Lao
Lao
Er konnte fühlen, wie sein Herz für einen Moment stehenblieb – einerseits aufgrund des Anrufers, andererseits aufgrund der Nachricht, die ihm eben jener Anrufer übermittelte. »Daisuke… hör zu, ich weiß, wir kamen nie gut miteinander klar, aber…«
»Dafür ist jetzt keine Zeit!«, fuhr er ihn an. »Wir müssen meinen Neffen retten, deinen Sohn. Ich nehme das in die Hand. Das ist keine Menschensache, sondern die Aufgabe eines Long.«
»Auf keinen Fall! Wenn du auftauchst wird der ganze Bundesstaat auf dich aufmerksam! Du bist ein reinblütiger Long und weißt, wie scheißbegehrt alles von dir ist! Sie könnten mit dir das vollenden, was ihnen mit Akiko nicht gelungen ist!«
»Wenn es dazu kommt, exekutiere ich mich selbst. Aber dabei entfessle ich die Hölle. Ich habe nur für diesen Moment weitergelebt, da bin ich mir sicher. Es war der Wille Amaterasus.«
»Hör schon auf damit«, knurrte Lao. Er konnte diese Leier nicht besser ertragen als früher. »Ich gebe sofort den Befehl, dass sämtliche Wildtierkameras in der Umgebung kontrolliert werden. Irgendeine wird irgendetwas aufgezeichnet haben.« Er tippte bereits die entsprechenden Befehle ins interne System und schickte sie los.
»Tu das, ich tue, was ich tun muss.«
»Dai…?« Er hatte bereits aufgelegt, und Lao rief den Überwachungsbildschirm auf seinen Laptop. Er hatte Zugriff auf um die einhundertfünfzig Kameras, die jeweils kein großes Gebiet abdeckten, aber in ihrer Gesamtheit zumindest eine flächige Überwachung der wichtigsten Wege zuließen. Er ließ das System eine Suche nach verdächtigen Vorkommnissen durchführen – mittendrin meldete sich Hiroki per Chat: Da ist ein Auto in Sektor 47, Nummernschild nicht sichtbar. Keine Aufschrift.
Er holte die Aufnahme auf den Bildschirm – nicht viel war darauf zu erkennen: Keine Insassen des Wagens, kein Nummernschild, nur ein olivbraunes Auto – aber mit einer umgebauten Ladefläche, die etwas wie einen schwer gepanzerten, in sich geschlossenen Käfig aufwies. Der Wagen fuhr mitten im Wald, fernab der Straßen. Nur die Drachenbehörde oder die Ranger des Nationalparks fuhren dort entlang. Das war mit Sicherheit kein Auto vom einen oder anderen.
Er tippte zurück: Welche Richtung?
Jake war es, der antwortete: Wir schicken Drohnen, er fährt Richtung Sektor 57. Ich suche nach der kürzesten Route zum Drachenreservat in Kanada.
Lao wartete wie auf glühenden Kohlen, bis sich Hiroki wieder meldete: Hab den Wagen mit einer Drohne entdeckt und verfolge ihn, er fährt gerade auf der Straße in unsere Richtung. Fangen wir ihn ab?
Da ploppte Jakes Nachricht auf: Abfangen nicht nötig – er kommt direkt auf uns zu. Ich schätze, die Pläne haben sich geändert. Macht euch bereit. Bei der Geschwindigkeit ist er in weniger als einer Stunde hier.
Alles klar, meldete sich Lao. Wir holen ihn zurück, koste es was es wolle.
Meinst du das so, wie du es schreibst?, fragte Hiroki.
Sehe ich für dich aus, als mache ich gern Späße?
Hiroki schickte einen violetten Smiley mit Teufelshörnern und einem Lächeln. Ich bin bereit, wenn du mir die Erlaubnis gibst.
Erlaubnis erteilt , schrieb Lao grimmig. Er stand auf und öffnete den Schrank, um eine lange, schwarz lackierte Holzbox daraus hervorzuholen. Sie war mit japanischen Schriftzeichen bedeckt, die übersetzt »Kirschblüten im Kampf« bedeuteten. Darin lag ein langes Schwert, hauchdünn und mit einer weißglänzenden Schneide. Es hatte Akiko gehört; ein Schwert, das nur einem Long zu führen gestattet war, ihre Klaue in Menschengestalt, um Familie und Land zu beschützen. Lao hatte vor und nach ihrem Tod mit ähnlichen Schwertern trainiert, ausgiebig, um sich als würdig zu erweisen – ein Ziel, das er als Mensch nie erreichen konnte. Aber er konnte die Klinge zumindest Blut schmecken lassen. Viel Blut. Und das Werk vollenden, das Akiko mit ihren Klauen, Zähnen und der Ahnenrache begonnen hatte.