlinge erst einmal zur Beobachtung in den Paddocks untergebracht – das sind künstlich angelegte Wohnbereiche, natürlichen Höhlen nachempfunden, mit einem angegliederten Außengehege. Die anderen Drachen müssen sich schließlich auch erstmal an ihn gewöhnen, bevor wir ihn rauslassen können.«
Laetitia wusste, dass es in Reservaten üblicherweise eine Trennung zwischen Drachen und Nichtdrachen gab, hatte aber bisher geglaubt, dass es eher aus Gewohnheit so war – viele Reservate waren immerhin sehr alt. Sie kannte nur das Great Smoky Mountains Reservat, und selbst das natürlich nur aus den offiziellen Berichten und Gilfordts Buch. Alle Drachen dort waren friedfertig und freuten sich über Neuzugänge, es gab ihres Wissens nach keine Gewöhnungsphase, in der sie vom Schwarm getrennt gehalten werden mussten. »Dann… sind Drachen also tatsächlich gefährlich?«, fragte sie verunsichert. Habe ich mich in Gefahr gebracht, als ich mich Sajian näherte? Hätte ich wie alle anderen wegrennen sollen?
»Du hast Henrys Buch gelesen. Er hat alle Drachen in seinem Reservat gut im Griff, weil er ihr Alpha ist. Ich dagegen bin nicht einmal ihr Beta. Vermutlich stehe ich noch unter dem Rangniedrigsten im Schwarm. Ich bin ein Fremder, der ihnen von außen vor die Nase gesetzt wurde. Und ich habe nicht viel Felderfahrung. Vor kurzem erst hatte ich meinen ersten Einsatz, und ich war mächtig nervös: Ein Jugendlicher namens Ryou hatte sich zum ersten Mal verwandelt. Ich habe ihn in den Paddocks untergebracht, wo er sicher vor den anderen Drachen ist und gleichzeitig regelmäßigen Kontakt zu mir hat. Wir haben mittlerweile einen guten Draht zueinander, und er ist klein genug, um mir nicht ernstlich gefährlich zu werden, wenn ich mich vorsehe. Ich arbeite gemäß Henrys Modell an der Synchronisation seines Drachenhirns mit dem menschlichen, hoffend, dass er zu einem Bindeglied zwischen mir und den anderen werden kann. Diese reagieren ausgesprochen… feindselig auf Menschen, und zum Teil auch andere Wandler. Sie schaffen es nicht, ihre Drachengestalt zu kontrollieren. In Menschengestalt wissen sie dann nicht mehr, warum sie angegriffen haben. Lediglich einer von ihnen war überhaupt bereit, mit mir zu sprechen, und besucht dann und wann sogar die Paddocks – ihr aktueller Alpha, der älteste Drache im Reservat. Seine Position ist allerdings instabil, was ihn wohl aggressiver macht, als er es unter anderen Umständen wäre; längere Zeit vor meiner Ankunft im Reservat kam ein neuer Wandler dazu, der von den anderen nur ›die Schlange‹ genannt wird. Sie ist ein äußerst aggressives Exemplar, und ein seltsamer Phänotyp: Am Ehesten westlich, mit langem Hals und aufstellbaren Schuppen, die vibrieren und ein Rasseln erzeugen. In ihrem Kiefer befinden sich einziehbare Zähne, lang und dünn, wie Giftzähne. Bislang blieb es glücklicherweise nur bei Drohgebärden zwischen ihr und dem derzeitigen Alpha, aber es bringt natürlich Unruhe in die ganze Gruppe. Aktuell leben sieben Wandler im Reservat, acht mit Sajian. Bei den Blütigen wiederum herrscht stetiger Durchlauf; im Vorfeld meiner Übernahme sind viele entlassen worden, weil sie das geforderte Alter unverwandelt erreicht haben. Daher gibt es nur noch fünf nichtwandelnde Personen. Sie sind missgestimmt, hatten gerade mit dem Berufsleben angefangen und argwöhnen sich gegenseitig.« Er räusperte sich. »Das ist wohl gerade kein gutes Aushängeschild für das Reservat, in dem du arbeiten willst.«
Nein, das war es in der Tat nicht, aber ihre Sorge galt viel mehr Sajian, der für immer dort bleiben musste. Sieh es dir erst einmal an. In Gilfordts Buch steht, dass kein Drache grundlos aggressiv ist. Und er ist als Mensch ohne Wandlerfähigkeit ebenfalls zum Alpha aufgestiegen, indem er sich ihren Respekt verdient hat. Ian konnte das bestimmt ebenfalls.
Laetitia hielt inne und schalt sich selbst. Du bist nur ein Schüler, das hier ist ein studierter, erwachsener Mann. Was willst du denn bitte reißen, was er nicht allein schafft? Dieses Reservat hat nicht auf dich gewartet.
Und dennoch, irgendetwas musste sie tun, um ihren Teil beizutragen. Für Sajian. Für die anderen Drachen.
»Wir finden heraus, was der Grund für das aggressive Verhalten ist. Ich bin vielleicht nur ein Schüler ohne Studium, aber ich will tun, was ich tun kann. Ich habe viel über Drachen gelesen. Natürlich nicht so viel wie Drachenexperten, aber…«
»Du bist vielleicht wichtiger als du glaubst«, erwiderte Ian. »Dass du dich einem instabilen Erstwandler so selbstsicher genähert hast und ihn auch noch erfolgreich beruhigen konntest, ist wirklich bemerkenswert. Sicher hast du dir Wissen angelesen, aber darüber zu lesen ist etwas völlig anderes, als es tatsächlich zu tun. Du hast Courage. Und vielleicht eine Verbindung zu Sajian. Ich nehme an, dir sagt das Bonding etwas? Es bildet sich nach aktuellem wissenschaftlichen Konsens mittels Pheromonen zwischen Individuen aus. Vielleicht bist du ja das passende Gegenstück zu Sajian. Das wäre ausgesprochen interessant für mich zu studieren, denn er wäre der erste gebondete Drache in meinem Reservat; diese Verbindung schafft Einblicke und tieferes Verständnis für sonst unklare Vorgänge. Womöglich bist du tatsächlich der Schlüssel zur Lösung unseres Problems.«
Laetitia blinzelte. Sie erinnerte sich an die Gefühle im Schwimmbad zurück – die Selbstsicherheit, mit der sie Sajian entgegengetreten war, ihn gefüttert hatte, wusste, was er brauchte. Alles sprach für die Bindung, die in Gilfordts Buch beschrieben wurde. Aber warum ausgerechnet sie beide? »Ich verstehe nicht, warum ausgerechnet wir das Band zueinander haben sollten. Wir… sind immer miteinander ausgekommen, aber wir waren nicht einmal Freunde. Und ich hatte nie zuvor…« Gefühle für ihn. Doch, hatte sie. Aber sie hatte geglaubt, es war jene Art von Crush, den viele Mädchen haben. Bei ihr wurde es ja nun auch langsam mal Zeit, oder? Doch tatsächlich hatte es sich ziemlich plötzlich entwickelt, wenn sie so darüber nachdachte, unmittelbar vor seiner ersten Verwandlung. War es also gar keine Verliebtheit, sondern die Bindung gewesen? Durch die Pheromone, die kurz vor der ersten Verwandlung sicherlich am Stärksten waren? War auch er deshalb wie selbstverständlich auf sie zugekommen? Es würde alles zusammenpassen.
»Ob ihr nun das Band zueinander habt oder nicht, du bist seine Bezugsperson. Damit bist du wichtig für ihn. Und ich werde euch beiden mit allem helfen, was ihr wissen und tun müsst. Diese Arbeit ist auch für mich neu. Ich habe mein bisheriges Leben in einem Krankenhaus verbracht, und jetzt bin ich in einem Reservat mitten in der Natur. Wir beide unterscheiden uns keineswegs so sehr hinsichtlich dessen, was wir an Erfahrungen sammeln müssen.«