Sajian
Sajian
Sajian sah auf, als plötzlich jemand die Tür öffnete. Er erwartete Ian, doch stattdessen stand ihm eine fremde Frau gegenüber. Ihre Augen leuchteten, als sie ihn sah. »Guten Tag, Sajian Castleton, nehme ich an? Ich bin Evelyne Proster, von der Drachenbehörde Virginia. Wir sind gekommen, um dich abzuholen – dein Vater sucht dich. Du wirst auf sein Geheiß hin in ein anderes Reservat überführt.«
Panik stieg so explosionsartig in ihm auf wie Wasser aus einem Geysir. »Was? Nein! Verschwinden Sie! Wie sind Sie hier reingekommen? Wo ist Ian?« Instinktiv tastete er nach der Drachengestalt, doch sie war vor Angst wie blockiert.
»Dein Vorsteher ist mit der Überführung einverstanden. Es war eine Anordnung der obersten Behörde, auch er kann dagegen nichts einwenden«, erwiderte Proster. »Zum Glück hat er es gar nicht erst versucht.«
»Lüge!«, fauchte Laetitia und stellte sich schützend vor ihn. »Ian hätte dem niemals zugestimmt, wo ist er?«
»Keine Zeit dafür. Der junge Mr. Castleton kommt mit uns. Und du wirst ihn gehen lassen.«
»Nur über meine Leiche!«, fauchte sie.
»Das lässt sich einrichten«, sagte Proster, und in genau dem Moment, da sie eine Waffe von ihrem Gürtel zog, verwandelte sich Laetitia inmitten der Enge des Raumes. Ihr wachsender Körper stieß sämtliche Einrichtung zur Seite, der Schweif peitschte durch die Luft. Sajian wurde zur Wand gedrängt und von ihr niedergedrückt, als sie plötzlich erschlaffte. Laetitias weit geöffnete Augen starrten die Gruppe an, voller Angst jetzt, und zuckten hilflos. Ein dünner Pfeil mit roten Büscheln am Ende steckte in ihrer Brust.
»Was haben Sie getan?!«, fragte Sajian fassungs- und atemlos.
»Ein Muskelrelaxans. Sie wird sich davon erholen, genau wie euer Vorsteher – zumindest besteht die Chance darauf, wenn wir ihr nicht noch einen Pfeil reinjagen. Dann erstickt sie bei vollem Bewusstsein, weil neben der Skelettmuskulatur auch die Atemmuskeln erschlaffen. Das willst du doch nicht, oder? Also kommst du jetzt mit uns. Wir haben genug Pfeile hierauf verschwendet. Auch, wenn ich diese dunkle Schuppenhaut wirklich gern in meinem Schlafzimmer hätte. Macht als Bettvorleger ziemlich was her.«
»Nein, nein! Tut niemandem hier etwas, ich komme mit euch! Ich komme mit euch! Aber bitte, macht, dass sie wieder aufwacht!« Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, Tränen traten in seine Augen.
»Tatsächlich schläft sie nicht, sie ist nur bewegungsunfähig. Jetzt komm. Je schneller wir hier fertig sind, desto schneller kommen wir an unsere Bezahlung«, erwiderte Proster.
Sajian schob ihren Flügel beiseite, sah tief in ihr bernsteinfarbenes Auge. Sie lebte, oder? Sie würde sich wieder erholen, oder?!
»Komm jetzt!« Einer der Männer packte Sajian und zog ihn von ihr weg, und er konnte sein eigenes Zittern nicht mehr unterdrücken. Trotz allem, was sie auf sich genommen hatten, um ihn in Sicherheit zu bringen, hatten sie ihn gefunden. Er war wie betäubt, als sie ihn die Treppe zur Siedlung hinaufstießen, wagte dabei nicht, aufzusehen. Er fürchtete sich vor dem, was er sehen würde, erwartete leblose Körper einschließlich Ians. Doch das, was er beim Aufblicken tatsächlich sah, verblüffte ihn: Kena rannte direkt auf ihn zu, dicht gefolgt von den anderen drei Jugendlichen aus der Siedlung.
»Nein!«, schrie Sajian. »Kommt nicht näher!«
Aber es war zu spät. Die Fremden zogen ihre Waffen und schossen. Kena schlug hin, einen Pfeil in der Brust, ebenso Fera, der gleich zwei davon im Oberschenkel steckten. John und Leland kamen schlitternd hinter ihnen zum Stehen. »Fuck!«, schrie Leland.
»Verdammt, wer hat zwei Pfeile in das Mädchen geschossen?«, seufzte Proster. »Das ist eine klare Überdosis. Ging also doch nicht ohne Opfer.«
»Was zum…?«, fragte John entsetzt.
»Ihr bleibt, wo ihr seid, und zieht die Pfeile raus, vielleicht überlebt sie dann. Und ihr lasst uns abziehen. Auf die Weise muss es keine weiteren Verletzten oder Toten geben.«
»Tut, was sie sagt!«, verlangte Sajian. »Sie haben Laetitia und vermutlich auch Ian angeschossen! Das Zeug tötet, wenn es zu hoch dosiert wird!«
Leland und John warfen einander überforderte Blicke zu, dann sanken sie neben Kena und Fera nieder und zogen die Pfeile heraus.
Proster versetzte ihm einen Stoß in Richtung Tor. »Los, gehen wir!«
»Jared, ich hoffe, du schmorst in der Hölle!«, schrie Leland ihnen hinterher.