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Widersacher

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Widersacher

Watanabe saß in stiller Würde an seinem Tisch im Büro. Die Anlage war völlig verwaist; sämtliche Drachen hatten die Anweisung erhalten, sich binnen weniger als einer Stunde in die unterirdischen Gänge zurückzuziehen und die Zugänge fest zu verschließen. Nur Hiroki war noch bei ihm, und er hatte im Gefühl, dass Jake sich ebenfalls weiter draußen aufhielt.

Der Wagen näherte sich ihnen durch die Überwachung nicht überraschend. Ebenso wenig überraschte ihn, dass die gesetzte Frist nicht eingehalten wurde – natürlich wollten sie sie in dem Moment angreifen, wenn sie vermeintlich nicht darauf vorbereitet waren.

Der Wagen trug keine Aufschrift, doch die Frauen und Männer, die ausstiegen, hatten die Uniform der Drachenbehörde von Virginia an. Watanabe fehlte das Wissen zu erkennen, ob sie authentisch oder gefälscht waren. Glücklicherweise hatte er eine Software, die auch das für ihn übernahm. »Prüfen«, befahl er.

»Bin längst dabei«, sagte Hiroki, der die Gesichtserkennung anwies, die Kameraaufnahmen zu scannen. »Keinerlei Übereinstimmung mit bekannten Mitgliedern der Drachenbehörde. Uniform scheint echt zu sein.« Das gab keine hundertprozentige Sicherheit; es konnten neue Angestellte sein oder solche, die im Geheimen agierten, aber die Behörde war nicht für hohen Mitarbeiterdurchlauf bekannt, auch nicht dafür, Agenten zu beschäftigen. »Dafür allerdings 99%ige Übereinstimmung von fünf der sechs Leute mit Personen aus der Schwarzmarktszene – Trophäenjagd, Drogenhandel, illegale Aktivitäten«, berichtete Hiroki. »Die Frau an vorderster Front ist mit 99%iger Sicherheit Zaline Evans – bekannt aus der Drachentöterszene. Hat mal neben der Leiche eines Drachen auf Social Media posiert, den sie mit dem Gewehr erlegt hat. War ein fünfzehnjähriges Mädchen aus ihrem Ort, Erstwandler. Es wurde nie Strafanzeige gestellt, der Post verschwand wenig später. Der Rest hat in einschlägigen Foren vorallem für Artikel aus Drachenmaterial geworben, an denen er vermutlich selbst verdient: Dekoartikel und Messer aus Drachenknochen, -zähnen, -schuppen, -krallen und -haut sowie diverse Beautyprodukte. Der Mann neben ihr hat auf seinem Social Media Account ein Profilbild, auf dem er vor an einer Wand hängenden Drachenschädeln in einer Lodge steht.«

Watanabes Gesicht verfinsterte sich. »In dem Fall keine Zurückhaltung.«

»Verstanden«, sagte Hiroki mit beunruhigend begierigem Gesichtsausdruck. Watanabe schaltete die Freisprechanlage ein.

»Sie sprechen mit Dr. Kenji Watanabe, dem Vorsitzenden dieser pharmazeutischen Einrichtung. Der Zutritt ist nur Mitarbeitern gestattet. Nennen Sie Ihre Namen, Ihre Befugnis und begründen Sie Ihr Anliegen«, verlangte er.

Die Frau an vorderster Front sprach: »Ich denke Sie wissen, wer wir sind und wer uns schickt. Evelyne Proster der Name. Sie haben eine Forderung von unserem Auftraggeber erhalten, der sie bisher nicht nachgekommen sind. Wir haben den fraglichen Drachen mittlerweile anderweitig aufgegriffen, das ist also nicht der Grund für unseren Besuch. Der Grund ist viel mehr, dass Sie illegal Drachen hier gefangenhalten, die in Reservate gehören. Wir haben das Gebäude umstellt, versuchen Sie also gar nicht erst zu flüchten. Wir finden jeden einzelnen Drachen, den Sie hier untergebracht haben.«

»BioSynTechs ist eine Einrichtung, die mit aus dem Ausland bezogenen Blut- und Liquorbestandteilen von Drachen arbeitet, um pharmazeutische Produkte herzustellen. Lebende Drachen haben wir hier nicht, Gott bewahre«, erwiderte Watanabe. »Kommen Sie herein und machen Sie sich selbst ein Bild, wenn Sie mir nicht glauben.«

Das schien die Gruppe zu überraschen – sie hatte offenkundig mit Widerstand gerechnet. Einer von ihnen sprach in ein Funkgerät, und wenig später kamen weitere Personen aus den umliegenden Wäldern, von deren Anwesenheit sie durch die Kameras ebenfalls gewusst hatten. Es waren mehrere Dutzend, alle gepanzert und mit Sturmwaffen im Anschlag.

Watanabe öffnete das Tor und ließ sie bereitwillig ein, was mit verblüfften Blicken vonseiten Evans quittiert wurde. Dennoch betraten ihre Frauen und Männer das Gebäude über den breiten Trakt. »Sehen Sie sich genau um, Sie werden nichts finden, das hier nicht hingehört.«

Die Leute schwärmten aus und durchsuchten sämtliche Räume, schoben Tische und Schränke beiseite, um versteckte Eingänge zu finden, die es nicht gab. »Warum arbeitet hier niemand?«, tönte die Frage eines Mannes aus dem Lautsprecher, als sie in einen der pharmazeutischen Komplexe vorgedrungen waren.

»Gerade ist Betriebsurlaub, Sie kommen also genau zur rechten Zeit. Ich wäre Ihnen nur sehr verbunden, alles wieder an den rechten Platz zu rücken, wenn Sie fertig sind – ich bin schließlich allein hier.« Watanabe nickte Hiroki mit düsterem Blick zu, der sich daraufhin erhob und wortlos den Raum verließ. »Gehen Sie nur weiter, ich habe alle Türen für Sie geöffnet. Und sehen sollen Sie mich auch. Es hinterlässt einen starken psychologischen Impact, das Letzte zu sein, das man im Leben zu Gesicht bekommt, nicht wahr?« Er ließ sein Bild nun auf sämtliche Monitore in der ganzen Einrichtung übertragen. Es dauerte, bis die Eindringlinge realisiert hatten, was seine Worte bedeuteten – sie waren zu sehr damit beschäftigt, die Goldgrube zu finden, die sie hier vermuteten. Dann fiel auch schon das Tor hinter ihnen zu, und die Einrichtung verriegelte sich unter durchdringendem Alarmton und rotem Blinklicht. Selbst die Fenster wurden von herunterrasenden metallenen Rollladen gesichert. Binnen weniger Sekunden war die gesamte Einrichtung ein undurchdringlicher Panzer. Panik breitete sich unter den Besuchern aus.

»Creepy, oder? Wie in einem Horrorfilm«, tönte plötzlich eine Stimme auf dem Gang, und Hiroki erschien auf den Bildschirmen. »Fehlt nur noch das Monster.« Mit diesen Worten schlüpfte er geschmeidig in seine Drachengestalt, die mit dem Blinklicht zu verschmelzen schien, mit dessen Aufleuchten und Dimmen abwechselnd auftauchte und verschwand. Das panische Gemurmel wurde lauter, zu einem Schreien aus mehreren Kehlen – und dann begann Hiroki durch sie hindurchzupflügen. Seine scharfen Krallen und Zähne rissen Hälse und Körper auf, wo die Panzerung eine Lücke hatte, und seine bloßen Bewegungen brachen Knochen. Schüsse fielen, zerstörten einige der Monitore, doch keine Kugel traf den agilen Drachenkörper, dessen Farbe sich dem Licht anpasste und ihn schwer zu orten machte. Als irgendwann doch eine Kugel ihr Ziel fand, schloss sich die Wunde augenblicklich.

Nun ergriff die Frauen und Männer nackte Angst, und sie rannten Hals über Kopf tiefer in die Anlage. Watanabe wartete, bis die ersten den Eingang in die tieferen Ebenen fanden, und löste erst im letzten Moment aus, wenn der größtmögliche Schaden zu erwarten war: Lange, schwere und rasiermesserscharfe Metallspitzen schossen aus Öffnungen in jenen Rahmen, die in regelmäßigen Abständen in die Gänge eingelassen wurden, durchbohrten Helme und dicke Panzerwesten ihrer Träger. Eine schwarze Lache breitete sich um die Hingestürzten herum aus, die sich nicht mehr rührten, während die Leute hinter ihnen fassungslos stehen blieben. Gedämpfte Schreie drangen durch die Sprechanlage, elektronisch verfremdet, aber der Horror war ihnen deutlich anzuhören. Eine grimmige Genugtuung ergriff Watanabe.

»Sie dachten wohl, ich sei hier mit Ihnen eingesperrt, aber in Wirklichkeit ist es genau umgekehrt: Sie sind hier mit mir eingesperrt. Sie wähnen sich auf der Seite des Gesetzes, weil es hinsichtlich Verbrechensaufklärung und Verurteilung gegen Drachenmörder noch immer viel zu nachsichtig ist. Aber hier drin gilt mein Gesetz. Ich werde Sie alle töten«, sagte Watanabe in völlig nüchternem Tonfall.

Er betätigte einen Knopf, den er zuvor unter einer Kunststoffkappe entsichern musste – denn dieser ließ ein Nervengift in tödlicher Dosierung in den Gang strömen. Der Anblick der hustenden und zuckenden Körper, die aus allen Körperöffnungen zu bluten anfingen, war selbst ihm zu viel, aber er schaltete die Übertragung nicht aus und wandte den Blick nicht ab. Er hatte trotz der Qualen, die er ihnen zufügte, keinerlei Mitleid. Diese Menschen hatten weit mehr als das für ihre Verbrechen verdient. Unweigerlich sah er den Jungen vor sich, der Hiroki gewesen war – verängstigt, verunsichert, belogen und missbraucht. Das, was er hier tat, war eine Form der blutigen Gerechtigkeit für alle Hirokis dort draußen.

Er wartete, bis niemand mehr zuckte, ehe er das Gas abziehen ließ und dabei unschädlich machte. Erst dann richtete er seinen Blick auf die anderen Winkel des Gebäudes. Die Eindringlinge hatten sich zerstreut und waren nur noch vereinzelt oder in kleinen Gruppen anzutreffen. Sie hatten jetzt wohl realisiert, dass ihr Leben ernstlich in Gefahr war, und unternahmen keine Anstrengungen mehr, die Drachen zu finden, die sicher im Untergrund ausharrten. Ein Mann starrte direkt in die Kamera.

»Lass uns raus, du verdammtes Schwein!«

»Vielleicht tue ich das tatsächlich – nachdem ich den Schrecken in euch gesät habe, der euch euren Besuch niemals vergessen lässt. Und um die Nachricht zu verbreiten, dass man sich nicht mit mir anlegt, genügt ein Einzelner. Mal sehen, wer von euch am Ende übrig ist.« Er betätigte auch für diesen Raum einen Schalter, und das Gesicht des Mannes erstarrte, ehe er nach hinten kippte, die Seite gespickt mit langen Pfeilen. Nur einer hatte der Eindringtiefe nach den Weg in seinen Hals gefunden, durch den schützenden Stoff hindurch, der zwar Messer abhielt, aber keine Injektionsnadeln. Die tödlichen Fallen würden mit allen kurzen Prozess machen. So lehnte er sich zurück und beobachtete mit eiskalten Augen die Show.