Jugendliche
Jugendliche
John und Leland waren völlig überfordert mit der Situation. Sie schüttelten die beiden leblosen Jugendlichen, doch sie reagierten nicht. »Fera, wach auf!«, rief John verzweifelt. »Was sollen wir tun?«
»Wir müssen beide in die stabile Seitenlage bringen«, erwiderte Leland, der sich plötzlich an seinen Erste-Hilfe-Kurs in der Schule zurückerinnerte – Wissen, von dem er geglaubt hatte, es ohnehin nie zu brauchen, wurde plötzlich wichtig und drängte sich in den Vordergrund. Er drehte Kena auf die Seite und prüfte dann noch einmal ihre Atmung.
»Was ist das für’n Zeug?«, fragte John mit Blick auf die durchsichtigen, rot befiederten Pfeile, die nun neben ihnen auf einem Haufen lagen.
»Keine Ahnung, Ian wird’s bestimmt wissen, aber er ist ja auch ausgeschaltet. Atmet! Ihr müsst atmen!«
»Ich suche ihn!«, befand John. »Bleib du hier und sorg dafür, dass sie weiteratmen!« Er rannte quer durch die Siedlung, so schnell er konnte, dann durch den Grenzzaun, dessen Zugang sperrangelweit offen stand, und hinunter zum letzten Paddock, in dem bis vor Kurzem noch Jared eingesperrt war. Dort lag Ian mitten in der Wohneinheit – er bewegte sich kaum und atmete genauso schwer wie Fera und Kena. »Ian!« John kniete sich neben ihn. »Ian, sie haben Sajian entführt und Jared befreit! Und sie haben Fera und Kena angeschossen! Fera hatte die doppelte Dosis abgekriegt! Sie sagten, dass sie daran sterben kann! Du musst ihr helfen!« Erst, als all das raus war, wurden seine Gedanken klarer und er konnte sich auf Ian selbst konzentrieren. »Soll ich dir aufhelfen? Dir irgendetwas bringen? Was kann ich tun?!«, fragte er verzweifelt.
»H-h-hol meine Tasch…« Er sprach leise und verwaschen, aber zumindest konnte er sprechen.
»Deine Arzttasche? Sie ist im Behandlungsraum, oder? Oh, verdammt.« Er würde Helen gegenübertreten müssen, und sie würde ihn zerfleischen, da war er sich sicher. Aber er musste es tun. »Ich bin sofort zurück!« John rannte die Treppe wieder hoch und blieb erst dann stehen, als er vor Ians Hütte angekommen war. Dort zögerte er jedoch nur für einen kurzen Moment, ehe er die Tür aufstieß und schnurstracks auf den Behandlungsraum zuhielt. Darin lagen Ians zwei Patienten, Hickory und Helen, sowie Grace. Sie alle hatten offenkundig nichts von dem Überfall mitbekommen und schreckten auf, als er eintrat. John ignorierte alle drei, blickte sich rasend schnell um, bis er die Tasche in einer Lücke zwischen zwei Schränken fand. Er packte sie und rannte wieder zurück, noch bevor irgendjemand Fragen stellen konnte.
»Hier ist deine Tasche, sag… sag mir, was ich tun muss!«
»S-s-s… Sugammadex. Du… musst… es in…. eine Spritze aufz…«
John durchsuchte die kleineren, beschrifteten Taschen im Innern. Die Spritzen fand er sofort, und schließlich entdeckte er auch das Ampullarium mit dem verlangten Sugammadex. Glücklicherweise war alles gut beschriftet. »Ian…« Er wusste nicht, ob er jemandem eine Spritze geben konnte.
Ian wies ihn mit knappen Worten dazu an, das Mittel aufzuziehen. Es musste in eine Vene injiziert werden. Gemäß seinen Anweisungen desinfizierte er einen Unterarm und band ihn ab, dann führte er die Kanüle mit zitternden Händen in eine gut sichtbare Vene, bis Blut heraustropfte, und steckte die aufgezogene Spritze an, um langsam das Mittel zu injizieren. Sein Puls dröhnte ihm in den Ohren, bis er fast taub davon wurde.
Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Ian bewegte zuerst die Hände und richtete sich dann langsam auf, wobei John ihn stützte. »Das hast du gut gemacht für jemanden, der keinerlei medizinisches Vorwissen besitzt. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.« Er eilte zuerst in die anderen Paddocks. In jenem von Sajian fand er nur noch Laetitia in ihrer Drachengestalt vor. Sie lag am Boden, murrend und brummend, konnte nur noch die Schwanzspitze und die Augen bewegen. Als er sie rasch untersuchte fand er neben einem Pfeil in ihrer Brust noch einen weiteren in der Flanke, wo er von einem Flügel verdeckt wurde, und zog beide heraus. Er öffnete die Tasche und ließ sich neben ihr nieder, um einen Zugang in die Halsvene zu legen. »Zieh mir nochmal Sugammadex auf«, verlangte er, und John reichte ihm die Spritze.
»I-ist das denn eine gute Idee? Sie ist ein Drache… Wenn sie sich gleich wieder bewegen kann…«
»Sei nicht albern«, wischte er den Einwand beiseite und injizierte die Lösung, deutlich mehr, als John ihm verabreicht hatte, und verlangte noch eine weitere, die er ihr ebenfalls gab. Erst daraufhin rührte Laetitia die Glieder und knurrte aufgeregt. »Bleib im Paddock, ich komme gleich wieder nach dir sehen, aber vorerst muss ich mich um weitere Patienten kümmern.«
Sie eilten die Treppe hinauf, so weit es in Ians Zustand als Eilen bezeichnet werden konnte, und fanden Leland dabei vor, wie er Fera Mund zu Mund beatmete. »Sie atmet nicht mehr!«, schrie er voller Verzweiflung.
»Mach weiter!«, verlangte Ian und legte in Windeseile einen weiteren Zugang, in den er das Medikament injizierte, das John vorbereitete, ohne gefragt zu werden. Ian nahm es entgegen, als sei es abgesprochen.
»Was ist das für’n Zeug?«, fragte Leland.
»Ein Muskelrelaxans, es wird bei OPs eingesetzt und kann die Atmung lähmen. Genau das ist hier passiert. Dieses Antidot wird ihr helfen.« Fera begann, sich wieder zu bewegen, reagierte aber ansonsten nicht. Ian setzte eine Beatmungsmaske aus der Tasche auf ihr Gesicht und drückte auf den Balg am anderen Ende, um Luft in ihre Lungen zu befördern.
»Kümmert euch um Kena, du kannst das, Jonathan. Ich werde hier gebraucht.«
»John?«, fragte Leland zweifelnd.
»Schon gut, ich kann das wirklich.« Er machte sich ans Werk, konzentrierte sich nur auf seine Arbeit, ihr die Nadel in die Vene zu führen, und dosierte das Medikament gemäß Ians Anweisungen. Kena kam beinahe sofort wieder zu sich. »Fera«, flüsterte sie.
»Es hat sie schlimmer getroffen. Wir müssen sie zur Kreislaufüberwachung in den Behandlungsraum bringen«, befand Ian. Sie trugen sie gemeinsam in den Behandlungsraum, wobei sie die Tür aufstießen und alle Patienten darin erneut aufschreckten. Helen sprang von der Trage und wich an die am Weitesten entfernte Wand zurück, zog eilig die Decke heran, um sich zu verhüllen. Ian legte Fera kurzerhand darauf und schloss binnen weniger Minuten EKG, Blutdruckmanschette sowie Pulsoximeter an, deren Messwerte er auf dem Bildschirm des verbundenen Geräts verfolgte. »Sie ist stabil und atmet selbstständig, sehr gut. Ihr habt alles richtig gemacht. Es wäre ein grauenvoller Tod durch Ersticken gewesen, hättet ihr nicht sofort gehandelt.«
»Ihr!«, fauchte Helen plötzlich. »Ihr habt uns angegriffen!«
»So wie du uns«, gab Ian nüchtern zurück. »Hier seid ihr alle Patienten, ich dulde keinen Streit.«
»Was ist passiert?«, wollte Grace wissen, und auch Hickory rückte besorgt näher.
Ian kam nicht dazu, es zu erklären: Von draußen ertönten aufgeregte Drachenlaute und ein metallisches Kreischen, dann tauchte plötzlich Laetitias schwarzbrauner Schädel erst in der Tür, dann im offenen Fenster auf, wo er mehr Platz hatte. Sie knurrte aufgeregt, als wollte sie ihnen etwas mitteilen. Beinahe zeitgleich zu ihr trat Daisuke in seiner Menschengestalt durch die Eingangstür.
»Kaum legt man sich zum Schlafen hin drehen alle durch – ich hab Laetitia wie wild mit dem Paddockgitter kämpfen hören, bis sie es offen hatte und hier raufgeflogen ist wie von einem Dämon gejagt. Was in aller Welt ist hier los?«
Ian wappnete sich. »Da waren Leute am Tor, sie gaben sich aus als Mitarbeiter von der Drachenbehörde. Ich dachte, sie wollen Jared abholen. Stattdessen hatten sie es auf Sajian abgesehen. Sie haben mehrere von uns mit einem Muskelrelaxans außer Gefecht gesetzt und sind mit ihm entkommen. Ich habe darin versagt, ihn zu beschützen. Dabei hat sein Vater ihn extra hergebracht, damit er sicher ist.« Er wandte sich ab, aber sein Gesicht war wutverzerrt.
»Sein Vater? Ich dachte, sein Vater ist es, der ihn entführen will?«, fragte Hickory verwirrt.
»Das ist sein Adoptivvater. Sein leiblicher Vater hat ihn kürzlich hergebracht. Sie haben sich zufällig getroffen. Lao Ching oder so, der Drachenarzt, der auch die Videos zum Quereinstieg in die Drachenmedizin macht.«
Daisukes Gesicht entgleiste so heftig, dass es unheimlich war. »Lao Xhiang? Großgewachsen, schwarzes Haar, helle Augen, gewissermaßen einschüchternder Blick?«
»Das trifft ihn in Namen wie in der Beschreibung«, erwiderte Ian. »Du kennst ihn?«
Daisuke zögerte völlig fassungslos. »Er ist Sajians leiblicher Vater? Er… war unauffindbar nach der Sache mit meiner Schwester.« Daisuke drehte sich zum Fenster, in dem gerade eben noch Laetitias Kopf gesteckt hatte. Nun hing sie dort in ihrer Menschengestalt und sagte schwer atmend: »Lao Xhiang ist Sajians Vater, seine Mutter und Schwester hießen Akiko und Syanna. Er hat uns ihre Geschichte erzählt. Dann bist du also…?«
»Akiko war meine Schwester, Syanna meine Nichte. Ich… hatte keine Ahnung, dass…« Daisuke brach ab, schloss die Augen, und als er sie wieder öffnete waren sie erschreckend finster. »Ich hole ihn zurück.«