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Ian

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Ian

Als Ian das Tor öffnete, standen ihm vier Männer und zwei Frauen gegenüber, alle in den khaki- und olivfarbenen Uniformen der Drachenbehörde von Virginia. Auf ihrer Brust prangte der Ouroboros, der in jedem Bundesstaat einheitlich war. »Guten Tag, ich bin Evelyne Proster, Drachenbehörde Virginia. Sind Sie Ian McCord, der Vorsteher dieses Reservats?«

»Das bin ich.« Er schüttelte ihr die Hand. »Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie wegen Jared Bishop kommen? Ich hätte jemanden von der Polizei erwartet, um ihn abführen zu lassen.«

»Nicht, wenn es um Drachenreservatsinsassen geht«, erwiderte Proster. »Dafür ist unsere  Behörde zuständig, egal, ob es nun wirklich einen Drachen oder Menschen betrifft. Wo ist die fragliche Person?«

»Ich hole ihn, wenn Sie sich kurz hier gedulden würden.«

»Oh, wir kommen sehr gern mit, wenn Sie gestatten. Wir sind Profis im Umgang mit Reservatsinsassen, überlassen Sie alles uns.«

Ian führte die Gruppe zum Grenzzaun und schloss auf, um hinab zu den Paddocks zu steigen. Er hatte Daisuke angewiesen, sich zum Schlafen zurückzuziehen, denn er war seit zwei Tagen wach; für ihn kein großes Problem, wie er versicherte – Long-Drachen konnten längere Zeit ohne Schlaf zubringen als westliche Drachen und noch viel längere als Nicht-Drachen. Er klopfte an die Tür zur Wohneinheit. »Jared? Die Behörden sind da. Ich komme jetzt rein.«

Jared saß am Tisch und blickte gelangweilt zu ihnen auf. Aus seinem Gesicht war keinerlei Reue zu lesen – er wusste vermutlich, dass ihn keine allzu hohe Strafe erwartete. Auf den Moment, diesen Ort für immer verlassen und in die Gesellschaft zurückkehren zu können, hatte er immerhin lange warten müssen.

Ian zuckte heftig zusammen, als er plötzlich ein Stechen im Rücken verspürte, genau in dem Moment, als all seine Gliedmaßen ihm nicht mehr gehorchten. Zwei Mitglieder der Behörde legten ihn auf dem Boden ab.

»Nehmen Sie’s nicht persönlich, Mr. McCord«, sagte Proster, die in sein Sichtfeld trat. »Als Arzt kennen Sie sicherlich die Wirkung von Pancuronium, nicht wahr? Es leitet sich von Curare ab, einem seit Jahrtausenden verwendeten Pfeilgift. Sie sind gelähmt, aber nicht so stark, dass Sie nicht mehr atmen können. Die Lähmung wird bald nachlassen, daher haben wir nicht viel Zeit zu plaudern.« Sie sah zu einem Punkt hinter ihm, wo Jared sitzen musste. Ian versuchte aufzustehen, aber mehr als ein Zucken der Finger brachte er nicht zustande. Er spürte, wie ihm schwindelig wurde und sein Puls in die Höhe schnellte. Was in aller Welt hatte das gerade zu bedeuten?

Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Castleton. Er hatte vielleicht keine Freunde bei der Behörde, aber es war wohl nicht schwer, an Uniformen heranzukommen.

»Was machen wir mit ihm, Chef?«, wollte einer der Männer wissen.

»Bist du ein Drache?«, fragte Proster.

»Seh’ ich etwa so aus?«, hörte er Jared angewidert fragen, ehe ihm wohl dämmerte, dass es nicht klug war, es drauf ankommen zu lassen. »Nein, ich bin kein Drache.«

»Warum bist du hier eingesperrt?«, fragte Proster.

»Wer will das wissen?«

»Ich«, sagte sie kalt, und ihre Begleiter zogen Handfeuerwaffen.

»Sollen wir ihm die tödliche Dosis reinschießen, Chef?«, fragte einer der Männer.

»Nicht nötig«, erwiderte sie. »Vielleicht kann er uns sogar helfen, nachdem er meine Fragen beantwortet hat. Also?«

»Ich wurde eingesperrt, weil ich versucht habe, einen der Drachen da draußen zu töten. Jetzt bin ich alt genug, um rausgeworfen zu werden.«

»Verstehe. Wenn du so lange hier warst, kannst du uns bestimmt sagen, ob ein Sajian Castleton irgendwo untergebracht ist. Wir suchen ihn für unseren Auftraggeber. Alles andere ist Beiwerk.«

»Was springt für mich dabei raus?«, fragte Jared.

»Dein Leben«, antwortete einer der Männer ungerührt. »Pancuronium lässt dich elendig verrecken. Ein Verbrecher zieht nur die Bullen an.«

»So, wie ich das sehe, brauchen Sie mich mehr als ich Sie. Dort draußen erwartet mich keine harte Strafe, immerhin war ich nicht mal erfolgreich und Drachen interessieren die Staaten ohnehin einen Scheiß. Ich brauche nur laut zu schreien und mein Wächter kehrt zurück. Ich bin mir sicher, er schläft hier irgendwo in der Nähe. Er ist übrigens nicht zu vergiften und schnell wie der Blitz, versuchen Sie es also gar nicht erst. Wenn Sie mich lähmen, kann ich nicht mehr sprechen, um für Sie auszusagen.«

»Dann nehmen wir die Bude eben ohne dich auseinander! Wir haben Betäubungsmittelkanister, falls uns eins der Viecher in die Quere kommt!«, fauchte der Mann.

»Lass gut sein. Wir holen ihn hier raus und er führt uns zu dem, den wir suchen. Win-Win-Situation ohne Notwendigkeit eines Streits. Wir werden nicht bezahlt für die Zahl an Niedergestreckten, sondern für unsere Mission. Vorwärts.« Sie nahm Ian die Schlüssel ab, und er konnte nicht mehr tun, als hilflos zuzusehen, wie sie zu den restlichen Paddocks gingen.