Sajian
Sajian
»Warum sollte ich dir glauben? Du hast für Geld schon immer alles getan!«, fauchte Sajian, als er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte.
Sein Adoptivvater seufzte so traurig, dass es einen Stein in Sajians Magen entstehen ließ. »Glaubst du diesen Wildfremden wirklich mehr als deinem eigenen Vater? Ich hätte wirklich mehr Zeit mit dir verbringen müssen. Das holen wir nach. Ich habe vor, mit deiner Mutter nach Alberta zu ziehen, sodass wir in deiner Nähe sein können. Kanada ist ein gutes Land für Drachen.«
Sajian schluckte und dachte nach. Was wusste er schon über diesen Lao? Er hatte ihm einfach so geglaubt, seine Worte nicht hinterfragt und jedes Wort für bare Münze genommen. Aber waren auf dem Bild wirklich seine Mutter und seine Schwester zu sehen? Dieser Samuel Coles konnte jeder sein – auch hier hatte er nur Laos Behauptung. Was, wenn das alles in Wirklichkeit eine Lüge war?
»Ich weiß, dass wir nie die besten Eltern waren. Ich war viel zu viel mit meiner Arbeit beschäftigt, deine Mutter mit ihrem Studium, das ihr ohne Zweifel wichtig ist, um die Unterstützung ihrer Eltern zu erhalten. Wir hatten unterschätzt was es heißt, ein Kind großzuziehen. Ich dachte, du wärst zufrieden mit dem, was wir dir ermöglicht haben, und habe völlig übersehen, dass Spielzeug, Freizeitkurse und Ferienlager keine Eltern ersetzen. Manchmal brauchen Eltern einen Weckruf, und das war für meine Frau und mich ganz eindeutig dein Verschwinden. Wir fangen noch einmal neu an.«
In Sajians Kopf prallten erneut Gedanken, Zweifel und Emotionen aufeinander. Doch dieses Mal entstand dabei ein Gefühlscocktail, bei dem alles, was er an Sicherheit zu haben glaubte, ins Wanken geriet. Er saß noch für einen Moment da, dann löste er den Sicherheitsgurt und stieß die Autotür auf.
»Sajian!«, schrie sein Vater und trat auf die Bremse. Der Wagen kam schlitternd zum Stehen, aber Sajian hatte sich bereits aufgerappelt und rannte. Der Asphalt war feucht vom einsetzenden Nieselregen – und da hatte der Drache plötzlich, was er brauchte.
Er hätte die Verwandlung selbst dann nicht aufhalten können, wenn er gewollt hätte. Seine Schuppenmähne stellte sich zitternd auf und er drehte sich zu ihm um, knurrte drohend mit gespreizten Flügeln. Das Gesicht seines Vaters nahm eine Blässe an, die er noch nie zuvor gesehen hatte. »Verschwindet! Alle! Lasst mich in Ruhe!« Seine Stimme war zum ersten Mal vollkommen verständlich.
»Sajian, bitte, sei vernünftig! Wir müssen dich in Sicherheit bringen, danach hast du alles Recht…«
»Ich gehe mit niemandem! Ich… ich…« Er kniff die Augen zusammen, dann wandte er sich um und rannte los. Hinter ihm hörte er noch seinen Vater rufen: »Hinterher, fangt ihn!«
Sajian sprang durchs Unterholz, hatte keine Ahnung, wo er sich befand oder wohin er wollte, war nur getrieben von einem einzigen Gedanken: Weg hier. Weg von allen, die ihn hier auf eine Vertrauensprobe stellen wollten, von der er wusste, dass er sterben würde, wenn er sie nicht bestand.
Er rannte, bis seine Lungen sich anfühlten, als wären sie durchsetzt von tausenden Nadeln. Er zwang sich vorwärts, rutschte auf dem nassen Laub aus und schlitterte einen Abhang hinunter, wo er in einer Senke liegen blieb. Sajian hörte nichts mehr um sich herum außer den Regen, das Rauschen des Winds in den Bäumen und dann ein mechanisches Surren, das ihn sofort zurück auf die Beine trieb. Es kam von einem Baum in der Nähe. Er blinzelte und entdeckte etwas wie eine Drohne im Geäst. Das war nicht gut. Irgendein Förster würde ihn bemerken, oder andere Leute, auf die er nicht scharf war.
Sajian versuchte weiterzurennen, aber der Sprint hatte ihn ausgelaugt, mehr noch als seine Verzweiflung. Er ging stattdessen, hoffte, wenigstens ein bisschen Wegstrecke zwischen sich und seine Verfolger zu bringen.
Plötzlich hörte er ein Geräusch, aber es klang fern und eher wie ein Motorrad als ein Auto. Wer fuhr Motorrad bei diesem Wetter? Sajian blickte sich argwöhnisch um, plante seinen nächsten Spurwechsel, als plötzlich zwischen den Bäumen ein blauweißer Drache mit schwarzen Streifen auftauchte. Jake!
Sajian nahm instinktiv Verteidigungshaltung an, indem er den Kopf senkte, die Flügel spreizte und knurrte.
»Sajian, ich bin es! Erkennst du mich nicht?«, fragte Jake verblüfft.
»Lass mich in Ruhe!«, fauchte er.
»Zumindest kannst du jetzt vernünftig sprechen. Was ist passiert? Ich habe gehört, du wurdest schon wieder entführt. Aber du bist anscheinend entkommen.«
»Warum sollte ich dir irgendetwas sagen? Ihr alle verdient ebenfalls an der Ausbeutung von Drachen! Mein Adoptivvater sagt, ihr seid Lügner! Er sagt, dass er mein Leben retten und neu anfangen will, als Familie! Meinen Vater kenne ich immerhin schon mein ganzes Leben lang!«
Jake rieb sich angelegentlich die Schnauze mit der Klaue. »Du selbst musst entscheiden, wem du dein Vertrauen schenkst, Sajian. Dazu musst du dich auf deinen Verstand und deinen Instinkt verlassen. Du kennst uns erst seit kurzer Zeit, das ist wahr. Aber hast du dich in unserer Obhut jemals bedroht gefühlt? Hast du so eine Anspannung erlebt wie damals, als ständig Leute zu dir kamen, um dich von Kopf bis Fuß zu vermessen und zu untersuchen? Hattest du bei uns dieses seltsame, schwer zu beschreibende Gefühl, dass du lieber flüchten solltest?«
»Ich bin geflüchtet«, erinnerte er ihn. »Vor euch, zurück in mein Reservat.«
»In das Reservat, aus dem du jetzt wieder entführt wurdest?«
»Sie haben es getan, um mich zu retten, es gab keine Zeit für Erklärungen!«
»Das ist vielleicht sogar wahr – aber würde jemand, der es gut mit dir meint, ausgerechnet bekannte Gesichter aus der Drachentöterszene damit beauftragen, dich zu retten? Die neben der Leiche eines fünfzehnjährigen Mädchens posieren, das sie selbst erschossen haben? Und Werbung machen für Produkte aus Drachenkörperteilen?«
Sajian nahm eine aufrechtere Haltung ein. »Wer sagt mir, dass das keine weitere Lüge ist?«
»Niemand, Sajian. Die Frage ist nicht, wer lügt, sondern, wem du glaubst. Das kannst nur du selbst für dich entscheiden. Manche Drachen wittern Lügen. Aber wir sind zugegebenermaßen mehr Mensch als Drache und verlassen uns nicht so sehr auf animalische Wahrnehmungen.«
Sajian schluckte. Er erinnerte sich an die Zeit, die er mit den Drachen in Watanabes Einrichtung verbracht hatte, wie verstanden er sich vorallem von Jake gefühlt hatte, und unweigerlich legten sich seine Flügel wieder eng an den Körper. Er wollte nicht, dass das alles eine Lüge war – aber der gegenteilige Gedanke, dass seine Adoptiveltern ihn nur aufgenommen hatten, um ihn zu töten und zu Geld zu machen, war noch viel unerträglicher. Er wollte glauben, dass sein Adoptivvater ihn liebte, der Mann, den er kannte seit er denken konnte. Der Mann, der sich früher so liebevoll um ihn gekümmert hatte. Den er liebte, denn Kinder liebten ihre Eltern, unweigerlich, manchmal ohne es zu wollen. Er wollte daran glauben, dass sie sich wieder annähern und sogar für ihn umziehen wollten, um endlich eine Familie zu sein.
Sajian sackte unter der Last in seinem Innern zusammen und zitterte. Jake trat auf ihn zu. »Komm nicht näher!«, schrie er verzweifelt. »Lasst mich einfach alle in Ruhe!«
»Spürst du nicht, dass ich dir nur helfen will?«
Sajian hielt inne, dann schnüffelte er. Doch alles, was er roch, waren der Regen und nasse Erde, die unangenehm kalt an seinen Schuppen klebte. »Ich weiß nicht, wie man Witterung aufnimmt. Ich weiß nicht mal, was ich jetzt tun soll.«
»Du wärst nicht mehr bei deinem Adoptivvater im Auto, wenn du ihm vertrauen würdest, oder?«, wagte er sich vor. »Du musst Watanabe nicht vertrauen. Auch nicht Lao oder Ian oder sonst irgendjemandem. Aber vertraue jetzt zumindest mir. Ich bin ein F1-Drache wie du. Ich würde dich niemals einem Schicksal ausliefern, dem ich mich selbst nicht stellen wollte.«
Sajian sah auf. Welche Wahl hatte er? In der Wildnis leben, wie der Pseudodinosaurier, den sie gesucht hatten? Vermutlich hatte auch dieser Drache nicht gewusst, für welche Seite er sich entscheiden sollte. War es überhaupt so schlimm, einfach hier liegen zu bleiben und geschehen zu lassen, was geschehen würde? Wollte er weiterleben in einer Welt, die so etwas Grausames zuließ?
»Soll ich dich stützen? Komm her. Ich kann dich tragen. Wir suchen uns erst mal einen Unterstand vor dem Regen.«
»Wir kennen einen Unterstand – in unserem Wagen. Dein Freund bringt uns schon mal einen kleinen Teil der versprochenen Belohnung ein. Dich dürfen wir nicht anrühren, aber andere Drachen waren nicht Teil der Bedingung.« Panzerwesten und Helme tragende Personen traten plötzlich am oberen Rand der Senke aus dem Wald auf sie zu – sie trugen Schusswaffen im Anschlag.
Jake rückte näher an Sajian heran. »Klingt das für dich nach Leuten, die Drachen Gutes tun wollen?«
Panik ergriff Sajian.
»Lauf! Flieg!«, schrie Jake, und dann hoben sie beide unter hektischen Flügelschlägen ab.
»Schießt!«, kam der Befehl von unten, und Pfeile surrten an ihnen vorbei, einer gefährlich nah an Sajians Kopf. Er war kein besonders guter Flieger, und so hoch wie jetzt hatte er sich noch nie in die Lüfte geschraubt. Der Regen schlug ihm unangenehm ins Gesicht, und er fürchtete, abzustürzen und sich dabei jeden einzelnen Knochen im Leib zu zerschmettern. »Jake, wohin?«, fragte er, bekam jedoch keine Antwort. Er blickte sich um, merkte plötzlich, dass er allein war. Sajian blickte nach unten – Jakes blauweißer Körper fiel, um leblos auf dem Waldboden aufzuschlagen. Sofort wurde er von Menschen umringt. Sie hatten ihn getroffen.
Mit angelegten Flügeln stieß Sajian hinunter, bereit, sie alle von den Füßen zu holen, während ihn die offenen Enden der Waffen erwarteten.