Schuldige
Schuldige
»Dieses verdammte Arschloch!«, schrie Fera. »Das ist alles seine Schuld! Er hat uns das eingebrockt, jetzt werden wir für den Rest unserer Zeit hier drin wie Dreck behandelt, während er sich da draußen einen ablacht.« Sie trat gegen einen Baumstumpf und schleuderte einen Stein ins Gebüsch, ehe sie sich auf den Boden sinken ließ. »Das ist nicht fair!«
Kena rieb sich übers Gesicht. »Ich hatte so eine gute Zeit bei ihnen. Den Drachen, meine ich. Ich habe gedacht, ich könnte vielleicht eine Art Assistent werden, ein Vermittler zwischen Drachen und Menschen, wie in diesem anderen Reservat. Aber jetzt wird er mir wohl nie wieder vertrauen.«
»Hör auf zu heulen«, fauchte Fera. »Du bist doch nicht Schuld, sondern Jared.«
»Glaubst du das wirklich?«, fragte Leland. »Wir haben getan, was er verlangt hat. Wir haben ihm buchstäblich aus der Hand gefressen und nichts von dem hinterfragt, was er gesagt hat. Dabei hat er gelogen. Kena hat sich die Drachen wenigstens näher angesehen, aber wir? Ich verstehe Ian. Ich würde solchen Leuten auch nicht mehr vertrauen. Er kann uns leider nicht loswerden, solange wir als potentielle Wandler gelten, sonst hätte er uns vermutlich schon hochkant rausgeworfen.«
»Ich hätte nicht gedacht, dass… ich meine, ich habe gar nicht an das Danach gedacht«, gestand John. »Für mich gab es immer nur den Plan und die Frage, ob wir es schaffen können und wie. Ich habe nie einen echten Gedanken daran verschwendet, was hinterher kommt. Irgendwie habe ich gedacht, dass es danach so weitergehen würde wie bisher. Dass Jared und wir hier oben und die Drachen dort unten sind, nur ohne die Bedrohung durch Helen.«
»Ich auch«, sagte Leland. »Wir waren echt blöd. Deshalb sagen Erwachsene wohl immer so Dinge wie, dass Jugendliche vieles noch nicht verstehen. Mich hat das immer aufgeregt, ich bin ja schließlich nicht dumm. Aber jetzt sitzen wir hier alle im selben, sinkenden Boot, und das Loch haben wir selbst reingemacht.«
Fera klaubte einige Zweige vom Boden auf und zerknickte sie. Als sie wieder aufsah, in Richtung des Tors, wurde sie aufmerksam. »Da ist schon wieder jemand.«
»Etwa nochmal dieser einschüchternd aussehende Kerl, der einen Blick drauf hat, als käme er von der Mafia?«, fragte John. Auch die anderen beobachteten nun das Geschehen. Ian näherte sich und öffnete das Tor, das sich unter mechanischem Rumpeln zur Seite schob. Er führte eine Gruppe Männer und Frauen herein, sechs Leute, die in khakifarbene und olivgrüne Uniformen gekleidet waren.
»Sind die von der Drachenbehörde?«, fragte Leland.
»Sehen eher aus wie Ranger aus einem Nationalpark«, erwiderte John.
»Ich glaube, das sind tatsächlich Mitglieder irgendeiner Behörde«, erwiderte Kena. »Von Weitem sehen die Uniformen zumindest so aus. Bestimmt holen sie Jared ab.«
»Na hoffentlich«, sagte Fera kalt. »Ich will sehen, wie er in Fesseln weggebracht wird, und ihm vor die Füße spucken.«
Sie gingen tatsächlich zu den Paddocks hinunter, aber dann kehrten sie nicht zurück. »Was machen die denn bitte so lange?« Fera sah sich nach den anderen um. »Sollten wir lieber mal nachsehen? Das waren jetzt bestimmt schon fünfzehn Minuten.«
»Mach’s nicht noch schlimmer, Ian rastet aus, wenn wir uns den Drachen nähern«, hielt John dagegen.
»Aber was, wenn Jared Widerstand leistet?«, fragte sie.
»Das sind sechs bewaffnete Leute plus Ian, der auch eine Pistole hat – habt ihr das nicht gesehen? Ich leg mich nicht mit dem an. Er hat hier Hausrecht. Genug Amerikaner erschießen Leute auf ihrem eigenen Grundstück.«
Leland sagte nach einem Moment: »Das dauert aber wirklich lange.« Dann kamen sie, tatsächlich mit Jared im Schlepptau – und Sajian. Ian war nirgendwo zu sehen. Sajian sah selbst auf die Entfernung hin zu Tode erschrocken aus.
»Hey, da stimmt was nicht – warum haben die Sajian? Und wo ist Ian?«, rief John.
»Der wird schon wieder entführt! Das hätte Ian nie zugelassen!«, rief Kena, dann rannte sie auch schon Hals über Kopf los.